Erstaunliche Naturpotenzen

fire places lassen Schloss Benrath in gespentischem Licht erstrahlen. Eine sehenswerte Ausstellung zum 80. Geburtstag des großen Konzeptkünstlers Helmut Schweizer

fire places, Helmut Schweizer im Corps de Logis

Frank Maier-Solgk

„Pflanzenbilder“ – auch so könnte man die Ausstellung schlicht nennen. Sind es auch nicht eigentlich Bilder, sondern die Pflanzen selbst, die in Polyethelenfolien eingeschweißt und wie Präparate oder Pflanzenmumien konserviert, hier dichtgereiht an den Wänden der Ausstellungsräume zum Bild ihrer selbst werden. Gesammelt hat sie vor 50 Jahren der 1946 in Stuttgart geborene Helmut Schweizer. Zu dessen 80. Geburtstag hat Schloss Benrath, weit im Süden seiner Wahlheimat Düsseldorf, eine über 50 Schaffensjahre umfassende Retrospektive ausgerichtet.

„Es hat schnell Click gemacht“, erinnert sich Stefan Schweizer, wissenschaftlicher Vorstand der Stiftung Schloss und Park Benrath als ihm ein Konvolut mit mehreren Serien von Schweizers frühen Pflanzenarbeiten aus dem Kunsthandel angeboten wurde.

Helmut Schweizer bei der Eröffnung. Foto: C.F.Schröer

Keine Frage: Die Pflanzen, die Helmut Schweizer, damals noch in und um Karlsruhe am Wegesrand aufklaubte, lagerten seitdem in Holzkisten, strahlen unbenommen der langen Einlagerung eine zarte und gleichzeitig morbide Ästhetik aus, wenn das entweichende Chlorophyll unterschiedliche Stufen des Verfallsprozesses anzeigt und so die unverfügbare Vergänglichkeit alles Lebendigen zur Anschauung bringt. Denn nicht wie in Herbarien luftdicht und zum Dienst an der botanischen Wissenschaft getrocknet, sondern in der Lebendigkeit der eingeschlossenen Restfeuchte erreichen die zarten Stängel der Huflattiche und Buschwindröschen, die ausfransenden Blätter der Schwarzen Nachtschatten und roten Fingerhüte ihre eindrückliche gestische Präsenz. Welcher Ort wäre geeigneter als das Gartenkunstmuseum Schloss Benrath, das erklärtermaßen „an der Schnittstelle“ von Natur und (Garten-)kunst agiert und beide Bereiche in derzeit noch zwei getrennten Museen in den Seitenflügeln des Lustschlosses zum Thema macht.

Wie jeder Ausstellungsort in seiner Weise auf die ausgestellten Werke abfärbt, sieht man sich als Betrachter auch in Benrath mit spezifischen Assoziationen und Fragen konfrontiert, die in unterschiedliche Richtungen weisen. Worin liegt hier das spezifische Künstlerische? Was sind hier Anliegen und Anspruch? Welche Idee verfolgen die Kuratoren und Kuratorinnen? – Die Ästhetik liegt zunächst in den gesuchten Anklängen an eine wissenschaftliche Praxis, die als Herbarium in ihrer seriellen Ordnung eine eigene Schönheit besitzt. In diesem Seriellen aber läge wiederum ein Anknüpfungspunkt an die Entstehungszeit der Schweizerischen Pflanzensammlung, als die Konzeptkunst in den 1970er Jahren in Europa aufzog und Schweizer, noch in Karlsruhe, in den Dunstkreis von Joseph Beuys, Otto Piene (von dem Schweizer die Plastikfolien übernahm) und seinem Mitstudenten Lothar Baumgarten führte. Baumgarten folgte er wenige Jahre später an die Kunstakademie nach Düsseldorf. Die Konzeptkunst, darauf weist Robert Fleck in seinem Katalogbeitrag hin, beinhaltete in Konsequenz auch die Idee, dass das Sammeln selbst als performativer und gestischer Akt zu verstehen sei. Schließlich ist man mit Beuys und Baumgarten und manchen anderen Künstlern (zu denken wäre etwa auch an den Land Art Künstler Richard Long) damit auch bei dem grundierenden Motiv angelangt, das die Arbeit Helmut Schweizers ein Leben lang anregte und immer wieder neu antrieb: Die Natur, ihre Schönheit, ihre Fragilität und ihre Gefährlichkeit durch die Verbindung mit Technologien und somit ihre spezifische, unbeherrschbare Gewalt.

Das Signum dieser Verbindung war für viele Künstler dieser Generation das Atom, dessen ungeheure, zerstörerische Kraft sich in den Atombombenexplosionen von Hiroshima und Nagasaki zeigte.

Die chronologisch und in einzelne Epochen aufgebaute Ausstellung macht den Bezug des Künstlers zum Atom an verschiedenen Stellen immer wieder deutlich, wobei die medialen Zugänge – Dokumente, Zeitungsartikel, Plakate, Filme etc. – den persönlichen Weg gelegentlich in Richtung eines zeitgeschichtlichen Panoramas verschieben. Der gesellschaftspolitische Hintergrund dieser Form von engagierter Kunst, der durch entsprechende Raumüberschriften einigermaßen plakativ sichtbar gemacht wird, führte jedenfalls dazu, dass diese Generation von Idealisierungen und Romantisierungen der Natur stets Abstand hielt.  Natur erscheint hier in der Tat als weithin soziale Größe, wenn wie im Schlussraum der Ausstellung eine Installation aus einem giftgelben Glastisch und darauf ausgebreiteten Zeitungscollagen (Fukushima Morning) von gelben Glasstäben (Brennstäben) überspannt werden. In diesem ungeschminkten ästhetischen Realismus wird an die Katastrophe im Atomkraftwerk in japanischen Fukushima vor 15 Jahren erinnert.

Die Fortsetzung und der inszenatorische Kulminationspunkt der Ausstellung folgt in den Räumen des Corps de Logis von Schloss Benrath. Auf und in den historischen Kaminsimsen der spätbarocken Repräsentationssäle hat Helmut Schweizer fire places arrangiert. Das Feuer glüht und leuchtet hier beängstigend und schön diabolisch in Form fluoreszierender Farbigkeit, die von den großen Wandspiegeln aufgefangen und zauberhaft reflektiert wird. In einer Anordnung aus Glaskolben, Laborflaschen und –Gläsern, die Helmut Schweizer mit attraktiven, gleichwohl gefährlich aussehenden Flüssigkeiten gefüllt hat, sind hier Installationen von großer Ambivalenz entstanden – hinreißend und erschreckend zugleich. Sie rufen unser Erstaunen hervor, erinnern an fürstliche Wunderkammern wie an Laborversuche von Wissenschaftler, die mit dem Atom experimentierten. Oder handelt es sich um Versuche aus Zeiten der Aufklärung, da in Pariser Laboren von Materialisten wie Baron d`Holbach und anderer an einer rätselhaften aber noch verheißungsvoll gedachten Zukunft geforscht wurde?


Helmut Schweizer: Natur [continues]
bis 28. Juni
Schloss Benrath, Benrather Schloßallee 100-106, Düsseldorf

Helmut Schweizer -Traces [over time]
09. Mai bis 14. Juni
Galerie Rupert Pfab, Ackerstraße 71, Düsseldorf
Im Showroom: Andreas Zagler


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