Jenseits der Töpferscheibe

Zur Werkschau von Norbert Prangenberg in der Skulpturenhalle

In diesen windigen, regenreichen Tagen, in denen wir versinken möchten oder uns verkriechen in Arbeit, eine Illusion von Frieden hegen, Stellvertreterversteckspiele betreiben, uns ans Überdauern gewöhnen bis endlich doch wieder die japanischen Kirschen auf der Raketenstation blühen, gehe ich den Weg auf eine kaum nennenswerte Anhöhe hinauf.

Ein Bauer hat einen Haufen Erde an den Rand des Lindenwegs aufgebracht. Klei, wie sie hier sagen, der schwere, lehmige, fette, bindige Boden, Sand, Schluff und Ton. Hier in der Region zwischen Mönchengladbach, Aachen und Köln liegt Klei in bis zu 15 Metern dicken Schichten. Er gilt als besonders fruchtbar. Aus gebrannter Erde sind hier fast alle Häuser, auch die Schulen und Kirchen, selbst die Bushaltestelle von Kirkeby. Eiszeitliche Ablagerung, Ziegelerbe aus der Römerzeit.

Schüttes Skulpturenhalle ragt da mitsamt ihrer kleinen Schwester auf einem Grashügel ins Dauerregenland. Die Halle mit ihrem weit vorkragenden Tellerdach ist von innen beleuchtet. Die Ausstellung läuft nur noch ein paar Tage. Ach so. „Was habe ich bloß die ganze Zeit über gemacht seit der Eröffnung im letzten Sommer?“  

Ausstellungen hier tragen keine Titel. Bloß der Name des Künstlers steht da, monografisch: Norbert Prangenberg. Ich trete durch die Glastüre ein. Diese Manege für Bildhauer und angrenzende Bereiche ist um einen offenen Kern aus dunkel glasierten Ziegeln gebaut, Wände und Boden Beton. Betrete ich ein frisches Schlachtfeld oder einen Friedhof? Sind es kultische Objekte, übergroße Urnen, Situlae oder monumentale, doch löchrige Gefäße, die einen Inhalt kaum je halten könnten? Wie sich die großen, mannshohen Figuren hier im weiten Rund zeigen, ist es wie auf einem Hünenfeld oder in einem Spielzimmer? Ich beginne meinen Umgang. Zwischen den schrundigen, waghalsigen Körpern aus Ton und den kunterbunten Leinwandarbeiten auf den Betonwänden verliert sich die Zeit. Sehe ich urzeitliche Getüme oder Paraphrasen zeitgenössischer Töpferkunst? Losgelöst von Zeit und Dimension beginnt der Rundgang zu einem bewegenden Glück zu werden. Befreiend auch von den Fragen.

1980 als Norbert Prangenberg (1949 in Nettesheim geboren, 2012 in Krefeld einem Krebsleiden erlegen) seine erste Einzelausstellung bei Karsten Greve in Köln hatte, fand in München bei Rüdiger Schöttle die erste Einzelausstellung von Thomas Schütte statt. Roland Barthes („Mythen des Alltags“) war gerade ein paar Wochen zuvor in Paris gestorben. Die bunten 80er nahmen ihren Lauf. Der Keramiker Dietrich und der Gold- und Silberschmied, Designer, spätere Künstler Prangenberg trafen sich Anfang 1984 gar nicht zufällig in Dietrichs Atelier in Oedt (Niederrhein). Weil sich Prangenberg für Keramik zu interessieren begann. Eigentlich ein verbranntes Material. Töpfern galt als Kunstgewerbe, war verpönt als „Frauenkunst“. Doch Prangenberg, vermittelt über seinen Kölner Galeristen, hatte die Spur von Lucio Fontana aufgenommen.

Seit 1935 arbeitete Fontana in der Werkstatt von Tullio d’Albisola (Manufaktur Mazzotti) im Keramikort Albisola an der ligurischen Küste. Es entstanden u.a. gefäßartige Keramikobjekte, später eigenartige schwarze Kugeln, Concetto Spaziale, Natura. „Ich bin ein Bildhauer und kein Keramiker“, betonte Fontana stets. „Ich habe niemals einen Teller auf der Töpferscheibe gedreht oder eine Vase bemalt.“ Die Linie war gegeben.

