Die Erde anders beschreiben

Zur großen Biennale Ausstellung von Koyo Kouoh

blaxTARLINES, Ghana (Arsenale)

Ein Beitrag von Getrude Helm

Die von Koyo Kouoh (1967-2025) kuratierte Hauptausstellung lädt die Besucher ein, ihre Aufmerksamkeit auf Positionen jenseits des mörderischen Schlamassels in der Ukraine und Nah-Ost zu richten. Wir Europäer sind auf uns und die „weißen“ USA fixiert. Die vielfältigen Lebenswelten auf der Erde nehmen wir kaum wahr. Kouoh selbst, in Kamerun geboren und aufgewachsen, in der Schweiz ausgebildet und bis zu ihrem Tod wohnend, verbindet diese Welten über ihren Tod hinaus. Gründungen wie die Raw Material Company in Dakar, das Zeitz Museum in Kapstadt zeigen ihre Verbindungen in die Welt, vor allem zu Afrika. Zur Biennale 2026 haben sie und ihr Team 111 Künstlerinnen und Künstler, Einzelne und Kollektive, eingeladen.

„Atme tief ein, atme aus, lass die Schultern sinken, schließe deine Augen.“

Nimm dir Zeit für die leisen Töne, in minor keys. In Moll-Tönen, die sich dem Heroischen, Kriegerischen entziehen. Mit diesem Gedanken beginnt Kouoh ihren Text zur Biennale in Venedig 2026.

Und dann: Schau genau hin!

Auf zwei Positionen soll hier der Blick gelenkt werden. Sie zeigen eine andere Geografie.

blaxTARLINES, Ghana (Arsenale)

Eine Landkarte – könnte irgendwo in Afrika sein. Doch statt geographischer Bezeichnungen stehen dort große Namen des schwarzen Selbstbewusstseins wie Wole Soyinka und James Baldwin. Unter den anderen Namen fällt Okwui Enwezor auf oder auch die oben bereits erwähnte, von Koyo Kouoh gegründete Raw Material Company aus Dakar, Senegal. Offensichtlich gehören viele Namen zu Menschen, die Kunst und Künstler aus Afrika fördern und ihre Präsenz rund um die Welt ermöglichen.

An die benachbarte Wand werden Textfolien projiziert. Der Name Kwame Nkrumah sticht heraus. Die Künstler von blaxTARLINES haben sich um das Jahr 2015 aus ihrem Zusammenhang an der Kwame Nkrumah Universität in Kumasi, Ghana, formiert. Bis heute mit der Basis in Kumasi bilden sie eine Gruppe, ein Kollektiv, das sich als Open Source, als Inkubator versteht. Kwame Nkrumah (1909-1972), der Namensgeber der Universität, steht programmatisch für ihren Hintergrund. Er, der erste Präsident Ghanas, gilt als Leitfigur des Panafrikanismus, des afrikanischen Selbstbewusstseins. In der Landkarte von blaxTARLINES fallen kreisende, verschlungene rote Linien auf. Sie scheinen Spuren zu folgen, Erkundungen der Geografie nachzuzeichnen, hinaus strebend und doch immer wieder sich kreuzend, verbindend und zurückkehrend. Assoziieren ließe sich „Underground Railroad“, der Roman von Colson Whitehead, der ein geheimes Netzwerk von gegen die Sklaverei Kämpfenden in den USA im 19. Jahrhundert beschreibt. Und tatsächlich trägt die Arbeit von blaxTARLINES den Titel „Underground Railway Stations“, 2026.

Ebenfalls im Arsenale gab es bei der Biennale 2024 eine Installation, die reale Landkarten benutzte, um Geflüchtete ihre Fluchtrouten, vor allem aus Afrika nach Europa, nachzeichnen zu lassen.

Die roten Linien in der Geografie von blaxTARLINES stehen mit ihrer Konzentration auf Stärken in denkbar großen Kontrast dazu. Stolz, Nachdenklichkeit und auch Freude strahlen die Anwesenden des Kollektivs bei der Eröffnung aus.

