Farbräume - Farbfuror

Gotthard Graubner – Katharina Grosse. Begegnung zweier Maler im MKP

In the frenzy of colour. Katharina Grosse, oT, 2011

Pupils don’t like being screwed to their teachers. That sounds more like the Middle Ages than the avant-garde. Here, too, Katharina Grosse is an exception. Without any ado, rarely sovereign, she likes to follow in the tradition of her teachers Norbert Tadeusz and Gotthard Graubner . What she learned from her painting teachers, how she developed her own far-reaching work, which surpassed all academic horizons, is amazing. Both teachers could only have dreamed of their international recognition.

In Duisburg, teacher Graubner and his most famous student Grosse meet. A risk and an experience. Graubner (*1930), who died in 2013 and was one of the most important German artists since the 1960s, dealt with new forms of autonomous painting after the Informel had faded with color surfaces. After leaving the GDR, he too was drawn to the Düsseldorf Art Academy, later becoming one of the great painting professors here. For more than twenty years he has been trying to raise children. For example about Katharina Grosse, (*1961). He quite “painter prince”, she, the gifted, eloquent student. In 1986 she moved from Münster to Düsseldorf, where she attended Norbert Tadeusz’s painting class. Tadeusz, he too at the art academy (with Joseph Beuys) trained, in contrast to Graubner indulged in a decidedly figurative style of painting. Under Graubner’s wing, Grosse’s painterly career achieved an incalculable outcome. After a stay in Florence ( Villa Romana Prize 1992), the first steps towards increasingly expansive painting and spraying actions exploding in terms of color were evident. As a painter who is now recognized worldwide and celebrated in large solo exhibitions, she finally inherited her teacher as a professor at the Düsseldorf Art Academy (until 2018).

The title of the exhibition “Absolute Color” suggests similarities that go beyond parallel biographical data to the programmatic. Although the hanging of the exhibition repeatedly shows external color similarities between the two positions, that’s just not the point.

Gotthard Graubner, oT, 1989
Katharina Grosse, o.T., 2016

Es muss um das gemeinsame Interesse der Künstler an abstrahierten, malerischen Farbkörpern und -welten und ihrer entgrenzenden Wirkung gegenüber traditionellen Bildformaten gehen. Beide zeigen, wie sie dabei zu sehr unterschiedlichen Lösungen gekommen sind. Der ältere machte die Vorgaben mit meditativen Arbeiten von getragener Ruhe, die jüngere tritt in der Auseinandersetzung umso lauter auf. Sie geht jedoch mit einem Handicap auf den Parcours. Während Graubners Werk umfassend dokumentiert wird, erscheint das von Grosse in verknappter Form.

Gotthard Graubner, o.T., 2005

Graubner wölbte seine Leinwände mit Hilfe von Watte auf und bearbeitete sie intensiv mit von Farbe durchtränkten Schwämmen. Die Kissenbilder entstanden, die er später „Farbraumkörper“ nannte. Eines der Hauptwerke, das lange nicht mehr öffentlich präsent war, ist in der Ausstellung zu sehen: der vierteilige Assisi-Zyklus von 1986, der in Auseinandersetzung mit den Fresken Giottos entstand. Die eigentlich flächige Malerei wird in den Raum hinaus gedrückt, dehnt sich an den Grenzen des Bildvierecks als Volumen aus, um sich geleichzeitig wieder in sich zurückzuziehen.
Die Farbraumkörper sind im Gegensatz zum Tafelbild nicht mehr ausschnitthaft. Sie definieren eigenen Raum. Die Frage, ob Bild oder Objekt, ist aufgehoben. Als langsam ein- um ausatmende farbige Körper offenbaren sie sich als selbstverständliche, künstlerische Gebilde. Gegenüber den auch gezeigten früheren Arbeiten, die haptischer und materieller daherkommen, an deren Bildhäuten und Wülsten die Schwerkraft zieht, sind sie entstofflichter.

