
Noch gut drei Monate, dann eröffnet die Manifesta 16 Ruhr. Mitten im Ruhrgebiet, in St. Joseph, hat die Manifesta 2026 ihr „Headquarter“ bezogen. Hier, in Gelsenkirchen Ückendorf fand auch die Auftakt-Pressekonferenz statt. St. Josef in Ückendorf ist gut gewählt. Ückendorf ist AfD-Hochburg. Hier kam die „Alternative für Deutschland“ zuletzt (Bundestagswahl 2025) auf deutlich über 30 Prozent. Ein Ausnahmeergebnis im Westen.
Frank Dudda, SPD, Präsident des Ruhrparlaments und des Aufsichtsrats der Manifesta 16: „Hier ist alles unfertig, hier ist alles rau, wir haben wenig Geld.“ Knapp über 10 Millionen an Etat wird diese Ruhr-Manifesta dennoch kosten. Mit kostenlosem Eintritt zu allen Veranstaltungen in 12 Kirchen in den vier Ruhrgebietsstädten Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen will man die 300.000 Besucher, die man in Barcelona vor zwei Jahren erreichte, überbieten.

Als „zentrale Frage“ hat sich das kuratorischen Team aus Henry Meyric-Hughes, Josep Bohigas, René Block, Krzystof Kosciuczuk, Anda Rottenberg, Leonie Herweg, Michael Kurtz und Gürsoy Doğtaş, die Kirchenfrage ausgesucht. „Wie kann die Transformation von Kirchengebäuden der Nachkriegszeit zu Orten des zivilgesellschaftlichen Lebens, des körperlichen Wohlbefindens und der gemeinschaftlichen Begegnung führen?“ Nach den Hinterlassenschaften der Schwerindustrie, den Zechen, Hochöfen und Hüttenwerken steht nun die nächste Transformation auf dem Programm. Ein Fall für die Manifesta, die sich gerne in Krisenregionen und Transformationsprozesse einklinkt.
Mit den Kirchen hat sich diese Manifesta ein typisches und ein heikles Thema ausgesucht. Könnte sein, dass sich manche unter den erwarteten 300.000 Besuchern fragen, warum es zum Leerstand so vieler Kirchen im Land kommt. 1500 Kirchen stehen allein in NRW auf der Kippe. Sie werden bis 2030 überflüssig, also geschlossen. Die Kirchen verlieren Millionen an Gläubigen, auch wegen der Missbrauchsserien an Kindern und der Unfähigkeit der Kirche diese aufzuklären. Könnte auch sein, dass Besucher sich wundern, warum überhaupt so viele Kirchen gebaut wurden.

