Vom Licht lebt alles Lebendige

Gino Bühlers Lichtblätter in Thomas Schüttes neuer Kunsthalle

Gino Bühler Rheinallee, Senecio candicans (Engelsflügel), 2022

Im sonnigen Florida feierte die Art Basel Miami Beach einen fulminanten Start, während am selben Wochenende die GARAGE im Hinterhof der Hüttenstraße 90 in Düsseldorf eröffnete. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

Während die Stadt Düsseldorf ihre Kunsthalle am Grabbeplatz kaputtsaniert, stellt Thomas Schütte eine neue Kunsthalle in Eigenregie auf die Beine. Die Gleichzeitigkeit des Unvorhersehbaren.

Das timing ist Thomas Schütte „ziemlich egal“, allerdings freut ihn die Koinzidenz. Es ist ohnehin Schüttes bestes Jahr. Es begann mit der großen Retrospektive im New Yorker MoMa zu seinem 70. Geburtstag und gewann Fahrt mit Einzelausstellungen in Athen (Bernier/Eliades), Venedig (Punta della Dogana), in Berlin (Konrad Fischer Galerie), Hamburg (Produzentengalerie), Köln (BÖHM CHAPEL Jablonka Foundation) und Paris (Peter Freeman). Dazu kamen zwei schöne Bücher „Karneval im Altersheim“ (Steidl Verlag) und „Genealogie“ (Marsilio Arte). Vielleicht, mag sich dieser bescheiden auftretende Weltkünstler aus Düsseldorf – seine Webseite nennt 36 Galerien, die ihn offiziell vertreten – gedacht haben: „Warum nicht das schöne Jahr 2025 mit der Eröffnung einer eigenen Kunsthalle beschließen?“   

Der allgemeinen Hoffnungslosigkeit wird ein Pragmatismus der Sonderklasse gegenübergestellt. Seit Odysseus – „Ich heiße Niemand“ – wissen wir, wie sehr der Anfang im absoluten Staunen und die Identität am Ende im konkreten Lebensvollzug zur Geltung gebracht werden. Die Halle, eine ehemalige Großgarage, 750 Quadratmeter Grundfläche, ist ihm „über den Weg gelaufen“. Da sie zumal um die Ecke seines Atelierbüros liegt, er bereits Erfahrung mit zwei Kunsthallen (nächst der Raketenstation Insel Hombroich) sammeln konnte, über eine eigene Kunststiftung (Thomas Schütte Stiftung) verfügt, zudem Reste von Kulissen, Parkettböden, Wände von Anna Viebrock übrig waren, lag es nahe, das Angebot anzunehmen – ein „Modellversuch“.  

Altes Tor, neue Horizonte

“Ich versuche, ein Ding aus fünf verschiedenen Blickrichtungen zu sehen“, sagt der Künstler. Eine davon ist es, nachdem er so ziemlich alles erreicht hat, was ein bildender Künstler erreichen kann, anderen, weniger erfolgreichen Künstler eine Bühne zu bieten: GARAGE als Hoffnungslauf.

Der Eröffnung in Miami Beach blieb er fern und stellte sich lieber in seine GARAGE, um bei rheinischem Nieselregen die Gäste zu begrüßen. Champagner floss zur Eröffnung keiner, nicht mal Mineralwasser wurde geboten. Dafür umso mehr Kunst.

Gino Bühler in seiner Ausstellung in der GARAGE

Wer die Eröffnungsausstellung der neuen Kunsthalle übernehmen sollte, war schnell klar: Gino Bühler. Selbst Kennern der Düsseldorfer Fotoszene ist Bühler kaum bekannt. Schönewald zeigte seinen Pflanzen-Zyklus 2022 zu photo+. Der Fotograf, in Zürich aufgewachsen, seit 1969 in Düsseldorf ansässig, aber erst seit 1993 „in seiner Form“ als Fotograf unterwegs, hegt eine besondere Art der Annäherung an seine Motive. Er lässt es en passant geschehen. „Das Motiv ist nichts, es findet mich“.

Bühler hat sich den Pflanzen verschrieben. Aber weder botanische Seltenheiten, noch vom Aussterben bedrohte Spezies, weder exotische Raritäten, noch Blühwunder aus dem Gartencenter machen ihn an. Es sind die Allerweltspflanzen am Wegesrand, die ihm zusprechen und zustoßen. „Es kommt dazu, dass wir uns begegnen“, sagt er lapidar, doch kein bisschen gleichgültig. Im Gegenteil, Bühlers Begegnungen ereignen sich in einem Spannungsfeld. „Ich bin den Pflanzen zugeneigt und es geschieht dann etwas. Es geschieht dann, dass die Pflanzen sich mir zuneigen.“ Im Vorbeigehen kann es also passieren, dass eine Großstadtpflanze am Strassenrand, Wilder Wein, Farm, Frauenmantel, Funkie, Bergenie, Engelsflügel oder schnöder Lebensbaum sich ihm in ihrer Schönheit zeigt, sie ihm ins Auge sticht und er sie aufnehmen möchte. „Und wie sie mir auffällt, möchte ich sie auch aufnehmen. Eigentlich, um ihr gerecht zu werden in ihrem Ungesehen-Sein.“

„Wenn die wach werden, wenn sie sich noch die Augen reiben, dann fotografiere ich sie.“

Und von ihrer lichtempfindlichsten Seite! Morgens, nach der Nacht, vor Sonnenaufgang. Wenn die Sonne noch nicht über den Horizont gekommen ist, im zartesten Tageslicht schleicht Gino Bühler mit seiner Kamera heran. „Wenn die wach werden, wenn sie sich noch die Augen reiben, dann fotografiere ich sie.“ Seine Aufnahmen enstehen zwischen 4 und 7 Uhr in der Frühe. Es braucht dazu klare Witterung, Windstille, Kern-Tief oder Kern-Hoch über der Fundstelle. Seine Sinar-Swiss 8 x 10 inch Analogkamera hat er auf Blende f/32 bis f/48 eingestellt, Belichtungszeit 4 bis 12 Sekunden. Sein vis á vis wird gerade vom ersten Tageslicht geküsst, der Fotograf ist schon hellwach. Der Auslöser klickt sanft, die Pflanzen nicken der Kamera leise zu.

