Die Osterinsel wird 300

Noch so ein Jubiläum. Aber gibt es auch was zu feiern? Sind indigene Völker die besseren Weltenretter?

Am Morgen des 5. April 1722 tauchte vor den Fernrohren der Seefahrer ein unbekanntes Eiland aus den Fluten des Stillen Ozeans auf. So verdankt sich die Entdeckung der Osterinsel der Erfindung eines Brillenmachers. Hans Lipperhey aus der alten Handelsstadt Middelburg war es 1608 gelungen, das erste Fernrohr zu bauen. Als Jacob Roggeveen, auch er stammte aus Middelburg, zu seiner Entdeckungsreise rund um die Erde mit drei Schiffen und 260 Mann Besatzung aufbrach, führte er sicher holländische Fernrohre mit. Der weithin erprobte Kapitän und Admiral nahm sich stolz das Recht der Namensgebung. Da es gerade Ostersonntag war, taufte er die Insel kurzerhand Osterinsel. Roggeveen stieg in die Extraklasse der Entdecker auf, auch wenn er seine Insel nicht ein einziges Mal betreten hat.

Die Ureinwohner, die Rapanui, hatten keinerlei Mitbestimmungsrecht. Ihre Insel, Rapa Nui, wurde zum Spielball erst der europäischen Kolonialmächte, dann der wechselnden südamerikanischen Besitzer. Heute gehört sie zu Chile.

Gleich die erste Begegnung mit den Europäern verlief für viele Rapanui tödlich. Lebten zur Zeit der Entdeckung noch rund 3000 Menschen auf der Insel, sank ihrer Zahl im Laufe der auch hier grausam verlaufenden Kolonisierung. Am traurigen Tiefpunkt fanden sich nur noch 111 überlebende Rapanui.

Doch auch die Geschichte vor der Entdeckung als die Rapanui rund tausend Jahre lang sich selbst überlassen waren, ist keineswegs so paradiesisch, wie wir uns das heute gerne vorstellen. Ihre erstaunliche Kultur kollabierte in einem „Ökozid“ wie Jared Diamond vermutet. Die Rapanui verfielen einem Götzendienst, bekämpften sich in Stammeskriegen und kanibalisierten sich. Von den 25.000 Einwohnern auf dem Höhepunkt ihrer Kultur (um 1300) hatten, als die ersten Europäer eintrafen, noch ein paar tausend überlebt.

Heute erscheint Rapa Nui wie eine schwimmende Versuchsstation. Sie erscheint vielen Ethnologen und Umweltaktivisten wie ein weitab von aller Zivilisation entferntes, im Stillen Ozean treibendes Labor. Hier könnte man lernen, was das Ziel der UN-Konvention für Biologische Vielfalt (United Nations Convention on Biological Diversity, CBD) bedeutet, bis zum Jahr 2030 30 Prozent der Erde unter Schutz zu stellen. In Genf soll dieser Tage das 30-bis-30 Ziel ausgehandelt werden, um im Spätsommer beim großen Biodiversitätsgipfel im chinesischen Kumming von allen CBD-Vertragsstaaten beschlossen zu werden. Mit dabei Vertreter der mehr als 5000 indigenen Gemeinschaften, die es auf der Welt noch gibt. Auch Rapanui sitzen in Genf mit am Tisch. Das Land der Indigenen versammelt schließlich 80 Prozent der weltweiten Biodiversität.

Der Blick des Kolonialisten, der das Fremde idealisiert oder verteufelt müsste in beide Richtungen überwundern werden. Rapa Nui, die zu Ostern „entdeckte“ Insel, zeigt zwei Gesichter der Zerstörung.

Von Michael Marek

Ein Felsdreieck Mitten im Südpazifik: Rötlich-schwarz glimmt das vulkanische Gestein über das hügelige Eiland. Rapa Nui, entferntes Land, heißt die Osterinsel in der Sprache ihrer Einwohnerinnen und Einwohner – oder: Te Pito o Te Henua – Nabel der Welt.

Der einsamste Ort der Erde, so wird die Osterinsel gern bezeichnet. Die Linienmaschine aus der chilenischen Hauptstadt Santiago braucht für den Flug über den Pazifik fast fünf Stunden. Die nächsten Nachbarn im Westen leben 2.200 Kilometer entfernt auf den Pitcairninseln. Während der Covid-19-Pandemie war die Isla de Pascua, so der spanische Name, seit März 2020 abgeschottet. Vermutlich in diesen Apriltagen dürfen auch Touristinnen und Touristen wieder einreisen.

