Viktorias Geheimnis

Gudrun Kemsa „5th Avenue 42“ – eine Fotografie und was sich darunter verbirgt  

Carl Friedrich Schröer

Luxus ist eine Klasse für sich. Doch selbst diese Klasse, in der sich Luxus nun mal abspielt, zeigt sich verunsichert und sortiert sich entsprechend neu.

Luxus ist immer high-end, also ist der Absturz immer besonders hart. Entsprechend will er nicht einfach nur Luxus sein, auch er will jetzt eine Moral. Also wird New Luxury woke, post-woke, anti-rassistisch, sowieso nachhaltig und will am liebsten die Erderwärmung aufhalten und die ganze Welt retten, ausgerechnet durch mehr Luxus.

Gleichzeitig entzieht sich Luxus und bleibt, was er am liebsten ist: unerreichbar und damit sexy. Glatt, cool, supercool und gerade darum ungemein verführerisch. Cool ist geil, Luxus ist geil. Eine Seite ist glatt, spiegelglatt wie polierter Marmor, Onyx oder Edelstahl. Eine andere ist anschmiegsam und weich, verführerisch und weiblich.

Allein schon aus Überlebensängsten will sich Luxus absetzen vom allgemeinen, um sich greifenden trash, von aller Banalisierung der Welt, dem Elend in der Vermassung, dem Untergang in den steigenden Meeren der Verelendung. Schon deshalb muß Luxus sündhaft teuer sein. Er zeichnet sich damit als eine (letzte) Fluchtinsel in den Fluten des Billigen und Wertlosen aus. Luxus wird immer wertvoller, einfach weil er immer unerschwinglicher wird. Luxus täuscht einen Mangel vor, indem er sich rarmacht. Luxus ist der Kitzel, der trigger, der uns anzieht und abstößt und so weiter und so fort. Das ist wie beim Horrorfilm. Wir möchten wegsehen und reißen die Augen weit auf.  

Das extreme Querformat der Fotografie zeigt die Fassade des Flagshipstore des Damenwäschegeschäfts “Victoria´s Secret”, 42, Fifth Avenue, New York. Als Gudrun Kemsa das Foto im Sommer 2018 aufnahm, war die Welt noch weithin in Ordnung. Schon zum Jahresende allerdings geriet die Festung des VS-Konzerns ins Wanken. 2018, der vorläufige letzte Höhepunkt des Dessous-Fiebers. Der Luxus-Dessous-Markt wird weiterwachsen, bis 2032 voraussichtlich um 2,5 Milliarden US-Dollar, so die Prognose der Branche. Was einer jährlichen Wachstumsrate von 10,6 Prozent entspricht. Traumhaft.  

Dies hier ist kein Erotik-Shop und kein Porno-Laden. Hier wird Luxus verhandelt, Luxus vereint mit Erotik, oder was deren überlebende, gerade noch tolerablen Reste sind. Daher die grundsolide, schwarze, neoklassische Fassade. Eine Festung des seriösen Geschmacks. Erst drinnen, unter sich, wird der Verkaufsverkehr abwickelt, der Warentausch Dollar gegen feminine/maskuline Sehnsucht kommt erst hinter der Fassade in Schwung, oder besser auf Hochtouren. Denn was sind Dessous sonst? Eine Ware, die niemand, weder Frau noch Mann braucht. Aber das sind sowieso 99,9 Prozent der Waren, die auf diesem strip umgeschlagen werden. Massenfertigung in Bangladesh, Massenkonsum übers Internet. Massenweise landen auch die teuersten, aufregendsten Dessous demnächst auf den Altkleiderbergen Afrikas.

