Miron Schmückles Wunderwerk und Weltenlabyrinth

Vorahnung der Natur

eiskellerberg film production
Miron Schmückle, Dtl. 2022, ’08:06
Yaël Kempf / Carl Friedrich Schröer

 

“Das eben geschieht den Menschen, die in einem Irrgarten hastig werden:
Eben die Eile führt immer tiefer in die Irre.”  Seneca d.J.

 

Worin die sonderbare Wirkung dieser Bilder liegt, ist zunächst nicht zu sagen. Sie verschlagen selbst dem die Sprache, der stets einen Kommentar parat hat. Doch soll hier weder die “stumme Erfahrung“ als Ausdruck höchster Subjektivität, noch das Unsagbare aufgewertet werden. Betrachten heißt sich öffnen: Es beansprucht jede Sekunde, jede Bewegung (Motion und Emotion), es fesselt Körper und Geist.

Ich bin vor einem Bild Miron Schmückles sprachlos geblieben und sogar lange. In stummer Bewunderung vor der überwältigenden Schönheit, den unfasslichen Pflanzenwucherungen.

Vielleicht – einfacher – erstaunt und erleichtert, getragen und gebannt vom Reichtum der Farben und Formen, von der Unbeweglichkeit, die keine ist, die sich aufzulösen scheint in Wachstum und Werden, im Aufscheinen und sich wieder Entziehen. Was sich zuerst an den irrisierenden Farben zeigt, den Überblendungen, den Lasuren, den delikaten Verläufen, die eine entwickelte Tuschetechnik hervorbringen.

Mangel heißt Begehren. Also eine Potenz. Sprachloses Betrachten kann der Sprache eine Möglichkeit öffnen. Wo die Worte fehlen, dort genau öffnet sich ein Horizont, um bis dahin unvorstellbare neue Worte, Sätze, Gedanken zu erfinden.

Erst dann, in Erinnerung an die Erfahrung des Verstummens, könnte ich „sagen versuchen“ wie Becket es ausdrückt. Erst dann – in diesem fast schmerzhaften Atmen der Sprache zwischen dem, was sich zeigt, und dem, was sich entzieht – begänne die Erfahrung des Sehens, zum Denken zu werden (George Didi-Huberman).

Selbstverständlich lässt sich Schmückles Malerei herleiten aus den illustrierten Pflanzenbüchern der Heilmittellehre der Frühen Neuzeit (u.a. „Gart der Gesundheit“ erschienen 1485) den Florilegien der Lustgärtnerei (Hortus Eystettensis, 1613) wie auch aus der exotischen Pflanzenwelt (Maria Sibylla Merian, 1750).

Zuletzt hat Kirsten Claudia Voigt eine Herleitung von Miron Schmückles Arbeiten aus wissenschaftlich-aufklärerischen Traditionen geleistet (Kunstforum Int. Bd. 281) und Mathias Gatza hat über die Quellen seiner Malerei aus den Tiefen der frühneuzeitlichen Wunderkammern und den Universen botanischer Schönheit geschrieben (WELTKUNST, Sonderheft 197).

Wer wüsste es besser als Schmückle selbst, hat er doch 2016 mit einer Studie über Joirs Hoefnagels Kabinettminaturen promoviert. „Quod in fructibus humor, hoc in hominibus est amor“ (Was in den Früchten der Saft, ist in den Menschen die Liebe) hat er als Leitspruch auf den Titel drucken lassen.

Damit gibt dieser doctor pictus uns den vielleicht entscheidenden Hinweis. Was sind seine Gemälde denn: Genaue Darstellungen der belebten und unbelebten Natur in der Tradition aufklärerischer Blumenmaler? Oder sind es vielmehr Bilder von Säften (humor), die die Welt bewegen? Gemalte Welten, orbis pictus, die von der Liebe (amor) gerieben wird?

II.

Was mich verstummen ließ, war es vielleicht ein Schrecken? Ein Erschrecken vor der jäh vor Augen stehenden breit gelagerten Pracht, oder vor der überwältigenden Undurchdringlichkeit? War es ein Erschrecken vor der hier ausgebreiteten Schönheit, einer radikalen Schönheit ohne jedes Anzeichen von Welke und Vergänglichkeit. Eine Welt im schönsten Werden ohne memento mori? Oder war es eine Angst, mich in Rausch und Opulenz zu verlieren?

Das Labyrinthische dieser souverän auf dem Blatt erscheinenden organologischen Fantasiegebilde wurde mir erst bewusst, als ich die Vorzeichnung sah. Schmückles disegno, sein Entwurf auf den späteren Malgrund mit Bleistift gezeichnet, ist in wochenlanger Arbeit tatsächlich nach Art eines Labyrinths organisiert. Die Opulenz ist hier keine natürliche Wucherung an sich, vielmehr sind die Triebe und Verästelungen wohl organisiert, es sind verbundene Linien und Wege, sie lassen sich über das Blatt verfolgen. Die Ausmalung der Vorzeichnung erfordert dann sechs, manchmal sieben Monate.

