Freund der Künstler

Wie Kojiro Matsukata die Impressionisten für Japan entdeckte. Sein Traum vom „Museum für den gemeinsamen Genuss“ bleib lange unerfüllt. – Ein Gespräch mit Detmar Westhoff

In Giverny. Kojiro Matsukata auf Besuch bei Claude Monet

Zu Beginn des „Jubiläumsjahres“ blickt das Museum Folkwang auf seine Glanzstücke zurück. Das 100-jährige Bestehen wird mit „Renoir, Monet, Gauguin – Bilder einer fließenden Welt“ (6. Februar – 15. Mai 2022) gefeiert. Mit dem französischen Impressionismus und Spätimpressionismus werden zwei Trumphe gleich ausgespielt.

Über Eck. Blick in die Ausstellung mit Renoirs “Lise – mit dem Sonnenschirm” von 1867

Zwei private Sammler gingen damals voran. Karl Ernst Osthaus (1874–1921), der die Folkwang-Sammlung begründete, tritt erstmals in Dialog mit Kojiro Matsukata (1866–1950), dessen Sammlung den Impuls zum National Museum of Western Art in Tokio gab. Mit rund 120 Meisterwerken von Paul Cézanne, Paul Gauguin, Vincent van Gogh, Édouard Manet, Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir und Auguste Rodin will die Schau zeigen, wie die moderne französische Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts von beiden Sammlern aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus geschätzt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte. Es begegnen sich zwei Vordenker des modernen Museums, Matsukata und Osthaus (einhundert Jahre nach Osthaus´ Tod), beider Vorstellungen wurden nicht wahr. Am 9. Juli 1902 konnte Osthaus immerhin sein Museum Folkwang in Hagen eröffnen. Im Souterrain blieb die naturwissenschaftliche Sammlung einige Zeit präsent, bis sie der Kunstpräsentation vollständig weichen musste. Nach seinem Tod in Folge des Ersten Weltkriegs wurde das Museum aufgelöst, seine Sammlung teilweise nach Essen verkauft.

Vierzig Werke aus dem National Museum of Western Art in Tokio, treten mit rund fünfzig Arbeiten aus der Folkwang-Sammlung in einen Dialog, dazu kommen Leihgaben aus das Musée d’Orsay, Paris, dem Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln und dem Artizon Museum, Ishibashi Foundation, Tokio.

Was die Ausstellung verschweigt, ist die schwierige Situation, in die der Schwerindustrielle Matsukata (Gründer von Kawasaki, heute Kawasaki Heavy Industries) spätestens ab 1932 kam, als die Japanische Kwantung-Armee die Mandschurei besetzte und in der japanischen Heimat zugleich ein regelrechter Faschismusboom einsetzte. Mit der Showa-Restauration setzte sich eine eigenständige Variante des Faschismus durch, die auf eine Wiedergeburt der Nation mit Rückgriff auf ein „göttliches“ Kaisertum setzte. Zeitgleich verübten Kadetten der kaiserlichen Armee zahlreiche Anschläge auf liberale Politiker und Wirtschaftsführer Japans. Ein Mann wie Kojiro Matsukata wird mit seiner ausgeprägten Vorliebe für westliche Kunst ins Fadenkreuz der reaktionären politischen Kräfte geraten sein, zumal sein Konzern sich als kriegswichtig erweisen sollte. Erst 1946 fand die „Globalisierung des Faschismus“ (Daniel Heidinger) ein Ende. Matsukata starb 1950, ohne seinen Traum vom eigenen Museum verwirklicht zu sehen.

“Er war ein ganz ungewöhnlicher Japaner”
Ein Gespräch mit Detmar Westhoff

Die Anregung zur Ausstellung in Essen kam von Detmar Westhoff. Im Katalog findet sich sein exzellenter Essay über den Sammler Kojiro Matsukata. Der Kunsthistoriker hat in Düsseldorf Westhoff Fine Arts gegründet und zusammen mit dem Marketing Club Düsseldorf den Verein Anna Maria Luisa de’ Medici  ins Leben gerufen Schon 2015 war Westhoff Mitkurator von “Japans Liebe zum Impressionismus” in der Bundeskunsthalle Bonn. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Initiative 701 e.V.