Wir sehen den Ladeneingang. Ein tonnenschweres, viergliedriges Portal aus Edelstahl, vier, fünf Meter hoch. Darüber ein ebenfalls schwarzes Vordach mit einer breiten Reihe an Beleuchtungskörpern, die ihr Licht gleichmäßig, kontrollhart auf das Straßenpflaster werfen. Darüber der matt silbern glänzende Schriftzug: der Markenname. Selbstverständlich Versalien, selbstverständlich Antiqua. Alles perfekt gesetzt, machtvoll und einschüchternd. Darüber zwei Bänder rosa-pink schimmernder Fensterscheiben, die sich kolossal elegant um die berühmte Ecke Fifth Avenue/ 51st Street winden. Darüber ein breites Edelstahlband. Darüber zwei gigantische Stars and Stripes Banner. Darüber…

Wirklicher Luxus zeigt sich in der Reduktion, gerne in der Variante neoclassical, strenge Zucht und Ordnung, saubere Abstände, aufstrebende Säulenschäfte, Pilaster, edle Materialien, möglichst Maßanfertigung. Ein Touch Tradition, OldMoneyAesthetic. Der spröde Reiz des Puritanismus. Dazu kaltes, gleichmäßiges, künstliches Licht. Schließlich befinden wir uns auf dem Präsentierteller. Man trägt Verantwortung und weiß schließlich wie verdammt hart es ist, gutes Geld zu verdienen. So knapp das Geld, so rar der Luxus.

Gudrun Kemsa portraitierte zwischen 2009 und 2018 eine Vielzahl von Luxusläden, die sich entlang des strips in Manhattan, „the greatest retail strip in the world“, angesiedelt haben: Bergdorf Goodman, Tiffany & Co, Bulgari, Louis Vuitton, Prada, Piaget, Mikimoto … Ihre querformatige Fotografie, eine eigene Verbindung von street-photography und Becher-Schule, nimmt den horizontalen Lauf dieser teuersten Einkaufsstraße der Welt in ihrem Querformat auf und gibt damit einen Hinweis auf ihre vornehmste Eigenschaft als Laufsteg für betuchte Kunden und Kundinnen. Die Luxus-Einkaufsstraße als Landschaft, als Panorama und zugleich das ziemlich krasseste Gegenteil davon.

Kemsa gibt den Blick nur auf das Sockelgeschoss frei, eigentlich nur auf den Haupteingang. Aber was für ein Grill! Die vergitterten Türen geschlossen, als ginge es hier mindestens in einen Versicherungs- oder Bankkonzern,- palast, – tempel. Oder in einen Hochsicherheitstrakt. Eine Festung des Luxus, absolut mächtig, absolut sicher, absolut cool. Kein Mensch käme im Traum darauf, dass sich hinter diesem monumentalen, viergliedrigen Edelstahltor der heißeste, teuerste, sündhaft teuerste Dessouladen New Yorks verbirgt.

Auch die vier jungen Frauen vor dem nachtschwarzen Ladenlokal lassen nicht darauf schließen, nicht ihre Kleidung, nicht ihre Frisuren, nicht ihre Körperhaltung, noch ihre Allerweltsmienen. Aber sie wissen es genau. Sie haben sich heute auf den Weg zu genau diesem Laden gemacht. Sie zeigen sich vor dem Eingang und halten ihre vollen Einkaufstaschen vor ihre Körper. Das Sonnenlicht fällt von schräg oben und lässt sie wie Figuren auf einer Bühne erscheinen.

Fast erscheint das Foto wie eine Schwarz-Weiß-Aufnahme. Alle Farben wirken wie erloschen, bis auf die Zartrosa-Weiß gestreiften Tragetaschen von VS. Krass, der Kontrast zum Farbrausch im Inneren des Geschäfts könnte kaum größer sein. Die Kundinnen waren schon drin. Drinnen im Inneren dieses Dessous-Mekkas, das unvergleichlich für den Aufstieg eines besonderen Luxusartikels steht: Dessous. Das Darunter und Darüber, unterschiedlich, widersprüchlich wie Innen und Außen, Schwarz und Weiß, Positiv und Negativ, männlich und weiblich. Gibt es überhaupt noch diese Klassen, Grenzen, Kontraste, die der Luxus kenntlich macht und gleichzeitig überspielt, verschwinden lässt und scheinbar auflöst? Luxus trachtet nach Exklusivität und heischt doch nach der Aufmerksamkeit aller. Wie das Foto selbst. Im verglasten Eingang, wie im Schaufenster links daneben vermischen sich, verschwimmen in einem wundervollen Glitsch Innen und Außen: Das Ampelmännchen und ein ausschreitender VS-Angel in einem Rahmen. Fotografie will Kunst sein und Massenmedium.

