Fliehkräfte im Kunstmarkt

Zwei Welten. Art Cologne oder Art Basel Hong Kong

Am Tag der Eröffnung der 55. Art Cologne mit einem imposanten Feld von 190 Ausstellern in den Sektionen ZEITGENÖSSISCHE KUNST, NEUMARKT, KLASSISCHE MODERNE und NACHKRIEGSKUNST bis hin zum neuen Sektor ART + OBJECT veröffentlicht die Art Basel (gegr. 1970) die Liste der 171 Galerien aus immerhin 32 Ländern, die im März 2023 die 10. Art Basel Hong Kong bestreiten wollen. Eine Kampfansage.

Dass dieser seit 2013 gezogene Ableger der Art Basel überhaupt in China stattfindet, ist eine Überraschung. Oder eher eine bittere Enttäuschung. Der Markt frisst seine Kinder. China hat die Sonderverwaltungszone Hongkong mit autoritärer Gewalt unterworfen und gleichgeschaltet. Kein Millimeter Freiheit blieb erhalten. Jeglicher Protest ist verstummt. Doch auch die Kunst scheint verstummt. Kein Laut, kein Protest, nirgends. Nicht von Galeristen, nicht von Künstlern oder Künstlerinnen. Ist die weltweit operierende Art Basel allzu mächtig?

Oder zeigt sich hier eine Entkoppelung? Hier der internationale Kunstmarkt, da eine sensibilisierte, immer moralischer argumentierende Künstlerschaft. Wo wir schon nicht mehr wissen, was gute Kunst ist, soll sie wenigstens gut verkäuflich sein. Oder der Künstler, die Künstlerin gut sein. Den einen gilt der Wert und die Wertsteigerung der Kunst als höchstes Ziel. Den Gutkünstlern gelten die ethischen Werte als ausschlaggebend. Der pertupierende Markt ist den einen fremd und verhasst, während die Marktkünstler über ihre Kolleginnen und Kollegen von der Wertefront nur süffisant lächeln. Während die Einen dem Markt entkommen wollen, können die Anderen gar nicht oft und tief genug hinein.

Die Entkoppelung zeigte sich zuletzt in aller Deutlichkeit auf der documenta fifteen. Kaum ein Künstler, eine Künstlerin, die je auf einer Kunstmesse vertreten war, erhielt eine Einladung nach Kassel. Die Berliner Künstlerin Hito Steyerl, schon 2017 vom Kunstmagazin ArtReview als die “einflussreichste Akteurin des internationalen Kunstbetriebs” gekürt, zog ihre Werke im Juli von der Documenta ab. Sie wollte das Versagen im Umgang mit den gezeigten antisemitischen Inhalten nicht unterstützen. Auch Steyerl entzieht sich weitgehend dem Kunstmarkt und ist damit erfolgreich.

Die Art Basel hält sich, ganz nach Schweizer Patentrezept, aus politischen Belangen heraus und will nur Markt sein. Aber geht das im Falle Honkongs überhaupt? Welche Funktion hätte eine Kunstmesse in einer Diktatur, außer der Umsatzsteigerung, außer dem monetären Gewinn? Sie läuft bei aller behaupteten Neutralität Gefahr, den Diktatoren zu dienen. Die staatlich erzwungene “Familienplanung”, die China Minderheiten wie den Uiguren auferlegt, betrachten Menschenrechtsexperten als Völkermord, als Genozid. Die USA und Frankreich haben dies bereits anerkannt. Deutschland zögert noch. In der Zwangsarbeiterprovinz Xinjiang betreibt VW ein zentrales Werk. Der Automobilkonzern macht 40 Prozent seines Umsatzes und die Hälfte seiner Gewinne in der Volksrepublik China. Von einer Freiheit, die der Kunst unveräußerlich scheint, bleibt nunmehr der Rummel und die Kasse. Dem Nimbus der Kunst als Hort der Freiheit droht endgültig der Ausverkauf. Nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und wachsender Besorgnis vor der nach innen wie außen zunehmend aggressiv auftretenden Supermacht China (Unterdrückung der Uiguren, Expansion nach Taiwan) ist jede Hoffnung auf “Wandel durch Handel” pure Illusion.

Nach einer coronabedingten Absage, einer Hybridausgabe mit Schlagseite ins Digitale und einer Verschiebung vom März in den Mai hatten zuletzt nur noch 130 Galerien aus 28 Ländern in Hongkong aufgeschlagen, darunter Global Player wie Gagosian (allein 20 Galerie-Standorte), Hauser & Wirth, Perrotin und Zwirner. Der ostasiatische Markt scheint unwiderstehlich.

Aber Hongkong (7,34 Millionen Einwohner) ist nicht mehr der Ort, in den der internationale Kunst-Jetset vor Ausbruch der Pandemie einflog. Seitdem hat die chinesische Regierung die Proteste der Demokratiebewegung auf brutale Weise zum Schweigen gebracht, Oppositionelle wurden auf Grundlage eins neuen „Sicherheitsgesetzes“ willkürlich festgenommen oder haben wegen der Repressalien das Land verlassen. Amnesty International sah sich angesichts der politischen Lage gezwungen, ihr Hongkonger Büro zu schließen. Pressefreiheit ist fast vollständig unterdrückt. Die NGO Reporter ohne Grenzen berichtet, dass die Hafenstadt, was die Pressefreiheit betrifft, auf Platz 148 von 180 Ländern und Regionen abgesunken ist. Vom Sonderstatus der ehemaligen britischen Kronkolonie hat China nichts übrig gelassen. Gleichschaltung statt Freiheit auf allen Ebenen.