Die Attraktion, die diese Vulkaninsel bis heute ausmacht, geht sich vor allem auf die die monumentalen Statuen aus Stein, die Moai zurück: riesige Köpfe mit Oberkörper und ohne Unterleib. Bis zu neun Meter hoch ragen die Statuen auf. Mehr als 600 sind über die ganze Insel verteilt. Der größte der Giganten wiegt an die 270 Tonnen.

Es war der Rostocker Carl Friedrich Behrens, der die Insel als erster Europäer betrat. Der damals 21 Jahre alte Seemann diente als Korporal der holländischen See-Expedition auf der Suche nach Neuland. Vorgeblich ging es um die Entdeckung der sagenhaften terra australis (dem Südkontinent). Aber mehr noch um begehrte Handelsware, Gewürze, Gold, Gewebe und vor allem Sklaven. Während Admiral Roggeveen an Bord seines Schiffes blieb, setzte Behrens unerschrocken an Land, um Bekanntschaft mit den Eingeboren zu machen. 13 Jahre nach seiner Inselerkundung veröffentlichte Behrens in Leipzig einen Reise-Bestseller von seiner Weltumsegelung mit dem sonderlichen Titel: „Der wohlversuchte Südländer. Das ist: ausführliche Reisebeschreibung um die Welt, worinnen von denen Canarischen- und Saltz-Insuln, Brasilien, der Straß Magellanus und Lamer-Küste, Chili, und neu-entdeckten Insuln gegen Süden, Deßgleichen von den Moluckischen Insuln und verschiedenen Plätzen in Asia und Africa, als auch ihren Inwohnern, Lebens-Art, Policey, Handel Wandel und Gottesdienst gehandelt wird.“ Hier erfährt die gebildete Welt des 18. Jahrhunderts zum ersten Mal von den wunderlichen Bildsäulen auf der Osterinsel.

“Die Einwohner sammelten sich in so großer Zahl um uns, dass wir nicht weiter konnten und sie mit Gewalt auseinander treiben mussten. Und als einige sich sogar unterstanden, unsere Waffen anzugreifen, ward Feuer unter sie gegeben, worüber sie sich heftig erschraken, und viele wurden erschossen.”

Die 163 Quadratkilometer große Insel besteht aus drei Vulkanen, die ihr die markante dreieckige Form verleihen. Das entspricht in etwa der Fläche von Washington DC oder Wuppertal. Mehrmals im Jahr läuft ein chilenisches Versorgungsschiff die Insel an und bringt Treibstoff, den die Flugzeuge für ihren Rückflug ebenso brauchen wie der Dieselgenerator, der die Insel mit Strom versorgt. Fast alle Dinge des täglichen Lebens müssen importiert werden: jede Limonadenflasche, alle Arzneimittel, jeder Stahlträger und jeder Geländewagen.

Dabei waren lange Zeit Pferde das bevorzugte Fortbewegungsmittel auf der Osterinsel. Mittlerweile gibt es über 1.000 Autos, jede Menge Motorräder und Mopeds. Die wichtigsten Straßen sind gepflastert, ansonsten bedeckt feiner roter Vulkanstaub die Wege. Pferde gehören weiterhin zum Alltag. Tausende grasen verstreut auf der Insel, man begegnet ihnen überall. Die Tiere sind Statussymbole – vor allem für die jungen Männer, die mit wehenden Haaren auf ihren Rössern herumgaloppieren.

Abgenabelt vom Rest der Welt liegt Hanga Roa, die einzige größere Siedlung im Südwesten mit ihrer Space Shuttle-Notfalllandebahn. In dem kleinen Dörfchen leben 7.000 Menschen, davon etwa 5.000 Rapanui. Ihre Häuser stehen am Ortsrand, die meisten zusammengenagelt aus Pressspanplatten und Wellblech. Bis vor wenigen Jahren war kaum ein Haus höher als eine Bananenstaude, heute gibt es eine kleine zweistöckige Shoppingmall, ein modernes Krankenhaus (ohne Intensivstation) und einen Fußballplatz mit Kunstrasen und Flutlicht.