Installationsansicht MKM 2019

Graubner lagert die „Geheimnisse“ des Malerischen im autonomen Bildobjekt ein. Grosse hat eine andere, sehr expansive Strategie. Sie lüftet sie, materialisiert sie und kommt selber als Akteurin mit geballter Energie zum Vorschein. Offene, malerische Farbräume, die sich, ob gepinselt oder gesprayt, vagabundierend über alle Oberflächen innen wie außen hinwegziehen können, sollen sich mit all ihren vorgeführten Divergenzen auch für den Besucher als „Denkräume“ öffnen. Die Künstlerin will ihn an ihren künstlerischen Balanceakten teilhaben lassen. Nur werden diese großen, installativen Arbeiten, die das vertraute Raumerleben in Frage stellen, nicht gezeigt. Man beschränkt sich neben sehr frühen Papierarbeiten auf die ihren Ausstellungspart dominierenden, nach 2010 entstandenen Tafelbilder im bekannten, flachrechteckigen Format. Automatisch treten Überlegungen zu Komposition oder Figur und Grund nach vorne. Diese werden bei ihren spektakulären Interventionen ganz anders dramatisiert oder verworfen. Grosse schwächelt nicht wirklich, aber sie kommt konventioneller und eindimensionaler daher, als sie es ist. Der in ihr Tun eingelagerte Widerstreit ist in den Tafelbildern befriedeter. Sie wollen faszinierende Bilder sein und ihre Ausschnitthaftigkeit wird dabei Thema. Die Bildgrenzen schneiden die malerischen Aktionen ab.

Katharina Grosse, o.T., 2018

Im zentralen Raum der Präsentation fällt ein siebzehn Meter langes mehrlagiges Tuch ins Auge (o.T., 2018). Linear an der Decke befestigt, stülpt am Boden auf, ist der recht statische Stellvertreter für die oft temporären, überbordenden Inszenierungen von Grosse. Mit seiner intensiven Buntfarbigkeit gewinnt es Schwere und bleibt eine riesige Bildleinwand ohne Rahmen. Die vorgeführte malerische Handlung wird zur Methodik. In all seiner Größe ist das Tuch einer der kleinsten Arbeiten der Ausstellung geradezu beispielhaft gegenübergestellt. Dieser „kleine“ Graubner besteht den Test (o.T., 1986, 40 x 33 x 9 cm) und lässt die „große“ Grosse üppig daherkommen: verdichtete Inbrunst gegen ausgedehnte, malerische Kraftquelle.

Installationsansicht MKM 2019

Es ist kein kantiger Wettstreit, kein Kräftemessen zwischen ehemaligem Professor und seiner berühmt gewordenen Studentin. Dafür geht es zu harmonisch zu. Alle Arbeiten sind von verführerischer Schönheit. Sie gehört natürlich zur Malerei, steht hier aber sehr weit, wenn nicht zu weit im Vordergrund. Mögliche Konfliktzonen sind vermieden. Graubner tut das gut. Er schafft bildnerische Kontinuen, während Grosse als Widerpart dissoziieren und disruptiv werden könnte. Das ist hier vor Ort vermieden. Es wir austariert statt konfrontiert. Der meditative Graubner erhält genügend Raum, den die malerisch kraftvolle Grosse nicht attackiert. Durch das vorgeführte Format des Tafelbildes fehlt ihre Randale. Grosse bescheidet sich, Graubner erfährt mit ihrer Hilfe eine Frischzellenkur.

von Lothar Frangenberg

Redaktion: Anke Strauch


Die Ausstellung wird von der Stiftung für Kunst und Kultur e.V. in Bonn unter der Leitung von Walter Smerling, der das Museum Küppersmühle leitet, ausgerichtet. Auch bei dieser Ausstellung musste man auf Leihgaben aus dem Graubner Nachlass verzichten. Die Leihgaben kommen aus deutschen Privatsammlungen.

Die Kuratorin Eva Schmidt stellt sich den Fragen von Lothar Frangenberg.

Wie haben sich Idee, Konzept und Präsentation der Ausstellung entwickelt? Wieweit war die Künstlerin Katharina Grosse beteiligt?

