
Die Art Cologne schlägt zum zweiten Mal in Palma de Mallorca auf. Wird es diesmal ein Erfolg? Endlich ist der neue Kongresspalast an der schönen Uferpromenade fertiggestellt. Außen ein langgestreckter, scheußlicher Betonriegel, der in die Uferpromenade hineinragt.Innen verwinkelt und räumlich zerteilt, mit großem Treppenhaus und vielen Rolltreppen — ergibt wenig Eindruck als dauerhafter Ort für eine ambitionierte, internationale Kunstmesse. Bereits vor 19 Jahren musste der erste Versuch in einen Flughafenhangar ausweichen, weil das Kongresszentrum nicht rechtzeitig fertig war. Damals geriet Gerard Goodrow, Direktor der Art Cologne, in die Kritik und musste „seinen Hut nehmen“. Es bleibt abzuwarten, ob die heutige Leitung ein ähnliches Schicksal erleidet. Das Teilnehmerfeld zeigte sich erstaunlich ausgedünnt. Fast alle großen, namhaften Kölner Galerien fehlen (Ausnahme: Christian Nagel). Ebenfalls kaum vertreten: namhafte Düsseldorfer und Berliner Galerien (mit wenigen Ausnahmen wie van Horn, Eigen & Art). Am Eröffnungstag herrschte große Zurückhaltung, aber auch Neugier und Erstaunen über einzelne Prachtstücke. Das höchste bepreiste Werk stammt von Georg Baselitz, dass er einst in einem Sommer auf Mallorca malten. Preis 980.000 € — das teuerste Werk der Messe. Gefolgt von einem älteren Gemälde von Anselm Kiefer bei Jule Kewenig. Einige Galerien aus der Altstadt von Palma fungieren weiterhin als Magnet, um Besucher zu locken. Unter dem zahlreichen Publikum fand sich nur vereinzelt Internationale Sammler, wobei die aus angereisten überwogen. Amerikanische Käufer, die man sich wegen der erst neu eingerichteten Direktverbindung Palma – New York erhofft hatte waren nirgends zu sehen.
Noch während die Art Düsseldorf zögerte, griff die Art Cologne zu und wagt den zweiten Aufschlag auf der Deutschen Lieblingsinsel nur eine Woche bevor die Art Düsseldorf beginnt. Nase vorn? Ungewiss, ob Art Cologne hier dauerhaft ein zweites Standbein etablieren kann. Entscheidend sind in Zukunft die Teilnahme wichtiger Galerien und die Akzeptanz des Ortes. Ob Daniel Hug, seit 18 Jahren, Direktor der Art Cologne dem gleichen Druck erliegt wie schon bei der ersten Bauchlandung, bleibt offen.

„Ich habe Hoffnung, dieser Anstoß kann gelingen“

Carl Friedrich Schröer: Sie haben bei Werner Oechlin in Bonn Kunstgeschichte studiert, und sind dann wenig später nach Palma de Mallorca gewechselt, um die mallorquinische Kunstszene kennenzulernen. Dann haben Sie ein Standartwerk dazu geschrieben.
Brigitte Lucke: Die Begegnung mit der zeitgenössischen Kunst, 1992 ist das, glaube ich, erschienen.
CFS: Seitdem verfolgen sie hier das Wohl und Wehe, das Auf und Ab der mallorquinischen Kunstszene. Gibt es eine mallorquinische Kunstszene?
BL: Ja, es gibt sie und es gab sie damals schon. Unter Franco war natürlich alles verboten und die Leute waren wirklich, wirklich sehr abgeschottet von Europa. Aber danach hat sich das Ganze geöffnet 1969 bis 1982. Natürlich war Barcelona das große Zentrum. Doch es gab mehrere Kunstzeitschriften hier auf Mallorca. Es war wirklich eine sehr große Bewegung, die aber auch gleichzeitig die Bewegung der Künstler war um die Natur zu schützen. Zum Beispiel die Insel Sa Dragonera wurde von Künstlern und Studenten besetzt, wie auch Es Trenc. Das ist bis heute ein großes Naturschutzgebiet. Das geschah noch in der Franco Zeit. Wir hatten auch Miro. Der sein Atelier in Cala Major hatte und auch seine Galerie, eine der ersten, die gewagt hat, Jean Miro auszustellen. Die Galerie Pelaires ist auch heute hier auf der Messe vertreten. Dann gab es auch Galerie Ferragamo. Später gab es auch Galerien in den Dörfern. Wenn Sie heute in Häuser gucken aus Mallorca, dann sehen Sie überall Kunst an den Wänden.

