
Helga Meister berichtet aus Oslo
Katharina Grosse weiß, was sie will. Bei der Pressekonferenz im MUNCH standen die Kuratorinnen, die Museumschefin und die Journalisten aus London, Schweden und Deutschland stramm, während die 64-Jährige in fließendem Englisch nonstop ihren Monolog zur Ausstellung hielt. Draußen vor der Tür lauerten die Vertreter der mächtigsten Galerien der Welt von Gagosian über Hetzler bis White Cube. Immerhin erhielten wir 24 von ursprünglich 30 geplanten Minuten für unser Interview, dann entschwand die Vielgefragte.
Ihre aktuelle Kunst dreht sich ums Bett, einem Lieblingsmotiv der modernen Malerei. Seit Tracy Emins „My Bed“ (1998) ist das Thema präsenter denn je und gilt als Spiegelbild sexueller Gewalt und Alpträume.
Katharina Grosse hatte ihr Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie (in der Klasse von Gotthard Graubner) abgeschlossen und pendelte schon als Professorin der Kunsthochschule Berlin-Weißensee zwischen Berlin und Düsseldorf. Da griff sie 2004 zur Spraypistole und bedeckte in Düsseldorf das ungemachte Bett, die Kissen und die Decke, Möbel, Boden, Kleidung, Kopfhörer, Kisten, Bücher und Wände mit bunter Spray-Farbe. Als ich sie jedoch nach ihren Alpträumen frage, weicht sie aus. Keine Spur von Angst oder gar Lebensangst?
„Nein, das ist ja ein radikaler Schritt auch für mich gewesen, etwas Neues zu überlegen. Vielleicht auch einen Abschluss zu finden mit etwas. Ich wollte ausprobieren, wie es ist, eine ganz klare, radikale Malerei einer farbigen Bildmalerei entgegenzustellen. Also, ich wollte auch gucken, wie das ist, wenn ich mir selbst widerspreche.“

Zum ersten Mal bezog sie symbolische und erzählerische Objekte aus ihrem persönlichen Umfeld in ihre Malerei und nutzte die Sprühtechnik so, dass der Bildraum mit dem realen, dreidimensionalen Raum verschmolz. Ein Jahr lang behielt sie ihr Bett noch und kaufte erst dann ein zweites Bett, um in ihrer Wohnung schlafen zu können.
Nun schlägt Katharina Grosse ihr schwarzes Nachtlager nicht irgendwo, sondern im MUNCH auf, gleichsam im Kultraum des nordischen Staatsmalers. Seit ihrer Jugendzeit setzt sie sich mit Edvard Munch auseinander, lebte diesmal gleich vier Wochen in dessen ehemaligem Atelier auf Ekely und besuchte Orte wie Kragerø, Hvitsten und Åsgårdstrand. Den Höhepunkt fand die Reise in Bodø und auf den Lofoten, wo Grosse unter freiem Himmel schlief und Aquarelle malte. Motiviert war die Reise von ihrem Wunsch, die farbenreiche Dunkelheit in Munchs Schatten und das Licht in „Die Sonne“ mit eigenen Augen zu sehen. Die beiden Pole von Licht und Dunkelheit faszinieren auch sie.
Die Ausstellung „Schwarzes Bett“ in Oslo greift auf ihre Zeit in Düsseldorf als Studentin und als Professorin an der Kunstakademie zurück. Ein Bild davon hing sogar schon 2004 in der Düsseldorfer Kunsthalle und erinnert gleich im ersten Raum in Oslo an ihre Anfänge in einer öffentlichen Institution, aus der auch diese außerordentliche Künstlerin nicht ausbrechen kann. Das gilt eigentlich auch für den großen Saal, aus dem zwar alle Zwischenwände entfernt wurden, aber auch hier dringt der Farbfluss nicht nach draußen, wie es seinerzeit im Hamburger Bahnhof möglich war.
Dennoch gelingt ihr auch diesmal eine ungeheure Bewegung dank ihrer immer weiter perfektionierten Spray-Technik. „Ich habe verschiedene Sachen, die ich benutze“, erklärt Katharina Grosse „Dazu gehören zum Beispiel eine große nachfüllbare Airbrush-Pistole mit Kompressor sowie ein Airless-Gerät, das die Farben nicht durch Luft, sondern direkt durch die Düsen drückt.
Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, die Farbe aufzubringen. Ich habe angefangen zu sprayen, weil ich gern auf den Wänden malen wollte. Das habe ich auch mit dem Pinsel gemacht. Der Pinsel aber stoppt immer an der Decke. Mit dem Sprayen geht es viel leichter, viel schneller. Es geht über alles drüber, über Heizungsrohre, über Dreck, über Hindernisse. Und deshalb habe ich angefangen zu sprayen.“

