"Das war schon Wahnsinn"

Klaus Rinke ist tot. Ein Nachruf von Robert Fleck

Klaus Rinke in seiner Performance Manipulation, Los Angeles 1981

Bisweilen ist eine Ausstellung ein Abenteuer. Mit Klaus Rinke war es immer der Fall. Im Juni 1979 war das zu beobachten, wenn man Aufbauhelfer in der Internationalen Grafik Biennale der Wiener Secession war, wo Joseph Beuys seine Installation „Basisraum Nasse Wäsche“ neu inszenierte, Arnulf Rainer und Dieter Roth mit zwei Schipansen malten und Klaus Rinke zusammen mit Monika Baumgärtl eine tonnenschwere Installation aufbaute. Diese war so konzipiert, dass für die Besucher, die in ihr standen, alle Umweltgeräusche verstummten und man buchstäblich den eigenen Atem hörte. Drei Tonnen für eine bewusst immaterielle Wirkung.

So war es auch zu erahnen, dass die Ausstellung seiner Zeichnungen im Museum Küppersmühle, zu der 2018/19 Walter Smerling mich als Kurator und Michael Wienand als Verleger hinzugezogen hatte, ein Abenteuer werden würde. Das Treffen fand bei Klaus Rinke in einem Barockschloss in Neuhaus an der Donau/Oberösterreich statt, das auf einem Felsen in 200 Höhe über der Donau mit einer atemberaubenden Aussicht gelegen errichtet stand. Rinke verbrachte hier, in einem Seitentrakt seit 2007 die Wintermonate. Herzliche Begrüßung, ein sehr offenherziger Mensch, nicht überkonzentriert wie seinerzeit in Wien oder auf der documenta 5 und 6, als er einen Starstatus glaubte repräsentieren zu müssen. „Wir machen eine Ausstellung, haben fünf Räume. Wie legen wir das an?“ Er: „Ich habe da mal 500 Zeichnungen vorbereitet. Das solltet Ihr Euch ansehen.“ Alle gleichgroß und gerahmt.  „Wie viele gibt es davon insgesamt?“ – „1.500 sind schon gerahmt. Da müsst Ihr jetzt heute Abend durch – wir Duzen uns, sonst wird es zu kompliziert. Ist das ok?“

Immer mit Uhr. Klaus Rinke am Arbeitsplatz in seinem Schloss 2019

Das sind Stunden, die man nicht vergisst. Klaus Rinke erwies sich als unkompliziert. „Ihr wählt aus.“ Und sein Konvolut aus extrem vielen Zeichnungen erwies sich nicht als Chaos, sondern als geordnetes System aus Serien und Themen. Alle hatten es an sich, geradezu physisch mit Grafit, also bildhauerische Materie, auf dem Blatt gearbeitet zu sein. So ergab sich sofort eine ästhetische Einheit in der improvisierten Auswahl. „Ja klar, ihr nehmt alles gleich mit zum Reproduzieren für die Ablichtung im Katalog.“ Zwischendurch zeigte er sein immenses, genauestens geordnetes Archiv der internationalen Konzeptkunst der 1970er und 1980er Jahre und seiner Jahre als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf 1974-2004, in geschätzt 300 säurefreien Archivboxen. Es erinnert an das Archiv von Harald Szeemann, das heute ein Hauptschatz im Getty Archive ist.

Uff. Das wars! – „Was heißt, das wars? Morgen sehen wir uns die großen Zeichnungen an.“ Die befanden sich in der etwa 3.000 Quadratmeter großen Beton- und Glashalle einer in der Nähe liegenden, ehemaligen Flugzeugfabrik. Sie war seit bald zwanzig Jahren Klaus Rinkes Arbeitsraum und Lager. Wir sahen Zeichnungen auf Papier oder Leinwand jeweils 2,50 bis 3,50 Meter und größer, die Materie intensiv in den Bildgrund gearbeitet, was ein solches Bild schon einmal sehr schwer macht. Doch alle erwiesen sich mit einer Vollholzrahmung versehen, die der Tischler von nebenan gezimmert hatte. Was der Ästhetik der Zeichnungen entsprach, sie aber weder für einen Transport schützt noch mit jeweils 40 bis 60 kg Gewicht handhabbar macht. Walter Smerling kennt solche Dimensionen von den Werken Anselm Kiefers und griff zum Telefon: „Hallo Hasenkamp. Wir haben hier einen Notfall. Es geht um die Ausstellung von Klaus Rinke im Museum Küppersmühle.“

