Es ist Manifesta - und einer geht hin

Unser Autor hat sich auf den Rundgang zu allen 16 Kirchen gemacht

Anhand von 16 Bildern aus der Manifesta 16 Ruhr schlagen wir eine Beschichtung aller Stationen/Kirchen dieser internationalen Großausstellung vor, die in diesem Sommer erst zum zweiten Mal in Deutschland stattfindet.

2002 hatte die Manifesta 4 in Frankfurt a.M. stattgefunden, in einem überschaubaren und zu Fuß bewältigbaren Parcours parallel zur documenta 11 und zwar im nur eine ICE-Stunde entfernten Kassel. Die Manifesta 4 wurde zur besten Ausstellung zeitgenössischer Kunst neben der d11.

Die Macher der Manifesta Ruhr haben versprochen, die 300.000 Besucher, die die Manifesta in Barcelona vor zwei Jahren anzog, locker zu überbieten. Unser Rundgang beginnt in Bochum.

Kirche Christ-König, Bochum-Mitte

Unsere erste Station liegt unweit des Hauptbahnhofs und des Stadtzentrums. Gleichwohl bereits so weit entfernt von öffentlichen Verkehrsmitteln und Fahrradwegen, dass man es weitgehend nur mit dem Auto schafft. Die Radroute der M 16 ist zwar ausgeschildert und wird auch von den Veranstaltern empfohlen. An allen Ausstellungsorten stehen kostenlose Leihräder bereit. Aber bloß den Parcours in Bochum an einem Tag zu bewältigen, erfordert neben der Ausdauer einen Wagemut, denn man gerät wiederholt in den heftigsten Autoverkehr.

Alle Ausstellungen der Manifesta öffnen um 11 Uhr. Wir sind zu früh. Kein Geschäft, Café oder was immer weit und breit. Man entdeckt die Ruhr-Region und ihre Urbanität, die in weiten Strecken für einen externen Besuch nicht vorgesehen ist.

Pünktlich öffnen sich dann die Tore. Zwei weibliche Studierende öffnen und betreuen die Manifesta vor Ort. Kurz gedacht: Ist das nicht ein wenig gefährlich für sie, und die Kunst? Sie haben eine Notrufnummer, eine deutsche Handy-Nummer des Manifesta 16 Teams in dessen Zentrale in Gelsenkirchen und eine ausführliche schriftliche Anweisung, wie sie sich in welchen Fällen zu verhalten haben. Aber kein Sicherheitsmann. Ebenso wie an den anderen Manifesta-Orten. Ist das nicht etwas naiv?

Das Äußere und Innere der Kirche Christ-König sind beeindruckend, wenn diese auch architektonisch uninteressant ist. Diese Ausstellung ist von Anda Rottengberg und Krzysztof Kosciuczuk kuratiert (Manifesta nennt die Kuratoren jetzt „kreative Vermittler“, was immer das bedeuten soll? Die KünstlerInnen heißen „TeilnehmerInnen“. Was ist dann das Publikum? Nimmt es nicht teil? Etwas viel gut gemeinte Neusprache.). Das Kuratorenduo hat etwas aus dem Raum gemacht, wenn auch wie immer bei einer Biennale ungleichgewichtig. Der Kirchenraum ist transformiert und in eine offene Story verwandelt, mit der man voll und ganz in unserem komplizierten zweiten Viertel des 21. Jahrhunderts ist. Das findet auf verschiedenen Höhenlagen und in unterschiedlichen Medien statt.

Drei Spitzenwerke, mit denen sich die Anfahrt lohnt: Luc Tymans zeigt ein dreißig Meter langes Gemälde, das den Kirchenraum und gleichzeitig die politischen Themen der Gegenwart bewältigt. Wilhelm Sasnal, hier ein früherer Film mit seiner künstlerischen Partnerin Anka Sasnal; und Katarzyna Kozyra mit einem freskoartig gezeigten Videogespräch mit einem Rabbiner in Israel, der zwischen den Orthodoxen und dem Rest der Welt zu vermitteln versucht.

Vor der Kirche steht eine neue Skulptur von Miroslav Balka, einem der wesentlichsten polnischen Bildhauer. Sie thematisiert das Marien-Thema (das in dieser evangelischen Kirche von 1932 allerdings keine Rolle spielt) und die Kohle des Ruhrgebiets. Es ist nicht seine beste Skulptur. Als Gesamtfrage zu dieser ersten Station: nicht schlecht, sehenswert.