Sawangwongse Yawnghwe, Shan Staat/Birma, Niederlande

(Hauptpavillon in den Giardini und Arsenale)

The Prince’s Manual, or The Complete Idiot’s Guide to Burma’s Fate (2023)

Kartierungen ganz anderer Art entwirft Sawangwongse Yawnghwe, der 1971 im Shan-Staat in Birma geboren wurde. Den Namen Myanmar haben die seit Anfang der 60er Jahre herrschenden Militärdiktatoren dem Land übergestülpt. Einerseits, um mit der Kolonialzeit zu brechen (die Briten benutzten den Namen Burma), andererseits um die rebellierenden Völker und Volksgruppen unter einem Namen zu verklammern. Die Shan sehen sich als eigenes Volk mit eigenem Staat an. Die ihnen 1947 vertraglich zugesicherte Möglichkeit der Autonomie nach 10 Jahren wurde verweigert. Sie bilden mit verschiedenen, auch uneinigen, Untergrundgruppierungen und -armeen den vermutlich entschiedensten Widerstand gegen die Militärdiktatur. Der wird wesentlich finanziert durch Mohnanbau zur Heroin- und Opiumgewinnung.

Vor diesem Hintergrund entwickelt Sawangwongse Yawnghwe (das ist gleichzeitig der geographische Name einer der südlichen Provinzen des Shan-Staates) seine Tableaus. Sein Grossvater, der Fürst von Yawnghwe, war gleichzeitig der erste Präsident der Union von Burma von 1948 bis 1952. Er wurde 1962 nach dem ersten Militärputsch verhaftet und vermutlich in der Haft ermordet. Die Grossmutter gründete daraufhin eine der ShanArmeen, der sich sein Vater anschloss. Sawangwongse wurde zwar noch im Shan-Staat geboren, sein Leben ist von verschiedenen Exilstationen in Thailand, Canada, Italien und den Niederlanden geprägt.

„2004 starb mein Vater. Das brachte mich dazu, wieder auf Birma zu schauen…Ich ging nach Rishikesh, Indien, und machte ein oder zwei Zeichnungen am Tag bis ich 81 davon hatte. Ich machte wenig anderes als Yoga und Zeichnen. Es war die Zeit der Safran-Revolution in Birma. Meine Zeichnungen befassten sich mit den durch die birmanesischen Militärdiktatoren verübten Grausamkeiten und bezogen sich auf Goyas „Desastres de la Guerra“, von denen ich Drucke bei mir hatte.“ (S. Y. im Interviewmit Kerstin Winking, Amsterdam, im Februar 2022)

Die Komplexität des Kampfes der Shan und der anderen Völker in Birma gegen die Militärdiktatur tritt in The Prince´s Manual… deutlich zu Tage. Das Zusammenführen und Auseinanderstreben auch innerhalb der Konfliktparteien, ihre verschiedenen Positionen ergeben ein schier undurchschaubares Geflecht. Der Prinz mag der Künstler selbst sein. Inmitten der Verworrenheit versucht er sich mit dem Tableau Klarheit zu verschaffen. Der Titel geht weiter…or the Complete Idiots Guide to Birmas Fate. Darin mag ironische Distanz einerseits, doch auch Wut und Trauer liegen.

Geht man um die freistehende Wand herum, auf der neben dem „Manual…“ noch „The Bed of Gold Stream“ und „Post-Apocalypse Parallax“ hängen, beide 2024, trifft man auf zwei weitere seiner Werke. In „Which Way to Land? An open Question to Burma´s Fate“ (2023) scheint das Land, das die Umrisse des Shan Staates zeigt, im Unendlich des Blaus zu versinken. Doch neben dem Blau als Farbe des Meeres könnte man auch Blau als neue metaphysische Farbe der Hoffnung assoziieren.

Wie gut Sawangwongse Yawnghwe in seinem Werk Intellektualität und Emotionalität zu vereinen versteht, zeigt sich, wenn man auf „The Peoples Desire“ (2018) in den Arsenale blickt.

Auf einem sechs Meter langen Tisch ist eine schier unendliche Zahl von grob modellierten Tonfiguren versammelt, die in eine Richtung schauen. Es gibt Boote, Bahren, Betende, aber keine Bewegung. Dennoch assoziiert man unmittelbar den Exodus, Vertreibung – ob von den Rohingyas, den Juden im Alten Testament oder den Palästinensern in Gaza, Süd-Libanon und im Westjordanland.

Womit wir doch wieder in der Ukraine, in unserem Nahen Osten angekommen sind.

Doch zur Rezeption der Biennale 2026 in Venedig lässt sich sagen: Aufregung macht nicht klug, Aufmerksamkeit schon.


Lesen Sie weiter

Pixelwelten

Der Krieg – ein Gewebe

„Licht auf Ungerechtigkeit“

„Man muss die Umstände schon gut erfassen“

Gewebefreiheit

Tadeusz, Norbert

ALLNORBERT TADEUSZ FILM „Denn ich erfinde ja nichts“ Als Norbert Tadeusz Anfang der sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts die Bühne betrat, setzte die Moderne Kunst

Read More »

© 2022 All rights reserved