
Was auch immer Cornelius Völker anpackt, es wird zu einer malerischen Sensation. Malgelegenheit dazu findet er überall und auch unmittelbar vor seiner Ateliertür, im Hof, auf der Straße, in den Ritzen zwischen den Bordsteinplatten: Pflanzen.
Es gibt so ziemlich kein anderes Thema, das in den letzten Jahren mehr und andauernder durchgekaut wurde als Pflanzen. Ein Lieblingsthema bei Philosophen, wie bei gelehrten Botanikern, bei Malern wie bei bibliophilen Sammlern. Erst jüngst schenkte einer von ihnen seine Sammlung von gut 2500 Zeichnungen und Pflanzenbücher der Stiftung Schloss und Park Benrath.
Emanuele Coccia schrieb eine famose „Philosophie der Pflanzen“. Darin erfasst er die Blüten als „vergängliche, saisonale Struktur, deren Existenz vom Klima abhängt, von der Atmosphäre, von der Welt, in der man ist. Sie ist Risiko. Erfindung, Experiment.“ Die Blüte, sagt er, ist wie die Vernunft.
Cornelius Völker scheut die reiche Tradition der Pflanzenmaler nicht und braucht sie nicht zu scheuen. Er greift mitten hinein und lässt seine furiose wie souveräne, offene wie präzise Malerei an den Pflanzen aus. Wie auch immer, ob Kraut, oder Unkraut, ob welke Blümchen in der Vase oder üppiges Bouquet in Zellophanfolie, ob Blätterwerk oder buntes Wiesenkraut, Völker macht daraus Malerei pur, Augenweide und Sinnentaumel. Ein Triumph der Malerei, exemplifiziert an einem der schönsten, ausgelutschtesten Motive, das sich finden ließe.
So ist Cornelius Vöker zu einem später Nachfolger von Rachel Ruysch, der Königin der Blumenmaler, geworden. Leider sind sie sich nicht in Düsseldorf begegnet. Gut 300 Jahre trennen sie. Es wäre ein Fest und ein Wettstreit der Blumenmaler geworden.

Das Publikum kam in Scharen zur Ausstellungseröffnung in der Neuen Galerie Bitburg. Luxemburg ist eine halbe Fahrstunde entfernt, wo mit dem Mudam (Museum moderner Kunst) unter der exzellenten Direktorin Bettina Steinbrügge und Jo Kox von der Kulturverwaltung viel geschieht. Da tauchten plötzlich Sammler von da und überall auf. Die Stiftung von Max Hetzler und Samia Sauumanur sind auch nur eine halbe Fahrstunde entfernt.
Cornelius Völker zeigt in der Neuen Galerie im Haus Breda in Bitburg Malereien von 2004 bis 2006 vor. Es handelt sich um die Darstellung von Allerweltspflanzen, wie er sie im Hof zu seinem Atelier in der Hoffeldstraße in Düsseldorf-Flingern zwischen den Pflastersteinen hochkommen sah. Keine naturalistische Darstellung, aber sehr genau beobachtet: „Ich gehe da immer wieder hoch ins Atelier und male das ohne direkte, naturalistische Anschauung“. Die fünf Bilder in der Ausstellung in Bitburg bilden einen zarten Anfang, nicht gemalt, um ausgestellt zu werden, kein Beitrag eigentlich zum riesigem Thema, das Natur, Umwelt, Klimawandel und Kunst seither geworden sind.
Am anderen Ende der zeitlichen Spanne finden sich die neuesten Pflanzenbilder, Blumensträuße in Zellophanpapier, aus dem nächsten Supermarkt besorgt. Hier findet eine kubistische Dekonstruktion des Bildes statt, in neuer Weise, denn die Plastikumhüllung löst die Bildeinheit des pflanzlichen Geflechts auf. Diese Bilder sind auf den ersten Blick „crazy“, man erkennt ihren visuellen Anlass nicht. Sie sind in vergleichsweise großen Formaten (die größten aktuellen Formate fanden in der Neuen Galerie in Bitburg nicht Raum genug) ausgeführt und irgendwie verrückte Bilder, die sehr indirekt, aber doch, mit der verrückten Bilderwelt auf den Handybildschirmen korrespondieren. Pflanzen, in die extremste Künstlichkeit aufgelöst durch ihre Plastikverpackung, ergeben sehr schöne Bilder, die mit der Aggressivität des Bildvortrags und der Farbigkeit nicht jedermanns Sache sind, aber diese durchaus polemische malerische Position auch behaupten.