Knapp die Hälfte der 15 Künstlerinnen und Künstler stammen aus Polen und arbeiten in Polen oder Berlin. Wie kommt das?

St. Ludgerus, Bochum-Langendreer

Eine interessante modernistische Kirche der 1960er Jahre in einem damaligen Neubaugebiet für Bergleute zwischen Bochum und Dortmund. Heute leben da nur Rentner. Dieser Ort wird vom Kurator Josip Bohigas verantwortet und von Architekten aus Barcelona bespielt, die im Kunstgeschehen keine Rolle spielen, aber bereits bei Manifesta 15 in der katalonischen Hauptstadt eine große Rolle spielten. Sie haben den Innenraum in ein vermischtes Basketball- und Fußballfeld verwandelt, das kreativ anregend sein und Nachbarschaft fördern soll. Wenn man mit dem Basketball daneben zielt oder mit dem Fußball an den Pfosten schießt, erklingt Musik, durch ausgebaute Klaviere, welche die Basketballflächen ergeben, und durch Sensoren in den Pfosten der Fußballtore, welche die Kirchenorgel in Betrieb setzen.

Das ist vor dem Hintergrund dessen, was die bildende Kunst sich seit den 1960er Jahren an raumbezogener interaktiver Kunst abgearbeitet hat, auf den ersten Blick interessant, aber von niedrigstem Niveau. Ein weitergedachter Spielplatz mit sündteurer Technologie als Zukunft der Kunstausstellung?

Da so gut wie keine BesucherInnen kommen, spielen die beiden Aufsichten selbst wiederholt täglich Basketball und Fußball, um sich die Zeit zu vertreiben. Eine von ihnen sagte: „Bis Ende der Manifesta haben wir eine neue Karriere als Basketballprofi!“. Die angedachten Jugendlichen aus dem Stadtteil stellen sich nicht ein. Denn erstens sind es unbenützbare Spielfelder, architektonisch überraschend gedacht, aber ungeeignet, um hier mal ernsthaft Basketball oder Fußball zu spielen. Zudem leben in diesem Quartier gegenwärtig offensichtlich nur noch alte Leute, eben die letzten früheren Bergleutefamilien, für die das Quartier in der Wirtschaftswunderzeit errichtet wurde, mit einem kirchlichen Kindergarten für ihre Enkelkinder. Ergebnis: zwei bis fünf Manifesta-Besucher pro Tag, durchwegs internationale oder überregionale Besucher, niemand aus dem Ort.

Wenn man schon in ein solches Quartier geht, hätte man die große Erfolgsgeschichte des Ruhrgebiets und seine aktuellen Probleme packend mit Künstlerinnen und Künstlern auf ganz feine Art bearbeiten können, welche auch den Einwohnern etwas bedeutet. Aber man soll nicht als Ausstellungsbesucher die Ausstellung neu erfinden.

St. Anna, Bochum-Goldhamme

Mit dem Auto eine knappe Stunde Anfahrt. Wieder schwer zu finden. Einen Parkplatz kostet ja noch eine Viertelstunde obendrauf. Die Kirche liegt in einem Wohngebiet. „Manifesta 16?“ – die wenigen Menschen auf der Straße antworten: “Nie gehört.“ Selbst im Kiosk gegenüber weiß man nichts. Die Kirche wird längst nicht mehr für Gottesdienste genutzt. Eine Plane an der Fassade zeigt an, dass hier die Manifest 16 stattfindet. Das sagt den Einwohnern nichts. Eine Biennale im luftleeren Raum.

An der Außenwand irgendwo eine zweiteilige postskulpturale Arbeit von Pedro Cabrita Reis. Eine nebensächliche Arbeit auch angesichts des urbanen Umfelds, in dem extrem harten Bedingungen post-industrieller Arbeit vorherrschen. Hier gehen die Leute nicht mehr in die Kirche, weil so viele seit dem Ende des Bergbaus und der Großindustrie abgewandert sind und die Verbleibenden keine stabile Arbeit bzw. anderes zu tun haben. Im Inneren ist eine Inszenierung zeitgenössischer Kunstwerke im kirchlichen Raum in wenig überzeugender Weise zu sehen. Das ist räumlich und inhaltlich eigentlich gar nichts. Doch in den rechten Seitenschiffen findet sich eine überzeugende Malereiinstallation von Wilhelm Sasnal. Der Künstler taucht in unserem Manifesta 16 Rundgang bereits zum zweiten Mal auf. Es wird nicht das letzte Mal sein. Auch in dieser Kirche sind auch wieder polnisch gebürtige Künstlerinnen und Künstler, ob sie nun in Polen, Wien oder Berlin leben mehrheitlich. Die Ausstellung ist hier kuratiert von Anda Rothenberg und Krzysztof Kosciuczuk.

