Das implodierende Bild

Harm Gerdes erste institutionelle Ausstellung in der Kunsthalle Darmstadt

Purpur ist Trumpf. Harm Gerdes, Crimson, 2026, Photo: Christoforos Doulgeris

„Schaffen Sie mir das Ding aus dem Klassenraum und streichen Sie den Namen von der Liste der Studierenden meiner Klasse!“, so die Reaktion der Professorin Ellen Gallagher auf Harm Gerdes, der einen ersten Entwurf seiner neuen Arbeiten in seiner Klasse an der Kunstakademie vorstellen wollte. Nach einem freiwilligen Jahr war er aus Kolumbien gerade erst zurück in Düsseldorf, seine Klasse hatte eine neue Professorin bekommen, weil Katharina Grosse die Kunstakademie inzwischen verlassen hatte. Die Tutorin hatte dafür zu sorgen, dass sein Malerei-Objekt irgendwo im Haus untergebracht werde. Auch das ist die Kunstakademie Düsseldorf.

Dabei handelte es sich um einen etwas unbeholfenen, aber darum nicht uninteressanten Versuch eines Studenten, Malerei neu zu schaffen, die mit multidimensionalen Momenten umgeht. Seither hat Harm Gerdes das weiterentwickelt und gleichsam auf eine zweidimensionale Bildebene zusammengeholt, was damals zurückgewiesen wurde. Es macht heute die Spannkraft seiner Bilder aus.

Fünf Jahre später hat der Künstler, zu Ende des Corona-Jahrs 2020 ausweichshalber bei Sabrina Fritsch an der Kunstakademie Düsseldorf diplomiert. Seine Abschlusspräsentation fiel gleich zwei internationalen Galerien (Peres Projects und Lakafayan Galleries) auf, von denen er bis heute vertreten wird. Seine erste institutionelle Einzelausstellung ist jetzt in der Kunsthalle Darmstadt zu sehen.

Harm Gerdes in Mediterranea. Die Serie Soul Pattern entstand 2022

Die Bilder verwirren auf den ersten Blick – und nicht nur nicht auf den ersten Blick. Alles scheint durcheinander. So malt man eigentlich keine Bilder. Aber gemalt sind sie auch gar nicht. Das Durcheinander ist irgendwie geordnet. Ein vorläufig geordnetes Chaos wird sichtbar, wie ein labiles Gleichgewicht. Das macht die Spannung dieser Bilder aus.

Da ist viel von der Revolution des Sehens auf unserer Bildschirmwelt, wo ja auch unsere Bildflächen ineinander kippen. Aber nichts ist zitiert. Alles ist übersetzt. Auf jedem Bild gibt es dutzende Bildebenen. Aber in Wirklichkeit ist es nur eine Bildebene. Man mag an Frank Stella denken, als der Miterfinder der Minimal Art Anfang der 1980er Jahre plötzlich „barock“ wurde. Diese Malerei hat aber nichts vom Postmodernismus der 1980er Jahre. Alles ist präzise fast ex-nihilo konstruiert. Nur implodiert das Bild beständig. Diese Technik hat sich Harm Gerdes seit 2023, in Athen lebend und arbeitend, aus zahlreichen Versuchen erarbeitet.

Den Ausgangspunkt bilden Zeichnungen auf Papier, in unzähligen Heften, von welchen einige ins Ipad übertragen und radikalisiert sind. Da werden sie bereits mit ersten Farben versehen. Diese Entwürfe werden anschließend auf horizontal liegende Leinwände übertragen, auf denen die Konturen – Konturen sind ja eigentlich in der neueren Malerei verboten – mit Material aus der Medizintechnik aufgebaut werden, worauf sich die Farben in diese Flächenzonen monochrom eingegossen finden und anschließend mit Mitteln, die das Bild nicht berühren, in eine Zwei- oder Dreidimensionalität hinein bearbeitet werden. Dadurch entsteht ein Durcheinander, das überzeugt und mit unserer Revolution des Sehens in der digitalen Bilderwelt zu tun hat, ohne sie abzubilden.

Harm Gerdes, Metamorfosis, 2023

Wenn man einen kunsthistorischen Bezug sucht, dann könnte man bei Victor Vasarely fündig werden, dem lange verachteten Vorläufer der Op Art, dem hier ein imaginärer Assistent den Pinsel, den er selbst nicht mehr verwendete, aus der Hand genommen hat, sagend: „Jetzt legen wir mal so richtig los“.

In einer solchen Phase malerischen Schaffens weiß man nie, was genau daraus wird. Aber interessant ist es auf alle Fälle. Eine institutionelle Ausstellung wie in der Kunsthalle Darmstadt ist ein wichtiger Schritt.

Harm Gerdes ist ein initiativer Mensch. Eines Tages sage er seiner Professorin Katharina Grosse, er würde sich ebenso gerne um andere Künstlerinnen und Künstler kümmern. Grosse riet ihm, sich bei mir zu melden, weil ich sei der Ausstellungsmacher im Haus. Er stand vor meinem Büro: „Ich möchte Ihr Assistent sein.“ Es gibt an der Kunstakademie Düsseldorf keine Assistenten, aber ich hatte ja die Akademie-Galerie zu machen und später die Publikation „Absolvierende 2002“, die wir dann gemeinsam zustande brachten. Auch danach bleiben wir in Kontakt. Wie sehr schön ist es zu sehen, wenn ein solches Werk trägt. Wie verwirrend der Bildbegriff auch sein mag.

Der Künstler, zurück in Athen, malt ein neues Bild für den Stand seiner Galerie an der Art Basel Hong Kong, macht dann eine Pause. Ja, das ist wichtig, sich rauszunehmen. Aber auch, um eine gute Dynamik zu haben. Ich habe in sehr vielen Jahren im Kunstbetrieb noch niemals eine Einzelausstellung eines Studierenden, einer Studierenden in einer wichtigen, traditionsreichen deutschen Kunsthalle miteröffnet.  

Das Bilderchaos in den Sozialen Netzwerken findet hier eine bildnerische Entsprechung, die der Zeit standhält. Es sind Bilder, die man länger ansieht, weil sie attraktiv und undurchsichtig sind. Interessant wohin das führt.     

    Robert Fleck


Harm Gerdes – Mediterranea
bis 15. März
Kunsthalle Darmstadt, Steubenplatz 1, 64293 Darmstadt


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