Caro bei Cragg

Anthony Caro Werkschau zum 100. Geburtstag. Gipfeltreffen der Giganten im Skulpturenpark Waldfrieden

Star Flight. Paul Caro und Tony Cragg (v.l.) vor Caros 1625 kg schwerem Stahlriesen

Auf den Weg hinauf zur oberen, rundum verglasten Halle kommt leicht ein feierliches Gefühl auf. Man gelangt auf eine ansehnliche Höhe, auf den Grünen Hügel der modernen Bildhauerkunst. Vielleicht ist es der Olymp. Trotz der Monumentalität der versammelten Skulpturen wirkt hier alles gelöst, fast heiter. Wie von Zauberhand scheinen die mitunter tonnenschweren Werke in Craggs Skulpturenparnass gefunden zu haben.

Mit der Ausstellung zum 100. Geburtstag von Anthony Caro (am 8. März), schlicht „Sculptures“ genannt, ist hier ein ungeahnter Gipfel erreicht, ein seit Jahren vorbereitetes Gipfeltreffen zweier Giganten. 26 seiner eigenen Skulpturen hat Tony Cragg (der am 9. April seinen 75. Geburtstag begeht) seit Jahren im Park versammelt.

Caro hat sich seinen Weg zum Ruhm als „größter lebender Künstler Englands“ zeitlebens hart erarbeitet und reichlich verdient. Seit Caros Tod im Jahr 2013 ist Cragg in seine Fußstapfen getreten. Und selbstverständlich liegt der Reiz dieser Ausstellung im Zusammentreffen dieser beiden Giganten der modernen Bildhauerei. Nicht nur tragen sie den gleichen Vornamen, sind beide von ihrer Königin Elisabeth II in den Adelstand erhoben worden, haben ihre Ausbildung in London genossen und beziehen sich beide auf das Zentralmassiv der Britischen Kunst, Henry Moore (1898 bis 1986). Beide sind hervorragende, einflussreiche Lehrer geworden, beide lieben das Experiment mit Material und Formen. Damit sind die Ähnlichkeiten und Parallelen nicht unbedingt erschöpft. Doch erst die Unterschiede lassen dieses Gipfeltreffen so spannend wie aufschlussreich erscheinen.

Beide begegneten sich erst 1982 in London. Fast scheint es, als sei Cragg (geb. 1949) dem 25 Jahre älteren, schon weltberühmten Kollegen aus dem Weg gegangen, als fürchtete er in dessen Schatten zu geraten. Schon 1977 hatte sich Cragg nach Wuppertal zurückgezogen. Erst ein paar Jahre später meldete er sich mit „New Stones, Newton’s Tones“ zurück – einer Assemblage aus lose auf dem Boden ausgebreiteten Plastikmüll-Fundstücken schön nach Regenbogenfarben sortiert. Zivilisationsmüll, sockelfrei, unakademisch und ziemlich anticaroesk. Klare Ansage: Mehr Long und Landart, keine Spur Moore oder Caro. Craggs „Blaue Flasche” aus dem Jahr 1982 ist übrigens unten im Treppenhaus des Von der Heydt-Museums zu sehen.

Caro hatte seinen Weg zum Weltruhm da längst beschritten. Schon 1975 konnte er eine triumphale Ausstellung im Museum of Modern Art in New York feiern, die erste eines britischen Bildhauern seit seinem Lehrer Moore. 1982 hatte Caro den Triangle Workshop für dreißig Bildhauer und Maler aus den USA, England und Kanada in Pine Plains, New York ins Leben gerufen, den es bis heute gibt. Er stand überhaupt auf dem Höhepunkt seines Schaffens, wie einige Arbeiten der Wuppertaler Jubiläumsschau zeigen. So zum Beispiel Child´s Tower Room aus japanischer Eiche oder die Außenarbeiten Scorched Flats aus gerostetem Stahl und das ausgreifende Double Tent aus Edelstahl.

Bitte betreten: Child’s Tower Room

Es ist aufschlussreich zu sehen wie sich die Wege Caros und Craggs kreuzten und gabelten, wie sie sich verzweigten und wo sich Cragg heute positioniert. Beide verbindet die bildhauerische Bewältigung der Collage, jener Urzelle, aus der in Paris um 1910 das Küken der frühen Moderne schlüpfen sollte. Was das Kleben des Papiers wurde zum Schweißen des Eisens. Während Caro, beeinflusst noch von Pablo Picassos und Julio González’ plastischem Werk, 1959 der Sprung nach Amerika gelang, wo er von Clement Greenberg angeleitet, Metallwerkern wie David Smith begegnete, fand Cragg in Wuppertal und Düsseldorf schnell von der Collage zur Assemblage meist aus gefundenem Industrieabfall und stellt heute kompakte, aus dem Material heraus geschaffenen Körper und überaus elegante, sich frei in den Himmel aufschwingende Figuren her, die Caros technoide Konstruktionen, seine schweren Apparaturen und architektonischen Rapsodien alt aussehen lassen. Euphorische Moderne trifft auf skeptische Moderne, Industriezeitalter auf Digitalmoderne.

„Eleganz und Klarheit“ einerseits, „Gewicht und Gewalt“ andererseits seien für Caro abwechselnde Pole seiner bildhauerischen Auseinandersetzung gewesen, berichtet Caros Sohn Paul jetzt in Wuppertal. Sämtliche Werke von 1963 bis zu den ausladenen Morning Shadows (2011-2012) stammen aus dem Anthony Caro Center in London. Eine kleinere Bronze steuert das Wuppertaler Museum bei.

Doch sind es nicht allein bildhauerischen Themen die hier das Feld bestimmen. Selbst in den bis zu zweieinhalb Tonnen schweren Stahlgetümen Caros klingt viel Humor durch. Das gilt für Cragg kaum minder. So eherfurchtsgebietend und wuchtig die Werke daherkommen – es darf geschmunzelt werden.

Oder ist es vielmehr Musik? Caro liebte es während der Arbeit Mozart und Schubert zu hören, bisweilen auch Händel. So zielt Caros Werk auf keine feste visuelle Identität und verweigert eine klare Botschaft oder Eindeutigkeit. Sein Werk entfaltet sich vielmehr, dehnt sich in den Raum aus, wobei sich die „Sculptures“ bei jedem Rundgang, mit jedem Blick ändern. Einzelne Elemente werden wie bei der frühen Month of May (1963) durch leuchtende Farben akzentuiert. Caro, der strukturelle Experimentator, sah die Art und Weise, wie die Teile auseinandergehen und kaum mehr zusammenhängen, um doch ein gewagtes skulpturales Ganzes bilden, wie eine moderne Komposition. Sein großer Spannungsbogen lässt uns heute noch den Atem anhalten.


Anthony Caro – Skulpturen
Skulpturenpark Waldfrieden, Hirschtstr. 12, 42285 Wuppertal
2. März bis 14. Juli

Tony Cragg – Please Touch!
Museum Kunstpalast, Düsseldorf
22. Februar bis 26. Mai 2024

Anthony Caro und Eduardo Chillida – Bildhauer & Räume
Museum Würth, Künzelsau
bis 27. Oktober

The Anthony Caro Centre
38a Georgiana Street, London


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