Anda Rothenberg, die grande dame der unabhängigen polnischen Kunstszene im letzten Jahrzehnt des Kommunismus, war unter den Mitbegründern und protestierte bei der zweiten „Manifesta“ 1998 in Luxemburg dagegen, dass niemand aus Polen vertreten sei, weil der polnische Vertreter Piotr Uklański in New York lebte. Manifesta 16 Ruhr ist dagegen ein nachträgliches Heimspiel polnischer Künstler und Künstlerinnen. Das wird in den begleitenden Texten leider nicht inhaltlich begründet, obwohl es sich vom hohen Anteil polnischer Bergbauarbeiterfamilien im Rheinland, in Belgien und in Nordfrankreich im 20. Jahrhundert historisch ableiten ließe.

Gethsemane-Kirche, Bochum-Hamme

Auch diese Kirche ist nur schwer zu finden. Die Ausschilderung ist kaum sichtbar. Auf Google Maps steht jeweils auch „Manifesta 16“, aber der Anfahrtsweg ist komplex und von den Parkplätzen her findet man als Fußgänger die Kirche kaum. Man wagt sich durch einen gemeinschaftlichen Garten, an dessen Ende die Manifesta-Organisatoren einen Zugangsweg gelegt haben, auf dem man dann das M16-Banner erkennt. Es handelt sich um eine bürgerschaftliche Gemeinschaftskirche in einem Innenhof, die von den Einwohnern aus dem Schutt der Bombenruinen aufgebaut wurde. Das macht den Ort interessant. Wir sind wiederum die einzigen Besucher. Die Ausstellung ist wiederum orchestriert von Anda Rothenberg und Krzysztof Kosciuczuk. Eine Neon-Arbeit von Miroslaw Balka, der bereits bei Christ-König war, hält das Ganze irgendwie zusammen, das trotz des internationalen Zusammenhangs nicht mal Kunstvereinsniveau hat. Erneut sind polnischstämmige Künstlerinnen und Künstler zahlenmäßig dominant. Die Ausstellung öffnet sich zu einem ehemaligen Gemeinderaum, der von der Stadt Bochum donnerstags für Kaffee und Kuchen von alten Leuten genutzt wird. Wir sehen uns als die beiden einzigen Manifesta 16-Besucher eingeladen, daran teilzunehmen. Das ist sympathisch und fällt gut, weil wir seit dem Vormittag auf unseren Manifesta-Wegen keine Möglichkeit fanden, schnell mal was zu essen.

St. Josef, Gelsenkirchen-Ückendorf

Eine spektakuläre Geste in der von Josep Bohigas verantworteten neogotischen Kirche, ausgeführt – vergleichbar zu St. Ludgerus – nicht von Künstlerinnen und Künstlern, sondern von dem Architektenkollektiv, Penique Prodctions, die bereits an Manifesta 15 in Barcelona federführend beteiligt waren. Zwischen den beiden hochaufragenden Pfeiler im Innenraum ist ein riesiger blauer Luftballon als alternativer Aufstellungsraum aufgeblasen, von innen spektakulär beleuchtet und mit einem Sandboden versehen, in dem der Designer Curro Claret die Kirchenbänke neu zusammengebaut hat. Das ist nett, aber im Verhältnis zu den Dialogen Architektur mit Bildender Kunst, etwa auf der documenta 5 und 6 mit Coop Himmelblau oder Haus-Rucker-Co harmlos. Die Seitenschiffe werden für Präsentationen von Arbeiten mit SchülerInnen aus der Umgebung genützt, die vom Programm Schule, Nachbarschaft & Wir aus dem Programm Communities & Bildung der Manifesta 16 präsentiert wurden. Versucht die Manifesta 16 hier den ausbleibenden Kunstunterricht an Schulen ersetzen, oder gar die massiven urbanen und gesellschaftlichen Probleme zu lösen?

