Nature continues

Oder von der Gewissheit, dass die Gefahren und Schrecken technologischer Entwicklungen überwunden werden können

„Die Bilder der Kunst leben am Rande des Sichtbaren, hinter dem sie einen Abgrund des Unsichtbaren und Undarstellbaren hüten“. (Hans Belting)

von Hardo Bruhns

Seit seiner Jugend treibt den heute 80-jährigen Helmut Schweizer um, Natur und Naturwissenschaft künstlerisch zu visualisieren und erfahrbar zu machen. Entstehen und Vergehen, dieser universelle Prozess der Natur und jedes Lebensprinzips auf dieser Erde, fasziniert ihn schon als Schüler, angeregt durch hervorragende Lehrer, die in ihm den Antrieb zu lebenslangem Bemühen wecken, als bildender Künstler eine Vorstellung von diesen ewigen Kräften der Natur zu vermitteln. Geboren 1946, im Jahr nach den Bomben von Hiroshima und Nagasaki, durch die die Menschheit schlagartig in eine Ära zuvor ungekannter Vernichtung gestoßen wurde, erkennt er als Vierzehnjähriger die Tragweite dieses Umbruchs durch die Lektüre von Robert Jungks Buch „Heller als Tausend Sonnen“. Der Faszination wissenschaftlicher Erkenntnis folgt Entsetzen, das ihn bleibend bis ins hohe Alter bewegt, künstlerische Installationen zu konzipieren, die in all ihrer Schönheit gleichwohl Menetekel der Gefahren technologischer Entwicklungen sind: Helmut Schweizer gesellt dem feuergestaltenden Prometheus die Pandora zu – so sehr ihre göttliche Eleganz zunächst blendet, so rasch quellen unfassbare Grauen und Schrecken hervor und drohen, das prometheische Wirken zum Wohle der Menschheit in grässliches Verderben zu verkehren.

In Schloss Benrath ist aktuell eine Ausstellung von Helmut Schweizer unter dem Titel „nature[continues]“ zu sehen. Hauptaspekte dieser Präsentation, die in Umfang und Auswahl die Bedeutung einer Retrospektive auf wichtige Teile seines Lebenswerks beanspruchen darf, sind einerseits Installationen zu technologischen Entwicklungen – insbesondere unkontrollierte oder außer Kontrolle geratende nukleare Energie betreffend – andererseits aber frühe Arbeiten zu einem Herbarium ganz besonderer Art, dem man im Parcours der Ausstellungsräume im Ostflügel als Erstes begegnet.

Herbarium der Vergänglichkeit

Die Verfügbarkeit von Polyäthylenfolie und eines Folienschweißgeräts motivierten den jungen Künstler, dessen Interesse an Botanik ihn schon früh zum Zeichnen und Aquarellieren von Blumen und Gräsern geführt hatte, botanische Objekte statt wie üblich zwischen Löschpapier zu trocknen, zwischen zwei Plastikfolien zu pressen und luftdicht einzuschweißen. Restfeuchte und -luft in diesem abgeschlossenen Volumen ermöglichten über die Zeit eine graduelle Zersetzung; erst mit dem letzten verbrauchten Sauerstoff erstarrt das biologische Material in leblosen Zustand. In Kisten gestapelt überdauerten diese Exponate etliche Jahrzehnte, bis der junge Naturforscher als gereifter Künstler wieder auf sie aufmerksam wurde und entdeckte, welche faszinierenden Dokumente des Zerfalls, einer vergehenden und doch bleibenden Schönheit er geschaffen hatte. In der Natur gehen Pflanzen den Weg des Verfalls zumeist hin zur Unkenntlichkeit in dunklem Morast – Helmut Schweizer hält die Ästhetik ihres Vergehens durch seine Technik der Mumifizierung in seinem besonderen Herbarium dauerhaft sichtbar.

Diese Exponate sind nun in den vorderen Räumen des Gartenkunstmuseums zu betrachten; auch der ansprechende Katalog konzentriert sich auf sie, insbesondere auf jene, welche die Zeit in besserem Zustand, in dem die botanische Spezies noch gut erkennbar ist, überdauert haben. Manchem Betrachter, mich eingeschlossen, mögen allerdings diejenigen Folien besonders reizvoll erscheinen, bei denen sich aus starker Zersetzung abstrakte Strukturen entwickelt haben, wie sie auch bei geologischer Verwitterung in Gesteinssedimenten entstehen und nach Äonen etwa in Marmorschliff – auch in Schloss Benrath – wiederentdeckt werden können.

