
Ein Rundgang von Helga Meister
Daniel Hug, gerade 58 Jahre alt, blickt voller Zuversicht in die Zukunft: „Ich will bis zur Rente in neun Jahren weiter machen. Das Geschäft ist schwierig, aber es macht auch Spaß. Auch wenn die aktuelle Situation eine Herausforderung ist, bin ich vorsichtig zuversichtlich. Der Kunstmarkt wird weiterhin besonders von der breiten Mittelschicht getragen.“ Die Zukunft beginnt für Hug schon mit Ende der 59. Ausgabe der Art Cologne am Sonntag. Im nächsten Jahr, wird die Kölner Kunstmesse an einem neuen Standort ihr 60-jähriges Bestehen feiern. Hug gerät ins Schwärmen: „Der Standort Contest, Halle 1 auf dem Messegelände, ist fertiggestellt, hat Tageslicht und elf Meter hohe Decken ohne Stützen. Alles auf einer Ebene.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimar will die Art Cologne zum Jubiläum erstmals unterstützen. „Der Bund möchte, dass die älteste Kunstmesse der Welt wächst und eine noch größere Strahlkraft entfaltet“, hofft Hug. Wie die Unterstützung aussehen solle, ist allerdings noch nicht sicher.
Sind in Köln die 1968er erwacht? Wie auf der 4. documenta 1968 turnen die Besucher in Christian Megerts „Spiegelraum“ herum. Die Galerie Dierking hat zum 90. Geburtstag ihres Künstlers den sensationellen Raum für die 59. Art Cologne rekonstruiert. Der Händler aus Zürich hat hinter die Türöffnung noch zehn leicht schräg hängende Spiegel angebracht. Ein Spiegelkabinett für die eitle Kundschaft? Eine Neufassung aus aktuellem Anlaß? Die Besucher schauen im Vertigo-Effekt in unendliche Tiefen, aber nun auch in unendliche Weiten und finden den einzigen Halt in den Glühbirnen in den Ecken des Raums. Sie schieben sich in grauen Filzpantoffeln über den gläsernen Boden und lassen sich von Keisuke Matsuura begleiten, dem einstigen Meisterschüler von Megert, der dem Treiben im Rollstuhl beiwohnt.
Am äußersten Ende der unteren Halle 11,1 der Art Cologne steht neben den funkelnden Schätzen des Düsseldorfer Schmuckdesigners und Goldschmieds Georg Hornemann eine spindeldürre Figur mit Friedenstaube. Sie stammt von Markus Lüpertz, der wohlgemut die Wiedervereinigung feiert. „Der Genius. Die Freiheit schützen“ (bei Galerie Schwarzer, 145.000 Euro). Dahinter eine zweiteilige Leinwand von Jörg Immendorff, „Wir könnten … wir werden.“ von 1975. Kissinger und Breschnew sind zu erkennen, die einem Atomballon halten. Inklusive der für Immendorff typischen Politparole „Die Welt gehört uns, hihihi“. Nimmt man noch die Mappe von Penck mit Aquarellen von 1968/69 hinzu, so sieht man die Dreierbande, die von Düsseldorf aus die Welt erobern wollten.
Auch Gerhard Richter ist gut vertreten. Ihn hat Quirine Verlinde aus Zürich mitgebracht, Öl auf Leinwand, eines der ersten abstrakten, farbigen Bilder von 1977 für 680.000 Euro. In den soliden Preisen liegt die Stärke der Art Cologne. Kein Händler spielt verrückt.

Wie ein Pascha sitzt der Galerist Klaus Bender vor einer riesigen Wandarbeit aus bedruckter Tapete von Roy Lichtenstein. Der Pop-Spezialist, wie er sich nennt, der den Künstler zu Lebzeiten und nach seinem Tode kommerziell begleitet hat, will für die ungeleimten fünf Papiere 90.000 Euro haben. Und Martina Kaiser wird nicht müde, ihren kapitalen Leoparden von Jiri Georg Dokoupil bewundernd zu erklären. In der Tat hat der fleißige Maler ohne Pinsel vier Jahre lang immer wieder an die Leinwand unter der Decke eine brennende Kerze gehalten und schließlich ein riesiges Rußbild zustande gebracht, für das die Galeristin 100.000 Euro plus Mehrwertsteuer haben will.

Katja Tönnissen mit ihrem Busen-Phallus bei Van Horn
Die klassischen Händler der unteren Etage pflegen den Neugierigen gern mitzuteilen, was sie da sehen. Aeneas Bastian ist erpicht, den 82-jährigen Chinesen Cui Ruzhuo der westlichen Welt nahezubringen. Ruzhuo sei einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit. Er hat die dünnen Tusche-Lasuren oft mit seinen Fingern aufs Papier gebracht. Die hochwertigen Papiere wollen mit 150.000 bis 850.000 Euro bezahlt werden.