Die katholische Kirche St. Josef, Grundsteinlegung 1894, wuchs in den 1920er Jahren zur größten Pfarrgemeinde Deutschlands heran, seit 1987 steht sie auf der Denkmalliste, am 14. Mai 2023 wurde die letzte Heilige Messe gefeiert und die Kirche entweiht. Ihre evangelische Schwesterkirche steht nur ein paar Meter die Ückendorfer Straße hinunter. Beide Kirchen präsentiert sich ebenso wie die Wohnhäuser hier mit dem Eingang zur Straße hin.
Kirchen sind anders. Gotteshäuser sind für den Glauben an einen christlichen Gott errichtet. Sie reichen mit ihrer baulichen Gestalt daher in einen überweltlichen, spirituellen Bereich hinein und weisen mit ihrer Baulichkeit weit zurück in eine Tradition des christlichen Abendlands. Keine 20 Kilometer sind es von St. Josef in Ückendorf zu St.-Ludgerus in Essen-Werden, dem bedeutendsten spätromanischen Kirchenbau im Rheinland. Sie wurde zu Beginn des 9. Jahrhunderts als Abteikirche des Benediktinerklosters Werden gegründet. Karl der Große brachte mit den karolingischen Reformen auch das Christentum in die vormals heidnischen Gebiete der Sachsen. Der Schritt zum Monotheismus war eine epochale Entwicklung auch in den Gebieten östlich des Rheins und der Weser.
Durch den Zuwachs moderner Kirchenneubauten nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurden die Kirchen zu Symbolen einer neuen Demokratie. Heute, wo viele der Kirchenbauten ungenutzt sind, untersucht die Manifesta 16, wie sie als Räume zur Stärkung der Zivilgesellschaft und des Gemeinschaftsgeistes neu gedacht werden können. Die Bedeutung von Nähe und die Notwendigkeit, nicht-kommerzielle öffentliche Räume zu schaffen, in denen Communities zusammenkommen, Zeit verbringen und den Alltag gestalten können, zählt zu den zentralen Themen der Urban Vision, die Josep Bohigas, Urbanist aus Barcelona, vorlegt. Die Manifesta 16 möchte zum Modell werden, wie die Entwidmung von über 20.000 Kirchen in Deutschland in den nächsten zehn Jahren gelingen kann. Ohne sich über den geschichtlichen Rahmen klar zu werden, in dem die Kirchen hier stehen, ohne eine Position auch zur Bedeutung und den Inhalten der Christianisierung, wird es ihr bei einer profanen Umnutzung bleiben. Transformation selbst ist ein christlicher Begriff.
An erster Stelle steht „die Migration“, dann folgen so weitgefasste Themen wie „Desinformation, Polarisierung, kollektive Gedächtnisprozesse und die Schaffung lebenswerter urbaner Räume.“ Ob sich daraus die angestrebte Transformation der Kirchen gewinnen lässt? Ein wenig geschichtsvergessen nimmt sich das profane Programm der Kirchen-Manifesta Ruhr allerdings aus.
Die Manifesta 16 will Migration, Desinformation, Polarisierung, kollektive Gedächtnisprozesse und die Schaffung lebenswerterer urbaner Räume thematisieren und ein „facettenreiches Kaleidoskop aus partizipativen Bottom-up-Projekten und neuen Auftragsarbeiten“ schaffen. Die ehemaligen Gotteshäuser sollen durch eine „Kombination aus künstlerischer und räumlicher Regeneration, urbaner Transformation und sozialer Aktivierung neu interpretieren“ werden.
Der interdisziplinäre Ansatz wird von über 50 in Auftrag gegebenen Werke veranschaulicht. Werke von Teilnehmenden aus 33 Ländern werden realisiert. Die Frage nach den Kirchen aber bleibt offen.
Hedwig Fijen, Direktorin der Manifesta 16 und Gründungsdirektorin der International Foundation Manifesta hat über 30 Jahre lang dieser Europäischen Biennale vorgestanden. Es wird ihre letzte Manifesta sein. Der Manifesta 17 in Coimbra in Norden Portugals wird ohne sie fortgesetzt.
Die Manifesta 16 Ruhr
wird vom 21.06. bis zum 04.10. an 12 Orten in 4 Städten des Ruhrgebiets (Bochum, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen) zu erleben sein. Die Biennale bringt Kreative, Kollektive sowie vielfältige Vermittlungsprojekte zusammen, die in den lokalen Gemeinschaften des Ruhrgebiets verwurzelt sind. Im Fokus steht die Frage: Wie kann die Transformation von Kirchengebäuden der Nachkriegszeit zu Orten des zivilgesellschaftlichen Lebens, des körperlichen Wohlbefindens und der gemeinschaftlichen Begegnung führen?

Teilnehmende Künstler u.a.:
Emre Abut
Mirosław Bałka
Pedro Cabrita Reis
Ayşe Erkmen
Katharina Fritsch
Niklas Goldbach
Mona Hatoum
Olaf Metzel
Donja Nasseri
Elizabeth Price
Wilhelm Sasnal
Luc Tuymans
Emil Walde
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