Mit den Impressionisten hat das moderne europäische Weltbild Einzug in Japan gehalten. Austausch oder Trojanisches Pferd?

Das Land war über 200 Jahre lang abgeschlossen, es gab fast keinen kulturellen Austausch zwischen Japan und dem Westen. Die Amerikaner haben das Land erst 1853 zwangsweise geöffnet. Von diesem Zeitpunkt an bestand ein hoher Modernisierungsbedarf, sicher nicht in allen Teilen der Gesellschaft Japans, aber doch in der Elite. Zu dieser Elite zählte auch die Matsukata Familie.

Also ein Trojanisches Pferd ganz im Sinn einer „Öffnung“ zum Westen hin durch westliche Ästhetik?

Nein, weil das gar nicht vom Westen aufoktroyiert war. Öffnung schon, aber es gab ein wirkliches Bedürfnis von japanischer Seite, den Westen besser kennenzulernen. Das hing aber auch damit zusammen, dass man eben Geschäfte mit dem Westen machen wollte den Wohlstand im Land erhöhen wollte.

Wir haben eine ähnliche Erfahrung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gemacht. Bei uns nannten es die Amerikaner Re-Education. War der Impressionismus damals Teil einer Re-Education Japans?

Natürlich waren die Amerikaner präsent. Die amerikanische Kultur ist bis heute sehr präsent, ob das jetzt nun in Japan oder in Südkorea ist. Sie wird einerseits geschätzt, aber auf der anderen Seite möchte man seine eigene Kultur bewahren. Auf der einen Seite gibt es in Japan eine sehr starke Offenheit gegenüber westlicher Kultur. Es gibt aber auch eine gewisse Rückbesinnung auf traditionelle Werte. Ganz aktuell sieht man am Samstagabend wieder sehr viele Damen im Kimono über die Ginza in Tokio gehen. Das war vor zehn Jahren, als ich in Japan war nicht der Fall. Da wollte man eher westlich schick sein. Gerade die französische Kultur spielt, was den Genuss angeht, das Savoir vivre, noch immer eine große Rolle. An Deutschland schätzt man dagegen die preußischen Werte, die Zuverlässigkeit und das Präzise, den Perfektionismus, auch die Gesetzgebung. Preußisches Recht war vorbildlich für Japan. Vieles ist von japanischer Seite angenommen worden, weil man diesen Anschluss an den Westen wirklich begrüßte. Man wollte sich modernisieren und diese Modernisierung verlief eben über die westliche Kultur. Kunst aus dem Westen durchdrang viele andere Lebensbereiche. 1871-1873 gab es die Iwakura Mission, um 1900 gab es ganze Delegationen aus Japan, die nach Amerika, nach Frankreich und Deutschland reisten, um den Westen zu erkunden und vom Westen profitieren zu können.

Kojiro Matsukata ist ein Vorreiter, ein seltener Mann, wie es heißt. Er ist Rebell und Geschäftsmann in einem. Dazu ein für die Künste höchst sensibilisierter Sammler. Ist er auch ein  Traditionalist im Übergang zur Moderne?

Traditionalist trifft es nicht. Er war ein ganz ungewöhnlicher Japaner. Schon wie er sich kleidete. Er trat sehr leger auf, westlich gekleidet. Es gibt ja diese hübsche Begegnung, von der der japanischen Kunsthistoriker Yashiro berichtet, der ihn zu Monet begleitet hat. Normalerweise, wenn man ein Geschäftsmann dieses Formats, der ja einen wirklichen Konzern geleitet hat, ein Künstleratelier betritt, sollte man nicht erwarten, dass der Besucher aus Japan Monet auf Französisch anspricht, einem wirklich nicht ausgereiften Französisch überdies. Ein Japaner hätte damals sicher einen Übersetzer mitgebracht, damit er sich keine Blöße gibt. Darauf hat Matsukata bewusst nicht getan. Er hat frei drauflos geredet und hat damit Monet auf einer privaten Ebene angesprochen.

Was wurde bei diesem Besuch verhandelt?