Dorothea van der Koelen aus Mainz, vertritt seit vielen Jahren Fabrizio Plessi. Der verstorbene Meister aus Venedig ist in Köln mit fliessendem „Gold“, einer Video-arbeit, für 110.000 Euro, vertreten: „Man muss auch als Galerist auf seine Seele achten, sonst geht man in diesen Zeiten kaputt. Deshalb zeige ich schöne Kunst. Sie ist das Geheimnis des Lebens. Wenn wir schöne Kunst anschauen, kann die Seele heiter sein.“
Oben, in Halle 11,2 wird es lustiger. Da begrüßt Gerd Harry Lybke im hellblauen Maßanzug als lebende Werbetrommel für Größen wie Neo Rauch bis Tim Eitel (der seit zehn Jahren an der Beaux Arts in Paris lehrt) die Käuferschar. Lybke taxiert für ein kleines, aber zauberhaftes Werk von Eitel inzwischen auf 38.000 Euro.
Altmeister Reinhard Mucha erlebt nach seiner schweren Krankheit seine Wiederentdeckung bei Sprüth Magers. Thaddeus Ropac glänzt mit dem langbeinigen „Cowgirl“ von Erwin Wurm aus patinierter Bronze für 70.000 Euro.
Ein weiterer Hit ist der junge, georgische Künstler Vasil Berela bei Setareh, dessen schöne blonde Puppe man durch ein Guckloch erblickt. Geht man hinter die Kunststoffplatte, entdeckt man eine Blondine im Büro-Kostüm mit einer Pistole in der rechten Hand (60.000 Euro).
Die Förderkojen, unterstützt von der Kölner Messe wir vom Bundesverband Deutscher Galerien (BVDG) sind immer unsere besondere Aufmerksamkeit wert. Da wird bei Pfab mit dem Handknöchel die Farbe vom Gemälde abgetragen, mit einer langen Stock-Hand der Hals bei Wentrup getröstet und bei Trafo aus Prag Bauhaus, Renaissance und Gegenwart vereint und die Collage anschließend im Positiv-Negativ-Verfahren in eine brillante Metallarbeit verwandelt (bei Preisen unter 5000 Euro).
Der Verkauf hinkt der Freude an der Präsentationen meist hinterher. Doch konnte Gisela Capitain ihren Martin Kippenberger für 110.000 Euro absetzen, Thomas Fuchs Rainer Fettings „Ost-West-Geisterei“ für 120.000 Euro. Auch Nikolaus Ruzicska aus Salzburg konnte schon am Eröffnungstag ein sensationelles neues Gemälde „Raum 1893“ aus der Serie ORTE 2 von Ben Willikens für 180.000 Euro an eine deutsche Privatsammlung weitergeben.
Messechef Daniel Hug spricht von einer Preisspanne zwischen von 500 bis 150.000 Euro, die auf der Art Cologne gut laufen. Nach seiner Einschätzung wird der deutsche Kunstmarkt nicht von superreichen Spekulanten, sondern von einer Mittelschicht getragen, die „aus Liebe kauft“. Es gebe sogar viele junge Kunstinteressierte, die eben jüngere Kunst kauften.
Satelliten kreisen um den Planeten
Prospect Cologne logiert für fünf Tage im Obergeschoss des Hohenstaufenhauses, Hohenstaufenring 48–52. Im großen Saal befand sich zuletzt eine nichtöffentliche Privatsammlung für ausgestopfte Tiere. Dort agieren die fünf Gründungsmitglieder Manoucher Koshbakht, Max Mayer, Antonia Nolte, Carola Seher und Lilli von Bodmann mit ihren insgesamt 18 Galerie-Gästen unter der Devise „Weniger ist mehr“. Sie haben keine Kojen, keine Stellwände, kein Messe-Equipment, für das sie pro Quadratmeter zwischen 481 und 303 Euro abführen müssten, sondern nur jeweils einen Tisch aus Aluminium, entworfen als Stecksystem vom Kölner Architekturbüro Keßler Plescher. Er ist zwei Meter breit und ein Meter tief. Hinzu kommt eine frei installierbare Leuchte. Die Tische stehen in drei parallelen Reihen und kosten pro Teilnehmer 3.500 Euro. Zwischen den Reihen ist kaum Platz. Besucher drängeln sich. Die Galeristen stehen aus Platzgründen am Rand.