Der Ausstellungsaufbau wurde ein reines Vergnügen. Hasenkamp half auch hier. Die schweren Werke mit einer Fläche von 4 x 5 Meter und 60 kg Gewicht mussten oft um 90, 180 Grad oder mehr gedreht werden. Die Mitarbeiter von Hasenkamp leisteten Schwerstarbeit, machten das konzentriert, wie ein Ballett. Auf meine Bemerkung: „Da haben Sie aber Weltmeister im Ausstellungsaufbau“, meinte ein Chef des Unternehmens, der zusah: „Wir sahen ja, was da auf uns zukommt, und haben unsere besten Leute ausgesucht.“ Klaus Rinke war glücklich wie ein kleiner Junge, seine Arbeiten hier in solchen Händen und dann endlich an den Museumswänden zu sehen. Er kam ja selbst aus dem Ruhrgebiet – wie er mir diskret am Rande sagte: „aus Wattenscheid, das ist noch mal etwas ganz anderes als Duisburg“ -, aus einem Arbeiterumfeld. In diesen Situationen sieht man, ob ein Künstler eine authentische Person ist oder vorgibt, eine zu sein. Die Ausstellung, „Die vierte Kraft“ im Frühjahr 2019 wurde ein voller Erfolg. Es war seine letzte große Auststellung mit einem unerwarteten Werkblock.  

Klaus Rinke kam zur Kunst, als er 1957 in der Eröffnungsausstellung der Galerie Schmela in der Düsseldorfer Altstadt die Monochrome von Yves Klein erblickte. Rinke war empört, dass jemand das als Kunst präsentiere, dann aber eine Faszination empfand und sich in der Ausstellung entschied, selbst Künstler zu werden. Klaus Rinke erinnert sich:

„Im Juni `57 bin ich dann in die Altstadt zu Alfred Schmela gegangen, der zufällig mit Yves Klein eröffnete. Es gibt keine Zufälle im Leben! Das waren keine großen Formate. Schmela hatte eine ganz kleine Galerie. Grüne, rote, rosa, blaue, gelbe, goldene, weiße monochrome Dinger. Ich kam am nächsten Morgen in Essen in die Folkwangschule und sagte: „Die in Düsseldorf spinnen voll und ganz.“ …Bei Schmela habe ich 1957 auch zum ersten Mal Beuys gesehen. Er war damals noch gar nicht bekannt. Ich kann mich nur erinnern, dass da im Juni – es war ein unheimlich heißer Tag – einer mit einem riesigen Zimmermannshut und Gummistiefeln stand. Das war Beuys. Und da habe ich gedacht: „Was ist das für ein komischer Typ!“

„Später war Beuys von mir fasziniert. Ich bin ein Übermensch gewesen, was viel mit dem Dritten Reich und der Kirche zu tun gehabt hat. Ich bin in der Kirche groß geworden – in Essen-Katernberg, 300 Meter von der Zeche Zollverein, in der Heilig-Geist-Kirche. Mein Großvater war der Küster. Wenn man das weiß, kann man analysieren, was meine ganzen Performances waren – und auch meine ganze Kunst. Beuys hat immer gesagt: „Wenn du was machst, dann ist das immer was. Ich formuliere das nie aus.“ Er lässt das im Nebel, im Dunst der Vorstellungsfähigkeiten. Ich bin immer glücklich, wenn es da ist, reell in der Welt, ein Hindernis.“

Ab den 1960er Jahren avancierte er nach seinem Malereistudium an der Folkwangschule in Essen zu einem Hauptvertreter der Konzeptkunst in Deutschland, wobei er Immaterialität und Schwere, Skulptur, Fotografie und Performance – langjährig in Kooperation mit Monika Baumgärtel – in eine Werkform verband, die wie kaum eine andere Raum, Zeit und die Stellung des Individuums in der Welt thematisiert. Er debütierte mit einer Einzelausstellung bei Konrad Fischer 1969. war Teilnehmer der legendären documenta 5 von Harald Szeemann sowie der documenta 6 1977. Über dreißig Jahre führte er seine Bildhauerkalsse an der Kunstakademie Düsseldorf von 1974 bis 2004. Aus seiner Klasse gingen namhafte Absolventen hervor, darunter der langjährige Tutor Reinhard Mucha, auch Ulrich Loock, Asta Gröttng, Ernst G. Herrmann, Gerhard Theewen, Ottmar Hörl, Harald Klingelhöller, Ralf Berger, Nicola Schrudde, Hans Brändl, Gereon Lepper, Thomas Stricker, Ulrike Arbold um nur einige zu nennen, zählen zu seinen Schülern. SALDO hieß schon 1997 eine Ausstellung in alten Kunstpalast zur „Rinke Klasse“.

„Die Rinke-Klasse“ war eine Referenz ebenso wie die von Uecker, Becher, Richter, Schwegler. Es ging unkonventionell zu. Beispielsweise ernannte man Joseph Beuys einstimmig zum Ehrenmitglied. Er war eine Inkarnation von Energie, Schaffenswillen und Humor. Rinke erzählte gerne, dass er 1984 zusammen mit Joseph Beuys für das Rektorat der Kunstakademie kandidierte und Beuys, als sie nur wenige zustimmende Stimmen erhielten, zu ihm freundschaftlich sagte, den gemeinsam geteilten Kunstbegriff zusammenfassend:

„Aber wir haben zusammen gedacht!“

Klaus Rinke starb am 20. Januar 2026 (fast auf den Tag vierzig Jahre nach Beuys) nach schwerer Krankheit in Österreich. Sein Sohn Adam Rinke war in den letzten Wochen an seiner Seite und wurde von ihm noch in den Nachlass eingeführt.

