Anish Kapoor schlägt in Venedig und Duisburg auf

Zur Biennale di Venezia präsentiert Anish Kapoor eine originelle Ausstellung im Palazzo Manfrin. Sie vereint knapp hundert realisierte und nicht realisierte Architekturmodelle aus 50 Schaffensjahren. Darunter befinden sich die ikonische Cloud Gate (Spitzname Die Bohne) aus Chicago mit der reflektierenden, hochglanzpolierten Oberfläche ohne sichtbare Nähte, deren Entwurf von flüssigem Quecksilber inspiriert wurde. Taratantara besteht aus gespanntem PVC für das Baltic Centre for Contemporary Art in Gateshead. Abstieg ins Limbo nennt sich jener schwarze, ikonische Bodenkreis, dessen Lichtabsorption die Wahrnehmung austrickst. In Duisburg wird Anish Kapoor mit einer Ausstellung und für sein „wegweisendes Lebenswerk“ mit dem Wilhelm-Lehmbruck-Preis geehrt.
Atemberaubend, sagt Helga Meister
Im Kleinformat kann sich der Besucher an der ersten aufblasbaren Konzerthalle „Ark Nova“ (2013) oder an der jüngsten Metrostation Monte Sant‘ Angelo aus Cortenstahl in Neapel ergötzen. Zuweilen gibt der Künstler knappe, kauzige Kommentare, wenn er etwa sagt: „In der Stadt am Fuße des Vesuvs – zugleich Schauplatz von Dantes mythischem Eingang ins Inferno – war es mir wichtig, mich damit auseinanderzusetzen, was es eigentlich bedeutet, sich unter die Erde zu begeben. Die Idee bestand darin, den Tunnel gleichsam wie eine Socke nach außen zu kehren. Dies knüpft natürlich an mein Interesse an, Räume nach außen zu kehren.“
Das Gros der gezeigten Objekte sind nie umgesetzte Visionen: urbane Interventionen, Gedenkorte, Skulpturen, die zu Architektur werden wollten, aber noch auf ihre Realisierung warten, es sind großformatige Installationen und spiegelpolierte Edelstahlskulpturen. Allesamt sind es Objekte, die immer zugleich Räume darstellen und Raum schaffen. Es sind skulpturale Großobjekte im architektonischen Maßstab, die in den wichtigsten Zentren der Welt realisiert wurden oder darauf noch warten. Aber keine „Baukunst“, wie sie etwa die Kunstakademie Düsseldorf in kleinen Häppchen für einige wenige Studierende anbietet.
Das Erstaunliche aber ist, wie sie ihren Ursprung im Skizzenbuch, in Netzen, Tüchern, Sand und Wachs-Ausbuchtungen, in einer Erhebung und einer Vertiefung – a bump and a hollow – haben. Sein „Erd-Cinema“ für den Pollino Nationalpark (1995-2009) ist ein 45 Meter langer und 7 Meter tiefer Einschnitt ins Erdreich, der von beiden Seiten betreten werden kann. Im Inneren befindet sich ein tiefer, rechteckiger Hohlraum – ein Kino, in dem die Erde selbst die Leinwand bildet. Am Anfang steht häufig ein spielerisches Experiment, das dennoch ein so klares Monument des Denkens ist, dass man diesem Schöpfer noch viele große, mutige Auftraggeber wünscht, die ihm den Weg zur Ausführung ebnen.