Dennis W. Hochköppler von der Galerie Drei stellt bei Prospect und in der Kölner Kunstmesse aus. Er gibt zu, dass es die Idee war, eine Galerie ökonomisch zu gestalten. Wer für eine Messekoje mit technischer Ausstattung rund 50.000 Euro zahle, müsse theoretisch 400.000 Euro umsetzen, damit es Rund läuft. Bei Prospect kommen die Besucher umsonst auf diese Satellitenmesse. Die Gründer allerdings lehnen den Gedanken, man betreibe das Projekt aus Kostengründen, entschieden ab. Manoucher Khostbakht als Mitbegründer: „Wir sehen uns in keinster Weise als Konkurrenz. Die Art Cologne hat das Projekt von Anfang an stark unterstützt. Ich glaube nicht, dass irgendeine etablierte Messe weltweit an den Preisen schraubt. Auch die Sektion „Neumarkt“ auf der Art Cologne ist mit 303 Euro pro Quadratmeter relativ preiswert.“
Das erste Ziel sei Internationalität. Es gebe nur wenige Messen, die wirklich global seien. Durch das Überangebot an Messen könne das Rheinland ins Abseits geraten. Die neue Devise: „Wir suchen Galerien, die mit ihrem Programm eine neue Stimme, eine neue Auffassung oder eine neue Tendenz sichtbar machen, die in den kommenden Jahrzehnten relevant ist.“
Doch wirkt hier alles brav arrangiert, wie in einem Hörsaal. Lukas Quack präsentiert am Tisch von Nagel Draxler Nippesfiguren aus Sardinendosen. In der Mitte liegt ein Boot ohne Segel in Tischgröße von Cosima von Bonin für 25.000 Euro. Messechef Daniel Hug hebt die Skizzenbücher von Miriam Cahn bei Max Mayer hervor. Wir finden die gestaffelten Platten von Ximena Garido-Lecca bei Gisela Capitain wichtig, weil sie natürliche Ressourcen unter dem Aspekt untersucht, wie die Industrialisierung die historische Verbindung von Natur und Kultur beeinflusst. So werde Silicon, erklärt die Assistentin Pauline Ganns, meistens für Computer Chips und Photovoltaikmodule benutzt. Die peruanisch-präkolumbianische Künstlerin aber recycle derlei Partikel und kombiniere sie mit Micro-Chips, um geometrische Abstraktionen im Stil ihrer Heimat zu erzeugen.
Bei den Parallelveranstaltungen legt sich auch Art Artists, urspünglich aus Düsseldorf tüchtig ins Zeug. Marco Fulingo und Thomas Huy sind mit 50 Kreativen aus Düsseldorf, Köln und dem weiteren Umfeld angerückt, nachdem ihnen Claudia Moeller, die Erbin des berühmten Stoff-Pavillon Moeller, drei Etagen an der Hahnenstraße 8 neben dem Kölnischen Kunstverein für wenig Geld überlassen hat. Für die Künstler entstehen keine Kosten. Ralf Berger baut einen Turm aus Schubkarren und Schallplatten, Mio Zajac schleppt eine Gulliplatte im Koffer herbei. An den Wänden hängt etwa ein bestickter Teppich aus Kartoffelsäcken. Die Öffnung ist bis Sonntag 15 – 22 Uhr.
Vierter im Bunde der alternativen Standorte ist der Künstlerverein Neu Cöln in der ehemaligen Klosterkirche Heilig Kreuz in der Lindenstraße 45. Die hohe, nach der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaute und im Stil des Millennium in strahlendem Weiß, mit viel Glas und neuem Deckenrelief restaurierte Sakralraum wurde 2022 entweiht. Seitdem dient die Kirche verschiedenen Zwischennutzungen. Aufstrebende Künstler wie Ed Atkins, Lutz Driessen, Isabella Fürnkäs, Claus Richter und Manuel Graf sind beteiligt. Auch Klangkünstler Arjan Stockhausen ist mit von der Partie. Nach Neu Cöln wird die umgewidmete Kirche bis unter die Decke verschalt und zur Spielstätte für das Theater der Klänge umgebaut. Eintritt frei.
Auch außerhalb der Kölner Kunstmesse erinnern sich Galeristen bei Prospect Cologne an die 1968er Jahre. Damals veranstalteten die Kunsthändler Konrad Fischer und Hans Strelow in der Düsseldorfer Kunsthalle eine Gegenveranstaltung zum ersten Kölner Kunstmarkt, luden 16 Galerien aus acht Ländern ein und zeigten konzeptuelle Arbeiten, Filme und Installationen von Kreativen, die ihnen der junge Kasper König aus Amerika geschickt hatte. Angesichts steigender Versandkosten und einer nachlassenden Kaufbereitschaft im Mittelstand sei es fast unmöglich, so Max Mayer vom aktuellen Gründungsteam, das Risiko eines Stands mit konzeptioneller Kunst auf einer der großen Messen einzugehen.
Art Cologne 2026
bis 08. November
Koelnmesse, Messeplatz 1, 50679 Köln
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