Der Krieg – ein Gewebe

„Battle:Reloaded“ ist Margret Eichers gewaltige Reaktion auf den Krieg in Europa und ein Welttheater der Medienkunst

Gewebte Welt. Joker, Spiderman und Flüchtlingstrack. “Battle: Reloaded”, 2022, Digitale Collage/Jacquard-Gewebe, 120 x 300cm, Ausschnitt, Foto: Nikolaus Steglich

Jörg Restorff

Ende Februar begann der russische Überfall auf die Ukraine. Seitdem haben viele Künstler auf Putins Krieg reagiert und mit ihren Werken Stellung gegen die militärische Invasion und die Kriegsverbrechen bezogen. Margret Eicher ist eine von ihnen. Jedoch fällt die Strategie der in Berlin lebenden Medienkünstlerin aus dem Rahmen. Mit „Battle: Reloaded“ verweist sie auf eine andere (erfolgreiche) Invasion. Sie nimmt sich den Teppich von Bayeux zur Vorlage. Verdammt lang her! Genauer gesagt eine Reise zurück ins 11. Jahrhundert.

Verdammt aktuell

Medienkunst und textile Webtechnik, aktuelle kriegerische Auseinandersetzung und historische Tapisserien gehen in der monumentalen Arbeit von Margret Eicher eine ungewöhnliche Symbiose ein.

Ihre Teppiche, mit Hilfe von Photoshop entworfen, in einer hochspezialisierten Manufaktur gewebt, schaffen eine Bühne, auf der sich ein abwechslungsreiches Geschehen entfaltet. Comic und Kunstgeschichte, Film und Popmusik, Science-Fiction und Computerspiele, Mode und Werbung – all das fließt ein, nimmt aufeinander Bezug in Eichers Bildwelt.

Die mittelalterliche Bildfolge veranschaulicht in 58 Einzelszenen die Invasion Englands durch den Normannenherzog Wilhelm den Eroberer im Jahre 1066. Anstelle der legendären Schlacht bei Hastings, bei der Wilhelm die Angelsachsen unter König Harald II. besiegte, hat Margret Eicher ein Panorama entworfen, in dem Militär und Mythen der Gegenwart aufmarschieren. Mit einer umlaufenden Bordüre wird das aktuelle Geschehen eingefasst, am unteren Rand eine Wiedergabe des mittelalterlichen Wandteppichs. 30 Meter lang ist dieser Bilderreigen, der sich im Kunstmuseum Moritzburg über drei Wände hinzieht.

Mögliche Moral von Eichers „Battle: Reloaded“: Der Krieg, er ist immer und überall. Mal abgesehen von der historischen Distanz gibt es allerdings grundsätzliche Unterschiede: Anders als Wilhelms Attacke, die nach wenigen Monaten ihr Ziel erreichte, lässt Putin in der Ukraine seit bald einem Jahr aus allen Rohren und mit allen Drohnen schießen, ohne den Widerstand der Angegriffenen brechen zu können. Und wer in Europa am Ende die Herrschaft erringen wird, das kann niemand mit Sicherheit sagen.

Margret Eicher (Jahrgang 1955), die an der Kunstakademie Düsseldorf bei Fritz Schwegler und Rolf Sackenheim studierte, fand in den 1990er-Jahren mit ihren „CopyCollage“ in der Kunstöffentlichkeit beste Resonanz. Bekannt wurde sie durch Medientapisserien, in denen sich Anleihen aus der Hochkunst mit Versatzstücken der Populärkultur verbinden. „Die von mir zitierte Bildform der höfischen Tapisserie“, erläutert die Künstlerin ihr Konzept, „verwebt das heutige Ereignisbild unter meiner Regie: Die Katastrophe, das Porträt, die Figurenszene verlassen ihre flüchtige Trivialität und erhalten typisierenden Charakter.“

Schlacht im Museum

„Battle: Reloaded“ toppt in puncto Monumentalität und Komplexität alles, was die Künstlerin bislang vorgelegt hat. Staunend stehen wir im Halbdunkel vor dieser furiosen Bilderzählung, die den Betrachter in Anspruch nimmt, fordert. Durch ein überwältigendes Seherlebnis sicher auch belohnt. Historienpanoramen des 19. Jahrhunderts kommen in Erinnerung, auch Werner Tübkes Bauernkriegspanorama. Eicher steigert in ihrer Schlacht alles zu einem Welttheater der Medienkunst: vom Urknall, dem Planetensystem, der Erdkugel, zu Lego-Soldaten, Batman, Lady Gaga, Lara Croft, Ninja Turtles, Julian Assange, Kosovo-Flüchtlinge – all das kommt auf den Teppich.

