
Der „Rundgang“ entstand in den 1970er Jahren als ein Versuch, den kritischen Austausch unter den Akademieklassen zu stärken. Er avancierte unter dem langen Rektorat von Markus Lüpertz dann zur „Leistungsschau“ der international bekanntesten deutschen Kunsthochschule. Sie zieht nach wie vor Studierende aus der ganzen Welt an. Warum der Rundgang bis zu 55.000 und mehr Besucherinnen und Besucher in den fünf Tagen des Rundgangs anlockte, hat viele Beweggründe und blieb eigentlich immer ein Rätsel.
Allein die Masse der Kunstbegeisterten, die da oft stundenlang bei gehöriger Kälte Schlange standen, ließ selbst die nahe gelegene Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen erblassen. Der „Rundgang“ wurde jedes Jahr, knapp vor Karneval, zum attraktivsten Kunst-Ereignis im Lande. Schattenseite der Attraktion: Die Akademie wurde überrannt. Das von ihr selbst ins Leben gerufene Ausstellungsformat hat alle Kritik aufgefressen.
Der Zenit ist längst überschritten. In diesem Jahr sah man es deutlich. Keine Warteschlange vor dem Eingang, keine Einlasssperre für Besucherinnen und Besucher wegen drohender Überfüllung des Hauses. Der große Andrang blieb aus. „Lau“, nannte ein erfahrener Kunstkritiker den Gesamteindruck.
Lag es am inneren Zwist der Professorenschaft? An einer amtsmüden Rektorin? An der schwelenden Krise der Kunstakademie, die nicht mehr weiß, wohin?

Die Situation hat sich, näher besehen, in mehrere widersprüchliche Teile verschoben. Nur wenige Klassen sprühen vor Energie, wie jene des neu berufenen Nick Mauss, Berlin/New York, in der man am liebsten mitmachen wollte, auch bei Kathi Heck, die etwas Mitreißendes hat, wenn das Vorgezeigte auch dort nicht immer rundlaufreif ist, oder bei Ad Atkins, der den früh verstorbenen John Morgan in der Typografieklasse einstweilen vertritt. Die zweite Hochburg der Konzeptkunst (neben der Klasse Morgan/Atkins), einst die Klasse von Christopher Williams hat mit Josephine Pryde eine hochkarätige Nachbesetzung erhalten.
Doch findet sich eine Reihe von Professorinnen und Professoren, die ganz offensichtlich wissen, wie man Studierende unaufgeregt und beharrlich an eine selbständige künstlerische Laufbahn heranführt. Das fällt ins Auge. Eklatant in den Präsentationen und Abschlüssen bei Thomas Scheibitz, Peter Piller, Danica Dakic und Martin Gostner, auf andere Weise bei Yesim Akdeniz.
Ergibt 9 von 25 Klassen. Daher der „laue“ Gesamteindruck. In den übrigen Klassen findet man zwei Phänomene. Eine Reihe von Professorinnen und Professoren haben sich – auch gegenüber der ursprünglichen Dynamik in ihrer eigenen Klasse – müde gearbeitet. So erscheinen dann auch die Arbeiten der Studierenden bzw. die Klassenpräsentation: müde. „Meine Professorin wurde zu jung berufen und wirkt schon verbraucht“, klagt eine Studierende. Es ist wohl kein Zufall, dass die meisten international an vorderer Front tätigen Künstlerinnen und Künstler die Professur an der Kunstakademie nach etwa acht Jahren verlassen wie zuletzt Katharina Fritsch, Katharina Grosse und Andreas Gursky. Denn eine dritte oder gar vierte Generation in der eigenen Klasse aufzubauen ist kräftezehrend, außer man beschränkt radikal die Größe der Klasse, wie Rosemarie Trockel es praktizierte.
Parallel dazu findet sich eine Reihe von Klassen, die von Objektkünstlerinnen und Objektkünstlern geleitet werden, die einen postkonzeptionellen, prinzipiell offenen Ansatz praktizieren, damit aber die Studierenden verleiten, was man im Jargon gerne „Bastelkunst“ nennt.
In den 1980er und 1990er Jahren diente der Rundlauf dazu, eine echte, wechselseitige Kritik der Klassen untereinander zu befördern. Das möchte man dem Haus auch jetzt wieder wünschen.
Inhaltlich bleibt von diesem Rundgang der Eindruck einer – mit ein paar Ausnahmen – verblüffend entpolitisierten Kunst. Gegenüber den letzten Jahren ist selbst das ökologische Engagement so gut wie ganz verschwunden. Als sei die junge Generation angesichts immer bedrohlich werdender Zeitläufe verschreckt und entmutigt. Damit geht das durchgehende Thema vieler Arbeiten – des bedrohten Körpers – einher, das allerdings durchwegs defensiv aufgefasst wird. Auch eine Ausflucht ins schöne gemalte Bild, vielleicht als Reaktion auf das Bilderchaos im eigenen Handy, herrscht vor. In dieser breiten Masse finden sich aber zumindest ein halbes Dutzend mutiger malerischer, plastischer und seltener multimedialer Positionen von entschiedenem Potential.
Heidi Dröge-Wortmann
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