St. Anna- Hatay Engin Musikhalle, Gelsenkirchen-Schalke

Der bislang größte Kontrast von innen und außen. In den Straßen rundum sind Häuer einsturzgefährdet. Entweder stehen sie unbewohnt da oder unbezahlt bewohnt. Das halbe Viertel ließen die Gelsenkirchner Behörden bereits schleifen. Solchen Verfall sieht man hierzulande selten. Am Rande des Viertels erhebt sich die St. Anna-Kirche, 1971 fertiggestellt, also noch in der Zeit des Wirtschaftswunders, das im Ruhrgebiet sein Zentrum hatte. Die Kirche steht heute wie ein transhistorisches Überbleibsel da in einer Ruinenlandschaft. Gürsoy Dogtas, deutsch-türkischer Kurator aus München, hat hier eine Anthologie deutsch-türkischer Kunst der letzten Jahrzehnte zusammengetragen. Es fehlen trotz der historischen Dimension der Präsentation sehr viele Namen, die teils im Kunstgeschehen eine große Rolle spielen. Das ist aber nicht der wesentliche Aspekt.

Wenn Manifesta 16 Ruhr glaubt, diese Anthologie deutsch-türkischer Kunst der letzten Jahrzehnte würde irgendjemanden in diesem urbanen Umfeld interessieren und anziehen, liegt sie daneben. Neben uns waren zwei gleichfalls deutsche Besucher, die auf ihren Elektrorädern unterwegs waren und die langweilige Ausstellung als Ruhepunkt nutzen.

Liebfrauenkirche, Duisburg-Mitte

Man kann die Manifesta 16 aus verschiedenen Richtungen angehen. Das entspricht der Ruhr-Region, in der die Einwohner auch beständig in alle Himmelsrichtungen zirkulieren. Ähnlich wie bei den auf den ersten Blick unverständlich großen Entfernungen zwischen den Ausstellungsorten ist auch in der Ruhr-Region die Bevölkerung ebenso ständig in einem unüberschaubaren Labyrinth aus Straßen, Autobahnen, Regionalbahnen, S-Bahnen usw. unterwegs. Dann ist das Orte-Chaos von Manifesta 16 durchaus gelungen.

Geht man es vom Südosten an, grob gesprochen aus Düsseldorf, erweisen sich die Ausstellungen als von anderem Niveau. In der Liebfrauenkirche in Duisburg, wo die Ausstellung von Henry Meyric Hughes und Martin Kurtz verantwortet wird, findet man sich unvermittelt auf internationalem Spitzenniveau. Es beginnt gleich mit Elizabeth Price und ihrer neuen Videoarbeit, welche Kirchenarchitekturen in NRW und Großbritannien aus Bergbaugebieten vergleicht. Die Hauptinstallation im großen Kirchenraum ist das Beste, was in dieser nunmehr Kunstausstellungen gewidmeten früheren Kirche je zu sehen war. Der britische Künstler Abbas Zahedi schuf eine skulpturale und auditive Großinstallation aus alten Orgelpfeifen. Sie stammen aus ganz Europa stammen, auch aus bombardierten Kirchen der Ukraine, welche insbesondere auch im Dialog mit der brutalistischen Kirchenarchitektur standhält. Im Dialog mit der Installation von Emil Walde, kürzlich diplomiert an der Kunstakademie Düsseldorf, die aus verschlissenen Drahtglasfenstern des kürzlich abgerissenen Duisburger Hauptbahnhofs besteht. Walde installierte sie vorzüglich in den Bereich der früheren Beichtstühle. Es gibt sich hier ein Erlebnis, das den besten Großausstellungen der 1980er und 1990er Jahre nahekommt.

Markuskiche, Essen-Frohnhausen

Auch hier muss man sich mit Geduld wappnen und auf Spurensuche gehen, so sehr ist diese protestantische Kirche, 1961-63 von den Düsseldorfer Architekten Müller-Zantop & Kahlenborn errichtet, in einem eng verwobenen Quartier mit guter Neubauqualität und einer schönen Aussicht auf Essener Naturlandschaften versteckt. Die Kirche wird erst seit Mai dieses Jahres nicht mehr für Gottesdienste genützt. Das Umfeld weist weiterhin einen protestantischen Kindergarten auf, für den das Manifesta-Ensemble während unseres Besuchs als Festgelände genützt wurde, mit der Pastorin als Orchestrorin, die gleichwohl nicht die Biennale Manifesta erwähnte, nur deren Mobiliar benützte, das von Pele Collective, einer weiteren Architektengruppe aus Barcelona, aufgebaut wurde.