Die Entscheidung, die Art Basel Hongkong fortzuführen, ist wohl der Grund für den überraschenden Abgang von Marc Spiegler als CEO der Art Basel Group. Noah Horowitz, sein Nachfolger, sieht jedenfalls keine Einwände gegen den erneuten Auftritt im Hong Kong Convention and Exhibition Center (HKCEC). Seine erste Entscheidung war, die Leitung der Hong Kong Exhibition neu zu besetzen. Mit sofortiger Wirkung wird die in New York lebende Angelle Siyang-Le das Amt der Ausstellungsleiterin von Adeline Ooi übernehmen. Siyang-Le wird kein Wort über die politische Lage in Hongkong verlieren. Stattdessen verlässt sie sich ganz auf die Festlandchinesen: “Wir erwarten im März eine höhere Wertschätzung von unseren Sammlern aus der ersten Reihe auf dem Festland. Jetzt, da die Korona-Quarantäne auf acht Tage reduziert wurde. Da immer mehr Festlandchinesen in Hongkong ansässig werden, hoffen wir, dass wir auch enge Beziehungen zu Sammlern vom Festland aufbauen können.” Mehr Opportunismus ist nicht möglich. Die Art Basel Hongkong schwingt ganz im Einklang mit der chinesischen Regierung.

Immer lächeln. Angelle Siyang-Le, die neue Direktorin der Art Basel Hong Kong

Gegenwärtig verlangt Hongkong von Besuchern eine sieben Tage Quarantäne nach Ankunft (dazu eine Kombination von PCR-Tests und Selbsttests). Besuchern ist es zudem in den ersten drei Tagen verboten Bars oder Restaurants zu besuchen. Zusätzlich müssen Atemschutzmasken überall drinnen wie draußen zwingend getragen werden. Ein Impfausweis ist obligatorisch.

Bei alledem verbreitet die Art Basel und ihr Hauptsponsor, die in Schieflage geratene Schweizer Großbank UBS (Zinsmanipulation, Beihilfe zur Steuerhinterziehung, Skandal um den Milliardenzocker Kweku Adoboli) Optimismus.

21 Galerien wollen zum ersten Mal nach Hongkong kommen – darunter Christophe Gaillard und Loevenbruck aus Paris, Jan Kaps aus Köln, Helly Nahmad Gallery aus London, Venus Over Manhattan aus New York, Kotaro Nukaga, Takuro Someya Contemporary Art und Yutaka Kikutake aus Tokio, sogar Yiri Arts aus Taipei, Retro Africa aus Abuja, SMAC Art Gallery aus Johannesburg, Cape Town Gallery2 aus Jeju, Vida Heydari Contemporary aus Puna, In Lieu aus Los Angeles oder auch Umberto di Marino aus Neapel.

Ein ganze Reihe wird zurück erwartet – so Sabrina Amrani aus Madrid, Alfonso Artiaco aus Neapel, Jocelyn Wolff aus Paris, Zilberman aus Istanbul, Cardi mit Sitz in Mailand und London, Sies +Höke aus Düsseldorf, Galerie Eigen+Art aus Berlin/Leipzig, Max Hetzler mit Räumen in Paris, Berlin, London und Marfa, Xavier Hufkens und Greta Meert aus Brüssel, Simon Lee Gallery mit Sitz in London und Hong Kong, schließlich Petzel aus New York und auch Thaddeus Ropac aus Salzburg, Paris, Paris-Pantin, Seoul und London. Von einer Weigerung der beteiligten Künstler und Künstlerinnen in Hongkong auszustellen, gar einem Boykott der Messe, ist bisher nichts bekannt.  

Der Markt spaltet sich. Überschneidungen unter den Kunstmessen, die sich alle international nennen, werden weniger. Es sind gerade mal sechs Galerien, die an der Art Cologne teilnehmen und sich für Hong Kong angemeldet haben: Eigen+Art, Max Hetzler, Jan Kaps, nächst St. Stephan, Thaddeus Ropac und Kamel Mennour.

Während die Art Cologne weiter auf dem Weg zur Deutschen Mustermesse ist – 100 Galerien kommen aus Deutschland (11 aus Düsseldorf, 26 aus Köln, 29 aus Berlin) kann sich die Art Hong Kong trotz China-Diktatur und Corona-Beschränkungen mit einem starken Teilnehmerfeld aus 32 Ländern sogar noch internationaler präsentieren. In Köln blieb das internationale Publikum selbst unter liberalen Corona-Bedingungen weitgehend weg.

„Money makes the world go round“, sang einst Liza Minelli. Zu Deutsch: Geld regiert die Welt. Jedenfalls solange sie sich noch dreht.     

C. F. Schröer

Der Art Basel Fahrplan

Miami Beach, December 1-3, 2022

Hong Kong, März 23–25, 2023

Basel, Juni 15–18, 2023

Paris+ par Art Basel, Oktober 19–22, 2023

Dazu der Art Basel und UBS Global Art Market Report

Der Art Basel Podcast

Die BMW Art Journey

Ein Filmportrait

Thomas Schütte

Thomas Schütte (geb. 1954 in Oldenburg) wird immer mehr zum Phänotyp unserer Zeit. Er ist nach seinem Lehrer Gerhard Richter der weltweit gefragteste deutsche Künstler

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