Tunnelblick einer Rektorin

Kunstakademie als politischer Kampfplatz. „Relativierung ist Terrorismusverherrlichung“. Sondersitzung des NRW-Landtags zum Fall Fioretti

In Schieflage. Akadafé ohne Ende?

Als die Sondersitzung des NRW-Landtags zur „Antisemitismusfrage“ der Kunstakademie Düsseldorf nach gut einer Stunde beendet war, trat Akademierektorin Donatella Fioretti in der Lobby des Parlaments vor eine WDR-Kamera. Doch missfielen ihr die Fragen des Journalisten, sie brach das Interview kurzerhand ab. Der zuvor vielbeschworene „Dialog“ endete hier bereits erneut. Weitere Fragen unerwünscht.

Schon ihre Vorladung vor den Landtag ist außergewöhnlich genug. Dass es bis dahin kommen konnte, ist ein Zeichen für eine heftige Schieflage der Akademie oder die Halsstarrigkeit der Rektorin. Man hätte durch die gezielten Versuche, die Documenta, die Berlinale und wieviele Universitäten landauf, landab als öffentliche Bühnen für politische Propaganda zu nutzen, auch am Eiskellerberg gewarnt sein können. Warum man sie stattdessen gerne bereitstellte, ist eine Frage, die immer noch keine Antwort fand.

Ihren Auftritt vor dem Ausschuss für Kultur und Medien an diesem Mittwoch hätte die Rektorin als eine (letzte) Gelegenheit ergreifen können, Verständnis gegenüber den gleich neben ihr sitzenden Vertretern und Vertreterinnen der Jüdischen Gemeinde zu äußern. Auf Einsicht und Verständnis der Rektorin warteten an diesem Morgen alle Versammelten allerdings vergeblich.

Bis zu einer öffentlichen Sondersitzung des NRW-Landtags hatte es die staatliche Kunstakademie Düsseldorf noch nie gebracht. Allein das ein einmaliger, beschämender Vorgang. Es ging um „Antisemitismus in der Kultur?!“, insbesondere um einen Auftritt der palästinensischen Künstlerin Basma al-Sharif in der Akademie, die ihre Nähe zur HAMAS und anderen israelfeindlichen Terrororganisationen deutlich gezeigt hatte. Es wurde zu einer Stunde des Parlaments gegen „Antisemitismus in der Kultur“ und geriet zu einer Abfuhr für die Rektorin Donatella Fioretti. Damit wurde die Sitzung auch zu einer vernichtenden Niederlage für die einst international renommierte Kunstakademie. Die Folgen für die Hochschule sind noch gar nicht abzusehen.

Fioretti brachte abermals ihre Argumente vor und beharrte auf ihrer Entscheidung, die Akademie sei ein „zentraler Diskursraum“, von der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit gedeckt, übrigens sei sie jederzeit zum Diskurs, ja zum Dialog bereit. Es ging ihr vor allem um eine Autonomie der Kunstakademie, deren Grenzen sie nicht wahrnehmen will.   

Zuvor hatte Ina Brandes, Ministerin für Kultur und Wissenschaft in ihrer Eingangserklärung die Position der Landesregierung klargestellt. „Kein Platz für Antisemitismus in NRW“. „Ich bedauere es auch persönlich, dass es zu dieser Entscheidung gekommen ist und weise den Vorwurf ausdrücklich zurück, den Meinungskorridor zu verengen.“ Die Künstlerin habe sich in einer Weise politisch geäußert, die nicht hinnehmbar sei. „Das Ansehen der Hochschule hat Schaden genommen.“

Ratlos nach der Sondersitzung. Donatella Fioretti; im Hintergrund Alon Dorn (r.) von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf mit dem Antisemitismusbeauftragten Wolfgang Rolshoven

Keine Sprecherin und kein Sprecher gleich welcher Partei im Landtag brachte an diesem Morgen irgendein Verständnis für die Entscheidung Fiorettis auf, die Künstlerin Al-Sharif in die Kunstakademie einzuladen. Fioretti dagegen wurden „Leitungsversagen“, „eklatante Führungsschwäche“ „mangelnde Verantwortung“, und „bestenfalls naiv“ vorgeworfen.

Günther J. Bergmann (CDU) „Hier hört es auf lustig zu sein.“ Fioretti warf er vor, nicht von ihrem Hausrecht Gebrauch gemacht zu haben, die umstrittene Künstlerin auszuladen. „Keine gute Arbeit.“ Und weiter: „Sie haben die Kunstakademie in Misskredit gebracht.“

Andreas Bialas von der oppositionellen SPD wiederum erklärte „Der Kampf gegen Antisemitismus gehört zu unserer DNA“ Die Sprache und Bilder der Künstlerin zeigten eine Radikalität, sie gehören zur Propaganda des Terrors. Er wies auf die Grenzen der Freiheit hin und hegte Zweifel an der moralischen Integrität der Künstlerin. An Fioretti gewandt sagte Bialas: „Nicht alles, was rechtmäßig erlaubt ist, sollte man tun.“ Er kritisierte die Entscheidung und Haltung der Rektorin scharf und hofft nun auf die „heilende Kraft der Kunst.“

Die stellvertretenden Fraktionsvorsitzende der Grünen, Julia Eisentraut, stellte klar: „Jede Relativierung des Überfalls der Palästinenser auf die israelischen Siedlungen ist Terrorverherrlichung“.

Ein Zerwürfnis mit der Aufsichtsbehörde sollte eine staatliche Akademie tunlich vermeiden, schon gar nicht auf offener Bühne austragen. Wissenschaftsministerin Ina Brandes zog Resümee: „Es war eine wichtige Debatte hier. Doch höchst unbefriedigend“. An die Rektorin gewandt: „Ich hätte mir mehr Einsicht von Ihnen gewünscht. Auch kann ich es nicht verstehen, warum sie sich nicht mit der Jüdischen Gemeinde ausgetauscht und deren Argumente nicht aufgenommen haben.“

Dann schlich Fioretti aus dem Saal zum Interview.  


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