
Neue Nationalgalerie Foto David von Becker
von Helga Meister
„Brancusi“ steht in großen weißen Lettern auf der Glasfassade der Neuen Nationalgalerie. Die Ikone der modernen Skulptur trifft für sechs Monate auf die Ikone der Architektur des Mies van der Rohe. Die Kooperation des derzeit wegen Sanierung geschlossenen Centre Pompidou in Paris mit den Staatlichen Museen zu Berlin ist ein Glücksfall, den die Kollegen beider Häuser, Klaus Biesenbach sowie Laurent Le Bon und Xavier Rey beim Schopf ergriffen haben. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron feiern mit der Ausstellung die deutsch-französische Freundschaft; und die Kunstwelt verweist darauf, dass Brancusi vor 150 Jahren in Rumänien geboren und vor fast 70 Jahren in seiner Wahlheimat Paris gestorben ist. Die Freunde der Neuen Nationalgalerie schließlich steuern das nötige Kleingeld bei, damit die Skulpturen, Zeichnungen, Filme und Archivalien sowie Teile der berühmten Werkstatt Brancusis reisen dürfen.
Die viel gepriesene Offenheit des modernen Baus am Kulturforum wird allerdings vom Architekturbüro Chezweitz torpediert, denn die Millionen-Werte verlangen ihre Sicherheit. So mussten Wände eingezogen werden, schwarze, kaum transparente Vorhänge schützen vor allem die frühen Gipse. Man will etwa die „Schlafende Muse“ zwar zeigen, aber nicht ganz, denn es wurden weiträumige Podeste eingebaut. Wer die Vorder- und Rückseiten der Skulpturen begreifen will, muss um die Einbauten mehrere Meter herumlaufen, um Vorder- und Rückseite zumindest gedanklich zur Einheit zu fügen. Manchmal gelingt auch das nicht, wenn die Skulpturen zu nahe an den Wänden stehen.
Brancusi und die Geburt der Skulptur aus ihrem Material

Constantin Brancusi (1876 – 1957) stammt aus der Kleinen Walachei, machte 1903 den Abschluss an der Bukarester Kunstakademie und wanderte zu Fuß nach Paris, wo er am französischen Nationalfeiertag 1904 völlig erschöpft eintraf, als Tellerwäscher anfing und schnell in den Künstlerkreisen des Montmartre und Montparnasse Kontakt zur Szene fand. Immerhin lud ihn der damalige Bildhauer-Star Auguste Rodin als Assistent in sein Studio. Vier Monate hielt er es aus, dann machte er sich selbstständig. Schon 1907/1908 fand er seinen eigenen Stil in den Urformen des Lebens. Anfangs ließ er sich von den älteren Kollegen Medardo Rosso und Auguste Rodin inspirieren, ab 1908 schält und schleift er in der Skulptur „Schlaf“ den Kopf direkt aus dem weichen Marmor, als berühre und behüte der Schlaf die Züge. Er bettet das Gesicht in den Stein, während er die Rückseite fast unbehauen lässt. Es ist die Geburt der Skulptur aus ihrem Material.
Seine Köpfe von 1908 bis 1910 sind keine Büsten mehr. Vielmehr liegt der Kopf allein auf der Wange. Er entsteht aus dem Gedächtnis heraus und nicht nach einem realen Modell oder Vorbild. Vor allem im Gips gibt diese Serie die Entstehungsgeschichte der Werke preis, wenn er der „Schlafenden Muse“ mit sicherem Schnitt von den Augenbrauen bis zur Nase das Gesicht markiert, die Augäpfel andeutet und den Mund mit dem Messer oder Spachtel sachte aufbricht. In der Bronze zum gleichen Motiv formt er vor dem Guss im weichen Material das Ohr, kämmt das Haar und fügt es zum Dutt, bevor er den Nacken kurz unter dem Dutt radikal abschneidet. So sicher wie Brancusi erzeugt höchstens noch Thomas Schütte seine Gesichter, aber der Nachgeborene modelliert sie in Ton, bevor er sie brennen und glasieren lässt.
