Fünf Künstler gründen einen Kunstraum. Aus Not wird Neues

AURA statt Krypto

Künstler bei der Arbeit

Ein Ladenlokal steht leer. Trotz angespannter Sicherheitslage hat der Security-Shop aufgegeben. Davor war auch schon mal ein Obst- und Gemüseladen Mieter. Corona zieht sich in wieviel Wellen durchs Land. Alles schreit nach Wirklichkeit, nach Berührung, nach allen möglichen sinnlichen Erfahrungen und sei es nach Dreck und Bauschutt, nach Staub und Gestank.

Für zwei Monate schließen sich Janine Böckelmann, Domingo Chaves, Sibylle Czichon, Cécile Lempert und Janis Löhrer (streng alphabetische Reihenfolge) in dem Laden ein, entrümpeln, was das Zeug hält. Auf eigene Kosten und Knochen. Klar Schiff. Ständerwände raus, Einbauten, Bodenbelag, Beleuchtungskörper raus. Frische Farbe rein. Wände Weiß, Boden Hellgrau. Vorne das große Schaufenster, dahinter drei Cubes in Folge.

Ein neuer „Kunstraum“ gleich neben Philara, beste Lage Birkenstraße, Flingern Süd, schlägt auf. Alle sechs Wochen eine neue Schau. Mit Leuten von der Kunstakademie, Freunden, Bekannten, die ein paar Jahre nach dem Abgang in Düsseldorf leben. Aber bloß keine Inzucht, keine Beschränkung, wenn das erst mal wieder möglich wäre.

Warum in letzter Zeit viele neue Kunsträume eröffnen, aber kaum noch eine neue Galerie, ist schon auffällig. Das Geschäftsmodell Galerie schwächelt schon seit Jahren. Bei der letzten Art Cologne war an jungen Galerien Fehlanzeige. Kunsträume wiederum sind Notlandeplätze und Selbsthilfecenter. Die Ausgaben werden durch Eigenarbeit, sprich Selbstausbeutung klein gehalten, die Einnahmen können flach fallen.

AURA – der Name ist Programm, Anspruch und Spiel. Wortspiel aus Morgenbrise (Mythologie), Energiekörper (Esoterik), Atmosphäre (Ästhetik), Heiligenschein (Kunst), Unnahbarkeit, Echtheit, Einmaligkeit (Benjamin). Oder, aktueller, Horst Bredekamp über Angela Merkel: „Das Hier und Jetzt als Inkorporation entfernter Zeiten und Ereignisse.“

Tag wie Nacht kann man von der Straße aus, vor der großen Schaufensterscheibe stehend, alle drei in die Tiefe gestaffelten Räume einsehen. Als einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag, bezeichnet Walter Benjamin die Aura. In Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit von Kunst verkümmere sie. Was erst, wenn sich die Wirklichkeit durch unendliches Reproduzieren kryptomäßig verkrümelt? Corona leistet ja einen ungeheuren Schub in Richtung Digitalersatz von Leben. AURA bietet Ersatz und leistet Kompensation für flöten gegangene, lebensechte Erfahrungen, ohne die Kunst was wäre? Aura statt Krypto.

Es geht um „räumlich, materielles Erleben“ heißt es programmatisch. Um einen Raum, der “größtmöglichen Freiheit“, der existentiell für Künstler sei, die sich, durch Corona ins Unendliche gesteigert, hineingeworfen sehen in einen Strudel aus Selbstvermarktungsstrategien und künstlerischer Selbstfindung. In Zeiten der beschleunigten digitalen Revolution, von Augumented Reality und Online Viewing Rooms wahrlich kein Zuckerschlecken. So könnte AURA zum Frischluftzelt für Kunstentwöhnte werden. Oder zur Frischzellenkur am Rande der binären Vereisung.

Hands up für Ausstellungen von Gleichgesinnten für ungleichgeschaltete Sehlustige! 80 Quadratmeter größtmögliche Freiheit und bitter benötigte Wirklichkeit. Ganz hinten, im Raum zum Hof, sah man zuletzt eine Tiefkühltruhe stehen. Unter der Plexiglashaube ein tiefgefrorener menschlicher Kopf zwischen ein paar spirrigen Gräsern. So kalt kann Kunst sein und doch so berührend. „Im Cryogen“, nennt Julia Wilczewski (geb. 1987 in Duisburg) ihr Objekt. Wer möchte schon in solcher Gefriermischung landen? Aber vielleicht sind wir schon vereister als uns lieb sein kann! Zoe Dittrich-Wamser (geb. 1993 in Gießen) bezieht mit ihrer bildhaften Poesie eine Gegenposition zur entsinnlichten Erstsatzwelt. Ein Zweig erhält viele Füße, sie stecken in kleinen schwarzen Schuhen, je einzeln, je anders. Ob er das Laufen jemals lernt, der Vielfüßler? Ob er davon laufen will, auf alle Fälle weg von hier?

„The truth between our teeth“ ist eine vielversprechende, tief berührende Ausstellung.