Die Rapanui gelten als ebenso freundlich und hilfsbereit, wie stolz und selbstbewusst. So wie Uri Avaka Teao. Die Mittvierzigerin redet Rapa Nui, die Sprache ihres Volkes. Heute wird Rapa Nui als Pflichtfach in der Inselschule unterrichtet, Spanisch ist weiter die offizielle Landessprache. Die Osterinsel gehört seit 1888 politisch zu Chile, geografisch und kulturell aber ist sie Teil Polynesiens. Bis zur Pandemie hatte Uri als Inselguide gearbeitet. Sie kennt sich auch gut mit den alten Mythen rund um die erste Inselbesiedelung aus.

“Haomaka sah im Traum diese Insel. Als er erwachte, sagte er zu seinem König Hotu Matua: Wir sollten von unserer Heimat in Polynesien weggehen, denn ein Tsunami wird kommen und alles zerstören! Und König Hotu Matua sprach zu Haomaka: Nimm sieben Entdecker und schicke sie aus, die Insel deines Traumes zu suchen! Als die Entdecker zurückkehrten, sagten sie: Wir haben die Insel gefunden!” Traum oder Wirklichkeit? – „Wir glauben dran!”

Die Osterinsel wurde tatsächlich von der polynesischen Inselwelt aus besiedelt, wie genetische Forschungen heute klären konnten. Der Zeitpunkt ist umstritten, vermutlich geschah es im 8. Jahrhundert. Obwohl man damals in Polynesien weder Kompass noch Schriftsprache, noch Metallwerkzeuge kannte, gelangten die ersten Seefahrer in ihren Knaus an. In dem riesigen Ozeandreieck zwischen Hawaii, Neuseeland und der Osterinsel hatten sich Polynesier schließlich auf jedem bewohnbaren Fleckchen Land niedergelassen.

Genau das erzähle die Legende von den sieben Entdeckern, die König Hotu Matua einst aussandte. “Als im 20. Jahrhundert die Wissenschaftler mit ihrem westlichen Denken zu uns kamen, hieß es: Wir brauchen Beweise für eure Legenden”, erklärt Cristian Pakarati Moreno. Der Rapanui ist Historiker. Dass die Polynesier Kundschafter aussandten, um bewohnbare Inseln zu entdecken, das ist seit langem wissenschaftlicher Konsens, sagt Pakarati Moreno und ergänzt: “Bei uns kämpfen magisches und logisches Denken miteinander. Die Rapanui haben nur ein Wort für Begriffe wie Nachricht, Erzählung, Geschichte oder Fabel. Alles heißt A’Amu.” Für die Rapanui sei die Art der Nachricht wichtiger als ihr Inhalt. Wie etwas erzählt werde, sei entscheidend. “Darauf legen die Menschen hier großen Wert. Fakten langweilen sie. Aber das gilt vermutlich für viele Menschen. Man muss die Nachrichten eben ein wenig aufpeppen.”

Dass die Besiedlung der Osterinsel sorgfältig geplant war, zeige auch die Ausbreitung vieler Nutzpflanzen und Tierarten – von Bananen, Schweinen bis zu Hunden und Hühnern. Die Siedlerinnen und Siedler nahmen aus ihrer polynesischen Heimat jene Produkte mit, die ihnen für das Überleben in der neuen Welt unentbehrlich erschienen, bestätigt Claudio Cristino-Ferrando. Seit über 30 Jahren lebt und arbeitet der chilenische Archäologe auf der Osterinsel. “Man muss sich das einmal vor Augen führen. Eine kleine Gruppe von Menschen war in der Lage, auf dieser Insel eine großartige Kultur zu entwickeln – inmitten des Pazifiks, im Nichts, total isoliert von der Außenwelt.

Mit seinen Forschungen hat er dazu beigetragen, auch das Rätsel um die steinernen Kolosse zu lösen. Sie sollten von der Küste aus das Gebiet des jeweiligen Stammes landeinwärts überblicken und die Dörfer ihres Stammes beschützen. Kein einziger Moai, alleine oder in einer Gruppe am Küstenrand aufgestellt, schaut auf den Pazifik hinaus. Jeder Steinkoloss besteht zur Hälfte aus einem Oberkörper und zur anderen Hälfte aus einem Gesicht mit tiefen Augenhöhlen, schmalem Mund, gewölbter Stirnpartie und spitzer Nase. Und alle haben einen sehr ähnlichen Gesichtsausdruck:

“Die Statuen haben sich im Laufe der Zeit verändert. Und wenn Sie sich hier umschauen, dann werden Sie einen Trend bemerken: Zuerst gab es menschenähnliche, das heißt naturalistische, menschengroße Figuren. Kopf und Körper stehen im Verhältnis 1:1, das heißt, der Kopf ist jeweils so groß wie der Körper. Im Laufe der Zeit veränderten sich die Moai hin zu länglicheren Formen, und die jüngsten Figuren am Fuße des Steinbruchs von Rano Raraku sind extrem lang gestreckt. Es scheint also, dass die Größe der Moai immer wichtiger wurde.”