Die Oberflächen scheinen zu atmen
Abstrakt wollte Brancusi sein Werk nicht genannt haben, selbst 1925 nicht, als er in der mehrfach wiederholten „Skulptur für Blinde“ aus weißem Onyx das Gesicht bis zur Eiform stilisierte. In den Augen ahnt man das Spiel zwischen tiefer liegenden Augenhöhlen und erhabenen Wimpern, denn seine Oberflächen scheinen zu atmen. Deshalb wirkt selbst in Beispielen ohne Einschnitte und ohne Details die strahlend polierte Form nicht nur wie ein Ei, sondern immer auch wie ein menschlicher Kopf. Diese „Essenz der Dinge“ in der auf das Wesentliche und Fragmentarische reduzierten Skulptur war sein Ziel – letztlich auch sein Erfolg. Brancusi war stets auf der Suche nach dem universellen, dreidimensionalen „Bild“.
Prinzessin X unter der Glashaube

1913 nimmt er an der legendären Armory Show in New York teil und findet seine ersten Sammler. In Europa verstehen die Zeitgenossen nicht so schnell seine Schritte zur ureigenen Form. „Prinzessin X“ (1915/16), in Berlin eine freistehende Gipsfigur unter der Glashaube, wird 1920 aus dem Salon des Indépendants als obszön entfernt, obwohl sie nicht den kleinsten Hinweis auf eine erogene Zone geschweige denn auf eine weibliche Form enthält, sondern lediglich zwischen ihren Pobacken und ihrem Kopf einen energiegeladen Hals-Körper mit eingeritzten Nackenhaaren zeigt, der die Balance zwischen den schräg aufstrebenden Körperteilen hält. Ein weit doppeldeutigeres Werk ist der Torso von 1912 aus Alabaster, den die Staatsgalerie Stuttgart entleiht: Die gedrungene Form eines Unterkörpers, der sein Geschlecht nicht preisgibt, aber durch eine kaum fassbare Energie des Körperbaus besticht. All das geschieht mehrere Jahre, bevor Hans Arp zur biomorphen Objektsprache findet.
Nicht Abbild, sondern Sinnbild
Doch nicht alle Zeitgenossen verstanden seine schnellen Schritte zu einer dreidimensionalen Komposition, die nicht Abbild, sondern Sinnbild sein will. So variiert er über drei Jahrzehnte hinweg den Vogel von der kompakten Form eines stolzen Körpers bis zum extrem gestreckten, fast schon spirituellen Symbol. Der amerikanische Zoll beschlagnahmt den polierten Vogel von 1926 und behauptet, das schillernde Objekt sei lediglich ein 1,35 Meter großes Metallstück, das als Kunstwerk ausgegeben werde, um den Einfuhrzoll zu umgehen. Schließlich endet der Prozess mit der ironischen Bemerkung des Richters, Anhänger einer so genannten modernen Kunstschule würden versuchen, abstrakte Ideen darzustellen, anstatt natürliche Objekte nachzuahmen.
Der Vogel als Sinnbild einer fantastischen Bewegung im Raum
Brancusi liebte das Zugleich von Realität und Abstraktion vor allem im Motiv der Tiere. Sie sind ihm Sinnbilder einer fantastischen Bewegung im Raum. So schuf er messerscharfe Fische fast ohne Körper als dynamische Wesen und ließ einen Hahn mitsamt Hahnenkamm in einer steilen Diagonale emporschießen. „Leda“, eine dieser hochpolierten Figuren, darf in Berlin auf einer polierten Metallscheibe im abgedunkelten, aber magisch ausgeleuchteten Raum rotieren, als sei sie im Begriff, in Licht und Schatten aufzugehen.
Der Bildhauer konnte aber auch in seinen Arbeiten bodenständig sein. Das wird im Lieblingsmotiv „Kuss“ deutlich, den er wie all seine Formen mehrmals variierte. Die erste Version von 1907 zeigt den kompakten Steinkubus, aus dem die einander zugewandten Figuren mit wenigen Eingriffen aus dem Block zum beredten Leben geführt werden. Man merkt Brancusi förmlich die Freude an, wie er 1923-1925 die kubische Form bewahrt, aber Kuss an Kuss und Auge an Auge führt und schließlich die Körper mit ihren Armen sich gegenseitig umschlingen lässt. Der Kuss nimmt selbst die Körperform an. 1940 ist es ein Kalkstein mit einem Loch für den Mund und mit seitlichen, gelockten Haaren, und 1945 nur noch ein Grenzstein, der sich selbst umarmt.
