
von Frank Maier-Solgk
Mehr als 40 Jahre liegt die letzte Ausstellung über den amerikanischen Land Art Künstler Robert Smithson zurück – zumindest in Europa. Auch damals, 1982, war mit dem Duisburger Lehmbruck Museum eine Revierstadt Gastgeber. Hauptgrund für die längere kuratorische Zurückhaltung: Das Werk des Land Art Pioniers, der im Sommer 1973 mit nur 35 Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, als er seinen abgelegen, in der Wüste von Texas aufgeschütteten Steinkreis Amarillo Ramp überflog, ist weit verstreut und kaum noch greifbar. Wind und Wetter haben die meisten seiner Earth Works (Smithson wollte das bildungsbürgerlich konnotierte Wort Art/Kunst vermeiden) zum Verschwinden gebracht, wenn sie nicht ohnehin ephemer konzipiert waren.
Genau genommen existieren heute nur noch drei am ursprünglich vorgesehenen Ort realisierte Arbeiten, zwei in den USA und eine im niederländischen Emmen. Auf der anderen Seite gehört Smithsons zentrales Anliegen – das Verhältnis von Natur und Zivilisation – zu den in den vergangenen 20 Jahren bevorzugten Themen im Ausstellungsbetrieb. Ob man aus Smithson jedoch so einfach einen Vorreiter zeitgenössischer Ökokunst machen kann, ist eine nie ganz geklärte Frage. Dass sie das Museum in Bottrop nun erneut stellt, macht die Schau nicht nur für Land Art-Freunde besonders.
Vorweg: Die Schau in Bottrop „Robert Smithson in Europa“ widmet sich nicht der oben erwähnten Arbeit in Texas und auch nicht Smithsons berühmtestem Werk, dem legendären Spiral Jetty am Ufer des großen Salzsees von Utah. Im Mittelpunkt stehen die Orte, die Smithson zwischen 1967 und 1970 in Italien, Deutschland, den Niederlanden und England bereiste. Hier fand er das, worum es ihm zunehmend ging: Eine zivilisatorisch überformte Natur, die in ihrer banalen und vernachlässigten Erscheinung die Dimension der Zeit offenlegte. Smithson hat diese Idee künstlerisch sehr unterschiedlich umgesetzt: Seine erste Arbeit in Europa auf einer Brache am Stadtrand von Rom konzipierte er noch als performativen Akt, der darin bestand, eine LKW-Ladung flüssigen Teers einen Abhang hinunterzukippen und dessen Formbildung auf dem steinigen Untergrund zu verfolgen (Asphalt Run down); die fotografische Präsentation erfolgte anschließend in einer römischen Galerie.
Ab Herbst 1968 wurde das Ruhrgebiet zum Forschungsfeld, das er auf Einladung des Düsseldorfer Galeristen Konrad Fischer besuchte. „Kohle, Kalkstein, Löss und Schiefer“, so ist auf einem der ausgestellten Briefe Smithsons an den Galeristen zu lesen, wären gut geeignet für die geplante Ausstellung, woraufhin man – gemeinsam mit Fischers Künstler-Freund, Bernd Becher – zum Gelände der Oberhausener Gutehoffnungshütte aufbrach, um dort auf Spurensuche ging. In fünf Kästen wurde das Material anschließend in der ersten Einzelausstellung Smithsons im White Cube präsentiert. Non site Oberhausen wurde zu seinem Durchbruch. Für die Gesamtinstallation war ein ästhetisches Konzept maßgebend, das vorsah, mit der Fundstelle vor Ort (Site) sowie der Galerie, dem Non-Site, zwei aufeinander bezogene Orte zu kontrastieren. Dies wurde durch eine breite Form der Re-präsentation, also multimedial, fotografisch, und kartographisch (mit fünf Fotoaufnahmen sowie fünf Lageplänen) visualisiert. Fast gerät in dieser repräsentationstheoretischen Anordnung die ursprüngliche Naturerfahrung aus dem Blick.

In acht sorgfältig ausstaffierten Ausstellungsräumen kontextualisiert die Ausstellung in Bottrop die Entstehung dieser „europäischen“ Werke, die damals an verschiedenen Ort in Europa gezeigt wurden. In Bottrop sind historische Aufnahmen, Videos aus jenen Jahren versammelt, sowie eine Vielzahl von Zeichnungen, die Smithson zur Vorbereitung der Außenarbeiten dienten und rekonstruiert schließlich eine Reihe der damaligen Rauminstallationen – aus Sand, Steinen und den häufig verwendeten Spiegel. Das Material kam aus amerikanischen Museumsbeständen sowie von der Holt/Smithson Foundation in Santa Fe, die als Kooperationspartner die Ausstellung mitverantwortete (Kuratoren: Markus Karstieß, Eva Schmidt, ehem. Direktorin des Museums für Gegenwartskunst Siegen, Monja Droßmann, Museum Quadrat Bottrop). Zu den erneut realisierten Installationen gehört die in einem Kreidebruch in Südengland entstandene Arbeit Chalk-Mirror Displacement, die aus acht um einen Mittelpunkt angeordnet Spiegeln besteht, welche von grau-weißen Kreidebrocken überlagert sind. Ursprünglich war sie für die legendäre Avantgarde-Ausstellung „When attitudes become form“ (Kunsthalle Bern kuratiert von Harald Szeemann, 1969). Eine andere bisher kaum bekannte Arbeit, die die Beziehung zum Ruhrgebiet noch einmal unterstreicht, trägt den Titel „Essen Soil and Mirrors (1969). Das verwendete, auffallend rötliche Steinmaterial war bei einer gemeinsamen Exkursion auf jener Halde gewonnen worden, auf der Richard Serra 30 Jahre später seine berühmte Bramme für das Ruhrgebiet errichtete. Smithsons frühe Arbeit in Rom hingegen wird außer durch einen Film der Partnerin Nancy Holt auch noch in Form einer Neuinszenierung durch den Künstler Markus Karstieß wieder in Erinnerung gerufen, der sich ab Mitte der 2010er Jahre auf die Suche nach Smithsons römischen Steinbruch machte. Offenbar vermag die Avantgarde der 1960er Jahre bis heute ästhetisch zu inspirieren.
Tatsächlich weckt manches in der Ausstellung fast schon nostalgische Gefühle. Nicht nur die damals so fruchtbaren Verbindungen zwischen der amerikanischen Kunst- und der deutschen Galerieszene kommt etwas zu kurz. Auch die Theorienähe jener Jahre, die im Fall von Smithson zu einer Serie von kunstphilosophischen Essays in der Zeitschrift Art Forum führte wird in der Ausstellung kaum deutlich. In diesen Aufsätzen lässt sich gut nachvollziehen wie Smithsons zwischen den Steinkreisen von Stonehenge, dem griechischen Philosophen Heraklit bis zum Phänomen der Entropie und Science-Fiction-Utopien virtuos Bezüge herzustellen vermag. Auch die Natur erschien ihm als ein kontinuierlicher Prozess, der alles andere als romantisch ausfällt. In letzterem Punkt ist der früh gestorbene Smithson von durchaus ernüchternder, nostalgiefreier Aktualität.
Robert Smithson in Europa
jetzt bis zum 19. April verlängert
Museumszentrum Quadrat, Anni-Albers-Platz 1, Bottrop
Das Katalogbuch erscheint zum Ende der Ausstellung
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