Der Innenraum der Kirche ist – kuratiert von Henry Meyric Hughes und Martin Kurtz – ein hervorragendes Beispiel für die sinnstiftende Transformation eines bestehenden Raums durch aktuelle und junge bildende Kunst. Augustas Serapinas aus Litauen hat aus den seit der kürzlichen Stilllegung der Kirche nicht mehr verwendeten, aber unberührt erhaltenen Kirchenbänken eine zweite Architektur in der Kirche gebaut, welche eine Plattform bildet, auf der man im höheren Glasfensterbereich der Sakralarchitektur steht. Das ist plastisch und konzeptuell überzeugend. Das übriggebliebene Material der Kirchenbänke hat Serapinas an den Seitenwänden gestapelt. Man denkt an Joseph Beuys und seinen Umgang mit bestehenden Räumen bzw. seinen symbolischen Setzungen mit solchen Materialstapeln. Es ist gleichwohl nicht epigonal, sondern gut gesehen und überzeigend.

Die zweite wesentliche Arbeit in diesem Raum stammt von Lili Lake (auch die studierte an der Kunstakademie Düsseldorf). Lake bringt in diskret sichtbarer Weise Mikrophone, als skulpturale Teile, im Gebälk der modernistischen Dachkonstruktion an und machte daraus eine kaum auffallende, raumfüllende Soundarbeit. Beides zusammengenommen reicht bereits für diesen Kirchenbau und eine gelungene Transformation.

St. Gertrud, Essen-Mitte

Verantwortet von René Block und der jungen Berliner Kuratorin Leonie Herweg. Block ist einer der altgedienten Kunstvermittler als dieser Begriff in den 1960er Jahren aufkam und neben Anda Rothenberg und Henry Meyric Hughes einer der drei noch lebenden Begründer der Manifesta-Idee. Eigentlich enttäuschend, weil die Ausstellung in einer Kirche unterkommt, in der auch die private, kommerzielle Hochschule der Bildenden Künste Essen Mieter ist. So erscheint die Manifest 16 hier als ein Untermieter, mit einer sehr ungünstigen Raumsituation. Da kommen selbst WeltkünstlerInnen wie Halil Altindere, Ayse Erkmen und Mona Hatum, Olaf Metzel oder Donja Nasseri nicht so gut weg.

St. Marien, Essen-Karnap

Hier gelingt es dem Duo René Block und Leonie Herweg sehr überzeugend mit in situ-Arbeiten von John Dodge und Katharina Fritsch, Jaroslaw Kozlowki, Mira M. Yang und anderen, darunter Alicja Kwade, einer deutschen Künstlerin polnischer Herkunft (geb. 1979 in Kattowitz). Die Kirche von 1961-63 soll demnächst abgerissen werden, stellt mit ihrer kubistischen Struktur jedoch ein Kulturdenkmal der Suche nach dem Modernismus bzw. der Anknüpfung an die Moderne Kunst dar, welche die bundesdeutsche Geschichte dieser Jahrzehnte bis heute prägt. Die zentrale Installation von John Dodge ist sehr gut auf unauffällig vorgetragenem Abfallmaterial vor Ort angelegt. Dodges Arbeit nimmt den Raum auf und führt ihn mit multiplen Sinnandeutungen in unsere Gegenwart. Sie gibt diesem verwaisten Sakralraum einen neuen Raumbegriff, auf dessen Grundlage sich das überraschende Birken-Kreuz von Katharine Fritsch, das Skulptur-Ensemble von Alicia Kwade und die filmische Arbeit von Mira M. Yang sehr gut ausbreiten können.

Da macht sich der Besuch der Manifesta 16 bezahlt. Was auffällt ist, dass der Umgang mit Raum, mit Sakralität und mit Zeit notwendigerweise durch eine Referenz auf Joseph Beuys verweilt. Diese Referenz ist in der Manifesta 16 Ruhr in vielen ausgestellten Arbeiten unübersehbar. Nur stellt sich die Frage: Ist sie eine Hilfskonstruktion oder ergibt sich aus ihr eine originäre Position? Und weshalb spricht die Manifesta 16 Ruhr das nicht an?