Endlos in den Himmel
Für Deutschland ist es die erste Werkschau des Bildhauers seit 50 Jahren. Alle Ikonen werden ausgeliehen, darunter auch die „Endlose Säule“ (vor 1928) aus Pappelholz. Sie steht mitten im Ausstellungsraum auf einem Rundteller. Der Schnitt geht durch alle Achtecke der modularen Form, die als Tetraeder gestapelt sind und sich unendlich fortsetzen könnten, wie ein ständig weiter wachsender Baumstamm. Diese Form begann in Brancusis Anfängen als bescheidener Holzständer, also als Mittel zum Zweck für seine Steinarbeiten, und potenzierte sich zu einem unendlichen Rhythmus im natürlichen Material Holz.
Die letzten Werke haben große Formate. „Karyatide“ (1943) aus Eiche ist ein Ganzkörper mit Kopf, Bauch, Beinen und einem Balkenstück als Gebäude-Fragment obenauf. Die Skulptur ist zugleich Körper und Architektur, mit einem feinen Schnitt im Schritt, dem Zeichen der Weiblichkeit. Aus derselben Zeit stammt eine abstrahierte Schildkröte auf einem massiven Holzteil aus dunkler Rosskastanie. Der Körper ist allseits angeschnitten. Derlei Formen leiten über zu Henry Moore, dessen drei biomorphe Bronze-Abschnitte auf der Terrasse der Neuen Nationalgalerie an den genialen Vorgänger erinnern. Die Skulptur des Briten entstand 1964-1965 unter dem Titel „Bogenschütze“.
Werkstatt auf Reisen
An die Nachwelt gerichtet ist die berühmte Werkstatt des Künstlers, ein Wohn-, Arbeits- und Ausstellungsraum. Ein Gesamtkunstwerk zum Leben und Arbeiten. Ein Türbogen aus Eichenholz trennt die öffentliche von der privaten Sphäre des Ateliers mit ihren Sägen und Sägeblättern, Feilen, Haken, Holzhämmern, Kneifzangen und Bohrern, mit kolossalen Quadersteinen und feinen Gips- und Bronzemodellen. Ein Film-Loop zeigt den Künstler selbst, der wie ein Sisyphus tätig ist, zentnerschwere Steinbrocken schiebt, zerschneidet und durchbohrt.

Mit seinem Tod im Jahr 1957 umfasste diese Werkstatt 137 Skulpturen, 87 Originalsockel, 15 Gussformen, 39 Zeichnungen, zwei Gemälde sowie mehr als 2300 Glasfotografien und Abzüge. Er vermachte sein Atelier mit seinem Inhalt dem französischen Staat. Alles gehört heute zu den Sammlungen des Musée national d’art moderne – Centre Pompidou in Paris. Nach Berlin kam Brancusis Werkstatt als Teil-Nachbau. Die Geschichte der modernen Skulptur wird in der Neuen Nationalgalerie anhand eines Künstlers erzählt, der vom Tellerwäscher zum Avantgardisten aufstieg. Einer, der sich auf den Weg machte, Urformen des Lebens zu suchen und zum Vorläufer so vieler moderner Bildhauer fand. Er war kein Mensch, der nach Geld und dem Kunstmarkt schielte, sondern wie ein Rastloser arbeitete und wie ein Einsiedler lebte. Einer der letzten, die mit dem Material nicht nur arbeiteten, sondern die im Material dachten. Marmor, Stein, Holz, Gips und Bronze waren seine Ausgangspunkte für eine Kunst, die bis heute fasziniert. Keiner konnte wie er so genau das Abstrakte im Konkreten finden. Er nahm seine Ideale aus der Realität des Lebens. Darin liegt seine Größe
Brancusi
bis 09. August
Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, Berlin
Sie wird finanziell getragen von den Freunden der Nationalgalerie und kuratiert von Maike Steinkamp sowie den französischen Kolleginnen Ariane Coulondre und Valérie Loth, kuratorischen Assistentin Nicola Richolt.

Katalog
Brancusi
Distanz-Verlag
44 Euro
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„Arbeit ist Kunst/Kunst ist Arbeit“