Janis Löhrer nutzt den Kunstraum für seine erste Einzelausstellung. „Between you and me“ (bis 8. Jan. 2022) spannt er durch den Raum eine Leine, daran, an zwei hölzernen Wäscheklammern eine XXXXXL-Unterhose, Feinripp mit Eingriff. Tadellos weiß, unverkennbar männlich. Aber dann doch ein Blickfang, ein humorvoller Hinweis auf Intimeres. An den Wänden ringsum großformatige Zeichnungen, Wimmelbilder (Teils auf Leinwand, teils auf Papier). Es sind spielerische, oft private und intime Notate, Kritzeleien, keinesfalls Beiläufigkeiten, die eine nähere Betrachtung verlangen. Wer sich ihnen eingehender widmet, findet in die gar nicht so lustige, äußerst verletzlich Welt dieses Künstlers. Auf der Wäscheleine hängt übrigens auch eine Zeichnung: das wunderliche Portrait eines Unholds. Ein schwer deformierter Uniformierter, ein Aufpasser und Kontrolleur? Mit stechendem Blick mustert er die Besucher. Seinen Blick spürt man im Rücken, wenn man sich den zarten Blättern und intimen Geschichten darauf zuwendet.

Auch das LRRH_Aerial nennt sich Kunstraum. Daniela Görgens, Unternehmerin und Designerin aus Köln, unterhält in der Düsseldorfer Altstadt sogar gleich zwei sehr unterschiedliche Kunsträume. In Berlin gibt es auch den LRRH_ PROJECT SPACE. LRRH steht für Little Red Riding Hood, dt. Rotkäppchen. Im Aerial, wo neben der Espressobar Editionen und übers Jahr verteilt zwei, drei großformatige „sculptural collaborations“ ausgestellt und verkauft werden, geht es in diesem Jahr um „metal mesh“. Das ist ein glitzerndes Metallgewebe, das Daniela Görgens auf den Markt bringen will und international bekannte Künstler dazu bittet, eine Edition aus dem besonderen Stoff zu kreieren. Jetzt hat sie Katharina Grosse dazu gewonnen, in dem gut 11 Meter hohem Neubau, eine annähernd raumhohe Bahn des Metallgewebes als Unterlage für eine Sprayarbeit (300 000 Euro) zu nutzen. Es ist die erste Installation von Grosse seit ihrer fulminanten Schau 2014 mit „begehbarer Malerei“ in Düsseldorf (Museum Kunstpalast).

Darauf antwortet oben unter dem Dach, dem zweiten Raum, Paulina Hoffmann. Mit dem Fahrstuhl geht es hinauf zu attic, wie sich dieser Raum neuerdings nennt. Görgens konnte Wilko Austermann als Kurator für den neuen Raum gewinnen.

Hängt von der Decke und ist Schwarz. Störung des Gebräuchlichen, Rauminstallation von Paulina Hoffmann im attic

Unter dem schönen Titel Störung des Gebräuchlichen hat die Künstlerin (*1994) quer in diesen Dachraum einen pechschwarzen Vorhang eingezogen. Schwere, schwarze PVC-Bahnen bilden hier einen raumhohen, kruden, auch abstoßenden Wall, könnte auch gut ein Screen sein, für Aufnahmen zu einem Shooting. Doch wie das bei Schwarz so ist, zumal es auf dem Kunststoff (thermoplastisches Polymer) noch abstrakter, noch abstoßender wirkt, je länger man sich ihm aussetzt, desto lebendiger wird es. Die Wand gewinnt Licht und Leben, man erkennt die Faltungen, die Würfe, einen Rhythmus, vielleicht eine Bewegung. Außerdem kann man herum gehen, Auch die Rückseite gilt, aber anders. Oder ist dies die Vorderseite? Der Raum dreht sich und wird zur Bühne, der schwarze Vorhang hängt hier in der Mitte, teilt und öffnet, gliedert und weitet. Auf beiden Seiten spielt sich was ab, der Vorhang wird zur Imaginationsfläche. Wer diesen Raum betritt, kann sich dem schwarzen Getüm nicht entziehen, wir sind mit im Spiel.

Paulina Hoffmann entwickelte im letzten Jahr für MUR BRUT 17  eine Wand im Parkhaus der Kunsthalle Düsseldorf, auch dort ein Spiel zwischen massiven Arbeiten und Bewegung. Sie studierte bis 2019 Bildhauerei bei Jürgen Drescher und Lothar Hempel an der Kunstakademie Düsseldorf. Ihre Stoffarbeit (9800 Euro) bei attic ist absolut sehenswert.

Wie sagte Walter Benjamin von der Aura: „…sonderbares Gespinst aus Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag.“

Redaktion: Anke Strauch


AURA
Birkenstraße 67, 40233 Düsseldorf

LRRH_ PROJECT SPACE BERLIN
Händelallee 30, 10557 Berlin

LRRH_ AERIAL
Kapuzinergasse 24, 40213 Düsseldorf


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