Urban Art – das heitere Facelifting

PART II – Düsseldorf

Rouge Hartley vor ihrer neuen Wandarbeit am Worringer Platz 20

vom Strassenrand Carl Friedrich Schröer

Ganz unten, am Strassenrand vor der eingerüsteten Hausfassade eine Baumscheibe mit Sommerblühern frisch bepflanzt. Anonyme Skulptur? Oder gehört das Beet zum neuen „Urban Art Festival“? Hier auf dem verkehrumtosten Worringer Platz liegt seit Jahrzehnten der „soziale Brennpunkt“ Düsseldorfs. Was brennt sind hier offener Crack-Konsum, Obdachlosigkeit, Drogendeal und Beschaffungskriminalität. Wen kümmern da schon die paar Blümchen am Wegesrand?

Vom Gerüst herab grüßt Rouge Hartley (*1989 in Trier, Deutschland). Rouge, eigentlich Jessica Hartley, ist schon seit ein paar Tagen dabei, die Altbaufassade mit viel Farbe aufzupeppen. Ihre neue Wandmalerei soll hier entstehen. Jeder kann ihr hier beim Malen zusehen. Hinter dem Gerüst wird das Wandbild allmählich erkennbar. Eine Gruppe dunkel gekleideter Menschen haben sich in einem lichten Wald getroffen, um gemeinsam zu singen. Ihr Konzert im Grünen erscheint vor der Baumkulisse rätselhaft und zugleich von einer tiefen Melancholie durchdrungen. Erst 2022 war es erneut zu verheerenden Waldbränden rund um Bordeaux gekommen. 47.000 Hektar Wald wurden in einem Sommer vernichtet. Auf dem Wandbild sind junge Birken und Pinien zu erkennen, erste grüne Bäumchen, die nachwachsen. Der Rauch ist kaum abgezogen. Unten auf ihrem Gemälde wird Rouge noch eine blühende Wiese malen. Was dann eine überraschende Beziehung zum Urban Garding auf der Baumscheibe am Straßenrand gewinnt.  

Rouge Hartely lebt und arbeitet in Bordeaux. Sie wurde vom 40 Grad Urban Art e.V. für das erste, neuaufgesetzte W4 Festival ausgewählt und nach Düsseldorf eingeladen. Hartley ist ein internationaler Star der Szene und in gewisser Weise typisch für die aktuelle Street Art. In der Wandmalerei im öffentlichen Raum und der sich unter Street Art Künstlern entwickelten Kunst-Parallelwelt fand sie etwas, das sie in ihrer Zeit an der Kunsthochschule in Bordeaux und in der zeitgenössischen Kunst insgesamt vermisst: Akzeptanz und Wertschätzung für traditionelle, figurative Malerei. Als Befreiung aus den Engen der Konvention konnte sie ein zutiefst erzählerisches und emotionales Œuvre entwickeln. Ob Ateliermalerei oder monumentale Intervention im öffentlichen Raum, Fragen der Intimität, der Erinnerung und der sensiblen Wahrnehmung prägen ihre Malerei. Sie ist dennoch keine Aktivistin mit klaren Forderungen oder politischen Botschaften. Sie vermeidet Parolen, stellt Fragen und vertraut bei allem Realismus lieber auf eine malerische Kraft und poetische Vision ihrer haushohen Gemälde.

Das W4 Urban Art Festival (Nachfolger des Festivals 40 Grad Urban Art) „läuft über den gesamten Sommer und verwandelt das Stadtgebiet in eine offene Galerie mit neuen großformatigen Murals, Artist Talks und Touren“, verspricht das W4 ziemlich hochtourig. Für ein richtiges Festival fehlt in diesem Jahr offenbar die Kraft und es fehlen auch die finanziellen Mittel. Der städtische Zuschuss fiel um mehr als die Hälfte auf 35.000 Euro. Immerhin konnten drei Künstler und eine Künstlerin nach Düsseldorf eingeladen werden, um unabhängig voneinander vier neue Wandbilder entstehen zu lassen. Alle vier zählen zu den internationalen Stars der Szene. Neben Rouge Hartely sind es Stefan Marx, DELTA (Boris Tellegen) und Morik (Marat Danilyan). Bei dem aus Russland stammenden Morik (*1982 in Nowosibirsk) ist seine Herkunft aus der Grafitti-Kunst nicht zu übersehen. 2011 gründete er die „First Graffiti Agency“(FGA) gemeinsam mit Andrey Aber. In seinen monumentalen Kompositionen verbindet er nicht nur collagehaft abstrakte Formen mit Realismus, Expressionismus und typografischen Elementen, sondern zeichnet sich durch einen wilden Mix aus mit Ölf- und Acrylfarbe, Pastellkreiden und Spray aus. Wie er heute in Russland seine Arbeit als Straßenkünstler, Graphic Designer und Illustrator fortsetzt ist eine der Fragen, die sich im Laufe des W4 (Was, Wer, Wann, Wo) Festivals noch stellt.

Im Osten Polens wurde kürzlich ein Künstler auf offener Strasse erschossen. Skrepezkij, (eigentlich Robert Kusowkow) war ein scharfer Kritiker des russischen Präsidenten Waldimir Putin. Bekannt wurde er für seine Karikaturen, mit denen er bekannte russische Politiker aufs Korn nahm. Skrepezkij war 2021 nach Polen gezogen und hatte damals erklärt, politischer Verfolgung in seiner Heimat entgehen zu wollen.