Etliche Schaukästen und Plakate zeigen Stationen und verweisen auf Aktivitäten und Aktionen des Künstlers in den sechziger bis achtziger Jahren, die nicht nur in der Kunst die wilden waren, und vermitteln so ein zeitgeschichtliches Kolorit, das den homo politicus im Künstler Helmut Schweizer erfahrbar macht.

„fire places“ – Installationen

An sieben Kaminstellen – „fire places“ – im Corps de Logis und weiteren Räumen des Gartenkunstmuseums sind Installationen aus Glas- und anderen Objekten arrangiert, die, meist in blau-grün-gelblichen Farben leuchtend, Lichtemissionen chemischer Reaktionen ebenso wie durch radioaktiven Zerfall induzierte Strahlung in der umgebenden Materie evozieren. Ampullen, Stäbe und Schmelzformen verweisen auf nukleares Material, Brennstäbe in Reaktoren und Kernschmelze, mit Flüssigkeiten gefüllte Petrischalen auf verschiedene Produktionsschritte. Kreisförmige grün-gelb strahlende Platten deuten „blast-areas“ atmosphärischer Nuklearexplosionen an, speziell die verwüsteten Flächen in Hiroshima und Nagasaki. Darüber ausgebreitete Collagen japanischer Zeitungsausschnitte, in denen Zeilen und Buchstaben wie zerstörte Straßenfluchten und Häuserreste wirken, visualisieren die tödliche Verwüstung.

Wie kann ein Kunstwerk das Bild im Kopf des Künstlers Helmut Schweizer in jenen des Betrachters transportieren – oder, um im Kontext zu bleiben, in ein darin entstehendes „transmutieren“?

Vom naiven Bildeindruck ist dies leicht nachvollziehbar, denn bei allem Kontrast ist die ästhetisch-harmonische Einbettung der „fire places“ in das barockverspielte Kamin- und Spiegelambiente des Benrather Schlosses geradezu erstaunlich gut gelungen. Aber diese Kunst will mehr als schön sein: sie will intellektuell faszinieren. Offensichtlich, und dies versteht sich auch ohne die Begleittexte des Katalogs, beziehen sich die „fire places“ auf Forschung und Forscher überwiegend der vierziger Jahre rund um die Welt, deren Arbeit sich der Entfesselung und Beherrschung der nuklearen Energie widmete und direkt oder indirekt zu den Schrecken von Hiroshima und Nagasaki führte – später auch – in anderer Dimension und Konsequenz – zu Tschernobyl, auch Fukushima.

So explizit diese Kompositionen verstehbar erscheinen, mutet dieser Kunst gleichwohl etwas Hermetisches, Religiöses an – und dies nicht nur wegen ihrer Präsentation in einem altarartigen „setting“ an den Kaminsimsen des Schlosses. So wie die Historie und Funktion liturgischer Gerätschaften gelernt sein muss, um die rituelle Bedeutung ihrer Handhabung zu erfassen, müssen die Elemente der Werke Helmut Schweizers von ihrem Ursprung her gedeutet sein, um sich in seiner Gedankenwelt bewegen zu können, die gesellschaftlich-politische Botschaft zu ermessen und diese in ihrer Tiefe durchdringen zu können. Diese Anstrengung lohnt, insbesondere, weil sich dann offenbart, dass seine künstlerische Kraft das Bewusstsein um die Gefahren und Schrecken technologischer Entwicklungen in die Gewissheit einbindet, dass sie überwunden werden können:

„Wo aber Gefahr ist, wächst/ das Rettende auch“ zitiert er Hölderlin und wählt als Titel der Ausstellung „nature continues“. Wie auch immer – das bliebe im Dialog mit dem Künstler zu erfragen.


Hardo Bruhns (* 25. August 1945 in Bielefeld) ist Plasmaphysiker. Er studierte nach dem Wehrdienst Physik an der Universität Heidelberg, wo er 1976 über Elektronen-Loch-Plasmen in Indiumantimonid promovierte. 1982 habilitierte er sich in Heidelberg. Mit seiner Arbeitsgruppe gelang ihm am Heidelberg Spheromak Experiment 1987 die weltweit erste experimentelle Demonstration eines Spherical Tokamak. Ende 1986 ging er an das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (Garching b. München). 1988 wurde er zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Heidelberg ernannt, wo er bis 2009 lehrte.  Von 2005 bis 2012 war er für internationale Beratergremien in der Fusionsforschung in Tschechien und Italien tätig. Von 2008 bis 2020 war Bruhns Mitglied im Vorstand des „Arbeitskreises Energie“ in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG). Privat interessiert sich Bruhns für moderne Kunst und Fotografie und ist Mitglied im Freundeskreis Museum Schloss und Park Benrath.


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