Maria Eichhorn im deutschen Pavillon auf der 59. Biennale in Venedig

Nabelschau in Krisenzeiten

Durchblick mit Einblick. Der Deutsche Pavillon widmet sich der eigenen Vergangenheit. Relocating a Structure, Detail. Foto: Jens Ziehe

Alles zeigt dem Menschen seine Grenzen auf. Und als Grundstimmung macht sich wieder einmal die Ahnung breit, dass wir nicht Herr sind im eigenen Haus. Das autonom und souverän agierende Wesen, das wir uns zu sein vormachen, ist in Bedrängnis. Zu offensichtlich sind die Abhängigkeiten von all dem geworden, was da auch noch ist neben und ausserhalb der menschlichen Lebenssphäre auf diesem Planeten, den der Mensch glaubt besitzen und beherrschen zu können. Die gegenwärtigen Zäsuren, seien sie klimabedingt, viraler Ursache oder kriegerischer Art, führen dies gerade vor Augen.
Philipp Meier in der Neuen Züricher Zeitung über die aktuelle Biennale von Venedig

 

von Julia Stellmann

Aufgerissen liegt der deutsche Pavillon da. Wie in Wunden lässt sich in Fundament und Wände schauen, in denen das architektonische Skelett zum Vorschein kommt. Der nach Halt suchende Blick fällt bis ins Erdreich, dessen gehaltvoller Duft das Innere des deutschen Beitrags zur internationalen Biennale von Venedig sinnlich begleitet. Ansonsten ist der Pavillon vollkommen leer.

Relocating a Structure, Detail. Foto: Jens Ziehe

Allein Beschriftungen prangen auf dem Mauerwerk, Benennungen und Markierungen. Es ist als betreten wir eine Baustelle, oder eine archäologische Grabungsstätte. Was lauert im Dunkel des Gemäuers? Gar in den Untiefen deutscher Geschichte?

„Relocating a Structure“ (so der Titel der Installation) legt die Substanz der von den Nazis umgestalteten Architektur des ursprünglich 1909 erbauten, klassizistischen Pavillons des Landes Bayern frei. Unterhalb des aufgerissenen Putzes entdecken aufmerksame Kunstbegeisterte nun die Nahtstellen der im Jahr 1938 unordentlich gemauerten Erweiterungen, im Boden zudem die Überreste des U-Bahn-Eingangs einer 2003 dort realisierten Arbeit von Martin Kippenberger. Zusätzlich lässt sich eine umfassende Publikation mit Archivmaterial zur Entwicklung der Architektur als Teil der Gesamtpräsentation erwerben und an Stadtführungen partizipieren. Diese geleiten Interessierte während der Laufzeit der Biennale an Orte des Widerstands, des Aufbegehrens gegen die Nazis in Venedig. Der Blick wird somit aus dem Pavillon nach draußen in die umgebende Lagunenstadt umgelenkt.

Yilmaz Dziewior, Foto: Nathan Ishar

Als “artistic research” könnte man das Werk der Berliner Künstlerin Maria Eichhorn beschreiben, als analytische Grundlagenforschung, die Einblick in tiefere Schichten gewährt und zum Modell für die Dekonstruktion auf Ewigkeit angelegter Architekturen wird. Doch inmitten der großen Krisen, inmitten von Klimakatastrophe, einem Angriffskrieg in der Ukraine und noch immer andauernder Pandemie beschäftigt sich der deutsche Pavillon, kuratiert von Yilmaz Dziewior, vor allem mit einem: mit sich selbst.

Mal wieder geht es um die deutsche Geschichte, die aufzuarbeiten nie wichtig genug sein kann, doch fehlt der Ausblick ins Heute. Vielfach stand die faschistische Architektur bereits im Zentrum des deutschen künstlerischen Beitrags, als beispielsweise Hans Haacke 1993, kurz nach der deutschen Wiedervereinigung, den mit Natursteinplatten ausgelegten Boden im Rahmen seiner Arbeit „Germania“ aufgebrochen hat.

„The Milk of Dreams“ lautet der Generaltitel der diesjährigen Biennale. Das kann in dunkle, geträumte Abgründe führen. In fünf Zeitkapseln richtet sich der Blick hier ebenfalls in die Vergangenheit, jedoch vor allem die wichtigen Fragen unserer Zeit adressiert. Sie zeigt eine Geschichte jenseits der männlich dominierten Kunst, beschäftigt sich mit hybriden Seinsformen der Zukunft und bezieht deutlich Stellung. Der Titel spielt bezeichnenderweise auf ein Kinderbuch der Surrealistin Leonora Carrington an, das von Metamorphosen und Transformationen des menschlichen und tierischen Körpers bis hin zu Maschinen handelt. Wenn die Besuchenden der 59. Biennale also durch surreal anmutende Träume waten, durch das Milchglas der Geschichte blicken, bleibt im Fluss der Kunst, der mal ruhig dahinfließt und mal aufgewühlt mitreißt, auch etwas für den Umgang mit den Herausforderungen von heute und morgen haften.

Kuratorin Cecilia Alemani schürft in Vergangenheit wie Gegenwart nach glitzernden Momenten des Aufbruchs, genauso wie der britische Pavillon mit einer Arbeit von Sonia Boyce. Ein immersiv erfahrbarer Soundteppich aus den Stimmen schwarzer Sängerinnen wurde mit dem Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag ausgezeichnet und macht bisher ungehörte Geschichten hör- und erlebbar. Gleichsam macht Eichhorn Geschichte erfahrbar, wenn auch das Gegenteil einer Geschichte des Aufbruchs, rüttelt an den Grundfesten des deutschen Pavillons und damit an den Grundfesten der deutschen Identität. Aber reicht das? Ursprünglich sollte der gesamte Bau abgetragen und temporär während der Dauer der Biennale an andere Stelle versetzt werden. Aus bürokratischen Gründen gescheitert, ist allein die Idee für Eichhorn schon Teil des Kunstwerks.

Die Abtragung und der Aufbau an einem anderen Ort wären durchaus spannend gewesen, hätte dies doch den Sinn nationaler Repräsentationen im 21. Jahrhundert grundsätzlich infrage gestellt. Nach Ablauf der diesjährigen Biennale wäre der Pavillon jedoch an gleicher Stelle aufgebaut worden. Auch die architektonischen Interventionen werden nach der 59. Ausgabe wieder getilgt. Die „faschistische Architektur“ bleibt im Nachgang unverändert bestehen. So, als wäre nichts geschehen.

 


 

 

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