Bataillone von Bildhauern waren mit einfachen Steinäxten damit beschäftigt, große, dann immer größere Skulpturen aus dem vulkanischen Gestein zu hauen. An die 400 Moai liegen heute zurückgelassen in einem Steinbruch bei Rano Raraku. Bestellt und nicht abgeholt. Manche sind noch mit dem Lavafelsen verbunden. So auch der größte Moai, der je gefunden wurde. Mit seinen 21 Metern, erreicht er die Höhe eines modernen fünfstöckigen Wohnhauses. Der Steinbruch gibt ein weiteres Rätsel auf. Warum ließen die Arbeiter eines Tages die Werkzeuge fallen, verschwanden und kehrten nie wieder zurück?

Gerieten die Rapa Nui auf dem Höhepunkt ihrer kulturellen Ausbreitung auf den Weg von gesteigerte Religiosität zu einem fatalen Götzenwahn?

Die Moai bildeten für jeden Stamm eine Art Schutzheiligen. Es waren Darstellungen von Häuptlingen und Kriegern, die über den Tod hinaus Macht und Schutz garantierten. Je größer die Figur, desto größer ihre Macht. So konnte sich ein Wettbewerb unter den Stämmen bilden, der so weit  ging, den Figuren tonnenschweren Kopfschmuck auf ihre Häupter zu setzen, damit sie sich von der Konkurrenz abheben konnten. So ein Zylinder aus Rotschlacke wog bis zu 12 Tonnen schwer und macht oben auf dem abgeflachten Kopf eines Moai aufgesetzt, entsprechend schwer Eindruck. Die Rapanui nennen sie Pukao – Haarknoten – und sie ähneln der typischen Haartracht der prähistorischen Insulaner, so Cristino-Ferrando:

“Der Haarknoten ist eine Zugabe, eine Verschönerung. Er hat auch etwas zu tun mit Status und Prestige. In Polynesien glaubt man an die Existenz einer übernatürlichen Kraft, Manna genannt. Und diese Kraft konzentriert sich im wichtigsten Teil des Körpers, also im Kopf. Und wer eine wichtige Person ist, der hat Manna im Kopf.”

Manna wurde ihnen zum Verhängnis. Aufgestellt wurden die Steinköpfe an den Ahu. Das sind offene, rechteckige Tempelanlagen, aufgeschichtet aus Geröll, zusammengehalten durch Stützmauern aus grauem Basalt. Manche Ahu sind bis zu 150 Meter breit, und das verwendete Gestein wiegt bis zu 9000 Tonnen. Insofern stellen die Tempelanlagen die Statuen bei Weitem in den Schatten.

Wie die Menschen der Osterinsel die durchschnittlich sieben Meter hohen Moai transportieren konnten, das blieb lange Zeit im Dunkeln. Cristino-Ferrando hat es in einem Experiment herausgefunden. “Wir fanden fantastische Straßen entlang der Küstenlinie”, so der Wissenschaftler. “Jeder heutige Straßenbauingenieur wird Ihnen bestätigen, dass dies außergewöhnliches Wissen voraussetzt. Die Rapanui wussten genau, was sie taten. Die Statuen sind nicht in Kontakt mit dem Boden gekommen. Die Rapanui banden die Statuen auf Holzschlitten, mit dem Gesicht nach unten, den Kopf voran, und zogen sie dann die vorbereitete Straße hinunter.” Heute sind diese “Straßen” nicht mehr zu erkennen, aber mit Hilfe von Luftbildern und Laserstrahlen konnten sie nachgewiesen und die Osterinsel genauestens kartografiert werden.

Als erstem Wissenschaftler gelang es dem norwegischen Archäologen Thor Heyerdahl Mitte der 1950er-Jahre mit einer Gruppe von Rapanui, einen Moai mit rollenden Baumstämmen fortzubewegen.

