Goethe müsste man lesen. Seine Sätze sind Hammer. Leseprobe gefällig? „Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden“. So steht es in der „Farbenlehre“, seinem zentralen naturwissenschaftlichen Text von 1808.
Farben und Licht – „Wir müssen uns beide als der ganzen Natur angehörig denken: denn sie ist es ganz, die sich dadurch dem Auge besonders offenbaren will.“
Nach gut 200 Seiten gibt uns Goethe, der Schriftsteller und Bühnenautor, noch einen Rat mit auf den Weg. Solange ein Theaterstück nur als eine matte Vorlage auf Papier geduckt daliegt, wird es kaum anschaulich. Erst auf der Bühne kann es Glanz und Wirkung entfalten. Um wieviel mehr gilt das, vermutet dieser Bücherschreiber, für ein Buch, das von natürlichen Erscheinungen handelt.
Jetzt hat Mischa Kuball die Farbenlehre auf die Bühne gebracht. Endlich! Die Bühne steht in Rom, das Theater heißt Casa die Goethe. Just dort, wo Johann Wolfgang Goethe ein paar seiner glücklichsten Jahre verbrachte, Via del Corso 18.
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Mischa Kuball, Lichtforscher und Konzeptkünstler, Interventionalist seit den 1980er Jahren, macht ortsspezifische Eingriffe zu seiner künstlerische Praxis, um die Beziehungen zwischen Licht, Raum und der sozialen Konstruktion von Wahrnehmung zu beleuchten, allerdings im Sinne von erhellen, kritisch auszuleuchten. Licht interessiert ihn als „Material“, Aber auch als kommunikatives und zuletzt politisches Mittel. Licht wird zum Kontext. Licht wirft Schatten. Was sich im Schatten verbirgt, soll ans Licht.
In zwei neuen Werkkomplexen setzt sich Mischa Kuball in Rom mit der Lichtgeschichte auseinander:
Eigens für die Casa di Goethe hat er eine Installationsarbeit entwickelt, die die gegensätzlichen Auffassungen von Goethe und Isaac Newton zur Farbenlehre und Lichtbrechung gegenüberstellt. Five suns / after Galileo, beziehen auch Beobachtungen von Galileo Galilei mit ein. Der bedeutende Astronom, stellte fest, dass die Sonne nicht perfekt, sondern mit Unvollkommenheiten wie Sonnenflecken versehen ist. Seine Beobachtungen führten zu einem Verständnis, das die Sonne als dynamisches und bewegliches Objekt betrachtete. Das widersprach fundamental dem geozentrischen Weltbild seiner Zeit, des 17. Jahrhunderts.
„luce nera“ (schwarzes Licht) bildet den Auftakt. Hier wird die historische Diskussion um Lichtbrechung und Farbentheorie raumgreifend erfahrbar. Goethes „Zur Farbenlehre“ ist eine Streitschrift. Sie widerspricht der bis dahin geltenden Lehre Newtons und dessen physikalischem Modell, nach dem Farbe durch die Zerlegung weißen Lichts in Spektralfarben entsteht. Farbe galt nach Newton als objektive Eigenschaft des Lichts, dem wollte Goethe widersprechen: „Die menschliche Wahrnehmung“ stellte er in den Mittelpunkt seiner Farbenlehre. Farben entstehen für ihn im Übergang von Licht und Dunkelheit, sie sind untrennbar mit dem sehenden Subjekt verbunden. Farbe ist Erfahrungsphänomen, das sich im Auge des Betrachters bildet. Diese eher subjektive, ganzheitliche Sicht entfaltete eine große Wirkung auf Kunst und Wahrnehmungstheorie bis heute.