Das Treffen fand in Giverny statt, auf Monets Landsitz, es war durch Matsukatas Nichte und dem damaligen Direktor des Museums Rodin in Paris, der sein Berater war vermittelt worden. Es war sehr ungewöhnlich war, dass Matsukata seiner Begeisterung freien Lauf ließ. Normalerweise erlebt man bei Japanern doch sehr dosierte Gefühlsäußerungen. Doch Matsukata, so ist es überliefert, konnte sich mit lauten Rufen der Begeisterung nicht zurückhalten, als er eine große Landschaft und andere Bilder Monets zu sehen bekam. Monet war sonst eher zurückhaltend, was den Verkauf seiner Bilder aus dem Atelier anging. Aber Matsukata muss ihn beeindruckt haben. Mit diesem ersten Besuche kamen gleich 15 Monets in seine Sammlung.

Besaß Matsukata ein besonderes Auge, was die Qualität der Auswahl betrifft?

Dieses Auge hat sich wohl mit der Zeit entwickelt. Er hatte von Anfang an gute Berater. Das fing 1916 in London an. Da war er geschäftlich sehr viel unterwegs, weil er im ersten Weltkrieg auch vom Schiffsbau profitierte. Er baute Frachtschiffe, die von deutschen U-Booten immer wieder versenkt wurden. Deshalb gab es so einen enormen Bedarf.

Heute hat man eine Übersicht über das Werk von Monet. Hat er Spitzenwerke ausgesucht?

Er hat sehr, sehr gute Werke kaufen können. Er war jetzt nicht der Allererste und doch. 15 Jahre zuvor waren auch die Preise noch niedrig. Er hatte aber ein ganz anderes finanzielles Vermögen. Er konnte kaufen, was er wollte. Er hatte japanische Kunsthistoriker und Künstler als Berater, die ihn beispielsweise zu Gauguin brachten und auch van Gogh empfohlen. Auch die hat er dann gekauft, bisschen mit Widerwillen erst, aber das kann ein Stück weit auch Koketterie gewesen sein. Auf Empfehlung des bedeutenden japanischen Kunsthistorikers Yukio Yashiro hat er dieses heute weltberühmte Bild von van Gogh gekauft; das Schlafzimmer von van Gogh in Arles, heute eines der Hauptwerke des Musée d’Orsay. Seine japanischen Berater wussten genau, was in Europa aktuell war. Sie waren ein Glücksfall für seine Sammlung.

Wie viele Werke Monets hatte er am Ende beisammen?

Am Ende über 30 Werke, eine stattliche Anzahl.

Darunter auch Hauptwerke?

Sicher. Im Boot (Junge Mädchen im Ruderboot) von Claude Monet, um hier nur ein Beispiel zu nennen Ein wirkliches Starbild, das heute vorne auf dem Katalog zu sehen ist, auch auf der Einladung. Ein späteres Werk, das in Giverny entstanden ist. Es zeigt, wie stark Monet von Japan beeinflusst war. Heute hängt es im National Museum of Western Art in Tokio. Es gibt eine schöne Geschichte dazu. Dieses Bild war ja in der Bundeskunsthalle in Bonn bei der Ausstellung Japans Liebe zum Impressionismus ausgestellt. Wir haben damals sehr lange auf eine Zusage gewartet, auch andere Leihgeber hielten sich über eine lange Zeit sehr bedeckt. Als aber als der Chef-Kurator aus Tokio dieses Bild zugesagt hat, entwickelte sich das wie ein Dominospiel. Es war ein Signal an alle anderen Leihgeber, wenn dieses bedeutende Bild das Museum verlassen würde, daß die Ausstellung eine große Bedeutung hätte, auch für Japan.

Matsukata hat über seine Geschäftsreisen seine Sammlung aufgebaut und früh entschieden, ein Museum zu bauen, ein erstes öffentliches Museum in Japan. Wie kam es dazu?

