Kunst für Jedermann

Carl Friedrich Schröer besucht Hans-Peter Feldmann in seinem Wohnzimmer

Hans-Peter Feldmann, Forot: Ralph Goertz

Als ich Hans-Peter Feldmann in Düsseldorf anrufe, um mit ihm ein Interview zu verabreden, lehnt er ab: “Weil ich dann immer wieder auf das zurückgeworfen werde, was ich einmal gesagt habe“. Aber zu einem Gespräch lädt er mich unumwunden ein. Wir treffen uns in seiner Wohnung im Stadtzentrum. Vom Balkon seiner Altbauwohnung im vierten Geschoss blickt man auf einen weiten Platz, der eigentlich ein städtebauliches Desaster der fünfziger Jahre ist. Damals zog der Nazi-Baumeister Friedrich Tamms die Berliner Allee als Magistrale quer durch die zertrümmerte Düsseldorfer Innenstadt.

Feldmann, 1941 in Düsseldorf geboren und aufgewachsen, lebt hier zusammen mit seiner Frau. Auf den Besuch der ruhmreichen Düsseldorfer Kunstakademie hat er verzichtet, um seine Unabhängigkeit zu bewahren und doch Künstler zu werden. Auf meine Frage. “Wer ist Hans-Peter Feldmann?“ hat er eine überraschende Antwort parat: “Ein singender Kaufmann“. Ein sprechendes Rätsel, wie es Feldmann liebt. Er erklärt es mir aber gerne. Singend, weil einer seiner frühesten künstlerischen Versuche darin bestand, Bänder zu besingen. Feldmann nahm Oldies auf, die er mit unendlich langsamer Geschwindigkeit nachsang. Und Kaufmann ist er geworden, weil er seinen Lebensunterhalt verdienen musste.

1979 hat er sich losgesagt von der in Düsseldorf ubiquitären und bisweilen auch penetranten Kunstszene, dem Rummel um Beuys. “Ich wollte mit dem ganzen oberflächlichen Getue ein für alle Mal nichts mehr zu schaffen haben. Wohl aber mit der Kunst“, erinnert sich Feldmann und wundert sich. Bis heute hat er alles vermieden, um ein Star mit internationalen Galeriekontakten, Messeauftritten und Megaausstellungen zu werden. Stattdessen gründete er in der Düsseldorfer Altstadt, in den Räumen der ehemaligen “eat-art-galerie” am Burgplatz, ein Geschäft für antiquarische technische Geräte, Nautika, Geodätika, Photographika und altes Blechspielzeug. Vom Finanzamt mangels besserer Erkenntnis jahrelang als “Galanteriewaren“ bezeichnet, wie Feldmann schmunzelnd erzählt. Der Laden lief gut. Feldmann besorgte den Nachschub an ungewöhnlichsten Instrumenten und Apparaturen aus Belgien, England und Schottland. Dann stieg er auf Silberwaren um. Auf die so gewonnene wirtschaftliche Unabhängigkeit legt er großen Wert. Seine Frau betreibt bis heute ein Geschenkartikelgeschäft in der Altstadt.

Kunst betrieb Hans-Peter Feldmann ebenfalls. Eine Ausbildung hat er nie genossen, ein Atelier nie besessen. Beides hat er auch nie gebraucht. Er fertigt ausschließlich Werke, die auf seinen Schreibtisch passen. Größeres gibt er zur Realisierung außer Haus in Auftrag. Lieber widmet er sich seiner alten Leidenschaft: Er streunt auf Flohmärkten herum und findet “die kuriosesten Sachen“. Ein gefragter Künstler ist Hans-Peter Feldmann dennoch geworden. Als Anfang der siebziger Jahre Konrad Fischer, der ihn nie ausstellte, Harald Szeemann auf den jungen Feldmann aufmerksam machte, lud dieser ihn zur documenta 5 nach Kassel ein. “Individuelle Mythologien“ hieß Szeemanns Künstlerterrarium damals. Paul Maenz entdeckte Feldmann dort und zeigte ihn in seiner Kölner Galerie. Heute ist er zwischen Kiel und Köln, Berlin und Hannover einer der gefragtesten Künstler seiner Generation. Es will fast so scheinen, als sei die Zeit für Feldmanns außergewöhnliche Un-Kunst gerade erst reif.

