„Man muss die Umstände schon gut erfassen“

Ein Gespräch mit Clemens F. Kusch. Der deutsche Architekt in Venedig betreut den Deutschen Pavillon seit 2003 – und kann ein Lied davon singen

Sung Tieu, Human Dignity Shall Be Inviolable, 2026. Courtesy the Artist.

Die Deutschen haben ein Problem mit ihrem Pavillon. Alle zwei Jahre gibt es Debatten, Eingriffe, Umbauten. So auch in diesem Jahr. Sung Tieu ließ den 1938 im klassizistischen Stil umgebauten Pavillon mit einem Marmormosaik vollständig ummanteln (dazu unser Gespräch mit der Künstlerin).

Der Bau wurde längst von den italienischen Behörden unter Denkmalschutz gestellt. Was zur Folge hat, dass alle Eingriffe und Veränderungen mit dem venezianischen Denkmalamt abzustimmen sind und nach dem Ende jeder Biennale in den Originalzustand zurückversetzt werden müssen. Das wiederum wird zur Herausforderung und Reibungsfall für die Künstler der kommenden Biennale.

Der Bau selbst wird mal als Nazi-Bau, mal als „Faschistisches Bauwerk“ wie in diesem Jahr eingestuft. Beides ist architekturhistorisch unscharf.

Architekt dieser deutschen Dauerbaustelle ist Clemens F. Kusch, der sein Büro cfk_archtitti in Venedig betreibt.

„Unser Mann in Venedig“ betreut seit 2003 die Baumaßnahmen rund um den Deutschen Pavillon und setzt die Wünsche und Vorstellungen der ausgewählten Künstler mit viel Sachverstand und umfassender Geduld um.

cfk_architetti haben u.a. mit sviluppo beim venice climate change pavillon (VCCP) beteiligt.

„Dieses Projekt visualisiert die Daten zum Klimawandel in unseren Städten auf ästhetische Weise. Durch ein innovatives Tool für jedermann das Bewusstsein zu schärfen, bedeutet, ein gemeinsames Bewusstsein für die Städte der Zukunft zu schaffen.“

Ein Gespräch mit Clemens F. Kusch über seine Arbeit mit dem Deutschen Pavillon. 

Clemens F. Kusch: Meine erste Kunstbiennale war die von 2003, die Installation von Martin Kippenberger, der U-Bahn-Schacht. Das war gleich die erste Herausforderung. Der U-Bahn-Schacht sollte in den Boden rein gebaut, rein gegraben werden.

Da hatten wir zum ersten Mal mit der Denkmalschutzbehörde zu tun, es musste eine Genehmigung erteilt werden. Das war schon ziemlich aufwendig, aber das war Anfang. Seit 2003 haben wir durchgehend jede Architekturbiennale und jede Kunstbiennale betreut.

Carl Friedrich Schröer: Was war im Rückblick die größte Herausforderung?

CFK: Das ist schwierig zu sagen, weil es immer anders ist. Also wir haben in den Boden gegraben, wir haben aufs Dach gebaut. Jetzt in diesem Fall haben wir es ganz eingemantelt.

Die größte Herausforderung ist die, die nicht umgesetzt wurde. Und zwar vor vier Jahren, Maria Eichhorn, die den Pavillon transluzieren wollte. Sie wollte den Pavillon vom Boden lösen und wegtragen und hat uns eben um die Machbarkeit gefragt. Wir haben auch versucht zu sehen, ob das ginge und haben auch mit Ingenieuren zusammengearbeitet, theoretisch auch die Umsetzung, sagen wir, geplant. Aber ohne noch jeglichen Kontakt mit der Denkmalschutzbehörde, die das nie hätte genehmigen lassen. Und ich habe dann an einem gewissen Punkt gesagt, ich wäre nicht mehr bereit, das Projekt weiter zu verfolgen.

Dann war der Kurator und die Künstlerin Maria Eichhorn erstmal etwas enttäuscht. Aber haben dann das Projekt eben dann modifiziert und umgesetzt. Es gibt immer was. Wir haben ja dann auch mal den Glasboden, als er den Goldenen Löwen gewonnen hat mit der Anne Imhof, eben den ganzen Doppelboden aus Glas realisiert. Das war auch ein ziemlicher Aufwand, weil die Künstlerin natürlich am liebsten eine einzige große Glasplatte gehabt hätte. Was natürlich nicht machbar ist. Da sind auch statische Fragen zu klären und überhaupt eine Firma zu finden, die sowas machen kann, ist nicht einfach. Ja, es ist immer eine interessante Herausforderung.

CFS: Wie sagt man so schön – spannend!

CFK: Spannend, genau. Und man hat halt immer wieder mit neuen Leuten zu tun. Immer von Neuen anfangen, die das noch nie gemacht haben. Und man muss eben dann wieder ganz von vorne erklären, wie es läuft und was wichtig ist und was man beachten muss. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz und es steht unter italienischem Baurecht und ist zwar deutsches Eigentum, aber untersteht eben dem italienischen Baurecht und unter Denkmalschutz und kann in der Substanz nicht geändert werden. Also es kann im Volumen, in den Fassaden nicht verändert werden. Auch jetzt haben wir natürlich, sagen wir, in die Putzwand gebohrt. Das geht. Aber natürlich alle Naturstein-Elemente dürfen nicht angerührt werden. Da muss man immer aufpassen, dass alles dann wieder nach der Biennale komplett in den ursprünglichen Zustand zurückgebaut wird.

CFS: Wer hat denn diesen deutschen Pavillon unter Denkmalschutz gestellt? Die italienische Behörde?

CFK: Die italienische Behörde, ja.

CFS: Und welche Begründung gibt es?