Diese Entscheidung fiel schon sehr früh. Es kam dazu als er in Londoner Zeit war, kurz nachdem er den walisischen Künstler Frank Brangwyn kennen gelernt hat. Dass er ein Museum für seine wachsende Sammlung bauen wollte, wurde schon sehr früh deutlich, allein schon in der Art, wie er sammelte. Anders als etwa Albert Coombs Barnes, der ab 1922 den Fokus hauptsächlich auf Impressionismus und Spät-Impressionismus legte. Bei Matsukata stand von Anfang fest, eine enzyklopädische Sammlung aufbauen zu wollen, sicher nach Vorbild des Victoria and Albert Museum in London oder des Metropolitan Museum in New York.

Also ein Weltmuseum?

Kunstgewerbe, dekorative Kunst, angewandte Kunst aus aller Herren Länder – vor allen Dingen wie bei Osthaus auch – alles miteinander verbunden. Handwerk und bildende Künste vereint und gleichrangig präsentiert. Seine Idee war es auch, eine Sammlung zu schaffen, um japanischen Künstler eine Anregung zu bieten und Anschauungsmaterial zur Verfügung zu stellen.

Wann wurde dieses Museum eröffnet?

Erst 1959. Aus seinem Impuls ist das National Museum of Western Art geworden. Sein Traum, dieses Museum schon sehr bald nach dem Beginn seiner Sammlungstätigkeit zu bauen, ist ja sehr schnell zerplatzt. Der Hauptgrund war sicher die Weltwirtschaftskrise von 1927. Da ist er auch mit seinem Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten gekommen. Sicherlich spielte auch eine Rolle, dass vielleicht sein wichtigster Berater Leonce Bénédite aus Paris 1925 starb. Dann gab es auch einen großen Brand in einem Lager in London, wo ein Großteil der Sammlung zerstört wurde, an die 900 Werke.

Es gab ein Problem, weshalb auch viele Dinge bis zum Zweiten Weltkrieg in Paris geblieben sind. Er wollte die Dinge ja relativ schnell nach Japan bringen, um sie dann dort zu haben. Das Problem war dann, dass Japan eine Luxussteuer eingeführt hatte und dass der Import dieser Kunstgegenstände plötzlich so irrsinnig teuer wurde, das Matsukata davon Abstand genommen hat und die dann erst mal im Musée Rodin in Paris zwischengelagert hat.

Kunst fiel in Japan unter Luxus?

Das fiel damals unter Luxus, was natürlich nicht zu verstehen ist. Da will ein Japaner ein Museum bauen, was nach zeitgenössischer Vorstellung des American Art Magazin fünf Mal größer sein sollte als das Metropolitan Museum und damit das größte Museum der Welt werden sollte.

Es gab die Konzeption, Entwürfe, Architekturpläne und dann bleib es doch auf der Strecke. Ist Matsukata dennoch ein japanischer Peter Ludwig?

Beide haben sehr breit gesammelt. Beiden hatten weit gefächerte Sammlungen und Interessen und beide hatten sehr früh die Idee, die Sammlung der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Auch wollten beide ihre Sammlungen im Sinne von Kultur-Diplomatie einsetzen. Das war ja bei Matsukata kein ganz unerhebliches Motiv.

Wollte er Kulturpolitik mit seiner Kunstsammlung betreiben?

Sicher, Matsukata kam ja aus der Politik. Sein Vater war Ministerpräsident, er war zeitweilig der Sekretär seines Vaters, ist also auch mit der Politik unmittelbar in Berührung gekommen. Insofern spielte die Überlegungen, diese Sammlung als diplomatiepolitisches Instrument zu nutzen, sicherlich eine wichtige Rolle. Schon in London hat er aktiv für die Sammlung, für diese Idee seines Museums geworben. Er hat zum Beispiel zu einem großen Empfang in einem Hotel eingeladen, wo er Politikern und Journalisten seine Idee vorgestellt hat.

Beides sind Männer im Krieg unterlegener Länder, die den amerikanisch-westlichen Impuls aufgreifen. Matsukata die Impressionisten, Ludwig im 20. Jahrhundert die Pop-Art.

Matsukata sah sicher auch die Chance, seine Geschäfte anzukurbeln, indem er westliche Kunst in Tokio ausstellte. Mit Frankreich und England machte er auch sonst gute Geschäfte. Auch wo es um Schiffe oder auch Kriegs-Utensilien ging.