Die Rapanui beklagen noch heute die “kolonialistische Haltung” Heyerdahls. Der Forscher hatte 1000 kleine Steinstatuen von der Insel mit nach Norwegen genommen. Mit ihrem Verschwinden habe Heyerdahl die Insel ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft beraubt, weiß Uri Avaka Teao.

Als die Seefahrer 1722 die Insel entdeckten, lebten auf der Osterinsel noch mehrere Tausend Menschen. Sie waren nackt, die Körper über und über tätowiert – mit zusammenhängenden Mustern von seltsamen Vögeln und Tierfiguren. Andere waren mit roten und gelben Umhängen bedeckt, trugen wehende Vogelfederkronen oder geflochtene Hüte. Unter ihnen ein Mann, der über den anderen zu stehen schien. Seinen glattrasierten Schädel schmückte eine Federkrone, in den Ohren steckten runde weiße Pflöcke von Faustgröße. Sein Auftreten verriet, dass er großes Ansehen besaß. Die vogelartigen Muster von Menschen mit Vogelkopf und krummen Schnäbeln, die Behrens auf den Körpern der Insulaner vorfand, gibt es heute noch überall auf der Insel. In Höhlen, auf Klippen, Holztafeln oder den Rückseiten der Moai eingraviert. Diese menschenartigen Vögel stellen den Vogelmann dar, eine der wichtigsten Personen im Leben der Rapanui. Der Vogelmann war der Vermittler zwischen dem Hauptgott, Maki-Maki, und den Inselbewohnerinnen und -bewohnern. Er lebte in einer eigenen Tempelanlage und war eine Art Priester. Gewählt wurde er von den Stammeshäuptlingen für ein Jahr.

Orongo im Südwesten der Insel war der Hauptort des Vogelmann-Kults, in dem sich jedes Jahr aufs Neue entschied, welcher Stamm das Sagen über die Insel haben sollte. Hierfür mussten die Bewerber einen halsbrecherischen Wettbewerb bestehen. Zuerst kletterten sie die 300 Meter steilen Klippen hinab. Dann schwammen sie zur anderthalb Kilometer entfernten Felseninsel Moto Nui, wo sie wochenlang auf das Eintreffen der ersten Rußseeschwalbe warteten. Sobald die Zugvögel zu brüten begannen, entrissen die Männer ihnen die Eier, stopften sie unter ein Stirnband und schwammen zurück nach Orongo. Wer als Erster mit einem unversehrten Ei in das Zeremonialdorf hochgeklettert kam, war Sieger. Die Erinnerung an den Vogelmann-Kult wird beim jährlichen Tapati-Festival wachgehalten, das jeden Februar von den Rapanui veranstaltet wird. Und auch in der katholischen Kirche von Hanga Roa trägt Jesus am Kreuz weder Dornenkrone noch Heiligenschein, sondern einen Vogelmann auf dem Kopf.

Die starken Winde tragen alles an Mineralien fort, es herrscht brutale Bodenerosion und die Sonne scheint 12 Stunden täglich, erklärt Jorge Alejandro Edmunds. Der Biologe arbeitet für die chilenische Forstbehörde. Auf dem Gelände der einzigen Baumschule der Osterinsel stehen zwischen und in den Gewächshäusern Tausende Setzlinge des salzresistenten Aito Baumes, einem tropischen Eisenholz. Sie warten auf einen neuen Standort. Wiederaufforstung auf der Osterinsel mit ihren widrigen Klimabedingungen – das ist eine Sisyphusarbeit: “Der Boden der Osterinsel ist sehr mager, es gibt keinerlei Mineralien. Wir brauchen also Dünger zum Wiederaufforsten.”

Heute gibt es auf der Osterinsel wieder einige kleine Waldgebiete, die überwiegend aus Eukalyptus-Bäumen bestehen. Die ersten wurden um 1900 gepflanzt und dann später in den 1970er-Jahren. Dabei war die Insel bis zum 17. Jahrhundert gänzlich von Wäldern bedeckt. Dann wurden sie von den Bewohnern abgeholzt, um die tonnenschweren Moai zu transportieren, auch um Kanus und Häuser zu bauen und um die Toten zu verbrennen. Als die Seefahrer die Insel im frühen 18. Jahrhundert entdeckten, fanden sie das Eiland baumlos. Uri Avaka Teao berichtet:

“Meine Vorfahren waren davon besessen, diese Statuen zu bauen – ich meine, diese Statuen als Zeichen ihres Ehrgeizes zu schaffen, nur um den anderen Stämmen zu beweisen, wie mächtig sie waren. Es war eine Katastrophe, die Leute zum Bau der Moai zu zwingen. Sie vergaßen darüber, sogar für Nahrung zu sorgen, Fische zu fangen oder Gemüse anzubauen. Sie haben sich nur auf ihre Statuen-Manie konzentriert.”