Erotik und Luxus gehen hier eine Affäre ein, niedlich, kuschelig, cute und ein kleines bisschen kink. Aber nicht wirklich, nicht echt. Alles nur ein Hauch von etwas, ein durchsichtiges, fadenscheiniges Spiel, love. Nicht echt Sex, nicht echt Körper, keine wirkliche Nähe, kein wirklicher Austausch mit dem anderen Geschlecht und schon gar nicht echt Liebe.

Drinnen im dreigeschossigen Laden wird Luxus ganz anders präsentiert, es offenbart sich hier die andere Seite der Erotik. Das Licht ist intensiv wie Bühnenlicht. Die zarte Ware, beileibe nicht nur Reizwäsche, auch Handtäschchen, Gürtel, spielerische oder rattenscharfe Accessoires, Parfums, Hausmarke Bombshell, Bodylotions, alles wird zauberhaft inszeniert. Überbordend die Auslagen auf Tischen und Etageren mit glatten oder lasziven, hauchdünnen, transparenten, spitzenbetrassten G-Strings und V-Strings mit Glanzriemen und den passenden BHs mit individueller Push-up-Technologie, Corsagen, Kostümen für frivolere Fantasien, handtuchbreite Schottenröcke mit passenden Stiefeln, weitschwingende goldene oder federnbesetzte Flügel. Ach ja! VS-Models werden Angels genannt.

Sie darf sich hier verlieren, aus dem Staunen gar nicht herauskommen, für Stunden vom Anschauen, Anziehen, Ausprobieren gebannt, wechselt sie von einer Abteilung zur nächsten: VS-Parfum, VS-Nachthemden, VS-Brautausstattung. Der volle Klitzer-Glamour, der volle Sahne-Kitsch. Wummernde Discomusik dazu, Katy Perry vorzugsweise, „I Kissed a Girl“, „Hot n Cold” und so.  

Völlig aus dieser Welt gefallen, sich an dieser Stelle der Engel Paul Klees zu erinnern. Klees geflügelte Zwischenweltwesen, Übermittler einer geistigen Botschaft, die sie aus einer Sphäre zwischen Leben und Tod zu uns tragen. VS-Angels dagegen sind Bodys in unglaublich sexy Dessous, figurbetont, besonders da, wo an der Figur die sekundären Geschlechtsmerkmale hervorstechen. Ihr Köperkult erscheint als Kompensation einer fortgeschritten, entsinnlichten Welt im Turbokapitalismus. Ihr Körper ist weniger Ausdruck einer gelungenen Selbstheilung als einer angestrengten Selbstoptimierung, facial profile optimization, Looksmaxxers und Beauty-OPs. Als Angelrambos strotzen sie nur so vor Selbstbewusstsein und treten auf, als wollten sie die Welt erobern – oder retten.

In dem Jahr als Kemsa das Foto auf der Fifth Avenue machte, war plötzlich Schluss mit Victoria’s-Secret-Fashion-Shows. Im Dezember 2018 wurde die letzte Folge ausgestrahlt. Auf CBS hatte sie immerhin fünf Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer erreicht. Alessandria Ambrosio, Heidi Klum und Co. adé.

In “Fallen Angel” legen die beiden Journalistinnen Vanessa Grigoriadis und Justine Harman die langjährigen Verbindungen von Unternehmensgründer von Victoria´s Secret Les Wexner zu Jeffrey Epstein in allen Einzelheiten offen. Was die beiden sehr unterschiedlichen Männer jahrzehntelang wirklich verband, liegt aber weiter im Dunkeln. Viktoria hütet ihr bestes Geheimnis. Es muss sich auf alle Fälle um eine ausgeprägte Abhängigkeit gehandelt haben. Denn ein Großteil von Epsteins Geld – Geld, das der New Yorker Entrepreneur einsetzte, um all diese Luxus-Immobilien in Manhattan und Palm Beach/Florida, in New Mexiko und auf den Jungferninseln zu kaufen und auch all diese Frauen und Mädchen anzulocken und zu missbrauchen – soll von Wexner stammen. Der grundsolide, konservative Geschäftsmann und sein „Berater“ Epstein, der Spieler, Betrüger und Erpresser, der Verführer und Vergewaltiger, dessen Ruf schon lange als anrüchig galt, bildeten über Jahrzehnte ein unheilvolles Gespann, das doppelpolige black hole des größten Missbrauchskandals der US-Geschichte.