Ein Waffenfabrikant als Kunstsammler, heute eine schwer erträgliche Kombination.

Schlachtschiff Hanura

Man muss da wirklich genau hinschauen. Was Matsukata und sein Kawasaki-Konzern produziert hat. Professor Shimada von der Universität Düsseldorf beschäftigt sich aktuell mit dieser Frage intensiv. In erster Linie hat er Frachtschiffe produziert, was immer die auch transportiert haben. Es waren auf keine Fall Kriegsschiffe, mit denen er hauptsächlich sein Vermögen gemacht hat. Das große Geld brachte seine Idee, Frachtschiffe nicht nach Auftragslage zu produzieren, sondern seriell. Die wurden auf Vorrat produziert und konnten dann schnell auf den Markt, wenn der Bedarf kam. Später hat er U-Boote produziert. Das machten die Kawasaki Werften, daraus konnte sich Kawasaki Heavy Industry entwickeln.

Hat Matsukata während seines Lebens erkannt, welchen Schatz er ausgerechnet mit den Impressionisten und auch mit van Gogh und Gauguin gehoben hat?

Als er 1950 starb wird er die wachsende Begeisterung für den Impressionismus wohl mitbekommen haben. Die Impressionisten bekamen einen ungeheuren Marktwert, das hat er schon an seinem Portemonnaie gespürt. Als er sie in den 20er Jahren kaufte, waren sie noch relativ günstig, die Maler lebten ja noch, später hat er sehr gut nach Amerika verkauft, da waren die Preise waren schon gut angestiegen. Aber dieser Impressionismus-Hype, wie wir das heute kennen, den hat er sicherlich nicht gesehen.

Was die Qualität seiner Impressionisten-Gemälde betrifft, hat er denn erkannt, damit ein besonderes hochstehendes Konvolut in seiner großen Sammlung zu haben?

Also das ist leider nirgendwo zu finden.

Hatte er ein Lieblingsbild?

Das wissen wir nicht. Er war, was private Äußerungen betrifft schon distanziert. Aber zu den Künstlern war er überhaupt nicht verschlossen. Das war das Interessante. Er hat fast mehr Zeit mit Künstlern verbracht, als mit Geschäftsleuten. Mit Brangwyn hat er ganze Abende in Wien, in London durchgezecht. Auch der Wunsch, Monet persönlich zu treffen war sehr ausgeprägt. Irgendjemand hat mal gesagt, ich glaube es war Yashiro, dass er wahrscheinlich mehr Zeit mit Künstlern verbracht hat als mit der Beschäftigung mit Kunst. Er hat davon berichtet, dass ihm diese Farbenpracht in Paris begeisterte. Das ist etwas, was ihm als Japaner nicht ganz fremd sein konnte. Er nahm sehr früh japanische Holzschnitte in seine Sammlung auf, übrigens der zweite, ganz wesentliche Kernbestand seiner Sammlung. 8000 japanische Holzschnitte hat er von einem Pariser Juwelier gekauft.

Monet war ein Sammler japanischer Holzschnitte. Hat er die Matsukata in Giverny gezeigt?

Sicher, die wird er ihm gezeigt haben.

Seine Sammlung nahm einen schwierigen Weg. Viele Werke sind in einer Lagerhalle in London verbrannt, dann gab es diese Luxussteuer. Einige Werke sind heute noch im Musée d’Orsay, in Paris. Wie kam es dazu?

Die Sammlung war zunächst in Paris geblieben, im Musée Rodin. Doch hat er weiter den Versuch gemacht, die Arbeiten so schnell wie möglich nach Japan zurückzubringen, um auch seinen Museumsplan zu verwirklichen. Doch sind die Dinge in Paris geblieben. 1925 ist sein Berater gestorben. Nach dem Zweiten Weltkrieges ist die gesamte Sammlung im Musée Rodin von den Franzosen als Feindesgut beschlagnahmt worden. Ab da hatte er keinen Zugriff mehr auf seine Sammlung.

Wie viele Werke waren im Musée Rodin geblieben?

