
Eigentlich ist Acaye Kerunen immer auf Tournee. Für die Musical-Produktion „I HAVE A DRUM“ hat die Künstlerin die Kostüme, das Bühnenbild und teils auch die Choreografie entworfen. IHAD bringt Ingoma Nshya aus Ruanda in einer spektakulären Show auf die Bühnen der Welt. Die legendären Trommlerinnen aus der Region der Großen Seen in Ost- und Zentralafrika treten hier in einer ersten Gemeinschaftsproduktion mit Frauen aus Uganda und Kanada zusammen auf.
IHAD ist ein Netzwerk wie es Acaye Kerunen gefällt. Gewebe, Geflecht, Verknüpfung sind ihr Fluidum und Überlebenscombat, seit sie 1981 in Kampala geboren wurde. Aber sie will sich nicht einengen lassen und auch nicht den europäischen Kategorien entsprechen. So macht sie alles auf einmal Musik, Film, Klang, Poesie, Bühne oder Bildende Kunst und wirbelt nach Leidenschaft und Laune alles fröhlich durcheinander: Bewegung, Kuration, Therapie und Aktivismus. Alles wird mit einbezogen, alles ergibt sich aus allem und wird permanent miteinander verflochten. Und schon ist sie auf dem Weg zur Biennale nach Venedig, wo sie Anfang Mai den Pavillon von Uganda als Comissioner eröffnen wird.
Erstaunlich ist ihre Karriere als Aktivistin wie als Künstlerin allemal. Als Aktivistin arbeitet sie mit Frauen zusammen, die von häuslicher Gewalt, Armut oder Vertreibung betroffen sind, um deren traditionelle Handarbeiten in zeitgenössische Kontexte zu überführen. Indem sie die „Hausfrauenarbeit“ zur Grundlage ihrer verspielten, farbenfrohen und fantastischen Kunst macht, öffnet sie eine neue Wertschätzung für diese traditionellen Handarbeiten Zentralafrikas. So konnte sie zu einer der wichtigsten Aktivistinnen Afrikas werden, und dass unter dem Regime von Yoweri Museveni. Der 81jährige Präsident regiert Uganda seit vier Jahrzehnten mit harter Hand. Über drei Viertel der rund 50 Millionen Uganderinnen und Ugander sind jünger als 40, sie haben nie einen anderen Präsidenten erlebt.
Trotzdem ist es Kerunen gelungen, Ugandas erste Teilnahme auf der Biennale von Venedig zu erreichen. Shaheen Merali hatte sie 2022 zu „Radiance: They Dream In Time“ nach Venedig eingeladen. Nur ein Jahr zuvor hatte sie ihren Durchbruch als Künstlerin mit ihrer ersten Einzelausstellung „Iwang Sawa“ in der Afriart Gallery in Kampala feiern können. Seitdem wächst ihre Bedeutung beständig und längst ist sie ein weltweit gefeierter Star.

Eine erste Einzelausstellung in Europa mit dem bezeichnenden Titel „I Am All These Women“ richtete ihr die Galerie Kandlhofer in Wien aus. Skulptur, Video, Musik und Performance fanden zur Erforschung weiblicher Identitäten zusammen, gefolgt von „1246 Days Around the Sun“ am Institute of Fine Arts der NYU in New York, im vergangenen Jahr folgte „Neena, aan uthii“ (See Me, I Am Here) in der Pace Gallery in London.
Apoi – Gewebewesen tanzen im Haus Lange
Zwischendurch bleibt Zeit für einen Abstecher nach Krefeld. Apoi nennt sie ihre erste Museumsausstellung. Sie ist Ausstellung und großes Ereignis zugleich. Apoi stammt aus der Sprache ihrer Mutter, die dem Volk der Niloten angehört, das seinen Ursprung am Bar-el-Ghazal (Nil) hat. Das Wort bedeutet „Ich erinnere mich“. Aber meint die Gegenfrage gleich mit: Erinnere ich mich? Ich bin wahnsinnig/Bin ich wahnsinnig?“. Das Wort bedeutet Zweifel und deutet auf eine Veränderung auf ein besseres Morgen hin.