Prangenberg traf in Dietrich den Mann, der ihm technisch auf die Sprünge helfen konnte und Dietrich fand den Absprung nach Köln, wo er bis heute die weltweit beste Keramikwerkstatt führt. In Dietrichs „Werkstatt für Bildhauerei“ in Köln-Ehrenfeld sollten sich Ende 1988 auch Prangenberg und Schütte begegnen. Thomas Schütte holte sich da fachlichen Beistand für seine »schwarzen Zitronen« und später für „Die Fremden“, seine weitsichtige Installation auf dem Portikus des Kasseler Modehauses Leffers zur Documenta IX. Seit 1992 stehen die stummen Fremden dort, Keramik glasiert, über dem Friedrichsplatz. Realisation: Werkstatt für Bildhauerei, Niels Dietrich, Köln, lautet die vollständige Werkbeschreibung.

Von da an gab es keine Grenzen mehr für die neue künstlerische Keramik und bei Dietrich ging der Ofen nicht mehr aus. „Bis zu einer Höhe von 2 m und einem Gewicht von 1000 kg können wir Skulpturen einteilig brennen. Die Grenze zur Architektur ist fließend. Manche Projekte umfassen Skulpturen im Außenbereich, Fassaden, Skulpturen im Innenbereich, Bodenbeläge und Sanitärkeramik.“ Kirsten Ortwed, Rosemarie Trockel, Leiko Ikemura, Isa Genzken, Richard Deacon, Yuji Takeoka, um ein paar Namen mehr zu nennen, liessen bei architectual ceramics brennen.

Wenn Schütte uns eine große Prangenberg-Werkschau leistet, bedeutet das mindestens zweierlei: Eine Hommage an den sanften, ungestümen Künstler Prangenberg, der als erster in Deutschland die künstlerische Keramik belebte -jenseits der Töpferscheibe. Zweitens wird das Zusammenspiel von künstlerischem Elan und technischer Umsetzung evident, ein Lern- und Entwicklungsprozess für beide Seiten. Überdies, seltene Aufheiterung, gelingt es hier aus der Auswahl von 55 Werken eine fast intime, ganz und gar überzeugende, ergreifende Werkschau über sechs Räume und das Freigelände zu gewinnen. Aquarelle, Tusch- und Bleistiftzeichnungen, Ölmalerei, alles in bester Auswahl spielend leicht bis tonnenschwer.

Stangenpresse statt Töpferscheibe

Aus der Stangenpresse. „Ohne Titel (Stapel)“, 1995

Die Hand ist manchmal weiser als der Kopf. Jedenfalls da, wo es um Spiel und Kunst geht. Jedenfalls ist sie erfahrener und überlegen, wo es um das “Erfassen” und “Begreifen” von Dingen und Materialien geht. Aber auch hier gilt, daß eine Trennung von Hand einerseits und Kopf andererseits, von Gefühl und Vernunft, von Animal laborans und Homo faber nur eine weitere Täuschung ist. Die Sinne sind eine entwicklungsgeschichtliche Einheit. Sie lassen sich nicht voneinander trennen. Ein neuronales Netz, das Hand, Gehirn und Auge verbindet, sorgt vielmehr für eine Integration des Sehens, Tastens und Greifens.

Im Verzicht auf jegliches Werkzeug, auf Griffel, Meißel, Messer und selbst die Töpferscheibe erscheint Prangenbergs Hand-Werk radikal archaisch, primitiv und vorsintflutlich. Um 4000 v. Chr. war es zur entscheidenden Innovation der Töpferkunst gekommen. Der Einsatz einer frei rotierenden Scheibe bei der Herstellungen von Tongefäßen, zuerst in der Region, die heute der Irak ist, wurde zur entscheidenden Erfindung.

Dann erschien Sebastião Salgados Fotobuch “Arbeiter” 1993. Darin feiert der Fotograf in dramatischen Schwarz-Weiss Aufnahmen die traditionellen handwerklichen Arbeitsweisen, während gleichzeitig überall in der Welt Maschinen und Computer die Arbeit der Menschen übernehmen. Mit Bildern von beeindruckender Schönheit hat Salgado eine visuelle Elegie komponiert, mit der er jene Männer und Frauen zeigt, die sich ihren unbeugsamen Geist und ihre Würde selbst unter härtesten Arbeitsbedingungen bewahren. Handarbeit als Widerstand gegen das vorrückende Maschinenzeitalter.