Bot. Garten ll, Heuchera miccrantha (Purpurglöckchen), 2020

Bühler kam früh zu den Pflanzen. Als Schüler fand er Anschluss an die Gartengruppe der Rudolf Steiner Schule in Zürich und lernte hier, dass alle Pflanzen Respekt verdienen und vor allem Licht brauchen. Erst dann kommt es zur Photosynthese. Bis ihm ein Licht aufging brauchte es dann einige Jahrzehnte: Photosynthese wie Photographie sind lichtabhängig, lichtempfindlich und lichthungrig.  

„Meine Erfahrung lässt mich wissen, was der Trick der Photographie ist. Ich wende sie an, um den Pflanzen Aufmerksamkeit zu schenken, damit sie wahrgenommen werden, dass es sie gibt.“

Bühlers Aufnahmen hat man als Pflanzenportraits bezeichnet. Sie sind bestens ausgeleuchtet und porentief, technisch perfekt und hochprofessionell vergrößert. Doch zeigt er die Pflanzen nicht als Ganzes, sondern ja nur ihre ausgebreiteten, sonnenhungrigen Häupter, nicht Wurzel, Stiel oder Stengel, nicht Blüte oder Frucht. Auf ihr Blattwerk kommt es ihm an, auf das sonnenhungrige Laub, auf die Chloroplasten, wo sich die Photosynthese erreignet.

Längst ist der chemische Prozeß erforscht und Schulbuchweisheit. Gino Bühler aber bringt uns das Erstaunen zurück. Er führt uns das gelüftete Geheimnis als Mysterium erneut vor Augen. Das gelingt ihm mit Vorliebe am Beispiel x-beliebiger Blattwerke. Purpurglöckchen reckt alle seine zarten Blättchen dem Morgenlicht entgegen.

Frühmorgendliche Pflanzenekstasen

 Es ist im Grunde wie es Marcel Proust beschrieben hat. Eine gänzlich andere Welt zwar, an der sich das Glück des Schriftstellers entzündet, doch auch für ihn gründet das Kunstwerk im „Pulsschlag einer einzigen glücklichen Minute“, wie es ihm in Anbetracht eines Elstir-Aquarells geschieht. Oder in den „minutes profondes“, wie sie ihm bisweilen auf seinen Spaziergängen angesichts einer Weißdornhecke, den Kirchtürmen von Martinville oder bei den Klängen des Septetts von Vinteuil zustoßen. Wie Proust aus seinen Natur-, Erinnerungs- und Kunstekstasen seinen Roman organisiert, dürfen wir uns vorstellen, gewinnt Bühler seine Bilder aus seinen Pflanzenekstasen. Was bei Proust die Promenade, ist bei Bühler der Stadtspaziergang. Wie Proust geht auch Bühler von der alltäglichen Wirklichkeit aus, um daraus „die andere Welt“ Kunst entstehen zu lassen, um sie wieder dorthin einfließen zu lassen. Das beschreibt in etwa das Mysterium, um das es hier wie dort geht. Eine Wiederverzauberung der entzauberten Welt, um einen neuen Zauber in die Wirklichkeit zurückzuführen. Darin liegt eine Hoffnung, die den Pragmatismus und alles Materielle transzendiert.

Es ist vielleicht wie bei der dem Photo-Zyklus namengebenden Photosynthese. Sie ist ein Stoffwechsel, ein Austausch von unterschiedlichen Organismen, die sich wechselseitig ernähren und immer erneut ernähren und daraus alles Leben auf der Erde erst entstehen lassen.

Mit Gründung der Art Basel Miami Beach hat sie die Stadt so grundlegend verändert wie nicht zuvor. Miami Beach war ein Art-déco-Museum, in dem kälteflüchtige Rentner, Exilkubaner und verwitterte Don-Johnson-Lookalikes herumsaßen. In den Seitenstraßen war es abends gefährlich. Jetzt sieht es dort so sauber aus wie in der Schweiz. Die Kunst beschert der Region laut Analysten Wirtschaftskraft im Wert einer halben Milliarde Dollar. Ob solche Transformation auch in der Friedrichsstadt mit der Gründung der neuen Kunsthalle vonstatten gehen wird?

Von einer anderen Transformation war einst in Düsseldorf die Rede: Dass nämlich Kunst die Gesellschaft verändere, oder zumindest einen Einzelnen. Davon ist zuletzt wenig geblieben. Bühlers Photosynthese sendet da ein Hoffnungszeichen.

Carl Friedrich Schröer


Gino Bühler – Photosynthese. Urformen des Lebens
bis 29. März 2026
GARAGE, Hüttenstraße 90, Düsseldorf

COUNTERMEASURES – Jane und Louise Wilson
Kuratiert von Juliane Duft
06. Februar bis 16. August 2026
Eröffnung: Sonntag, 08. Februar 2026, 12 – 17 Uhr
Skulpturenhalle Neuss, Raketenstation Hombroich, Neuss/Holzheim

Thomas Schütte
bis 24. Januar 2026
Galerie Peter Freeman, Rue de Montpensier 7, Paris


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