Die Manifesta stößt an Ihre Grenzen

Die zweite Frage besteht in der weitgehenden Unbesuchbarkeit der Manifesta 16 Ruhr. Die ersten 15 Ausgaben von Manifesta fanden in urbanen Räumen statt. Sie konnten so unterschiedlich sein wie in Palermo, San Sebastian, Krishtina oder Marseille. Die Ruhr-Region ist jedoch kein urbaner Raum, sondern ein sehr großflächiges destrukturiertes Geflecht urbaner Räume in der post-industriellen Krise.

So stellt sich die Frage, ob Manifesta, hier ausgeschildert als „die nomadische europäische Biennale“, sich nicht hier übernimmt. Die Idee der Gründungsväter von Manifesta bestand 1993 darin, eine Biennale ohne festen Ort zu schaffen, welche alle zwei Jahre eine Bilanz der jungen Kunst aus allen Teilen Europas, die nicht mehr durch den Eisernen Vorhang getrennt waren, zu veranstalten. Davon driftete Manifesta zunehmend zu einer nomadischen Biennale ab, die mit aktueller Kunst in sozialen Problemgebieten in verschiedenen Teilen Europas auftritt. Die Manifesta 16 Ruhr zeigt die Grenzen dieses Konzepts auf.

Der Besuch aller Stationen/Kirchen ist kostenfrei. Aber nicht kostenlos. Mit einem Etat von 10 Millionen Euro dürfte diese Manifesta die teuerste aller Zeiten sein. Nun feiert sie sich nach zwei Wochen Laufzeit mit 35.000 Besuchen. Doch ist der Zuspruch mäßig. Zumal die vielumworbenen Menschen aus der Nachbarschaft bleiben fern. An den beiden Eröffnungstagen nahmen kaum 150 Personen „eine vielfältige internationale Gästeschar“ (Pressetext) teil. Auch das ein eher schütteres Aufkommen.

Warum die große Eröffnung dann auf einem Gelände stattfand, das gar nicht zur Manifesta gehört, ist verwunderlich. Wo hat es das bei einem Festival schon mal gegeben? Die Zeche Zollverein ist vielleicht Weltkulturerbe, aber nun mal keine Kirche. Wie viele der freundlich geschätzten 2500 Gäste auf Zollverein sich auf den Weg zu den weit verstreuten Stationen machten ist nicht bekannt.

Fritz von Unruh


Hinweis

„Manifes-ta+“
heißt das Beiprogramm der Manifesta 16 Ruhr.

Ein Open Call an alle, ob Kindergarten, Yogagruppe, Kleingartenvereine oder Einzelkünstler ging raus. Gesucht wurden „kreative Konzepte, die soziale, kulturelle oder ökologische Fragestellungen aufgreifen und ihre Formate gemeinsam mit den Menschen vor Ort entwickeln.“ 217 Einsendungen erreichten die Organisatoren, 145 aus dem Ruhrgebiet. 15.000 Euro stehen pro Projekt zur Verfügung, 16 Projekte werden umgesetzt.

Gürsoy Doğtaş, einer der Kuratoren der Manifesta ist auch Mitglied der Jury zeigt sich erfreut: „Wie groß in der Region nicht nur das Interesse, sondern auch die kreative Eigeninitiative und die Bereitschaft sind, kulturelle und soziale Räume aktiv mitzuformen.“.

Im Gemeindezentrum Fulerum der Evangelische Kirchengemeinde Essen-Haarzopf hat beispielsweise beate gärtner ihr Nachbarschaftskunstprojekt Sacred Kitchen (Heilige Küche) eingerichtet. Am Samstag, den 11. Juli, um 17 Uhr findet der zweite Kochabende statt, den die ukrainische Medienkünstlerin Julia Priss begleiten wird. Sie wird ihr Lieblingsrezept vorstellen und es zusammen mit allen Teilnehmenden zubereiten. Am Samstag, den 08.August bietet die Kirchengemeinde um 14.00 Uhr das Fest der Toten – Picknick auf dem Friedhof an.

Bitte anmelden unter der Email: sacred.kitchen@beategaertner.com


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