CK: Es gibt eine Begründung. Alleine weil das Bauwerk älter als 50 Jahre alt ist. Also 50 Jahre nach Entstehung untersteht hier alles unter Denkmalschutz. In Venedig steht da natürlich sehr viel unter Denkmalschutz und das Gelände insgesamt hier auch. Ich glaube auch fast alle Pavillons stehen unter Denkmalschutz.

CFS: Sie mussten also die Naturstein-Fassade erhalten und doch eine neue Fassadengestaltung finden. Wie haben Sie das gelöst?

CK: Ja, also der gesamte Baukörper, die Stützen und oben der Architrav, wurden ummantelt mit einem Stahlgerüst, eine Stahlstruktur, die auf Maß gebaut wurde. Und auch die musste dann, sagen wir, so befestigt war, dass es an Stellen hielt, wo eben kein Naturstein, sondern wo Putz ist, wo man dieses Gerüst überhaupt befestigen darf. Das wurde dann erst mit Holz verkleidet und dann eben mit den Millionen von Mosaikplatten.

CFS: Das alles muss auch zurückgebaut werden?

CFK: Das ist alles reversibel, alles rückbaubar. Muss es auch sein.

CFS: Wie gelangten die Mosaiksteine denn hier zur Baustelle in den Giardini?

CFK: Die sind in China und Ravenna hergestellt worden und dann von dort hierher mit dem Lastschiff transportiert worden.

CFS: Der Fliesenspiegel, den man sieht, der geht nicht einher mit dem klassizistischen Gebäude, sondern liegt etwas quer dazu, also etwas verschoben.

CFK: Das ist eine Entscheidung der Künstlerin und wir haben es umgesetzt, die Wünsche der Künstlerin.

Es ist eine Fototapete aus Natursteinen.

CFS: Was war hier dann das größte architektonische Problem im Sinne der Kosten?

CFK: Die Kosten insgesamt kenne ich nicht. Sagen wir, ich weiß das, was wir beauftragt haben an lokale Firmen für die Umsetzung, aber das Gesamtbudget kenne ich nicht.

Es ist immer ein Zusammenspiel von künstlerischem Konzept, Architektur und speziellem Bauhandwerk. Hier kommt noch viel elektronisches Now How hinzu.

CFS: Werden die Natursteine nach Ende der Biennale wiederverwertet?

CK: Also, die Platten werden nach der Biennale abgebaut und sicher, sagen wir, als Kunstobjekte weiterverwendet, verkauft, ausgestellt. Aber das ist eine Sache der Künstlerin.

CFS: Wie lief die Zusammenarbeit im Vergleich zu den vielen Biennalen, die Sie schon erlebt haben mit diesem Team?

CK: Die Zusammenarbeit war gut. Ich meine, es hat ja schon lange vorher, vor gut einem Jahr schon angefangen. Man muss eben erstmal, sagen wir, die Umstände insgesamt erfassen. Die Künstler sind mit ihren Ideen gekommen und dann haben wir das gemeinsam entwickelt, dann die geeigneten Firmen gefunden, gesucht, die das machen, die das montieren. Und das Ganze natürlich ist auch dann, wie immer, auch unter Zeitdruck, weil eben die Produktion in China dann hierher transportiert, die Unterkonstruktion muss fertig sein und das Ganze muss, sagen wir, eingespielt werden.

Es ist aufwendig, aber natürlich, wenn man sich vorher über die Machbarkeit und Umsetzbarkeit einigt, dann muss man es auch, sagen wir, zügig genauso umsetzen. Zum Glück gibt es, also wir haben schon gute Kontakte – bei der Biennale wird ja alles Mögliche gemacht, sagen wir, auch die aufwendigsten Sachen an Transport, an Konstruktion, an Montage, an Glasbauer, Steinbauer und was alles notwendig ist – die finden wir vor Ort.

CFS: Unter den Architekten sind zu einem Biennale-Spezialist der Sonderklasse geworden. Baucht es dazu auch besonders starke Nerven? 

CK: Ja, es ist immer eine neue Herausforderung. Inzwischen haben wir, sagen wir, eine gute Erfahrung und Wissen im Umgang, sei es mit den Behörden, was machbar ist, als auch eben dann in der Umsetzung auch eben mit Respekt zum Bestand, dass es eben wieder rückbaubar ist. Der schon genannte einzige Fall, wo ich gesagt habe, das ist meiner Ansicht nach nicht umsetzbar, das komplette Transluzieren und Wegnehmen des gesamten Gebäudes, das war schon aufreibend.

CFS: Wie entscheidend sind ihre Kontakte zu den lokalen Handwerkern?

CFK: Man sollte schon wissen, dass die Leute, die man dann engagiert für ein solches Projekt, geeignet sind. Also einen finden, der die Mosaik montieren kann. Einer ist auch abgesprungen in der Vorbereitung, hat gesagt, ich mache das nicht und haben wir dann eine andere Firma suchen müssen.

Aus China kommen Matten unterschiedlicher Größe, so 1,5 Meter, 1 Meter ungefähr oder in unterschiedlichen Größen, schon auf Aluminiumplatte montiert.

CFS: Wie im Badezimmer.

CK: Die werden dann aufgeklebt und dann hier auf die vorgesetzte Unterfassade montiert. Man sieht später die Platten noch, das heißt die Fugen sind ganz, sagen wir, ganz präzise. Das war natürlich auch der Wunsch der Künstlerin, dass man eben, sagen wir, diese Unterkonstruktion oder auch diese Komposition aus verschiedenen Elementen nicht sieht. Also keine Toleranzen und eben alles ganz einheitlich und einräumig und das ist, hoffe ich, auch gelungen.


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