Günter Haese – 100. Geburtstag

Hausmeister spielen eine bisher wenig erforschte Rolle in der Kunstgeschichte. Weil der junge Kunststudent Haese, kriegsverletzt und desorientiert aus dem Zweiten Weltkrieg kommend an der Kunstakademie in Düsseldorf landete, lange zwischen Malerei (bei Bruno Goller) und Bildhauerei (bei Ewald Mataré) schwankend, einen besorgten Eindruck machte, drückte ihm der Hausmeister eines Tages einen Wecker in die Hand.

Da war es passiert. Haese hatte seine Passion gefunden – nahm den Wecker in alle Einzelteile auseinander und setzte sie nach seiner eigenen Ordnung wieder zusammen. So wurde er schließlich weder Maler noch Bildhauer, sondern einzig Haese.

Ein Einzelgänger und Sonderfall, dem der Weltruhm gerade noch erspart blieb (trotz früher Erfolge, Einzelausstellung 1964 im MoMA, New York, 1966 Venedig Biennale, 1967 Weltausstellung Montreal). Zeit seines Lebens blieb dieser Großmeister der Kinetischen Kunst in jenem Atelierhaus am Alten Friedhof in Düsseldorf sesshaft, in dem der Hausmeister ihm einst den Wecker gab. Hier, allmorgendlich die Tauben fütternd, schuf es seine engimatischen Drahtgeflechte, Figuren, Scheinaparate, Sensoren, Detektoren für leiseste, kaum wahrnehmbare Erschütterungen. Zerbrechlich, zittrig, fragil, dabei kühn und überdreht, in eine Dimension gesteigert, die sich sonst nur bei Kafka findet: Bei aller Realitiät haarsträubend, in aller Banalität aberwitzig. Zuletzt gab Udo Kittelmann der ZEIT auf die Frage, wen er denn als unterschätzte Position der Kunst zeigen wolle, einen Namen preis: Günter Haese.

Er selbst sah sich als „Solist“, während seine kinetischen Skulpturen immer komplexer, immer gewagter wurden. Im Ruhezustand strahlen sie eine geheimnisvolle Stille aus, die bei einem Windhauch allerdings schon in ungeahntes Beben und zittrige Mikrobewegungen kippt. Wie leicht sich Gleichgewicht in Chaos verwandelt, davon geben die fragilen, poetisch-monströsen Strukturen ein augenfälliges Beispiel.

In diesen Tagen wäre Günter Haese 100 Jahre alt geworden. Aber niemand fand sich, an diesen großen, bescheidenen Künstler zu erinnern. Keine Jubiläumsausstellung, no nothing. Außer Andrée Sfeir-Semler, seine frühe Galeristin, die ihn seit 1988 vertritt. Sie sieht sein Werk als Spiegelbild des Mannes, an den sie sich erinnert: Ein bemerkenswert bescheidener und unbeschwerter Mensch.

eiskellerberg.tv zeigt aus diesem Anlass

GÜNTER HAESE „Modelle für Nichts“

eiskellerberg.film-production, 62 Min, DE 2014

Thom de Bock und Carl Friedrich Schröer

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Sieht so das Innerste eines Abhörgeräts der NSA aus? Sind es Sonden, Sensorien höchster Reichweite und Sensibilität, um fernste Signale aus welchem Universum aufzufangen? Wir ahnen kaum ihren Zweck, bewundern ihre seltene Schönheit. Ihr Konstrukteur schüttelt den Kopf: „Alles Spiel, alles Kunst“, wehrt er milde lächelnd ab. Alles entstehe aus einer spielerischen Laune, ohne Plan und ohne Absicht, Modelle für Nichts.

Günter Haese beschreib sich gerne als „Solist“, der jenseits aller Strömungen und Dogmen, abseits aller Neuerungen und Aufregungen in der Abgeschiedenheit eines Atelierhauses am Alten Friedhof Düsseldorf überdauert hat. Auch das täuscht. In einem Zusammenhang mit den Kinetikern seit Marcel Duchamp und Man Ray, mit Alexander Calder, Jean Tinguely und Jesús Rafael Soto, auch mit Düsseldorfer Phänomen wie ZERO und der Industriefotografie von Bernd und Hilla Becher ist er zu sehen.

Haese hat sich über die Jahre einen eigenen Raum geschaffen, um ausformulieren zu können, was er als seine Aufgabe erkannt hat und in dessen Dienst er sich stellt, seit er von den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs kam: Kunst machen – unbedingt und unbeirrt.

„Hier kann ich spielen wie ich will“, schätzt Haese sein Ateliergehäuse. Selbstvergessen vergessen, ohne Mission oder Weltrettungseifer, frei von Vorbildern entstehen hier abstruse, wunderliche Objekte: Himmelsharfen, Weltentschlüsselungssatelliten, Empfangsstationen für unerhörte Botschaften aus unentdeckten Galaxien, Seismographen für Feinststörungen.

Bei geringster Erschütterung beginnen diese Apparaturen, Instrumente und Geräte zu vibrieren und zittern. Alles gewinnt sich Haese aus dem Spiel, aus Zufall und Fügung und sicher auch aus der Fingerfertigkeit, die nur er beherrscht, der tagtäglich seine Instrumente stimmt und mit ihnen spielt. Kugel, Quadrat und Kubus, diese geometrischen Grundelemente sind die Bausteine all seiner technoiden wie spielerisch, leicht erschütterbaren Objekte. Kein Funken Metaphysik, keine Spur Weltverbesserungsmodell? Alles Überirdische liegt hier auf dem Tisch und darüber.

Wir haben Günter Haese im Atelierhaus, Baujahr 1905, besucht und ihm bei der Arbeit zugeschaut. Vierzig Künstler haben hier ihre Ateliers, „Ich kenne keine. Ich bin Solist“, sagt Haese gleich. 1957 ist er hier eingezogen, erst Gipsknecht, später Meisterschüler von Ewald Mataré, und fand sich „ziemlich ratlos“ in seinem ersten Atelierraum, keine fünf Minuten Fußweg von der Akademie entfernt. Dort hatte er 1950 endlich den begehrten Studienplatz erhalten, um zunächst Kriegsschutt wegzuräumen. Er blieb.

Der Hausmeister drückte dem ratlosen jungen Mann irgendwann einen Wecker in die Hand. Den hat er in alle Einzelteile zerlegt und ausgeschlachtet, nahm Schrauben, Federn, Zahnräder heraus, die Unruhe auch – und schon begann sich Haeses Universum aus Kupfer, Messing, Federstahl und Phosphorbronze in die allererstaunlichsten Formationen auszudehnen – über fünf, sechs Jahrzehnte nun schon.


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