Harald Falckenberg – eine Vermisstenanzeige

Harald Falckenberg war von einem anderen Schlag und so war seine Sammlung. Als Sammler eine Ausnahme wie er „exemplarische Außenseiter“ schätzte, Anarchos, Sonderlinge, Schwererziehbare, Labile, Borderliner, Punks. Als Bildungsbürger misstraute er dem eigenen Milieu, einen Bildungsauftrag der Kunst lehnte er ab, Schönheit suchte er keine. Auseinandersetzung allerdings, wo immer sie sich ihm bot. Widerspruch war sein Element, Provokation seine Denkweise. Seine Neugier und Wissbegierde waren grenzenlos, Weltverbesserung durch Kunst erwartete er keine, Widerspruch hingegen unbedingt.

Falckenberg schien unermüdlich wie unersättlich, intelligent, belesen, streitbar und schlagfertig, von einer Unruhe getrieben, als sei ihm die pure Mittelmäßigkeit auf den Fersen, oder die Verzweiflung. Er war ein An- und Quertreiber, ein Aufrührer und Anstifter, der mit unbedingter Leidenschaft und Wonne die absonderlichste, krudeste, anstößigste Kunst seinen piekfeinen und wohlsaturierten Mitbürgern vor die dann doch erstaunten Augen stellte und seine ausufernde Sammlung seiner Geburtsstadt Hamburg als Dauerleihgabe aufs Auge drückte.

Dieser Sammler (promovierter Jurist, Richter, Ehrenprofessor, Unternehmer, Verleger, Vorsitzender des Hamburger Kunstvereins, Gründer des Sammlervereins und Einiges mehr), dachte radikal und strategisch, war streitbar und angriffslustig, klarsichtig und hellhörig. Er liebte das gesproche, wie das gedruckte Wort, hatte seinen Spaß an krachenden Formulierungen wie ab Polemik. Und wurde doch genau mit diesen Eigenschaften zu einer zentralen Figur im Hamburger Kulturleben und weit darüber hinaus. Sein Kämpferherz steht still. Ein Verlust. Was für ein Verlust!

Dem Mainstream stemmt er sich entgegen

Was ihn bewegte und vorantrieb war diese vertrackte, unbezwingbare Sphinx namens Kunst. Er ließ sich von ihr locken, beizeiten streicheln, bis sie ihn ergriff und zubiss. Auch er ein Besessener, ein Sammler ohnegleichen. Ludwig, Grothe, Marx, Flick, Olbricht oder Brandhorst mögen größere Konvolute zusammengetragen haben, aber Falckenberg war sicher der radikalste und bezwingendste unter den Sammler. Einen Berater hatte er keinen, mit Moden und Pädagogik hatte er nichts am Hut. Mit Widerspruch und Auseeinadersetzung umso mehr und mit dieser zweifelhaften Größe Leben. Als Sammler war er ein kritischer Geist und ein politischer Kopf, „Kraftvergeudung“ á la Beuys trieb er mit unbedingter Streitlust bis zur Selbstaufgabe, aber immer um klarer Ziele willen. Sein Feldzug gegen das Kulturgutschutzgesetzt der Regierung Merkel führte er bis vors Bundesverfassungsgericht und verlief doch im Sande. 

Blickt auf. Julia Stoschek mit ihrem Leitstern Harald Falckenberg beim 80. Geburtstag in den Deichtorhallen  

Zuletzt an seinem 80. Geburtstag, schon schwer von Siechtum gezeichnet, hatte er sich für Stunden aus dem Krankenhaus entlassen, um zur Eröffnung der Ausstellung in seine Phönix Hallen nach Harburg zu kommen: „Anti-Fashion“ von Cindy Sherman, welch ein Finale.

Die sich immer neu verwandelnde, nie eindeutig zu erkennen gebende, sich schick und modisch präsentierende, glamouröse wie abgründige, viele Masken tragende, sich immer neu entziehende Foto-Künstlerin Sherman ist ein Beispiel für die Kunst, die Harald Falckenberg suchte und die ihn unwiderstehlich anzog: Kunst als Anti-Kunst als Kunst. Keine vier Wochen nach der Eröffnung, hat sein Herz aufgehört zu schlagen. Wer kann diesen Titan ersetzen? Er wird unendlich fehlen. Die Ausstellung indes läuft über seinen Tod hinaus bis zu 3. März 2024, der Eintritt ist kostenlos.

Cindy Sherman, Untitled, 2016/2018, © Cindy Sherman, Courtesy the artist and Hauser & Wirth

Angefangen mit dem Sammeln hat er als Schüler. Zum Skat traf er sich ein- oder zweimal die Woche mit Horst Janssen. Meist gewann Falckenberg und Janssen beglich die Spielschulden mit Zeichnungen. Schon früh verband sich hier das Spiel mit dem Geschäft, die Kunst mit dem Leben. Wenig später kam Hans Mayer aus dem Rheinland mit seinem VW-Bus nach Hamburg gefahren, eine Ladung Pop-Art im Gepäck, Andy Warhol, Kenny Scharf, Keith Haring, später Nam June Paik. Mitte der neunziger Jahre stieg Falckenberg endgültig ein. „Ein Sammler stellt Künstlerpositionen zur Diskussion“, stellte er damals nüchtern fest. Damit war auch gleich sein Programm umrissen. Der Sammler sucht die Auseinandersetzung mit der Kunst, die er sammelt. Er sucht die öffentliche Diskussion. Er selbst wird zur öffentlichen Person. Mit unbändigem Elan und gehörigem Kapital ausgestattet, stürzte sich Harald Falckenberg ins Getümmel, um einer der großen, der ganz großen Sammler dieser Welt zu werden.