Auf dem Heinrich-Böll-Platz in Köln, zwischen dem Rheinufer und dem Dom, zieht seit kurzem sein “David“ die Blicke auf sich – als Teil der Erotik-Ausstellung “Das Achte Feld”, die bis zum 12. November im Museum Ludwig zu sehen ist. Kunterbunt bemalt und sechs Meter hoch steht auf hohem Sockel die Feldmann-Version von Michelangelos berühmter “David“-Skulptur und zeigt dem Dom sein wohlproportioniertes Hinterteil. Aber dem Düsseldorfer Feldmann geht es auch hier nicht um Provokation, nicht um Kritik an der Haltung der katholischen Kirche zur Schwulenfrage, nicht um seinen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Polychromie antiker Plastik. Schlichter und reizvoller präsentiert er seinen David freundlich bunt – “wie Kinder ein Malbuch ausmalen“ –und lässt ihn in Richtung Kölner Hauptbahnhof blicken, weil das der Ort des Fern- und Heimwehs ist: “Und weil David nach Hause will, nach Florenz…“

In Berlin hat Hans-Peter Feldmann im vorigen Jahr einen Beitrag zur RAF-Ausstellung der Kunst-Werke geliefert. Feldmanns Anthologie “Die Toten“, eine Fotosammlung der zwischen den Terrorjahren 1967 bis 1993 umgekommenen Menschen – weit über 100 Opfer, aber auch die gestorbenen Täter – sorgte für Aufsehen. Im kommenden Jahr wird ihm Hannovers Sprengel Museum eine große Einzelausstellung widmen, und Kasper König schätzt sich glücklich, ihn für die Skulptur-Projekte 2007 in Münster gewonnen zu haben. Dreimal schon hat er König einen Korb gegeben, als der in den achtziger Jahren “von hier aus“ in Düsseldorf vorbereitete.

Feldmann hat die Einladung nach Münster unter einer Bedingung angenommen. Sein Anliegen sei es, die öffentlichen Toiletten unter dem Marktplatz herzurichten, “nach dem Standard, wie es auf neuen Flughäfen und besseren Hotels heute üblich ist“. Kasper König akzeptierte, und alle dürfen sich freuen. Die Kuratoren über Feldmanns unterirdisches Kunstwerk, die Stadtverwaltung Münster über eine überfällige Verschönerungsaktion aus dem Etat der Kunstleute und die arglosen Notdürftigen über eine blitzsaubere Toilette samt Musikberieselung und freundlicher Toilettenfrau – auch noch nach Jahren, wenn Königs Skulptur-Projekte Legende sind.

Wer ist Hans-Peter Feldmann? Arbeitet er unverdrossen am erweiterten Kunstbegriff oder knüpft er ans Verschwinden der Kunst à la Marcel Duchamp an? Nichts kann man dem einzelgängerischen Feldmann Übleres antun, als ihn mit vergangenen Größen gleichzusetzen. Zu eigen, unabhängig und intelligent ist er, um sich in der Linie alter Meister zu sehen. Er hat sich seine Gedanken gemacht, was es heute bedeutet, Künstler zu sein, was der Anspruch und die verbliebene Möglichkeit ist, weiter Kunst zu betreiben. Er verabscheut Konzeptkunst für besondere intellektuelle Ansprüche. Er will nicht provozieren und mit Kunst politisieren. Nicht die Kunst erweitern, unterlaufen oder abschaffen. Im Gegenteil. Feldmann entwirft Kunst für Jedermann. Am liebsten Kunst, die zu etwas nutze ist, im Alltag erscheint, allgemein erfreut, Kunstkenner und Jederfrau.

Wer ist dieser freundliche Herr Feldmann? Es gibt kaum Fotos von ihm. Interviews lehnt er kategorisch ab, öffentliche Auftritte meidet er. Als ich ihn am Ende unseres Gesprächs versuchsweise bitte, seinen Namen in den Katalog zu schreiben, den er mir zur Erinnerung schenkt, weigerte er sich. “Mache ich nie. Wenn Sie meine Unterschrift in irgendeinem Buch oder unter einem Werk finden, können Sie sicher sein, es handelt sich um eine Fälschung.“ – Ein schwieriger Künstler? Macht er sich rar? Oder ist er nur ungewöhnlich scheu? Vielleicht ist er immer schon unabhängig und von daher ein besonders eigenständiger und verantwortungsvoller Künstler.


Oh meine Liebe!

~ Von Carl Friedrich Schröer, 17.12.2020 ~ Über die Nähe der Bücher zur Kunst unserer Tage ist viel zu wenig gesagt worden. Der digitalen Revolution

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