CFS: Also gab es nicht nur eine Künstlerszene, sondern es gab wirklich eine Kunstszene mit Galerien, Sammlern.
BL: Die geht zurück auf die 20er Jahre oder sogar auf die Jahrhundertwende. Das Zentrum war in Deja und in Soller. Es war wirklich ein sehr lebendiges Kunstzentrum in Europa.
CFS: 2009 gab es eine Krise?
BL: Die hat Mallorca sehr stark getroffen. Wir hatten sehr viele junge Galerien, aber auch alteingesessene Galerien, die sich praktisch nicht mehr in Palma halten konnten. Das ging mit der Gentrifizierung der Altstadt von Palma einher. Die Mieten sind so teuer geworden, dass sich praktisch Galerien, die davon leben müssen und die wirklich junge Künstler vertreten sich das nicht mehr leisten konnten.
CFS: Mit den Touristen kamen auch welche die blieben. Die Zugezogenen machten doch schon immer einen Teil der hiesigen Kunstszene aus?
BL: Jule Kewenig ist seit mindestens 20 Jahren Teil der Kunstszene, total integriert. Dasnn auch das Centrum culturel de Andrax. Diese dänische Galerie, die ja seit 20 Jahren, also auch schon ziemlich lange aktiv ist. Dann dazu die Künstler in Alcudia und auch das kleine Museum dort.
CFS: Wie hat sich die Szene seit 2009 entwickelt?
BL: In der Alstadt von Palma ist nur noch Jule Kewenig übrig. Dann fing es langsam an das da ein Küchenladen nach dem anderen aufmachte. Dann kam Gerhardt Braun, der dort 5 oder 6 Läden aufmachte. Ich kenne ihn gar nicht. Ich weiß gar nicht wo der her kommt.
BL: Ich weiß gar nicht wo der her kommt. Ich habe mich nie für ihn interessiert. Einfach traurig, wenn ich sehe, Galerien die dort waren, die wirklich, wirklich junge Galeristen zwischen 30 und 40 sich was aufgebaut haben, praktisch alle Galerien zumachen mussten und dann da was ganz anderes hat, sich total verändert hat.
Natürlich, haben die ganzen Kreuzfahrer von den Kreuzfahrtschiffen angefangen die Galerien leerzukaufen.
CFS: Das ist jetzt der zweite Aufschlag der Art Cologne in Palma. Hier, in diesem nagelneuen, riesigen, verzweigten Kongressbau. Wird sich das halten können?

BL: Ob es sich im Kongress Palast halten wird, weiß ich nicht, aber die Idee könnte sich halten. Ja, die Idee denke ich schon. Ich bin Kunsthistorikerin. Aber ich denke schon, dass sich da der Immobilienmarkt, der ja sehr stark damit zusammenhängt, die Messe trägt. Wir haben hier auf Mallorca Galerien die zugleich Kunst und Immobilien vermitteln. Die Leute haben noch Geld und viele leere Wände.
CFS: Es ist auffällig das die erste Reihe der Galerien hier ferngeblieben ist. Bis auf wenige Ausnahmen fehlen selbst große Galerien aus Düsseldorf und Köln, von Berlin oder Madrid ganz zu schweigen.
BL: Ich weiß nicht, wie weit da geworben wurde. Ich denke, es ist ein Vorstoß von meiner ehrgeizigen Regierung hier, die eigentlich mehr auf Kulturtourismus setzen möchte. Wir haben das vor 20 Jahren schon versucht.
CFS: Aber damals war der Aufgalopp hier bedeutend größer. Heute ist der Kunstmarkt allgemein schwächer. Ist es denn der richtige Zeitpunkt, hier diese Messe noch mal aufleben zu lassen?
BL: Da ist vielleicht eine Hoffnung. Ich meine, viele Leute fühlen sich hier auf Mallorca relativ sicher. Man ist eigentlich nicht gestört. Die Mallorquiner sind sehr diskret und ich denke schon, dass das aus dem Grunde irgendwo eine Zukunft haben könnte. Das ist so als Rückzugsort in Europa. Ich glaube, das ist so ein bisschen die Idee, die dahinter steckt für Leute, die sich Kunst leisten können. Also von daher denke ich, könnte das Zukunft haben. Aber die Zahlen kann ich nicht nennen. Aber das liegt auch daran, dass Mallorca einen so schlechten Ruf hatte, mit Ballermann, Billigtourismus etc. In den letzten 20 Jahren ist sehr daran gearbeitet worden und wir haben alle sehr daran gearbeitet dieses Klischee umzukehren. Ich habe selbst die Kunstzeitung rausgebracht, dreisprachig, um zu zeigen, dass Mallorca mehr zu bieten, mehr als Massentourismus. Ich denke, ein Vorstoß ist auf alle Fälle. Ich sehe es Hoffnung, hier einen kleinen sicheren Hafen zu bauen.
Brigitte Lucke arbeitet als Kunstkritikerin, Journalistin und Foftografuncseit über dreißig Jahren in Palma de Mallorca. Zuvor studierte sie an der Uni Bonn Kunstgeschichte, Geografie und Urbanistik.
„Ich wohne gern in der Stadt, aber ich liebe auch die Natur und das Landleben. Eine Finca mit Garten kann ich mit meinem Beruf und Lebensstil nicht vereinbaren, aber mit meinem Beet in der Biogranja kann ich meine Sehnsüchte, nach in der Erde graben, Gemüse züchten und ernten, befriedigen.” Brigitte Lucke
„Begegnung mit der zeitgenössischen Kunst“
Brigitte Lucke
Verlag Klinghardr & Biermann


