Ein äußerst konstruktiver Mensch

Gegensätze als Antrieb. Dem großen Fotografen Walter Vogel zum 90. Geburtstag

Trenchcoat als Berufskleidung. Der unentwegte Fotograf Walter Vogel, hier ausnahmsweise angekommen. Auf der Piazza Del Campoin, Genua 2011  © W. Vogel

Alle Hände voll zu tun. Café in Genua  © W. Vogel

Den Blick mit Walter Vogel in die Welt der klassischen Caffè-Bars und der Baristen (damals gab es einfach keine weiblichen Baristas) zu werfen, heißt eine Geschichte en miniature des alten Europa an einem seiner lebendigsten und köstlichsten Rockzipfel zu ergattern. Vogel erzählt uns in seinen „konstruierten“, doch bestechend einfühlsamen Lichtbildern, von einem Reichtum, der alltägliches Geschäft wie überliefertes Geheimnis ist und dazu von einer schon kaum erinnerten Unbeschwertheit. Eine ganze Kultur wird hier in wundervollen schwarz-weiß Aufnahmen eingefangen. In den Ansichten der Kaffeehäuser selbst wie in den Gesichtern der aus kleinen Tassen heißen Kaffee schlürfenden Gäste, oder im sphinxhaften Lächeln der beiden Comtesse Helga und Michele hinter den Auslagen der Confetteria Taveggia in Mailand (wo übrigens der Panetone erfunden wurde).

Nur den Duft des bitteren Getränks vermag der Fotograf nicht einzufangen. Deshalb hat er darüber zu schreiben begonnen: „Schon der Duft belebt! Gierig wird die goldbraune Flüssigkeit durch die Zähne gesaugt. Es zischt geradezu auf der trockenen Zunge. Der Rest explodiert am Gaumen. Kaskaden umspülen die Gurgel, jagen als Sturzbäche den Schlund hinunter, um in Sekundenschnelle den Magen aufzuheizen.“

Von Verona über Venedig nach Rom, über den Apennin, durch die Toskana bis in den südlichsten Zipfel Italiens, vom Ligurischen zum Adriatischen Meer, zu den mächtigen Kirchenbauten und den überbordenden Marktplätzen, zu Giottos Bildern und Verdis Musik führte die Fahrt über „das fein gesponnene Netz der Caffè-Bars.“ Zweifellos hat sich Walter Vogel darin verfangen und doch wieder gefunden. Er selbst ist der Fisch, der im Netz zappelt und zugleich der Fischer, der reiche Beute mit an Land bringt. 

Er hat sie alle. Die ganz Großen, wie das bereits 1733 erbaute Gran Caffé-Pasticceria Gilli an der Piazza della Repubblica in Florenz, das Tres Corone in Verona, natürlich das Florian in Venedig,  das Camparino und das Magenta in Mailand, das Platti in Turin, das Il Baretto, Vogels Liebslingskaffee seit Jahren in Genua, das Greco in Rom, die Bar Pino in Pomeji, oder die Taverna Azzura in Palermo. Gar nicht zufällig liegt das Gilli am Platz der Republik. Denn wo sonst zeigte sich republikanischer Geist deutlicher als am Tresen und auf den Terrassen der Kaffeehäuser. 1962 veröffentlichte Jürgen Habermas, auch er in Düsseldorf geboren, seine Schrift zum Strukturwandel der Öffentlichkeit. Dieser Zeitgenosse Vogels zeigte, wie durch Zeitungen, Theater und Kaffeehäuser im 18. Jahrhundert eine neue, bürgerliche Öffentlichkeit entstehen konnte. Die jetzt zur Disposition steht.

Dame mit Hund, Lüttich 1973

Am Anfang war alles anders

 1932 wird Walter Vogel in Düsseldorf geboren und wächst mit seinen vier Geschwistern im Elternhaus auf. Schraubenzieher, Zange und Laubsäge sind sein liebstes Spielzeug. Er will Rennfahrer werden oder Aquarist, macht zuvor eine Schlosserlehre und wird Ingenieur. Als Maschinenbauer macht er eine erste Karriere und bleibt es bis 1963. „Ich bin ein äußerst konstruktiver Mensch“, sagt er von sich stolz. Und auch, „Ich bin bis heute Ingenieur“. Das Foto aus Mailand zeigt es. Er hat es so konstruiert, dass uns die Bahnschienen ins Bild ziehen. Sie führen direkt auf das Westportal des marmornen Doms. Dazu schreibt Walter Vogel poetisch-giftige Texte wie diesen: „Das Café-Pistaccheria Taveggia, 1910 gegründet und seit 1930 an heutiger Adresse, mit einer strengen Trennung von Barraum und einer mit gedeckten Tischen ausgestatteten Räumlichkeit, kann als ein klassisches Beispiel für ein Kaffeehaus gelten. Man kann sich keinen angenehmeren Duft vorstellen, an dem der Geist des Geldes als unsichtbare Wolke über dem Geschehen schwebt.“

Bettler mit Mütze, 1955

Doch zuvor muss er noch durch „die Mangel“ bei Steinert. Vogel darf sich ein freies Thema wählen und schließt sich kurzerhand dem Spanischen National-Cirkus an. Die Tournee beginnt in Hannover und führt ihn erneut nach Italien. „Unterwegs mit dem Zirkus“ heißt das Buch, es kann erst 2020 erscheinen. Eine andere Liebe entwickelt sich: Genua. Sie währt bis heute.