Eva Schmidt: Die Idee, beide zusammen zu zeigen, hatte Walter Smerling, Direktor des Museums Küppersmühle. In der Ausstellung „Deutschland 8“ 2017 in Bejing gab es zwei benachbarten Räume von Grosse und Graubner, die sehr eindrucksvoll waren. Zudem gibt es eine Ausstellungsreihe im Duisburger Museum Küppersmühle, die sich Professoren der Kunstakademie Düsseldorf widmet. Gern habe ich dann die Einladung von Katharina Grosse angenommen, diese Doppelausstellung zu kuratieren. Wir haben uns lange und ausgiebig über den Grundriss der Ausstellungsräume gebeugt, die Abfolge der Räume und die Bewegungen der Ausstellungsbesucher / innen antizipierend. Es war von Anfang an klar, dass ein gleichberechtigtes Gespräch zwischen beiden das Ziel war. Wichtig war, dass sich keine retrospektive Orientierung über die Begegnung legen würde, sondern dass atmosphärische Situationen entstehen konnten, in denen beide sich in der gleichen Gegenwart entfalten konnten. Wechselnde Perspektiven ermöglichen es nun, dass beide ihre jeweiligen Argumente für die Farbe und für ihre Werkauffassung austauschen und sich dabei gegenseitig stärken. Ausstellen ist eine rhetorische Praxis, die sich die gegebenen Räumlichkeiten zunutze macht. Gegenüber ausstellen ist etwas anderes als nebeneinander oder übereck ausstellen. Sichtachsen können Werke über größere Distanzen hinweg zusammenbinden. Wieviel Nähe können beide Haltungen vertragen, eine spannende Frage, die das Ausstellungsexperiment geleitet hatte.

Die Ausstellung scheint als gezügelter Dialog angelegt, weniger konfrontativ. War das von vornherein geplant? Beide künstlerische Positionen unterscheiden sich trotz des gemeinsamen Interesses an Abstraktion, Farbe und ihrer Wirkung im Auftritt erheblich? Worin bestehen für Sie die entscheidenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede?

Eva Schmidt: Die erste Gemeinsamkeit ist natürlich, dass es sich hier um zwei Positionen gegenstandsloser Farbmalerei handelt, die sich von ihrem Selbstverständnis her bewusst in die Geschichte der Farbmalerei einbinden. Gemeinsam ist beiden, dass sie den Akt des Malens und das Hervorbringen von Farbwirkungen explizit zum Thema des Bildes machen. Die Unterschiede ergeben sich vor allem dadurch, dass beide eine unterschiedliche Position in der Geschichte dieser Grundfragen einnehmen. Die Metapher des Atmens, der anthropomorphe Bezugsrahmen von Graubner ist sowohl historisch als auch wesensmäßig zu sehen. Seine „Demut“ kehrt die traditionelle Beziehung von Subjekt und Medium um. Damit einher geht auch eine Kritik des Autors. Eine „demütige“ Haltung wäre für die jüngere Malerin keine Option gewesen, die oft mit der Ansicht konfrontiert wurde, dass Malerei eine Männderdomäne sei. Katharina Grosse erobert sich Terrain, sie spricht oft von Konflikten, von paradoxen Verhältnissen zwischen Imagination, Projektion und Wahrnehmung. Graubner ist harmonisch, verdichtend. Bei ihm gibt es in einem „Farbraumkörper“ immer einen Farbbereich, der durch Kalt-Warm-Kontraste faszinierende Bildräumlichkeit, im Zusammenspiel mit dem sich vorwölbenden Bildobjekt, also ein Vexierbild zwischen konkav und konvex, entstehen lässt. Das Verhältnis zwischen Betrachter und Bild ist statisch. Grosse ist expansiv, die Bewegung in den Bildern zieht nach oben, es gibt durch Abdeckstrategien komplexe Schichtungen und Leerstellen, die die Bewegung immer wieder hemmen. Die Geste ist vergrößert, durch die Arbeit mit der mit Kompressor betriebenen Sprühpistole. Sie ist interessiert an dem kontrastvollen Aufeinandertreffen von reinen Farben. Durch die Größe ihrer Werke ist die Bewegung des Betrachters immer auch ein Thema.

Grosses Werk tritt innerhalb der Ausstellung augenfällig auf die herkömmlichen, rechteckigen Bildformate reduziert auf. Große malerische Interventionen, die Räume verunklären, ja instabil wirken lassen, fehlen. Vermissen Sie die möglichen Reibungs- und Konfliktzonen im Übergang zu Graubners meditativen Farbraumkörper?

Eva Schmidt: Es gab in letzter Zeit sehr große, überwältigende installative Arbeiten von Katharina Grosse, z.B. in Sydney, Prag oder Guangzhou. Das hätten wir in diesem Kontext niemals toppen können oder wollen. Wahrscheinlich wären dann auch Graubners Farbraumkörper zum Décor degradiert worden.