Wie viele Werke dort eingelagert waren, diese Zahl habe ich jetzt nicht. Aber es war im Grunde der gesamte Bestand, den er da in Frankreich hatte. Alle Monets, aber auch seine Impressionisten, auch viele Salon Maler.

Über 20 Jahre lang lagerte die Matsukata-Bestände einfach so in diesem Haus?

Erst als es zum Friedensvertrag zwischen Frankreich und Japan kam, änderte sich die Lage. Ein Großteil der Sammlung wurde zurückgegeben. Doch haben sich einige Konservatoren französischer Museen Louvre und dem Musée d’Art Moderne, plötzlich sehr für diese Arbeiten interessiert. Es gibt eine Äußerung vom Kurator aus dem Musée d’Art Moderne über die Matsukata-Sammlung, es wäre eine der schönsten Sammlungen in Frankreich und es gäbe kaum etwas, was vergleichbar wäre an Impressionisten. Man müsse das unbedingt in Frankreich behalten. So ist es auch geschehen. Das Musée d’Orsay  besitzt noch heute eine ganze Reihe Meisterwerke, auch von van Gogh und Gauguin aus der Sammlung Matsukata..

Welche Wellen hat seine Leidenschaft für die westliche Kunst nach seinem Tod, also deutlich nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Japan geschlagen?

Entscheidend war, dass es natürlich dann dieses Museum gab, Ende der 50er Jahre in Tokio konnte es eröffnet werden. Der französische Impressionismus fand darin seine große Bühne. Allerdings hatte zuvor schon ein anderes Museum geöffnet, 1930 in Kurashiki vom Textilunternehmer Magusaburo Ohara gegründet. Auch er hat französischen Impressionismus gesammelt. Die Japaner hatten einen unmittelbaren Zugang zum französischen Impressionismus, weil alles auch sehr viel mit der eigenen Kunst und mit dem eigenen Kunstempfinden zu tun hat. Dann kam in den 70er Jahren, in den 80er Jahren ein starkes Wirtschaftswachstum hinzu. Die Immobilien von Tokio waren teilweise so hoch bewertet wie der gesamte Immobilienbesitz weltweit. Es gab diese Blasen Situation und da wurden ebenso viele Immobilien vermarktet und es wurden eben auch wieder Impressionisten gekauft. In den Provinzen entstanden wieder neue Museen, die Museen konnten weiter französischen Impressionismus angekauft. Dann kam es zu dieser van Gogh-Welle. Irrsinnigen Ergebnisse auf Versteigerung, Van Goghs Sonnenblumen, die heute in Tokio in dem Museum eines Versicherungskonzerns zu besichtigen sind, kamen nach Japan. Hinzu kommt, dass die Zeitungen eine große Rolle bei der Popularisierung vom französischen Impressionismus gespielt haben. Geht man heute ins Musée d’Orsay, findet man eine Liste von Förderern des Museums aus den 80er Jahren, mit einer Vielzahl von japanischen Zeitungen und Fernsehsendern. Die haben mit großen Summen sich quasi Ausstellungen erkauft. Diese Medienkonzerne erreichen mit ihren Ausstellungen teilweise bis zu 300.- 400.000 Besucher. Keine Schwierigkeit für eine herausragende Impressionismusausstellung. Die haben auch dafür gesorgt, dass alle großen westlichen Sammlungen irgendwann mal in Tokio zu sehen waren.

Man hört heute mehr von  japanischen Mangas und Cosplays. Gibt es heute noch einen fühlbaren Einfluss dieser Impressionistenwelle?

Sicher gibt es Künstler, die vom französischen Impressionismus beeinflusst sind. Es zeigt sich aber auch stark in der Alltagskultur Japans. Beim Friseur beispielsweise. Eine bekannte Friseur-Kette heißt Monet. Das Museum-Café heißt Renoir, hat viel mit Lebensgenuss und Lebensfreude zu tun. Der französische Impressionismus ist für die gebildete japanische Mittelschicht etwas wie die Veredelung des eigenen Lebens. Interessanterweise sollte das Museum von Matsukata „Das Museum für den gemeinsamen Genuss“ heißen. Das macht den Impressionismus dort auch so unendlich populär.

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