Die Dimension liegt in der Dauer, die Vergewaltigungen lassen sich bis ins Jahr 1985 zurückverfolgen, in der Vielzahl der immer jünger werdenden Opfer, das jüngste soll eine Elfjährige gewesen sein, sowie in der bandenmäßigen und systematischen Ausführung der Verbrechen und der Verstrickung mit sonst scheuen Milliardäre und hochrangigen Politikern Amerikas.

Mitte der Siebziger war Epstein ein Lehrer an der Dalton School, einer Privatschule an der Upper East Side in Manhattan. Aber er wollte nach oben, ganz weit nach oben. Die Investmentbank Bear Stearns heuerte ihn an. Sechs Jahre lang blieb er dort, um 1982 eine eigene Investmentfirma zu gründen. Schnell ließ er glamouröse Geschichten kursieren, die größten Geschäfte, die berühmtesten Kunden habe nur einer, Epstein. Tatsächlich war er bald, was man bestens vernetzt nennt. Er bewegte sich traumwandlerisch im Club der Superreichen und Mega-Prominenten. Mit Tesla Chef Elon Musk, Google-Gründer Sergey Brin und Amazon-Boss Jeff Bezos stand er auf gutem Fuß, Bill Gates gehörte ebenso dazu wie Prinz Andrew, der jüngere Bruder des heutigen englischen Königs. Hochrangige Politiker durfte er zu seinen Bekannten und Freunden zählen. Seine Verbindungen reichten bis ins Weiße Haus. Bill Clinton und später Donald Trump zählten zum Epstein-Ring. Der amerikanische Traum geriet zur Gruselstory. Ein Aufschneider und Blender, der in der Luxusetage auf Gleichgesinnte traf, die selbst blenden und bestechen. Spieler haben eine Schwäche für Spieler.

Der Club schirmte ihn ab. Ein umfangreiches Spendensystem immunisiert ihn. Millionen an US-Dollar ließ er dem MIT Media Lab, der Harvard University, dem Palm Beach Police Department zukommen. Durch wohltätige Zuwendungen konnte er seinen ramponierten Ruf aufpolieren. Denn schon im August 2006 war er wegen der erzwungenen Prostitution einer Minderjährigen verurteilt worden. Schon damals wurde Epsteins Boeing 727 schmunzelnd als Lolita Express und seine Privatinsel Little Saint James in der Karibik als Orgy Island bezeichnet.

Das Spiel lief weiter. Es sollte weitere 14 Jahre dauern, hunderte Missbrauchsfälle, Millionen an Spendengeldern mehr, bis man Jeffery Epstein um 6.30 Uhr des 10. August 2020 tot in seiner Zelle des Metropolitan Correctional Center von New York fand, erdrosselt. Laut Obduktionsbericht durch Selbststrangulation. Er entzog sich vermutlich seiner Verurteilung und seiner Haft. Bis zu 45 Jahre Gefängnis standen ihm bevor. Den Opfern blieb jede Anerkennung und Genugtuung vorenthalten. Die Todesumstände lösten Spekulationen über einen möglichen Auftragsmord im Gefängnis aus. Erst nach seinem Tod wurde ein erheblich größeres Ausmaß seiner Verstrickungen und Verbrechen öffentlich.   

Bereits im Sommer 1996 sollen Epstein und seine Lebensgefährtin Ghislaine Maxwell die damals fünfzehnjährigen Schwestern Maria und Annie Farmer missbraucht haben. Im Mai 1997 hatte die Schauspielerin Alicia Arden Epstein angezeigt, nachdem er sich als Rekrutierer für Victoria’s Secret ausgegeben und sie zu sexuellen Handlungen gedrungen habe.