Von einem Ökozid spricht der US-Geograf Jared Diamond in seinem Buch “Kollaps – warum Gesellschaften überleben oder untergehen”. Diamonds Untergangstheorie auf der Osterinsel lautet wie folgt: Um 1600 sei vermutlich der letzte Baum gefällt worden. Von da ab fehlte nicht nur der wichtigste Rohstoff, um die Steinriesen aus dem Steinbruch zu rollen; es gab kein Feuerholz mehr und keinen Werkstoff für die Kanus, um auf das Meer zum Fischen zu fahren. Die küstennahen Gebiete wurden schnell überfischt und die Vögel ausgerottet. Durch den Kahlschlag war der Ackerboden dem Regen und den kräftigen Passatwinden schutzlos ausgesetzt. Was folgte, war zunehmende Bodenerosion und Nahrungsmittelknappheit. Um die wenigen Ressourcen wurden Kriege geführt. Am Ende aßen die Insulaner – Menschenfleisch.

Die Katastrophe auf der Osterinsel gilt dem Pulitzer-Preisträger als Sinnbild für die weltweit voranschreitende Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Die Theorie eines ökologischen Zusammenbruchs sei nicht neu, erklärt Claudio Cristino-Ferrando und gehe auf die Anfänge der Umweltbewegung in den 1970er- und 1980er-Jahren zurück. Der chilenische Archäologe führt die Tatsache, dass sich das Inselvolk im 17. Jahrhundert nahezu vernichtet hat, auf mehrere Ursachen zurück. Ein Faktor sei der tiefsitzende Glaube:

“Man hat den Eindruck, dass diese theokratische Gesellschaft, die von ihren Göttern und Ahnen bestimmt wurde, nur diesen Weg gehen konnte, also ihre Mitglieder zu zwingen, diese Monumente zu bauen, immer größere und größere. Die Ahnenverehrung war auch eine Form von sozialer Kontrolle. Man hat den Eindruck, als ob es keine Alternative gegeben hätte.”

Nahrungsknappheit durch Überbevölkerung und Umweltzerstörung lautet eine aktuelle wissenschaftliche Erklärung dafür, dass die alte Kultur der Osterinsel unterging – allerdings nicht in einem plötzlichen gesellschaftlichen Crash wie von Jared Diamond angenommen. Nach heutigen Schätzungen lebten auf der Insel zu ihrer Blütezeit im 16. Jahrhundert bis zu 35.000 Menschen.  Doch nicht der Mensch allein sei für die Entwaldung verantwortlich. Mitschuld trage auch die Pazifische Ratte. Es sei diese Plage gewesen, die die Kultur der Rapanui eines Tages zugrunde richtet. Ratte oder Religionswahn, Fanatismus oder Degeneration? – Die Osterinsel liegt nicht weit genug abseits, um von den menschlichen Übeln verschont zu sein.

Erst 1966 wurde die indigene Bevölkerung chilenischen Staatsbürgern gleichgestellt und der Zaun um ihr Getto abgerissen. Und erst seit 1992 können die Rapanui ihren Bürgermeister wählen. Heute dürfen nur noch Rapanui Land auf der Osterinsel kaufen, mit durchaus ambivalenten Folgen: Zum einen schütze das die Insel vor Spekulanten, die vom chilenischen Festland oder vom Ausland kämen. Gleichzeitig gibt es Grund- und Bodenspekulanten unter den Rapanui selbst, die enormen Besitz anhäuften.

Und es gibt noch ein anderes Paradoxon: „Natürlich bildeten die Rapanui eine kleine Gemeinschaft, die sehr eng und scheinbar abgeschottet zusammenlebt“, so Pakarati Moreno. „Anderseits heiraten heute die meisten Rapanui Menschen, die von außerhalb ihrer Gemeinschaft kommen: Chilenen, Deutsche, Franzosen, Tahitianer, US-Amerikaner.“


Wie ich auf Mahute malte
Ulrike Arnold auf Rapa Nui

„Ich hatte zuvor mehrere Monate in der chilenischen Atacamawüste gemalt. Schon lange wollte ich auf die Osterinsel, um mehr über diese alte Kultur mit den riesigen MOAIS erfahren. Für mich einer der abgelegensten und spirituellsten Orte überhaupt.