Woher das alles kommt? Aus einem Aufgewachsensein in der Natur, in Oberfranken, wobei ein Familienmitglied eine Chemiefabrik betrieb, das vor einem halben Jahrhundert hieß, wie ein Apotheker selbst Farbrezepte herstellend. In seinem Düsseldorfer Atelier hat Cornelius Völker etwa vierzig Keramikgefäße mit selbst angemischten Farbtönen, die jeweils eine dicke Trocknungsschicht aufweisen, wie Milch, die anläuft. So kann er auf alle diese Farbtöne unmittelbar sofort zugreifen.
Zu diesen nicht aus der Farbindustrie kommenden Tonalitäten der Farbe kommt der fotografische Blick. Kein anderer Maler, den ich kenne, hat so viele und so gute Fotokameras in seinem Maleratelier. Er malt kein Bild ausgehend von Fotografien. Aber er sieht viel durch die Fotokameras auf die entstehenden Bilder. Beziehungsweise hat er den fotografischen Blick auf Farben und Formen so sehr integriert, dass er die Kamera nicht mehr benötigt, wenn er zu malen beginnt.

Gemeinhin ist bekannt, Cornelius Völker habe bei A.R. Penck studiert, bevor er dann bei Dieter Krieg Meisterschüler an der Kunstakademie Düsseldorf wurde. Zuvor hatte er sich in Berlin beworben, wo die „Neuen Realisten“ ihm doch auf die Nerven gingen. Penck war, neu berufen in Düsseldorf, (zuvor aus der DDR ausgewiesen) auch etwas schräg. „Völker, Sie, mit Ihren Farben. Die Farben, das ist ganz einfach, es gibt Rot, Blau, Schwarz, ja möglicherweise auch Grün, wenn Sie mit der einen Farbe durch sind, nehmen Sie die nächste.“ Dazu meint Cornelius Völker heute, das treffe sogar sehr schön für Pencks Arbeit zu. Aber nicht auf das, was er selber wollte.
So wechselte er in die Klasse von Dieter Krieg. „Er sprach uns immer nur von Literatur, extrem pointiert, von Arno Schmidt beispielsweise, hatte ja niemand von uns gelesen. War aber gut.“
Der Schlüssel zu dieser Entwicklungsgeschichte liegt darin, dass man in diesen 1990er Jahren – das Rektorat Markus Lüpertz war gar nicht so schlecht – an der Kunstakademie Düsseldorf auch recht frei in die Kolloquien, die Klassenbesprechungen in anderen Klassen gehen konnte. Cornelius Völker nahm das vornehmlich bei Gerhard Richter und Bernd Becher wahr, auch bei Alfonso Hüppi.
Das spielt für die Fotografie in der Malerei von Cornelius Völker eine beträchtliche Rolle. Seit dem Aufkommen der Farbfotografie kann man die Farbe „steuern“, sowohl im analogen Labor als auch am Rechner. Cornelius Völker bleibt dem direkten Augeneindruck treu, aber „tunt“ zugleich die Farbtöne. Das haben alle guten Koloristen auf ihre Weise gemacht. Cornelius Völker erfindet es in sehr eigenständiger Weise neu. Jedes Bild wird zum gemalten Fest der Farben.
Robert Fleck
Haus Beda
„Bitte ein Bit!“, der Werbespruch aus den frühen 1950er Jahren prägt bis heute Deutschlands Fassbiermarke Nr. 1
Bit und Haus Beda gehören zusammen. Das Kulturzentrum mit einer großen Gemäldesammlung des bekannten Eifelmalers Fritz von Wille, wird von der Dr. Hanns Somin Stiftung finanziert. 1969 errichtete Dr. Hanns Simon die nach ihm benannte gemeinnützige Stiftung. Dazu brachte er einen wesentlichen Anteil seiner Firmenbeteiligung an der Brauerei Th. Simon (die das Bitbruger braut) ein. Die Stiftung ist heute mit einem Kapital von rund 2,4 Millionen Euro an der Th. Simon Verwaltungs GmbH beteiligt. Aus den großzügig gewährten Dividenden finanziert die Stiftung den Jahreshaushalt des Bitburger Kulturzentrums.
Cornelius Völker – Pflanzen
bis zum 17. Januar 2027
Neue Galerie Bitburg, im Haus Beda, Bedaplatz 1, Bitburg
Lesen Sie weiter