Zur Methode Epsteins gehörten tiny pinhole cameras. Mit diesen winzigen, aber effektiven Kameras zeichnete er alle intimen Aktivitäten seiner prominenten Gäste mit minderjährigen Mädchen auf, seine „Versicherungspolice“, wie Epstein später aussagte. Die amerikanische Künstlerin Maria Farmer, die schon 1996 die erste Strafanzeige wegen Mißbrauchs bei der New Yorker Polizeibehörde und dem FBI gegen Epstein eingereicht hat, erinnerte sich an einen Medienraum, von dem aus alle Kameras im Haus gesteuert wurden und sich die Aufnahmen einsehen ließen.

Nach Epsteins Tod kommt eine neue Zivilklage der Generalstaatsanwaltschaft der US-amerikanischen Jungferninseln, zum Schluss, Epstein habe über 19 Jahre hinweg und noch bis wenige Monate vor seinem Tod auf Little St. James und der Nachbarinsel Great Saint James minderjährige Mädchen missbraucht. Die jüngsten Opfer sollen gerade einmal elf Jahre alt gewesen sein. Auf den Jungferninseln habe er ein Netzwerk von Firmen und Einzelpersonen unterhalten, das zu Frauenhandel, sexuellem Missbrauch und Kindesmissbrauch gedient habe.

Ende 2021 wurde Ghislaine Maxwell, seit 1991 Epsteins Freundin und Haushaltsmanagerin, zu 20 Jahren Freiheitsstrafe und einer Geldstrafe von 750.000 US-Dollar verurteilt. Eine Verhandlung wegen möglichen Meineids im Zuge von Aussagen während eines Prozesses gegen Epstein im Jahr 2015 steht aus.

Wexner, im Oktober 2017 lag sein Vermögen bei geschätzten 5,9 Milliarden US-Dollar, trat 2020 von seinem Chefposten zurück und überließ die Führung von Victoria´s Secret anderen. Eine Klage der Aktionäre läuft. Sie werfen ihm vor, den Ruf der Marke „Victoria’s Secret“ durch sein Verhalten massiv geschädigt zu haben. In dem Unternehmen habe eine verwurzelte Kultur der Frauenfeindlichkeit, des Mobbings und des Missbrauchs geherrscht, heißt es in der Anklageschrift.

Verständlich, dass der Konzern in Turbulenzen geriet. Nach all den üblen Schlagzeiten, Gerichtsprozessen und scheußlichen Verbrechen, die auch schon mal lax als Skandale abgetan werden, wechselte Victoria´s Secret mehrfach den Besitzer. Nach fünf Jahren Pause sind in der neuen Kampagne, “The Icon” einige der Supermodels zu sehen, die die VS-Fashion Shows zu dem machten, was sie mal waren. Mit Gisele Bündchen, Naomi Campbell, Adriana Lima und Candice Swanepoel sind einige der berühmtesten Engel mit von der Partie, die mit Ausnahme von Campbell alle schon den berühmten Fantasy Bra trugen. In den minimalistischen Schwarz-Weiß-Fotografien von Mikael Jansson werben sie für eine neue BH-Linie. Auch die millionenfach gelikten Videos der jährlich ausgerichteten VS-Modeschauen (You-tube u.a.) soll es wieder geben. Da geht es nicht um die Modenschau auf dem Laufsteg, nicht allein um den Auftritt der Supergirls, der immer als lustige, etwas hysterische Party inszeniert wurde, sondern um die Message der Angels selbst. Voller Sendungsbewusstsein äußern sie sich nun und sprechen ihr Mantra frei in die Kameras: „We are all sisters“, „always positiv“, „we are like a complete familiy, strong, succsessfull“, „strong for ourselfs“.

Da begegnet uns die ganz in Schwarz gehüllte, ausgesprochen knapp bekleidete, ungeheuer weibliche Königin der Nacht. Ein Flügelwesen aus dem Reich des Fantasy, ein erotischer Todesengel, der hier die Parole ausgibt: „We enjoy ourselfs.“ Es geht Ihr um “empowering, success, and convincing ourselfs“.