Labyrinthe sind keineswegs Ausdruck von Ausweglosigkeit: Bezeichnend ist nicht, dass der Ausweg fast unmöglich ist, sondern dass es ihn doch gibt. Ein Wunderbau voller gewundener, sich ineinander schlingenden Irrgänge, die jedoch einem Muster folgen. Seit der Antike sind sie mit der Unterwelt (dem Hades) verbunden, als Zeichen für Tod und Leben stehen sie für Unendlichkeit. In der dunklen Mitte der Minotaurus, aber der Rettungswegs ist vorgezeichnet. Über den gelangt die Rettung (Theseus) von außen hinein und wieder hinaus.

Unter den Mustern ist der Mäander vielleicht die älteste Form. Es ist dieses Ornament, das für die Erlangung der Ewigkeit durch fortwährende Reproduktion steht: Ein alterndes Wesen setzt ein junges an seine Stelle und erlangt so Unsterblichkeit. Das ältere Wesen rollt sich zusammen, während sich ein junges entfaltet. Es ist eine Anspielung auf den uralten und ewig jungen Gott Eros (röm. Amor) und die sich ewig erneuernde Energie des Kosmos. Nicht zu übersehen: In den floralen Mustern Schmückles ist Eros immer im Spiel, immer das alte Werden und Vergehen, das fortwährende Zeugen, das köstliche, verschlingende Fortpflanzen und das Sterben, die sich ewig erneuernde Energie des Kosmos.

Der Mäander (seine Ursprungsform geht auf den vielfach gewundenen Lauf des kleinasiatischen Flusses Mäander zurück dann auf Webe- oder Flechtmuster, die sich schon in der Hallstattkultur und im alten Brasilien nachweisen lassen) gilt als Gleichnis des natürlichen Lebens.

Aus dem Mäander entsteht das Labyrinth. Durch die gemeinsame Bewegungsform sind sie miteinander verwandt. Beide Figuren haben eine vielfach kunstvoll verschlungene Linie mit einem bestimmten Anfang und einen bestimmten Verlauf.

III.

Mein Hinweis auf Labyrinthe und das Labyrinthische der Bilder Miron Schmückles soll hier zur Befreiung des Blicks dienen. Zur Erweiterung des kunsthistorischen Blicks voller Bezüge auf Florilegien und Wunderkammern mitsamt aller wohlfeilen Verweise auf die Pflanzen- und Stillebenmalerei in Renaissance und Barock. Doch sind sie weder Muster noch Ornament, vielmehr frei erfundene Luftgewächse, Geflecht und Gespinst, hybrid und schwebend, „vitaler Materialismus“ (Jane Bennett).

Schmückle selbst hat uns die Spur gelegt. Vielleicht nur, um uns mit aller dargebotenen Delikatesse und Raffinesse in seinen fein gemalten Mini-Kosmos hinein zu locken. Um dann eine eigene Lösung zu finden.

Denn im Unterschied zu historischen Blumenbildern, will seine Kunst nicht mehr nur etwas bedeuten, sondern sie will etwas sein. Die Überwindung der „Nachahmung der Natur“ (Mimesis) könnte hier in den Gewinn einer „Vorahnung der Natur“ umschlagen. Sind die unendlichen Welten nur unendliche Spielarten einer Grundfigur, eines Musters des Seins? Wäre das aber nicht ein Zirkel, der uns genau dahin zurückführt, wo wir aufgebrochen waren? – „Es ist ein entscheidender Unterschied“, so Hans Blumenberg (Wirklichkeiten, in denen wir leben) „ob wir das Gegebene als das Unausweichliche hinzunehmen haben oder ob wir es als den Kern von Evidenz im Spielraum der unendlichen Möglichkeit wiederfinden und in freier Einwilligung anerkennen können.“

Natürlich ist Eros im Spiel: Aber nicht in der Weise wie wir Natur, Pflanzen und Blüten immer schon mit Erotik in Beziehung setzen. Keine Anspielung hier, keine Bestäubungsszene und keine Fortpflanzungsorgie.

Wie jede Pflanze  doch einen kosmischen Plan erfindet und eröffnet, in dem kein Gegensatz zwischen Materie und Fantasie besteht, zwischen Vorstellung und Selbstentwicklung. so auch hier.

Das letzte Kapitel seines wundervollen Buches Die Wurzeln der Welt widmet Emanuele Coccia dem Zusammenhang von Vernunft und Sexualität: „Die Vernunft ist eine Blüte: Die Vernunft ist nicht und wird nie ein Organ mit klar definierten, stabilen Formen sein. Sie ist ein Organverband, eine Fortsatzstruktur, die den gesamten Organismus und seine Logik zur Diskussion stellt.“ In diesem Sinn sind Schmückles Bilder Vorahnung der Natur, ein Ergebnis der Verschränkung und Veränderung, eine Bewegung des Kosmos.

Carl Friedirch Schröer


flowers forever – Blumen in Kunst und Kultur
Kunsthalle MünchenFebruar bis August 2023Anschließend im Musée D´Impressionistes, Giverny, Frankreich


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