critical approach II

Mischa Kuball im documenta archiv Kassel

Emil Nolde (1867–1956) zählt zu den berühmten Künstlern der klassischen Moderne. Nach dem Zweiten Weltkrieg lancierten er selbst und die zeitgenössische Kunstgeschichtsschreibung das Bild des verfemten Malers. Erst in jüngster Zeit sind Noldes antisemitische Haltung und sein Opportunismus gegenüber dem Regime wieder ins Bewusstsein gerückt. Seine Wahrnehmung ist bis heute durch historische Mythenbildung und deren Dekonstruktion geprägt.

Der Düsseldorfer Konzeptkünstler Mischa Kuball (*1959) hat sich mit Unterstützung der Nolde Stiftung Seebüll auf die Spuren dieser ambivalenten Künstlerpersönlichkeit begeben und sich kritisch mit Werk und Wirkung Noldes auseinandergesetzt.

Auf Einladung des documenta archivs setzt Kuball diese Spurensuche fort. Das Ausstellungsprojekt „nolde / kritik / documenta“ beleuchtet die Verschränkung von Werk und Biografie und fragt nach den Widersprüchlichkeiten der Moderne, die in der Künstlerfigur Emil Nolde exemplarisch hervortreten. Ausgangspunkt ist die Inszenierung der Gemälde Noldes im Rahmen der documenta I-III (1955, 1959, 1964), die den „Mythos Nolde“ entscheidend prägte. Ein Beispiel hierfür ist die nach 1945 entstandene Legende der „Ungemalten Bilder“ – jener kleinformatigen Aquarelle die Nolde während des Zweiten Weltkriegs in angeblicher Isolation schuf.  

„Kippeffekt“ nennt Ludwig Wittgenstein eine eigene Qualität von Kunstwerken. In diesem Potential zum Aspektwechsel – dass etwas es selbst bleiben kann, ja sogar die Aufmerksamkeit auf seine intrinsischen Merkmale wie Materialeigenschaften oder Bearbeitungsweisen zu lenken weiß, um dennoch für uns zu einem anderen werden zu können – erkennt er eine wesentliche Qualität von Kunstwerken. Darin liege deren eigene Produktivität.

Nach unterschiedlichen wissenschaftlichen Zugängen (u.a. Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus 2019 Hamburger Bahnhof, Berlin) bietet sich jetzt ein künstlerischer Blick auf Emil Nolde.

Mischa Kuball, widmet sich, besser wagt sich, in Form einer Ausstellung und eines Katalogs an den expressionistischen Maler Emil Nolde. Dieser hoch geschätzte, lange Jahre auch populärste Künstler Nachkriegsdeutschlands ist in Misskredit geraten, nachdem sich herausstellte, in welchem Ausmaß er glühender Anhänger des Nationalsozialismus und Antisemit war. Ein Fall ohne Gleichen.

Der international orientierte Konzeptkünstler Kuball nähert sich dem Meistermaler, der Person, dem Fall Emil Nolde in Form eines mulimedialen Palimpsests. Sein „critical approach“ entwickelt in der Draiflessen Collection, Mettingen einen “kinematographischen Raum”. In elf unterschiedlichen “Annäherungen” leistet er mittels Installation, Fotografie, Videoprojektion und Bildcollage eine Art grandiose Überschreibung Noldes. Er geht dabei auf bisher wenige beachtete Aspekte ein, wie Noldes privater Sammlung zumeist ethnographischer Objekte, Noldes eigene Mythenbildung als verfemter Künstler, wie auch auf seine Nachkriegskarriere, vornehmlich durch die Documentas I, II und III vorbereitet. Bezugsgröße und ideeller Plafond bildet hier Aby Warburg und dessen Bildatlas Mnemosyne. Kuball interessiert sowohl das unterschiedliche Verhältnis der beiden Zeitgenossen zu fremden Kulturen als auch die Parallelen zu seiner eigenen Arbeitsweise.

Kuballs Approach öffnet Assoziationsräume, Hintergründe im Werk Noldes werden beleuchtet, aber keineswegs ausgeleuchtet. Dieser künstlerische Ansatz kann hoffentlich besser jene Prozesse vor Augen führen, denen sich Nolde bediente, die ihn schließlich berühmt machten. So weißt die Ausstellung weit über den Fall Nolde hinaus in die Gegenwart und wirft ein Licht auf ihre Mechanismen und Erfolgsstrategien.

nolde / kritik / documenta
documenta archiv, Kassel
bis 19. Februar 2023

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