Eine symbiotische Beziehung entwickelte sich, in deren Verlauf Falckenbergs klar kalkulierendes unternehmerisches Denken eine Herausforderung durch die Kunst seiner Zeit erfuhr. Er nahm sie an und formte im Gegenzug eine Sammlung, die ihrerseits eine Herausforderung darstellte für alle, die nach Harburg kamen. Hier blies nicht der laue Wind der gängigen oder gefälligen Ware. Sein Schaulager wurde auch keine Eventbude, oder stillte das Ego eines Großsammlers. Das Besondere seiner Sammlung, ihre außergewöhnliche Qualität, besteht in der Entscheidung des Sammlers, nur solche Werke aufzunehmen, die beunruhigen und den Widerspruch wagen. Weil er davon überzeugt war, nur so der Gesellschaft einen Dienst erweisen zu können. Indem er sie mit einer Kunst konfrontiere, die sie in ihrem satten Selbstverständnis herausfordere. Ein anstoß vielleicht, um über sich nachzudenken und womöglich sich zu ändern.      

Kritik und Revision des Allzubekannten, auch Selbstkritik an der eigenen Sammlung gehörten selbstverständlich dazu. Seine Vorgehensweise hat er einmal mit „Total Immerson“ beschrieben, eine Methode des ganzheitlichen Erlernens von Sprache, das er auch als Unternehmer einsetzte: Man stellt Positionen gegenüber, vergleicht, schafft Alternativen, verschiebt, beseitigt Fehler, ergänzt. So zog eins das andere nach sich, wurde verdichtet oder ausgetauscht. Zu Warhol kam C.O. Paeffgen, Gerhard Richter und Sigmar Polke. Bill Beckley zog Hanne Darboven nach, Frank Stella Reiner Ruthenbeck, Martin Kippenberger Mike Kelley, Dieter Rot verlangte nach Franz West.  

Als Sigmar Polke 1975 an die Hochschule der bildenden Künste Hamburg berufen wurde, begann ein neues Kapitel. Punk war angesagt. Albert Oehlen und Georg Herold, Werner Büttner und Martin Kippenberger studieren zwar bei Polke, mehr noch verbringen sie viel Zeit mit ihm in den Kneipen „Vienna“ und „Gabs“. Falckenberg im Schlepptau. „Hinter den Bildern“, sagt einer der Heavy Burschies, „sollte ein bescheidener Ansatz lauern, das macht die Menschen dankbar und abhängig, und Geld lässt sich sehr gut verarbeiten… Und so kann man zufrieden sein, wenn von seinen Bildern wie eine jauchzende Offenbarung der Satz emporsteigt: `Ich bin ein Arschloch, aber ihr seid auch Arschlöcher.´“

Falckenberg sammelte sie alle und findet weitvorausblickend: „Die Narren sind heute im Zentrum der Gesellschaft, die Aufrechten stehen am Rand“. Jonathan Meese, John Bock oder Christian Jankowski stießen zur Sammlung. Mit seinen Aufzeichnungen “Aus dem Maschinenraum der Kunst” liefert Harald Falckenberg Belege für die grundlegende Wende der Kunst. Nicht das Kunstwerk selbst, sondern die näheren und ferneren Umstände, der Künstler, die Bedeutung neuer Erkenntnisse der Hirnforschung und Psychoanalyse, sowie den Einfluss des aktuellen Kunstbetriebs, das Marktgeschehen rücken zunehmend in den Mittelpunkt der Kunst. Mit Kunstgeschichte allein ist dem nicht beizukommen. Sammeln bedeutete für Falckenberg stets, sich allem dem existentiell auszuliefern, mit Geld und Haut und Leben. 

„Sammeln ist für mich ein reflexiver Prozess“, auch das. Aber eben kein selbstreflexiver. Also zeigte Falckenberg seine schnell wachsende Sammlung zunächst in Leipzig, später in Paris, um schließlich, ab 2001 eigene Räume in den Phönix Hallen in Hamburg-Harburg zu öffnen. Mit dem Umbau zu einem Schaulager stehen dort 6.200 m² auf 5 Etagen zur Verfügung. Im Januar 2011 gelangten 2400 Werke der Sammlung als Dauerleihgabe an die Deichtorhallen Hamburg. Mit gehörigem Verhandlungsgeschick und besten Beziehungen zum Hamburger Senat gelingt es Falckenberg, seine Privatsammlung zum öffentlichen Gut werden zu lassen. Seitdem sind die Deichtorhallen auch für das Programm der Phoenixhalle in Hamburg-Harburg verantwortlich. Man kann nur hoffen, dass sich der Hamburger Senat alsbald entschließen kann, diese einzigartige Kunsthalle in Falckenbergs Sinn weiterzuführen.

Shermans Anti-Fashion-Schau konnte mühelos aus den reichen Beständen der Sammlung-Falckenberg angereichert und flankiert werden, wie es das kaum einem anderen Haus in Deutschland möglich wäre. Total Art Immerson made by Harald Falckenberg.

Carl Friedrich Schröer


Cindy Sherman
Anti-Fashion
Sammlung Falckenberg, Wilstorfer Str. 71, Hamburg-Harburg
bis zum 03. März 2024


Lesen Sie weiter

Platzhirsch und anderes Großwild


© 2022 All rights reserved