Ausgehend von natürlichen Materialien wie sie in ihrer Heimat, den Feuchtgebieten von Nalubaale (Viktoriasee) und der Region der Großen Seen wachen – Bananenblattfasern, Raffia, Sisal, Palmblätter, geschälte Sorghumstängel und Schilf – bespielt sie das Haus Lange souverän mit ausgreifenden, ungeheuer farbenfrohen Flechtwerken und raumfüllenden Deckeninstallationen, mit fantasievollen Wandgeweben und sich hoch aufreckenden Korbskulpturen, mit einem munteren oder schon beängstigenden Puppenkoboldballett, das unter der Decke tanzt. Erstmals sind ihre Fotografien von Buschfeuern zu sehen und auch ein Zelt, in dem man Platz nehmen kann, um zu singen oder um sich einfach auszuruhen.
Von klein auf beschäftigte sich Kerunen mit handwerklichen Tätigkeiten wie dem Basteln von Puppen aus Bananenfasern und Lumpen, dem Weben von Textilien und dem Ausbessern von Kleidung – Fertigkeiten, die ihre Mutter ihr beigebrachte, die auch Dächer reparierte und Kleidungsstücke nähte. Ihre Großfamilie, darunter auch ihre Tanten, fungierte als ihre wichtigsten Lehrmeister und ermöglichte ihr intensives Lernen durch Beobachtung bei Techniken wie Knoten, Flechten, Zopfbinden und Nähen.
Kerunens Kindheit fiel mit der raschen Urbanisierung Kampalas zusammen, dem Wandel von grünen Landschaften zu Betonwüsten, was ihr grundlegendes Bewusstsein für die Erde und die Anerkennung der tragenden Rolle des Landes für ganzheitliche menschliche Bedürfnisse prägte. Jede Faser, jedes Material gewann im Laufe ihrer künstlerischen Entwicklung neue Aufmerksamkeit und neue politische Bedeutung. Denn pflanzliche Materialien verweisen auf ein Ökosystem der afrikanischen Feuchtgebiete, das dem Klimawandel hart ausgesetzt ist. Sie sind zu einer fast nutzlosen Ware verkommen, weil die Kolonialmächte in Uganda lieber auf die Massenproduktion von Cash Crops (Kaffee, Zucker, Tee, Kakao, Baumwolle) setzten.
So zeigen die Flechtwerke mindestens zwei Gesichter: Ein lustiges, heiteres, buntes und ein bitteres, hartes und kämpferisches, Apoi zeugt von Kampf und Selbstbehauptung junger afrikanischer Frauen, von der Befreiung aus kolonialen, westlichen Mustern und zugleich von einer Kunst, die bezaubert, die leicht und beschwingt die strengen, kantigen Räume unserer Bauhaus-Moderne durchzieht. Krefeld, wo Gewebe große Tradition hat, erlebt einen genialen Gewebewirbel der Sonderklasse.
Carl Friedrich Schröer, Text
Anke Indefrey, Redaktion

Acaye Kerunen – Apoi
bis 6. September
Haus Lange, Wilhelmshofallee 91–97, Krefeld
Im HLHE Dialog
Bernhard Fuchs-Heustock
bis 6. September
Haus Esters, Wilhelmshofallee 91–97, Krefeld
Acaye Kerunen und Bernhard Fuchs kommen aus verschiedenen Kulturräumen und gehen künstlerisch unterschiedliche Wege. Bernhard Fuchs, ein Schüler der Becher Klasse, zeigt Fotografien von Heuspeichern aus Oberösterreich. Gemeinsam ist ihnen eine enge Verbundenheit mit ihrer Heimat, aus der sie ihre Inspiration schöpfen und ihre künstlerischen Anliegen entwickeln. Bewahren, Wertschätzen, Fortführen wie auch die Sehnsucht nach Wiederherstellen bilden in den Werken beider Künstler:innen einen gemeinsamen Rahmen.