Es geht um ein Überlegenheitsgefühl durch sündhaft teure Unterwäsche. In die Liebe, genannt Love, schlich sich die Schlange Macht ein. Aus Eva wird Victoria. Empowering. Verführerisch wie nie gleitet die Forderung der Gleichberechtigung der Geschlechter hinüber zur weiblichen Übermacht mittels Dessous. Die Idee des Sexy-Seins wird von Frauen als allzu lange geübte Übernahme männlicher Fantasien, Begierden und Machtansprüche enttarnt. Aber keineswegs abgelehnt; sie wird nun gegen den Mann gerichtet, indem sie ihn bei seinen Begierden packt, ihn reizt, hochkitzelt und benutzt, um ihn dann ins Bodenlose fallen zu lassen.

Modells, Angels bleiben heute am liebsten unter sich auf dem Laufsteg. Kurz mal Abtauchen und wieder Auftauchen in der Luxusklasse. In einen Ferrari vielleicht, Motor mal kurz aufröhren lassen, laute Musik an, losbrausen und anderen einen Vogel zeigen. Vor einem Jahrhundert hängte ein Bugatti schon einmal eine andere antike Siegesgöttin ab: Aufröhrender Motorenlärm, Tempo, Steigerung, Rausch, Extasy, mit rasender Geschwindigkeit in den Faschismus.

Die Legierung des neuen Luxus sitzt. Sex und Macht, die jungen, unglaublich schönen, langbeinigen, meist hellhäutigen Frauen schreiten voran. Verheißung durch Luxus, Teil der Promi-Culture werden. Der Zauber ist verflogen. New Luxury steht für die Geschichten hinter den Dingen. Dieser wird nicht mehr einzig und allein durch einen hohen Preis definiert, es geht um einen ideellen Mehrwert des Produktes. Käuferinnen von New Luxury sollen intellektuelle wie emotionale Bindungen zu den ausgewählten Marken eingehen. Für Millennials und Gen Z hat Luxus längst nicht mehr nur die Bedeutung eines Statussymbols. Er ist Ausdruck eines positiven Wandels. Lifestyle in Verbindung mit dem Wunsch, ein moralisch überlegenes Wesen zu werden. Hochwertiges zu tragen, das mit der Natur oder der Würde des Menschen einhergeht. Dieser Shift ist orientiert an Normen und Werten. Der Konsum von Luxusware steigert so nicht nur einen persönlichen Mehrwert, sondern bringt auch Vorteile für den Planeten und sogar für die Menschheit. Sharing statt Besitzen. Wann endlich gibt es Second-hand Dessous?

Die neue “Victoria’s Secret World Tour” fasst eine Gruppe internationaler Künstlerinnen aus vier Städten aus vier Kontinenten zusammen. Im Mittelpunkt von VS 20 steht ein Quartett von Modedesignerinnen, darunter Bubu Ogisi aus Lagos, Jenny Fax aus Tokio und Melissa Valdes aus Bogota. Sie werden mithilfe der Ressourcen von Victoria’s Secret jeweils eine Kollektion entwerfen. Ogisis verwendet Kunsthandwerk aus ganz Afrika: “Bei dieser Kollektion”, erklärt sie, “ist alles auf die Idee der Yoruba- und Edo-Mythologie fixiert. Wir alle sind göttliche Wesen, höhere Wesen, Göttinnen”.

Auch das verheißt Victoria‘s Secret heute. Das abweisende, stark reflektierende, edelstahlglänzende Portal wirkt auf einmal wie aus einem anderen Jahrhundert. Luxus bleibt ein Versprechen auf die bessere Zukunft. Luxus ist Ausdruck von überwundener Knappheit. Luxus ist eine Befreiung, ist Übersteigerung, ist ein Triumph über den Mangel. Was witzigerweise, gerade die äußerst knappen Dessous symbolisieren.

Luxuria, die Wollust, ist eines der sieben Hauptlaster, will man der christlichen Moral folgen. Dem hat die Kunst früh widersprochen. Luxus gehört zur Kunst, zu ihrem Schmuckwerk und Festcharakter. Kunstwerke schmücken, preisen und feiern, sie schaffen Ruhm und Status – doch jedes Werk von Rang kritisiert gleichzeitig den eigenen Glanz und misstraut der Pracht. Ist das bei Victoria´s Secret auch so?