1968 ist Schluss mit dem Studium. Examen und nun? Was soll er machen, womit Geld verdienen? Vogel wird Berufsfotograf, Bildjournalist (beim Rheinischen Merkur, bei der Bunten, beim ZEIT-Magazin), später Industrie- und Werbefotograf. Aber aller Erfolg hält ihn nicht. „Ich bin immer auf Distanz“, sagt der schlanke, hochgewachsene Herr Vogel und lächelt dabei charmant. Ein Einzelgänger und Reisender sicher, ein Gentiluomo gleichwohl, ein homme á femmes ohnedies. Es zieht ihn fort, weit über Europa hinaus.

Doch zuvor erreicht ihn der Anruf von Monika Schmela: „Kommen sie mal vorbei, da tut sich was.“ Ein ihm damals unbekannter Künstler namens Joseph Beuys plante für den 16. November 1965, eine Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ in der Galerie Schmela, Hunsrückenstraße 16. Da war schon die Hölle los, das schmale Ladenlokal bereits proppenvoll. Also machte er seine Aufnahmen von der Straße aus: „Ich nahm Beuys auf wie zuvor die Zirkusleute.“

Beuys war ein netter Typ, erinnert sich Vogel gerne. „Aber mit dem Werk habe ich große Probleme“. Überhaupt Kunst, „eine andere Welt.“ Er will Fotograf sein, nicht Künstler oder Künstler-Fotograf. „Ich lehne das partout ab, dass Fotografie Kunst ist.“ Die ganze Becher-Seite – „eine große Verblendung.“

Ein Gegensatz, ein Antrieb. Was Kunst betrifft, ist Walter Vogel „extrem anspruchsvoll“. Auch von Musik und Kaffee nur das Beste. Malerei von Girogione und Tizian, von Raphael besonders die Portraits, die schätzt er über alles. „Das Höchste ist gerade gut genug.“ Auf der anderen Seite eine extreme Bescheidenheit. Nachhall den schweren Entbehrungen, die er als Kind im Krieg und als Nachkriegskind zu erleiden hatte. Vogel übernachtet jahrelang in seinem VW-Käfer, später im umgebauten Peugeot 404. Den Beifahrersitz hat er rausmontiert und das Auto zu seinem Wohnzimmer gemacht. Auf Campingplätzen und auf Autobahnraststätten übernachtet er. „Besitz macht arbeitsmüde“, lautet seine Devise bis heute und dann hat er den „ganzen Krempel“ hingeschmissen. Aus dem versnobten Düsseldorf ist er 1977 „abgehauen“, um nach Frankfurt zu ziehen. Vor zwanzig Jahren ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt.

Tiziana mit Monsieur, Côte d’Azur, 1985

Ein Leben für die Fotografie. „Ich habe ein gutes Auge und ich bin ein guter Handwerker.“ Und dann doch ein Resümee: „Diese Qualität über eine so lange Zeit zu halten, das schafft kaum einer. Da bin sich weltweit einmalig.“

280 handgefertigte Baryt-Abzüge liegen bei ihm zuhause – alle unveröffentlicht. Auch ein fertiges Buch liegt da im Manuskript vor, fünf Jahre hat er daran gearbeitet, „Die mechanische Kamera. 1826 bis 2000“. Auch hier zeigt sich seine Akribie, seine unbedinge Leidenschaft für sein Metier und seine Ausdauer. Kein Wunder, dass Walter Vogel längst in die Leica Hall of Fame aufgenommen wurde. „All by leica“, eines von insgesamt 17 oder 18 Fotobüchern, versammelt seine Best Of, Vogels Hommage an die legendäre Kamera.   

„Ich wollte immer 90 werden“, sagt er leise. Was er sich vornimmt, hat er trotz mancher Knalls noch immer geschafft. Sein Düsseldorf Buch, “Zwei Augen – eine Stadt” ist zur Aussöhnung mit seiner Vaterstadt und zum eigenen Geburtstag gerade fertig geworden. Nicht im Gran Café Gilli, nicht im Florian, noch im Pippo wird gefeiert. Weil sich partout kein ordentliches Kaffeehaus mehr in Düsseldorf befindet, hat Walter Vogel zu seinem Jubiläum in ein Brauhaus in die Altstadt eingeladen. Ein Alt auf Vogel, ein Hoch auf den Fotografen.  


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