Wattenscheid läßt grüsen. Le temps du lac, 2002, Murtensee, Schweiz

Weltkunst- Weltmensch – Die schönsten Rinke Sprüche

„Die Traumzeit einer Generation, die an die Weltmenschen glaubt….Ich werde sicher nicht eher ruhen, bis ich alle fünf Milliarden Erdmitbewohner kennen und lieben gelernt habe. …Wenn ich dieses nicht schaffe, soll mich die junge Generation einen alten, senilen Positivisten nennen. Ich möchte mit diesem Traum alt werden.“

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Im Rheinland waren dann die ZERO-Gruppe, Beuys, Schmela … ich hatte die erste Ausstellung in Luxemburg , wo ich Jean-Pierre Wilhelm kennengelernt habe, den ersten Galeristen, ein Jude aus Düsseldorf. Das war die Galerie 22 in der Kaiserstraße. Daher kenne ich zum Beispiel Nam June Paik, weil Wilhelm ihn entdeckt hat. Und ich habe wiederum Nam June Paik zum Professor gemacht.“

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„71 war ich zum ersten Mal in New York, weil Reese Palley mich eingeladen hatte, im April 72 eine Ausstellung zu machen. Damals habe ich gesagt: „Ich muss New York sehen, damit ich überhaupt Ideen habe.“ Ich will das alles da machen. Er hat mir dann im Greenwich Village an der Bleecker Street eine Wohnung gemietet. Da lebten Berühmtheiten wie Allen Ginsberg , der irgendwann mal im Theater vor mir stand. 71 machte Gordon Matta-Clark „FOOD“ – da kochten die Künstler. Ich gehörte damals zu der SoHo-Generation mit Richard Serra, Carl Andre … Wir gingen jeden Abend zusammen essen. Bis nachts waren wir in Max’s Kansas City.“

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„Wir haben uns alle 1970 in Tokio kennengelernt. Auf der Tokio-Biennale habe ich das Projekt „Maskulin – Feminin“ mit Monika Baumgartl vorgeführt: Einen Monat lang standen wir da als lebende Objekte. Ich kannte Carl Andre , Robert Smithson … Konrad Fischer rief mich eines Abends in Düsseldorf an: „Klaus, was machst du? John Weber hat mir einen Künstler geschickt, der sitzt hier in der Ecke und sagt nichts. Ich habe Angst vor ihm. Kannst du nicht kommen und ihm die Altstadt zeigen?“ Ich bin also zu ihm in die Dachwohnung in der Poststraße gegangen, und da saß dann Smithson. Ich habe ihm die Altstadt und auch die Industrien wie die Gerresheimer Glashütte gezeigt. Daraus sind einige Arbeiten von Smithson entstanden. Smithson war über viele Jahre mein Freund – mein einziger, wirklicher, ehrlicher Freund. Wenn ich nach New York kam, hat er immer ein Essen für mich gemacht. Nancy Holt musste dann kochen und das Essen servieren. Smithson war so ein Male-Chauvinist, das war schon Wahnsinn.“

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„So bin ich zum Künstler geworden. Durch dieses Globale. Ich habe ja auch jahrelang in Australien gelebt und habe die größte Sammlung von Aboriginal Art.“

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„Der Künstler, der seine Naivität verloren hat, der kann sofort aufstecken.“

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„Tony Cragg war gerade da. Der ist ausgeflippt, als er meine frühen Skulpturen gesehen hat. Ihn habe ich auch zum Professor gemacht, Sir Anthony Cragg! Sehen Sie sich mal an, wie die Engländer mit ihren Künstlern umgehen und wie die Deutschen mit ihren Künstlern umgehen … Sechzig Steuerfahnder sechs Jahre auf Rinke, bis er kaputt ist. Wie die Nibelungen bin ich hier runtergegangen, dem Hagen zuvorgekommen! Meine verwundbare Stelle werden sie nicht finden. Ich sitze jetzt an der Donau, gehe aber nicht bis zu Atilla nach Ungarn, ich bleibe hier. Ich bin dem zuvorgekommen. Ich sage immer: Rhein Richtung Nordsee, Donau Richtung gelobtes Land. Boah! Die Deutschen!“

next generation

Oliver Kruse

„Das muß einfach geschehen, wie sich ein Stadtteil oder wie sich eine Lebensform entwickelt. Die entwickelt sich immer durch die nachfolgende Generation und sie entwickelt

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