Verloren wie eh stehen die Käuferinnen mit gefüllten Einkaufstaschen vor dem Laden. Verloren oder erfüllt? Alles Gesteigerte und Übersteigerte, das Überflüssige und Unvernünftige, das allem Notwenigen und Nützlichen widerspricht, wirkt als eine Erinnerung an eine verlorene Freiheit, oder wie ein Weckruf.

Luxus bestätigt, was der Mensch weniger als alles andere entbehren kann: Selbstachtung und Würde. So betrachtet gewinnt die unvernünftige Verschwendung auf einmal ihren tieferen Sinn. In der Not und Zeiten der materiellen, wie immateriellen Entbehrung gewinnt jedes Stück Luxus eine besondere, ja lebenswichtige Bedeutung. Es wird sichtbar gemacht und ins Symbol gesetzt, dass Frau sich trotz allem über die Demütigungen und Verunsicherungen ihrer Existenz zu erheben vermag.

Wie tief müssen die Demütigungen heutiger Frauen reichen, damit sie als Zeichen ihrer Selbstachtung und Würde trotz allem zu solchen Artikeln greifen? Welchen Kontrollen und Erniedrigungen fühlen sie sich ausgesetzt, dass sie diese Ware als ein Symbol ihrer Freiheit erachten?

Sind also diese Frauen nicht die Verführten, im Konsumrausch Gefangene, ausgebeutete Shopping-Adicts, sondern Freiheitssuchende auf der Fifth Avenue? Emanzipation und Ermächtigung im Gewand des Luxus.

„Der Mensch, der tief und völlig davon überzeugt wäre, dass ihm das Sich-wohl-Befinden, oder zumindest eine Annäherung daran, nicht gelingen kann und dass er sich mit bloßem und nackten Sich-Befinden begnügen müsste, begeht Selbstmord.“ (Ortega y Gasset).

Das Paradox auf Frauenbeinen: Selbst das objektiv Notwendige ist für sie nur im Hinblick auf das Überflüssige notwendig. Die Perspektive weitet sich. Es gilt, das Überflüssige, nicht als etwas zu erkennen, wovon man doch bitte lassen sollte, sondern als die erste, dringendste Notwendigkeit. Es gilt eine menschliche Seite im Konsumenten zu erkennen, der über die bloße Notwendigkeit schon hinaus und unterwegs ist Richtung Freiheit.

Wessen Freiheit? Dessous sind ein besonderes Textil. Nicht allein, weil sie ein Ausdruck von Freiheit und Befreiung sind, Dessous sind eine Waffe. Junge, schlanke, zeugungsfähige Frauen, die sie kaufen und tragen, verwandeln sich im Nu in Geschosse. Wenn sie sich darin zu bewegen wissen. Den Männern bleibt die Spucke weg und nicht nur die. Männer kommen in dieser Welt sowieso nur am Rande noch vor.

Schönheit ist niemals unschuldig, Luxus nicht weniger. Die Kundinnen tragen eine biedere Straßenkleidung, so unauffällig und seriös, wie auf Kemsas-Fotografie vom VS-Flagshipstore in bester Lage. Aber sie wissen, was sie darunter tragen, ihre kostbaren Waffen. Den Sieg, den Viktoria davonträgt, hat sie den Dessous von VS zu verdanken. Das Geheimnis liegt in dem, was wir nicht sehen.

Viktoria krönt mit ihrem Lorbeerkranz nur Sieger. Victoria hieß das Schiff, das erstmals die Welt umsegelte, Victoria hieß die Königin des British Commonwealth. Nichts ist so siegreich wie der Sieg.

Aber kein noch so süßer Sieg ist von Dauer. Der Tod fand Eingang auch in dieses Arkadien. Das Hochamt von Eros und Tanatos wird im Flagshipstore auf der 5th Avenue zelebriert. Schwarz schimmernd wie der Zugang zu einem Kenotaph ist sein Eingang. Doch längst sind hier Lieben und Sterben keine Naturgewalten mehr, denen Frau ausgesetzt ist. Sie hat sich ihnen entzogen, sich enthoben ins Reich der künstlichen Schönheit und der käuflichen Träume. Love, aber alles nur ein Hauch von etwas, ein kurzes, durchsichtiges, fadenscheiniges Spiel.

Redaktion: Anke Indefrey


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