Die Radikalität von Grosse liegt darin, dass Hierarchien abgebaut werden und dass sie die reale Welt zum Bildträger macht. Der klassische Bildträger ist dabei ein Sonderfall, aber die Monumentalität der flachen Bilder verdeutlicht die Orientierung, in architektonischen und landschaftlichen Maßstäben zu denken, die Malerei in ihre Kontexte einzufügen. In der Ausstellung gibt es die raumhohe, siebzehn Meter lange Tucharbeit, die es erlaubt, eine noch nie dagewesen Perspektive einzunehmen, nämlich von der Rückseite des Farbträgers auf die (nun seitenverkehrte) Malerei zu sehen. Es ist wie bei Lewis Caroll, wo Alice hinter dem Spiegel eine Parallelwelt entdeckt, in der fantastische Dinge passieren.

Es geht nicht nur um den reizvollen Vergleich mit biografischen Überschneidungen und Verschränkungen der Lebensläufe. Hat sich über die Betreuung der Ausstellung Ihre Sicht auf beide malerische Positionen verändert? Ist neben Grosse auch Graubner für Sie im Blick auf aktuelle malerische Tendenzen noch richtungsweisend?

Eva Schmidt: Beide haben etwas gänzlich Neues in die Malerei ihrer jeweiligen Gegenwart eingeführt bzw. zugelassen. Nach Graubner ist die Malerei und das Verständnis, was Malerei kann, völlig anders als vor Graubner. Das kann man auch für Katharina Grosse auch sagen. Und dann denkt man, gerade bei Katharina Grosse, das ist eine extreme Erweiterung des malerischen Feldes, da kann nichts mehr danach kommen. Aber es wird ähnliche überraschende Erneuerungen geben, so etwas passiert allerdings selten.

Ist die Ausstellung auch als Beleg für die Stärke und Aktualität abstrakter, malerischer Positionen gegenüber figurativen zu verstehen? Schaffen sie in der Art, wie sie mit Farbe, Raum und Körper umgehen, eine Entgrenzung, die die an das „Standardbild“ gebundene malerische Figuration nicht leisten kann?

Eva Schmidt: Farbmalerei ist grundsätzlicher als figurative Malerei und kann deshalb das Spiel von Verdichtung und Reduktion einerseits und Erweiterung in den Realraum andererseits weitertreiben und dabei die faszinierende Wirkung von Farbe an sich entfalten. Farbmalerei kann einmalige Beziehungen zwischen Malerei und Welt knüpfen. Aber ich würde nie so weit gehen zu sagen, dass die Farbmalerei wichtiger oder aktueller ist als die figurative Malerei oder umgekehrt. Letztlich fächert sich das Feld der Gegenwartskunst in so viele Werkformen auf.

Für mich ist die Ausstellung ein Beleg dafür, dass eine Gegenüberstellung zweier fundamentaler Positionen (egal welches Medium) viele interessante Erkenntnisse hervorbringt und dass dies öfter gemacht werden sollte. Eine Gegenüberstellung wendet sich direkt an den/die Ausstellungsbesucher/in, die sich sinnlich und konkret angesprochen fühlen. Der Vergleich mit Vergleichsmaßstäben, die nicht fix sind, sondern im Vergleichen erst noch entwickelt werden, ist ein spannender Prozess.  Die Ausstellung ist ein für alle Beteiligten ein befreiendes Erlebnis.

Gotthard Graubner, 2009; Foto: Stefan Lucks
Katharina Grosse; Foto: Max Vadukul

Ausstellungen:

Norbert Tadeusz: 

Retrospektive, Kunstpalast Düsseldorf

Gotthard Graubner:

“Farbanstöße”; Station Kunst (für Max Imdahl), Museum unter Tage; Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum

“Gotthard Graubner I Farbe Raum Klang”; Museum Lothar Fischer

“Gotthard Graubner”; Galerie Carsten Greve, Paris

Katharina Grosse:

“Lo spazio dell’immagine”; MAXXI Museo nazionale

“Mural: Jackson Pollock I Katharina Grosse”; Museum of Fine Arts

“THE POWER OF MUSIC / THE OPERA – Temple of Seriousness”; Cooperation Alexander Kluge; Kunsthalle Weishaupt Ulm

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