
Alle nannten ihn George. Weich gesprochen, mit einem zweiten „e“ am Ende. Er wollte es so und nannte sich selbst so. Gerorge ist tot. Der deutsche Maler mit dem amerikanischen Sound.
Alle‘ meint diejenigen, die mit ihm näher zu tun hatten, Künstlerfreunde, Ausstellungsmacher, Kunstkritiker, in die er Vertrauen finden konnte. „George“ für Hans-Georg Kern, der sich ab Ende der 50er Jahre in West-Berlin Baselitz nannte, wird amerikanisch gesprochen. So gefiel es ihm.
von Robert Fleck
Der amerikanische Bezug kam nicht von ungefähr. Georg Baselitz war ein harter Gesprächspartner, immer fair, aber er ließ nichts durchgehen, was man zu seiner Arbeit unausgefeilt sagte oder gar schrieb. Wir hatten ein zwanzigjähriges Missverständnis, weil ich als eine Art Ghost Writer seiner Stammgalerie Michael Werner, der damals wichtigsten Galerie Europas, die er mit Michael Werner aufgebaut hatte, 1991 einen Essay über eine Werkreihe von ihm darauf aufgebaut hatte, er sei der wichtigste Maler des Neoexpressionismus. Er hatte damals gar nicht weitergelesen und den Text nach diesem Wort für die Veröffentlichung blockiert. Das ist auch verständlich. Denn 1991 wäre „Baselitz und Neoexpressionismus“ missverständlich angekommen. Fünfzehn Jahre später machten wir seine große Einzelausstellung in den Deichtorhallen Hamburg und sprachen eines Abends, als ich mit ihm und seiner Frau Elke, die immer so wichtig an seiner Seite war und es auch weiterhin sein wird, alleine war, den Fall nochmals an. Er sei doch der wichtigste neoexpressionistische Maler überhaupt. George, wie siezten uns noch, war wieder skeptisch. Ich kann auch starrköpfig sein, kam wieder auf mein Argument zurück.Er sei der wichtigste neoexpressionistische Maler überhaupt, aber natürlich nicht bezogen auf den deutschen Expressionismus, sondern in Bezug auf den amerikanischen Abstrakten Expressionismus der Zeit nach 1945, den er – ähnlich wie die Neoimpressionsten rund um Georges Seurat oder die Postimpressionisten wie Cézanne und Van Gogh den Impressionismus – in ganz andere Bahnen gelenkt hatte, auf welche die Abstrakten Expressionisten, Pollock, Still, Kline, selbst nie gekommen wären. Da stimmte er am Restauranttisch sofort zu. „Das stimmt. Da gehe ich mit.“ Tatsächlich war sein großes Erlebnis als Kunststudent an der HbK in West-Berlin ein riesiges Dripping-Bild von Jackson Pollock, vor dem er sich sagte, so müsse man es machen, nur auf dieser Grundlage, ohne Pollock zu imitieren, wieder die Figuration hereinholen. Die 1960er Jahre, in deren zweiter Hälfte geniale Bilder wie die „Fakturenbilder“ entstanden – alle im MoMA oder in vergleichbaren Sammlungen und Museen – waren ein harter Weg dazu. Auch die Bildumkehrung ab den späten 1960er Jahren, zu der er ursprünglich andere Malerkollegen wie Markus Lüpertz, damals auch schon durch ihn bei Michael Werner, mit einlud, aber vergebens, und die ein Jahrzehnt hindurch in der Kunstkritik als Gag verschrien wurde, hat mit dieser Formel „Pollock und die Wiedereroberung der Figuration auf dieser Basis“ zu tun.

George war ein Künstler von ungeheurer Kraft, physischer, mentaler, geistiger. Sehr intelligent und wortgewandt. Bei der Voreröffnung seiner Ausstellung in der Wiener Albertina Anfang 2006 stellte deren Direktor Klaus Schröder ihn einer Gruppe von Bankleuten vor, darunter der Finanzminister von Rumänien. George nahm das Mikro und sagte: „Ich bin sehr geehrt, vor Ihnen zu stehen. Denn Sie machen aus Geld Geld. (Waren da alle geschmeichelt!) Wir Künstler sind aber noch besser. Denn wir machen zunächst aus nichts Geld und kaufen dann andere Kunst, denn Kunst ist die beste Geldanlage.“ Das hatte ich als junger Schreiber in der Galerie Michael Werner auch gelernt: immer den betreffenden Künstler und die Kunst über alles andere stellen in der Welt.