Ninja Turtles, Pokémons und Pilzfamilie. “Battle: Reloaded”, 2022, Digitale Collage/Jacquard-Gewebe, 120 x 300cm, Ausschnitt, Foto: Nikolaus Steglich

Die Handarbeit erledigt bei Eichers Teppichen die Jacquard-Weberei in Belgien, die sich auf Gobelins spezialisiert hat. Ein Medium, das angesichts hektisch funkender digitaler Displays aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Dabei kann die Weberei auf eine stolze Vergangenheit zurückblicken: Sie gehört zu den ältesten kunstgewerblichen Techniken der Menschheit, erlebte ihre Blütezeit in Renaissance und Barock, inspirierte aber auch Künstler der Moderne zu textilen Seitensprüngen. Sonja Delaunay und Hans Arp sind hier zu nennen, Annie Albers, Georges Braque, Salvador Dalí und natürlich Picasso, der unentwegt Experimentierende.

Frech und respektvoll

Keiner ihrer Vorgänger jedoch hat das Medium der Tapisserie derart porentief durchdrungen wie Margret Eicher. „Freche Kopie!“, so lautet der Titel einer früheren Serie. Doch gehen hier der Respekt vor den Alten Meistern und Frechheit Hand in Hand. Das gilt beispielsweise für Tizians Altarbild „Mariä Himmelfahrt“ in der Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venedig – hier hat Eicher die Gottesmutter kurzerhand durch die Popsängerin Madonna ersetzt. Gleichwohl wirkt der Figurentausch nicht nur provokativ – von Majestätsbeleidigung oder gar Blasphemie kann keine Rede sein. Anderes Beispiel: Eine Marketingkampagne des Modelabels Versace stand Pate bei Margret Eichers Version des antiken Beauty-Contests „Urteil des Paris“; bekanntlich wird der Jüngling dort vor die Qual der Wahl gestellt, welche von drei Göttinnen, die allesamt mit Liebreizen versehen sind, er zur Schönsten küren soll. Eher ein Stein des Anstoßes dürfte Eichers Interpretation von Caravaggios „Dornenkrönung Christi“ sein. Ein schwules Paar in enger Umarmung, sich leidenschaftlich küssend, gesellt sich in gleicher Größe zum leidenden Christus. „Liebe verdient Respekt“ liest man auf dem Wandteppich. Wer wollte da widersprechen?

Lob der Malkunst, am Computer entworfen

Margret Eicher: „Lob der Malkunst 2“, 2018 Digitale Collage/Jacquard-Gewebe, 290 x 430 cm, Foto: Nikolaus Steglich

Bei aller Hingabe an digitale Bildbearbeitung und Medientapisserien, stimmt Margret Eicher das „Lob der Malkunst“ an. So jedenfalls betitelt sie eine Arbeit, die einmal mehr bezeugt, auf welch vertrautem Fuß mit der Kunstgeschichte sie steht. Vordergründig handelt es sich bei der Darstellung, die scheinbar durch einen üppigen barocken Rahmen eingefasst wird, um eine Paraphrase zweier berühmter Bilder: Johannes Vermeers allegorisches Gemälde „Die Malkunst“ und Martin Kippenbergers „Paris Bar“. Als Hauptfigur tritt uns Scarlett Johansson im Vermeer-Look entgegen; Lorbeer und Posaune kennzeichnen die Schauspielerin als Muse der Malerei. Martin Kippenberger als Blender im weißen Dinner-Jacket macht definitiv mehr her als der bescheidene Gerhard Richter, der unauffällig an einem Nebentisch Platz genommen hat. Zudem rufen mit Hashtags versehene Fachbegriffe diverse Spielarten der Malerei des 20. Jahrhunderts in Erinnerung. Eichers „Lob der Malkunst“ könnte gut ins „Musée Imaginaire“ passen, wie es André Malraux vorschwebte. Gekonnter, lässiger, als sie es vermag, kann man Museales nicht vermitteln.

„Battle: Reloaded – Margret Eicher: Medientapisserien“
Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)
bis 8. Januar 2023

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