Aus Prangenbergs Händen entspringt die künstlerische Form. Es liegt darin ein Urvertrauen, vielleicht ein Mißtrauen gegen den Modernismus. Vielleicht eine Skepsis des Künstlers inmitten einer sich ins Immaterielle verflüchtigenden Welt. Lehm, Tonerde, Handwerk, hier einmal nicht als ostentative Abkehr von den trügerischen Verheißungen des technischen Fortschritts, sondern als radikale Selbstbefragung des Künstlers und seiner Möglichkeiten in Zeiten der binären Codes, Lichtzeichen und Super-KIs.

In Niels Dietrichs Werkstatt stieß Prangenberg Mitte der achtziger Jahre auf eine Stangenpresse. Mythen des industriellen Alltags, mag er sich gedacht haben, nahm das Rohmaterial Ton, um es in die Extrusionsmaschine zu geben. Das experimentelle Umformverfahren fabrizierte Würste, Rohre, meterlange Arme aus Ton. Gebrannt und lose aufeinandergeschichtet ergab sich ein erstaunliches Erzeugnis der neuen künstlerischen Keramik. Die ausgreifende Bodenarbeit „Ohne Titel (Stapel)“ aus dem Jahr 1995 ist einer der Höhepunkte der Ausstellung und ich bin sicher, allein diese einmal zu sehen, lohnt den Anmarsch durch alle Nieselregenvorhänge.

Aus der Stangenpresse gewann Prangenberg auch Tonschlangen, die er zum Aufbau seiner bauchigen Figuren brauchte. „So schritt die Arbeit langsam voran, bedacht auf das Wachsen der Figur um die Achse, auf die Beziehung des Äußeren zum Inneren.“ So formuliert es trefflich Dieter Schwarz im vorzüglichen Katalogheft.

Obendrein die leuchtenden, brillanten Farben, die erst durch das Einbrennen der besonderen Glasuren in Dietrichs Ofen entstehen. Ihnen frönt der späte Keramikkünstler Prangenberg. Die zinnhaltige Opakglasur wird stellenweise von einer farbigen Aufglasurmalerei der Majolika überzogen. Sie dimensionieren seine Figuren, sie verleihen seinen kolossalen, schwergewichtigen Tontrümmern etwas Gewagtes, sogar Verspieltes. Als hätte der Zyklop sich an seine Kindertage erinnert und werfe nicht mehr mit Felsbrocken, sondern mit Blumen um sich.

Vorratsgefäß für was? Urne, Vase, Ungetüm. Norbert Prangenberg, “Figur” 1998

Also schnell hinaus auf die tropfnassen Wiesen, wo von Ferne die Kohlekraftwerke in den ohnehin grauen Himmel dampfen: Da steht so ein farbiger Feuertopf auf dem Hügelchen, und wenn man den Kopf ein wenig neigt und dreht, will es scheinen als steige der ungeheure Dampf direkt aus Prangenbergs Kessel.  

„Manche meiner Dinge“, hat er mal gesagt, „sind verspielt oder haben Lust am Schnörkel, Lust am Spontanen, eine gewisse Formfreude. Aber das Leben ist ja auch nicht deshalb unernst, weil man ab und zu sehr viel Spaß hat. Im Gegenteil, das macht es vielleicht noch tiefer.“


Die Skulpturenhalle in Neuss – Norbert Prangenberg
bis 03. März

Demnächst:

20 Jahre Langen Foundation. Drei Generationen- eine Leidenschaft
5. Mai bis 11. August

Thomas Schütte – das komplette grafische Werk über 500 Blatt
Skulpturenhalle

Museum of Modern Art: Retrospektive Thomas Schütte
ab 24. September
Die Ausstellung befasst sich mit dem roten Faden, der die scheinbar voneinander unabhängigen Werke von Thomas Schütte verbindet – von figurativen Skulpturen bis hin zu intimen Aquarellen und Architekturmodellen. Die stilistische Verschiedenheit, so Kuratorin Paulina Pobocha, beruht auf einer durchgängigen Haltung des Bildhauers: Kritik und Neugier sind die Grundlagen für seine künstlerische Praxis sowie eine intensive Beschäftigung mit der Kunstgeschichte


Meier, Dieter

ALLDIETER MEIER FILM Electropop. Revival auf der Bühne Dieter Meier ist Pokerspieler, Gastronom („Bärengasse“, Zürich), Biofarmer in der Pampa Argentiniens, Winzer, Großaktionär in der Schweiz

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