Sie benutzt Acrylfarben, die leicht und lasierend wie Aquarellfarben wirken. Dennoch liebt sie zugleich die schiere Überwältigung durch das Format und durch die luziden Farben, die miteinander ringen, die matten mit den strahlenden Tönen, die fluoreszierenden mit der dunkelvioletten Düsternis. Sie hat schnell gelernt, wie sich die Farbe dosieren lässt und erklärt: „Das Sprayen kommt sehr schnell aus der Pistole raus. Die kleinen Zufälle kontrolliere ich gar nicht erst. Aber was ich generell will, ist das Ausprobieren, wie etwa ein Violett über ein Feld geht. Das muss ganz direkt und genau sein.“
Das Faszinosum ihrer Kunst aber besteht darin, dass die Schönheit immer immanent in ihrem Werk enthalten ist. Das war in Berlin im Hamburger Bahnhof so, wo sie mit ihren Objektbildern für eine neue Kunsthalle kämpfte. Das ist in Düsseldorfer Ehrenhof so, wo sie eine Art Riesenpalette gegen die roten Ziegelsteine im Ehrenhof anlehnt. Selbst in der Dunkelheit kann ihre Farbe in Schönheit faszinieren. Das hat weder mit Vernunft noch mit Kalkül zu tun, sondern wirkt wie ein Geschenk gegen die Tristesse der Gegenwart. Die Energie und die Kraft, die hinter dieser Art von Malerei liegt, ist anders als die des großen Skandinaviers. Sie führt in die unmittelbare Gegenwart hinein.
Katharina Grosse hat noch eine weitere Fähigkeit entwickelt, die erstaunt, und das ist der Umgang mit dem Raum und mit der Architektur. Von Düsseldorf aus konzipierte sie ihr großes Atelier in Berlin. Im Haveltal hat sie die ehemalige landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft „Rinderkombinat Völkerfreundschaft“ in einen außergewöhnlichen Ort für Kunst verwandelt. Ihr architektonisches Feeling zeigt sich auch in der Installation in Oslo. Da schiebt sich die energiegeladene Dunkelheit in den Raum, bündelt sich in einer Art Linse, und schwingt in großen Papierarbeiten aus.

Auch wenn sie längst zur Weltbürgerin geworden ist, bleibt sie ihren Düsseldorfer Freunden (Atelierhaus Höherweg) verbunden. Seit ihrer Studienzeit in den frühen 1990er Jahren an der Kunstakademie steht sie in einem permanenten kreativen Dialog etwa mit Stefan Schneider, dem Meisterschüler von Bernd Becher und Mitbegründer der Bands Kreidler und To Rococo Rot. Gegen Ende des Studiums begannen sie sich klassenübergreifend auszutauschen. „Wir kennen uns aus der Akademie, obwohl wir in verschiedenen Klassen waren. Er hat seinerzeit auch meine Arbeit fotografiert. Und dann haben wir ein Gespräch zusammen gemacht, aber nicht auf zwei Stühlen mit Mikrophon, sondern auf Leitern haben wir ein kleines Stück von La Monte Young gespielt. Da hatte ich einen Synthesizer und er hat mir gesagt, was ich machen darf. Und dann haben wir die gemeinsamen musikalischen Auftritte weiterentwickelt. Es war kein Konzert, sondern der Versuch, ein Gespräch auch klanglich zu formen. Aus dieser Idee hat sich unsere musikalische Zusammenarbeit entwickelt. Seither arbeiten wir regelmäßig zusammen.
Wir unterhalten uns sozusagen über die Klänge und die Geräusche und die Musik, und darüber, dass die Synthesizer das aushandeln. Und jetzt haben wir auch angefangen, mit anderen Künstlern zu spielen. Immer unvorbereitet und ungeprobt, es gibt ganz wenige Vereinbarungen, die wir einhalten, also etwa wie lange wollen wir spielen und wo wollen wir stehen im Raum.“
Zur Eröffnung am 27. September gaben Grosse und Schneider zusammen mit Fatida Amadou und Maria Bertel ein Konzert in der Ausstellung.
Der Kontakt zu Stefan Schneider ist ihr sehr wichtig. Sie sagt: „Die Kommunikation mit Stefan, die Auseinandersetzung, der Austausch, den wir miteinander haben, das ist lebendig, auch wenn wir uns nicht so oft sehen. Wenn wir uns treffen, da erzählt der eine oder der andere, was er gerade gemacht hat oder gelesen hat oder was wir gerade erleben. Dann überlegen wir, wie es weiter gehen könnte, was wir das nächste Mal auch anders machen könnten. Es ist immer alles sehr frisch. Ich bin da komplett akzeptiert, ohne ständige Beurteilung.“
Katharina Grosse – Black Bed
bis zum 3. Januar 2027
Munch-Museum, Edvard Munchs plass 1, Oslo
Die Ausstellung geht anschließend ans Kunstmuseum Karlsruhe
A brush with… Katharina Grosse
Katharina Grosse Im Gespräch mit Ben Luke
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