Mischa Kuball greift den historischen Diskurs auf, und verschränkt Goethes und Newtons Vorstellungen von Lichtbrechung in einer Projektion auf einen rotierenden Körper. Durch Bewegung, Überlagerung und kontinuierliche Veränderung entstehen instabile Farbkonstellationen, die sich dem eindeutigen Zugriff entziehen. Farbe erscheint hier nicht als fixes Resultat, sondern als Prozess, der von Lichtquelle, Raum, Zeit und Perspektive des Betrachters abhängt. Im Ausstellungsraum kann und soll sich der Betrachter frei bewegen und mit seiner Bewegung wird er Teil eines Wahrnehmungsgeschehens. Zwischen naturwissenschaftlicher Analyse und subjektiver Erfahrung oszilliert das Geschehen (und Kunstwerk) und damit die zentralen Fragen von Erkenntnis und Sichtbarkeit.
Im zweiten Teil der Ausstellung five suns / after Galileo wird Licht auf fünf rotierende Gläser unterschiedlicher Farbe projiziert. Galileo beobachtete die sich bewegenden und verändernden Sonnenflecken und hielt sie in einer Reihe von Bildern fest. Ohne genau zu wissen, was diese Sonnenflecken genau bedeuteten, sah Galileo in ihnen eine Bestätigung der kopernikanischen Weltanschauung im Gegensatz zum vorherrschenden Weltbild und den Dogmen der Kirche: Die Erde ist nicht Mittelpunkt des Universums, sondern einer von mehreren Planeten, die um die Sonne kreisen.
In Fortführung der galileischen Intuition wagt Kuball eine eigene Vorstellung von visuellem Wissen und Denken. Galileo lässt sich hier als ein Vorläufer einer neuen Form des Sehens verstehen: Nicht das autorisierte Sehen, sondern das „instrumentell erweiterte, individuelle, überprüfbare Sehen“, gewinnt mit ihm Raum. Sichtbarkeit ist nicht neutral oder objektiv, sondern immer in Machtverhältnisse eingebettet. Der Konflikt Galileos mit der katholischen Kirche schlägt zudem einen Bogen zur Papststadt Rom.
five suns / after Galileo ist Bestand der Sammlung von Monika Schnetkamp. Monika Schnetkamp, Unternehmerin, Stifterin und Gründerin der KAI10 I Arthena Foundation, erhielt 2023 die Maecenas-Ehrung des Arbeitskreises selbständiger Kulturinstitute e. V. (ASKI), dem Trägerverein der Casa di Goethe. Es ist zu hoffen, dass der eindrucksvolle, eigentlich dreiteilig Zyklus von Mischa Kuball demnächst in der erweiterten Schnetkamp-Sammlung im Kai 10 im Düsseldorfer Hafen zu sehen sein wird.
Goethe führte das Konzept des Urphänomens ein: Die Urfarben sind Gelb und Blau. In Verbindung mit Hell und Dunkel erscheinen dem Auge Gelb vor hellem Hintergrund und Blau vor dunklem Hintergrund. Alle weiteren Farben entstehen durch Steigerung, Mischung und Vereinigung der beiden Urfarben. Ihm ging es die Farbe als Erlebnis und ihre Wirkung auf den Menschen. Deshalb stellte er die Beziehung zwischen Auge und Licht in den Vordergrund. Das Relationistische an Goethes Ansatz entspricht Kuballs künstlerischen Konzept. Das Zusammenspiel von Licht, Dunkelheit, menschlicher Wahrnehmung und städtischem wie institutiellem Raum bewegt Kuball zu immer neuen Eingriffen.
Die Casa di Goethe in Rom, die Vieles sein will, Memorialstätte, Ausstellungshaus, Bibliothek oder Anlaufstelle für Deutschrömer, hat mit den „Reflexionen von Mischa Kuball“ eine situative Intervention gefunden, an der Goethe sicher seinen Spaß gefunden hätte.
Carl Friedrich Schröer
Aktuelle Hinweise
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Reflexionen von Mischa Kuball
bis 04. Oktober
Casa di Goethe, Via del Corso 18, Rom
Mischa Kuball – boiler house
13. September bis 30. Mai
KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Am Sudhaus 3, Berlin
platon’s mirror_morsbroich
Editionen, Museum Morsbroich, Leverkusen
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