Dieser geniale Erfinder sorgt für Erstaunen, wenn er die Besucher unter seine hängende Riesenskulptur „Am Rande der Welt“ (1998) lockt. Diese dunkelrote Halbkugel aus Fiberglas und Pigment ist so gewaltig, dass die Gäste zunächst zögern, den Raum zu betreten, weil sie fürchten, von der gewaltigen Schale zermalmt zu werden. Das acht Meter im Durchmesser messende Werk hängt wie selbstverständlich von der Decke. In neuen, hoch aufragenden Spiegelarbeiten manipuliert er Materialien und konkave Formen, um den umgebenden Raum sowohl zu erweitern als auch zu vereinnahmen. Der Betrachter spürt, wie er in die Sphäre dessen eindringt, was der Künstler als „Nicht-Objekt“ bezeichnet.
Viele Arbeiten wirken verblüffend. So begrüßt er mit zimmerhohen Zementwürsten von „Ga Gu Ma“ (2012), die sich wie Stalaktiten durch einen großen und hohen Raum schieben. Dann wieder führt er in einen immersiven Raum aus Silikon und Farbe, der eine symbiotische Verbindung zu seiner aktuellen Malerei darstellt. Vor seinen polierten Edelstahlskulpturen wird der Betrachter absorbiert, verzerrt oder auf den Kopf gestellt Dann wieder erschrickt er, weil er sich in seinen schwarzen Leere-Öffnungen verliert und den Abgrund fürchtet. Die schwarzen Öffnungen in Wand und Boden machen die Leere selbst zur Skulptur.
Die Ausstellung hat der britische Künstler im Palazzo Manfrin eingerichtet, 2020 erwarb Anish Kapoor den lange leerstehenden Palast, der seine prunkvolle Fassade zum Canale di Cannaregio hinaus zeigt. Hier brachte Kapoor im April 2022 nach kurzer Umbauzeit auch seine Stiftung unter.
Der Palazzo Manfrin ist ein Gebäude mit langer Geschichte. Errichtet im 16. Jahrhundert, beherbergte er einst eine der bedeutendsten Kunstsammlungen Venedigs. Kapoor, der nicht nur ein Visionär, sondern auch ein Künstler mit einem Millionen-Vermögen ist, erwarb das Anwesen 2018 und ließ es über vier Jahre hinweg in eine Residenz, ein Studio und viele öffentlich zugängliche Ausstellungsräume verwandeln. Die Anish Kapoor Foundation dient ihm als „kulturelles Instrument“ für künstlerische Experimente abseits des Marktes.
Wem Venedig zu weit entfernt ist, findet Arbeiten des britisch-indischen Künstlers auch in Duisburg Das Wilhelm-Lehmbruck-Museum ehrte Anish Kapoor vor wenigen Wochen mit dem Lehmbruck-Preis 2026. Direktorin Söke Dinkla stellt seinen konkav gekrümmten „Spire“ (Turm) von 2014 in die Herzkammer des Museums, wo sonst Lehmbrucks emporsteigender Jüngling steht. Wie selbstverständlich fällt das Tageslicht über den emporschießenden, polierten Körper und reflektiert den Himmel wie einen Segen in den Museumsraum.
Seit über 40 Jahren ist Kapoor auf der Suche nach dem unendlichen Raum. Da entwickelte 2014 die Firma Surrey Nano Systems die Farbe Vantablack, eine Substanz aus gerichteten Kohlenstoffnanoröhren, die das einfallende Licht absorbiert. Diese Erfindung machte er sich zwei Jahre später zu Nutze, indem er die exklusiven Nutzungsrechte für künstlerische Zwecke erwarb. Nun hatte er das dunkelste, satteste Schwarz.
Gleich im ersten Museumsraum ist „Non-Object Black“ von 2025 zu sehen, zwei schwarze geometrische Flächen in Glasvitrinen. Beim Nähertreten verschwimmen die Konturen, und plötzlich springen dem Betrachter zwei virtuelle Körper entgegen. Vantablack macht’s möglich. Kapoor möchte, wie er sagt, „über das Sein hinausgehen“. Söke Dinkla interpretiert voller Enthusiasmus: „Er bezeichnet die Farbe als Inbegriff seines künstlerischen Denkens. Er hat sie nicht erfunden, sondern gefunden. Ihm geht es um die Wahrnehmung: Wie lässt sich das, was nicht sichtbar und nicht greifbar ist, darstellen.“
Im Hauptraum sind große, konkave Aluminiumspiegel mit Farbe lackiert. Tiefes Rot, changierendes Violett und irisierendes Grün verlaufen langsam zum tiefen Schwarz. Wieder springt dem Betrachter kurz vor den Spiegeln ein dunkles „Vorbild“ entgegen. Da die Spiegel leer und schwarz sind, entsteht ein tiefer Raum, wie eine Öffnung ins Nichts. Die Grenzen zwischen Realität und Imagination scheinen außer Kraft gesetzt. Ein Handy-Fotograf würde scheitern, er hätte ein plattes Bild ohne Tiefe. Das Auge des Menschen ist gefordert. Es darf sich satt sehen.

Der Magier ist zugleich ein listiger Charakter. Er schlängelt die „Doppelte S-Kurve“ aus poliertem Edelstahl auf 15 Metern Länge durch den Raum, wobei sich die konvexen und konkaven Kurven achsensymmetrisch gegenüberstehen. Diese geschwungenen Formen verändern auf Schritt und Tritt ihre Bilder. Die Umgebung scheint durch Gummilinsen gejagt. Die horizontalen und vertikalen Krümmungen erzeugen einen bewegten Raum. Der Betrachter fühlt sich je nach Standort vergrößert oder verkleinert, verdreht und vervielfacht. Tritt er näher, springt ihm diese vibrierende, moussierende, unbegreifliche Tiefe entgegen.
Die Ausstellung gibt einen guten Überblick über das Werk. „Mother as a Mountain“ (1985), dieser Mutterberg als Sinnbild von Weiblichkeit, ist nichts als der Faltenwurf einer Madonna, ein Gipskegel mit schwarzen Pigmenten, aber einem hohlen Inneren. „When I am Pregnant“ (1992) ist ein Nichts, eine Fata Morgana, ein Bauch, der plötzlich aus der Wand springt. Eine schwangere Wand? Das Geheimnis wird nicht gelüftet. Man habe eine Wand gebaut, eine Halbkugel eingesetzt, mit normaler Farbe weiß gestrichen und an den Rändern verputzt. Man habe sehr lange am Licht gearbeitet, das kein Museumslicht ist, so Söke Dinkla. Eine unheimliche Spannung zwischen Leere und Fülle auch hier.

Anish Kapoor
Geboren 1954 in Mumbai als Sohn einer irakisch-jüdischen Mutter und eines indischen Vaters, kam Kapoor 1973 nach London, wo er am Hornsey College of Art und an der Chelsea School of Art studierte. Sein internationaler Durchbruch kam 1990 mit dem Britischen Pavillon auf der Biennale von Venedig, als er noch keinen britischen Pass besaß. 1991 wurde er mit dem Turner Prize ausgezeichnet. Heute ist er einer der international anerkannten Künstler mit Ausstellungen in aller Welt.
Der Wilhelm-Lehmbruck-Preis wird von der Stadt Duisburg und dem Landschaftsverband Rheinland wird Anish Kapoor für sein „wegweisendes Lebenswerk“ verliehen.
Die Ausstellungen
Anish Kapoor
bis 30. August
Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Friedrich-Wilhelm-Straße 40, Duisburg
Anish Kapoor
bis 08. August
Palazzo Manfrin, Fondamenta Venier, Cannaregio 342, Venedig
Ein Gratis-Heft enthält auf 64 Seiten seine Entwürfe.
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