Kirchenkrisenmanifesta Ruhr

Kirchenglocke zu Hüpfburg. Transformation a la Manifesta in Bochum


Ein Kommentar von Maria Sybilla Schmidt

Erst starben die Zechen, jetzt die Kirchen. Man darf fragen, welches von beiden tiefer geht. Die Christianisierung der Region Ruhr erfolgte im 9. Jahrhundert. Ein Strukturwandel ist weder hier noch da in Sicht. Allein die überirdischen Bauten stehen einstweilen noch, werden abgerissen oder finden einen neuen, profanen Inhalt.

Zechen wie Kirchen sollen in eine neue Art „Gemeindezentren“ überführt werden. Was sonst? Viel öffentliche Förderung ist verlangt. Was hat die Kunst damit am Hut? Jetzt sorgt die Manifesta Ruhr – rund zehn Millionen Euro öffentliche Gelder – für einen Schub zeitgenössische Kunst in aufgelassenen Kirchen. Ob sie auch bei den neuen Gemeinden ankommt?

Manifesta 16 Ruhr ist die einzige große, internationale Kunstausstellung in Deutschland in diesem Jahr. Sie findet zum 16. Mal statt, 30 Jahre nach der ersten Manifesta in Rotterdam 1996. Deshalb sind drei Gründungsmitglieder, René Block, legendären Kunstvermittler – er hat die Beuys Aktion mit dem Coyoten 1974 in New York organisiert, Anda Rothenberg, die grande dame des unabhängigen polnischen Kunstgeschehens der 1980er Jahre und der Jahre nach dem Ende des Kommunismus, und Henry Meyric Hughes, Direktor des British Council und dann der Hayward Gallery erneut mit von der Partie. Die drei beschlossen 1993 an der Biennale von Venedig, dass zwar der Eiserne Vorhang eingestürzt sei, sich aber an der geopolitischen Verteilung der Kunst in Europa noch nichts geändert habe.

Daraus entstand Manifesta, die wandernde Biennale, in den ersten Jahren ausgeschildert als „europäische Biennale junger Kunst“. In den ersten fünf Austragungen – Rotterdam, Luxemburg, Ljubljana, Frankfurt, San Sebastian – war die jeweils kommende Austragung institutionell nicht abgesichert, bis Hedwig Fijen, 1993 auch bereits dabei, die Manifesta International Foundation in Amsterdam gründete, deren Direktorin sie bis heute ist.

Was ist die Manifesta heute?

Großartig, was da an der Ruhr stattfindet. Wann haben so viele international relevante Ausstellungen aktueller Kunst im Ruhrgebiet stattgefunden? Wohl noch nie. Das hat Dimension. Man muss da hin, alles ansehen!

Damit entsteht aber bereits das Problem. Die Ausstellungsorte liegen so weit voneinander entfernt (hätte man nicht alles auf die Zeche Zollverein konzentrieren können? – das wäre der Hammer gegenüber der documenta und den Skulptur Projekten in Münster im kommenden Sommer), dass man es beim besten Willen nicht an einen oder auch zwei Tagen schafft.

Wenn ein solches Problem auftaucht, liegt es woanders, tiefer. Manifesta 16 Ruhr ist nicht als Ausstellung aktueller Kunst gedacht, sondern als reparative Intervention mit aktueller Kunst in den Stadtraum, welcher sich im Ruhrgebiet in einer aktuellen Krisensituation befindet.

„Gemeinschaft wiederherstellen“, die Absicht von Manifesta 16 Ruhr, erweist sich als völlig naiv, wenn man weiß, dass Ausstellungs- und Museumsbesucher grundsätzlich – dazu gibt es keine Ausnahme in der soziologischen Forschung – nur aus Kreisen mit Hochschulbildung kommen. Dazu gibt es auch bei Manifesta 16 Ruhr kein Gegenbeispiel.

Manifesta 16 Ruhr kreist leider sozial im Ruhrgebiet in einem luftleeren Raum. Kunst muss sich mit dem Legitimationsverlust der Demokratie neu legitimieren. Dazu ist diese Manifesta kein gelungener Versuch.


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