Völlig unerwartet entdeckte ich, dass man sich dort die Körper nach traditioneller Weise bemalt. Ich kam zu einem magischen Ort namens “Vina Pu” als ein riesiger Regenbogen erschien –  direkt über der Küste im Vulkangestein. Großartigste Farben leuchteten auf. Die Rapa Nui Männer holen sich von dort die Erden für ihre Körperbemalungen.

Man erlaubte mir, Erde von diesem Ort zu nehmen. Wir gruben zusammen. Ich malte dort vor Ort erst auf Leinwand, die ich mitgebracht hatte. Ob es wohl erlaubt sei auf Rinde zu malen? Rindentuch vom Maulbeerbaum, genannt Mahute, nutzen die Rapa Nui für ihre die Rituale, aber nicht um darauf zu malen. Der Rapa Nui Freund  sagte mir, er wolle fragen, ob es die Vorfahren erlauben. So stieg er in den Krater, machte ein Feuer und bekam mit der Erlaubnis zurück, mir ein Stück Mahute zum Malen überlassen zu dürfen.

Da bei den Rapanui die Kulturtechnik des Webens nicht überliefert ist, eigneten sie sich eine besondere Tuchgewinnung an. Die abgezogene Rinde eines Baumstamms wird über Nacht in Wasser eingelegt, anschließen durch ständiges Klöppeln zu einer Art sehr flachem Kuchenfladen breitgeschlagen. Es folgt der Trocknungsprozess in der Sonne. Mahute wird aus der Papiermaulbeere (Broussonetia papyrifera) auf der Osterinsel in natürlichen Senken angebaut. Als Schutz gegen den Wind von der See werden reisförmige Windschutzwände aus Trockenmauerwerk um die Setzlinge errichtet. Aus der Baumrinde wurde lange die einzige Stoffart gewonnen, die den Bewohnern von Rapa Nui zur Verfügung stand. Der aufwendige Herstellungsprozess machte diese weiche Stoffart ziemlich rar. Die von den Marquesas-Inseln stammende Rapa Nui-Tapa wurde weitgehend auf die gleiche Weise hergestellt wie die frühere marquesanische Tapa-Produktion, nämlich mit Hilfe eines steinernen Ambosses und eines hölzernen Schlägels mit rundem Querschnitt, um die Baststreifen zusammenzufügen. Das grobe Mahute-Rindentuch wurde für Lendenschurze und Umhänge für Männer und Frauen sowie für manu uru, eine äußerst seltene Klasse von anthropomorphen Figuren verwendet, bei denen eine bemalte Rindenhaut über einer Armatur aus Schilfrohr geformt wird.

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Ulrike Arnolds Film zeigt den Herstellungsprozess von Mahute wie auch ihre Malerei auf dem ungewöhnlichen Malgrund. Wir danken für die freundliche Überlassung des Dokumentationsmaterials. Ulrike Arnold reist und malt mit der Erde. 2012 und wieder 2016 kam sie auf die Osterinsel.

Victor van Keuren
beschreibt seine Annäherung an die bildende Kunst als „eine Reise“.

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Seine Schwarz-Weiß Aufnahmen atmen eine Weite, die uns sprachlos werden lässt. Sie ergreifen uns, weil sie uns zurückweisen auf die Schönheit verlassener, ursprünglicher Landschaften, monumental wie verstörend, erschütternd wie betörend. Und die Frage klingt aus dem Hintergrund aller seiner Aufnahmen zu uns: Was hat der Mensch anzufangen gewusst mit der umfassenden Schönheit seines Planeten? Seine Frage wird zur Mahnung, weil sie uns erinnert. Er zeigt uns die Schönheit unserer Erde und gleichzeitig die Trauer über ihren Verlust.

Van Keurens Serie von der Osterinsel gehört zu den beeindruckendsten seines umfangreichen Werkes.

Seine Ausbildung begann er am Brooks Institut für Fotografie – Santa Barbara/Kalifornien, um sie am Rochester Institut für Technologie, sowie an den Kodak Laboratorien – Rochester/New York fortzusetzen. Wenn er nicht gerade auf Reisen ist, lebt er in den USA und Deutschland.


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