Am Vormittag nach dieser Begebenheit hatten wir in der Albertina die erste Besprechung für die Ausstellung seiner „Russen-Bilder“ in den Deichtorhallen Hamburg, die ich mit seinem neuen Galeristen Thaddaeus Ropac vereinbart hatte. Ich zeigte ihm die Raumpläne der Ausstellungen von Anri Sala und Michel Majerus, die ich in dieser 4.000 m2 großen Halle ohne Stützpfeiler und mit einem flexiblen Stellwandsystem verantwortet hatte. Da blickte er mich plötzlich an, direkt in die Augen, zeigte mit dem rechten Zeigefinger auf mich und sagte: „Wenn Sie mich da zeigen, müssen Sie ein wirkliches Risiko eingehen!“ Den Satz und die Geste wiederholte er bei der Verabschiedung von unserer Besprechung. Das hatte und hat mir seither noch niemand gesagt. Ich entwarf noch beim Rückflug nach Hamburg einen verrückten Entwurf einer Ausstellungsarchitektur, fuhr ihn damit später in München besuchen, wo Atelier und Sammlung nach der Übersiedlung aus Niedersachsen zwischengelagert waren, angesichts unserer Computersimulation rief er alle zusammen: „Schaut, was die das Verrücktes planen!“, und sagte zu Detlev Gretenkort, seinem Sekretär, selbst sehr guter Künstler, der immer den Ausstellungsaufbau für ihn machte: „Wir lassen die das auch alleine machen.“ Am Vorabend der Ausstellungseröffnung geleiteten wir Baselitz in die Ausstellung und ließen ihn alleine. Es kam erst nach längerer Zeit wieder heraus und sagte: „Jetzt haben Sie einen jungen Künstler aus mir gemacht.“ Ab da sollte ich „George“ sagen.
Anders gesagt: da hatte jemand wirklich Dimension. Wenn man ins Atelier kam, was ich nur zweimal erlebte (später rief er an: „Dich bekommt man ja gar nicht mehr ans Telefon!“), zeigte er stets als erstes, leidenschaftlich erfüllt, die neuesten Erwerbungen seiner historischen Sammlung aus Grafiken, Zeichnungen und Drucken des 15. bis 17. Jahrhunderts, in der in manchen Blättern den Louvre, das Metropolitan und die Albertina zu konkurrenzieren und vor Ort mit den spezialisierten Museumskustoden sich das genau anzusehen, er pflegte und genoss. Diese Zeitspanne der Kunstgeschichte war nicht zufällig gewählt. Als wir beide bei einem abendlichen Gespräch in Hamburg feststellten, dass wir beide protestantische Großväter hatten, die in einen anderen Teil Deutschlands bzw. Österreich-Ungarns um 1900 versetzt worden waren – sein Vater mit Familiennamen Kern war der Pastor in Deutsch-Baselitz und dessen Bruder der Schuldirektor, bei mir war es eine Generation zuvor umgekehrt, aber genau so im österreichischen, damals ungarischen Burgenland – war der Damm endgültig gebrochen. Er beendete das Gespräch aber mit dem Satz: „Ich komme aber morgen nicht zur Pressekonferenz, weil die deutsche Presse nicht über meine Retrospektive in der Royal Academy in London berichtet hat. Du erklärst das schon gut.“ Am nächsten Tag standen fünf Fernsehteams bereit, um zu drehen. Als ich mich alleine an den Tisch setzte und erklärte, weshalb Georg Baselitz nicht neben mir sitzt, bauten sie ihren Kameraaufbau ab. Er kam dann 20 Minuten später wie ein Besucher in die Halle, sie packten sofort wieder ihre Kameras aus und die Deichtorhallen hatten die Medienberichterstattung. Ein super Profi.
Wir hatten noch einen solchen Moment oder zwei. Etwa ein Jahr später wurde Museum für Gegenwartskunst in Bremerhaven eröffnet mit einer Doppelausstellung Georg Baselitz/Benjamin Katz. Ich war sehr geehrt, da die Eröffnungsrede zu halten, fuhr mit dem Rennrad hin, hatte da die Idee mit den Remix-Bildern. Sagte etwas konfus so etwas wie, mit den Remix-Bildern habe Georg Baselitz die Zeitschiene der modernen Kunst umgedreht, welche immer nach vorne verlief, und ab da im Rückspiegel (dazu gibt es ein wichtiges Buch von Werner Hofmann, Die Moderne im Rückspiegel), jedenfalls in einer anderen Zeitdimension, auch zu seinem eigenen Werk. Danach musste Georg Baselitz kurz auf die Bühne für eine Danksagung und sagte: „Das ist ein Aspekt, an den ich nicht gedacht hatte. So male ich jetzt die nächsten Bilder.“ Da war wieder das: Da hat jemand Dimension.
Er wusste, was sein Werk wert ist, dass es bewahrt ist, und zwar fast nur in bedeutenden Museen und Sammlungen. Klar sind jetzt weiße Künstler und alte deutsche Maler nicht so angesagt. Aber das kommt vorbei. Zum ersten Mal seit dem Ableben von Pierre Soulages 2012 kam jetzt in den Kurznachrichten auf „France Culture“ die Nachricht vom Tod von Georg Baselitz. Das sagt viel aus. Das hörte ich auf France Culture seit 1980, seit ich in Frankreich wohne, noch niemals von einem deutschen Künstler oder einer deutschen Künstlerin gleich welcher Sparte.
Unser letzter Kontakt war vor einem Jahr, als er in der Ausstellung „European and American Art“ in der Galerie Sevil Dolmaci in Istanbul prominent mitausstellte, mit bedeutenden Verkäufen. Als ich ihn dazu im Vorfeld anschrieb, mit der Düsseldorfer Privatadresse und nicht mehr mit dem Briefpapier einer Institution, antwortete er: „Lieber Robert, gute Idee. Ich habe keine neuen Arbeiten bzw. bin jeden Tag an den Bildern für Paris. Wir sehen uns mit Thaddaeus in Paris. In alter Freundschaft, George.“
Georg Baselitz. Eroi d’Oro
06. Mai bis 27. September
Fondazione Giorgio Cini, Isola di San Giorgio Maggiore, Venedig