Stadtverschönerung der subversiven Art

Protest war gestern. Aus Anti-Kunst und Protestkultur hervorgegangen, ist davon heute bestenfalls ein laues Lüftchen übriggeblieben. Urban Art hat sich in Düsseldorf längst aus der Illegalität befreit, ihr Festival hat sich etabliert und soll sogar künftig jedes Jahr stattfinden, vom Kulturamt gefördert. Selbst die Bundesbahn nimmt schon Urban-Art-Künstler unter Vertrag und bestellt Graffitis für ihre Bahnhöfe.

Der radikal-subversive Sound der frühen Jahre ist blasseren Tönen und versöhnlicheren Themen gewichen. Obwohl die Probleme der Städte nicht unbedingt weniger geworden sind – und gewiss nicht am Worringer Platz. Wurde hier eine Szene von ihrem eigenen Erfolg aufgesogen? Oder hat sie sich von ihren Anfängen gelöst, um ein eigenes Genre zu werden? Auffällig ist, wie anspruchsvoll, differenziert und elaboriert die aktuellen Arbeiten sind.

Ausgerechnet Düsseldorf – Hotspot der Street Art

Düsseldorf ist Urban-Art-Kunsthauptstadt. Wie das ausgerechnet hier entstehen konnte? Sicher gab es eine Verbindung von freier Szene mit der Kunstakademie und außerdem gab es viele leere, öde und sehr hässliche Giebelwände, Hausfassaden, Mauerflächen, Fußgängertunnels vor allem in den ehemaligen Industrie- und Arbeitervierteln im Süden der Stadt.

Wie viele Wandbilder es in Düsseldorf inzwischen gibt, weiß hier niemand so genau. Es dürften seit Ende der Siebziger Jahre an die 150 Murals sein. Ein Höhepunkt war hier sicher „Licht im Tunnel“ 2011 als „Farbfieber“ und „Freiraum für Bewegung“ gleichzeitig die scheußliche Eisenbahnunterunnnelung am Mintropplatz in Arbeit nahmen. Allein hier entstanden 50 großformatige Bilder „als Geschenk der Künstler an die Bürger Düsseldorfs“.   

Zentrale Figur der bereit aufgestellten Düsseldorfer Street Art-Szene ist Klaus Klinger. Er hat erst im letzten Jahr die Leitung des Urban Ar- Festivals abgegeben. Wie viele war auch Klinger Meisterschüler an der Kunstakademie Düsseldorf, Abschlussjahrgang 1980, u.a. bei Gerhard Richter. Noch während des Studiums schloss er sich 1977 der „Wandmalgruppe Düsseldorf“ an. Aus dieser Gruppe ging 1987 „Farbfieber“ als gemeinnütziger Verein hervor. Klaus Klinger leitete seit 1998 das Eine-Welt-Produkt Mural Global, ein mittlerweile unter der Schirmherrschaft der UNESCO stehendes Festival, dann ab 2003 das „Mural-Mobil“.

„Sonne frisst Farbe“, fasst Klaus Klinger seine Erfahrung zusammen. Wandmalerei vergeht, Wind und Wetter lassen die Farben und die Botschaften bleichen. Der Putz bröckelt. Klinger erhebt keinen Anspruch auf Restaurierung. Seine Malereien sind eben Arbeiten, die vergehen. Ob sie dennoch Kunst sind? Die Antwort überlässt Klinger gerne anderen.  

Klinger gibt sich bescheiden: „Am kommerziellen Kunstmarkt und Kunst in geschlossenen Räumen hatte ich nie großes Interesse, ich mag die Kunst auf der Straße und den Austausch mit den Menschen.“ Aber dann wird er doch politisch: „Es geht um die Demokratisierung des öffentlichen Raums“.  

40 seiner Wandmalereien haben in Düsseldorf mehr oder weniger „überlebt“. Klinger legt Wert darauf, dass er sie zusammen mit seinem Team aus der Wandmalgruppe und Künstlern aus aller Welt geschaffen hat. Besonders im Stadtteil Flingern rund um die Ackerstraße finden sich seine Wandbilder dicht beieinander. Die Kiefernstraße, 1980 noch vom Abriss bedroht, durch die Hausbesetzerszene gerettet, ist Dank vieler Wandmalereien, inzwischen als populäres Gesamtkunstwerk überregional bekannt.

Mit Kommilitonen der Kunstakademie wohnte Klingner Mitte der Siebziger Jahre in einem Abbruchhaus auf der Grafenberger Allee. Seine ersten Arbeiten, illegal auf Abbruchhäuser gemalt, prangerten heftig Missstände an. Seine Wandbilder sprachen die Sprache des Protests. Im Oktober 2018 erhielt er vom Oberbürgermeister die Verdienstplakette der Landeshauptstadt Düsseldorf.

Mittlerweile werden die Fassaden knapp. Urban Art e.V. schließt daher mit bereitwilligen Hauseigentümern Verträge über eine Übermalung ab. Die Gerüstkosten trägt der Verein.


W4 – Urban Art Festival
bis November 2026
Termine und Bilder über den Kanal des Vereins: https://www.instagram.com/w4festival/


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