Draußen auf dem Flur

Ein Situationsbericht zu den „Flurstudis“ der Kunstakademie Düsseldorf

Out of Reach, Sojeong Lee, 2026

Ein Gastbeitrag von Helga Meister

Aktuell geht es um Schicksale, die sich vor den Klassentüren der Kunstakademie Düsseldorf abspielen. Für die Betroffenen gehört viel Standhaftigkeit und Mut dazu, um dennoch zu werden, wozu sie die stolze Akademie einst bezogen und ihr Studium aufnahmen: Künstler oder Künstlerin werden.

Die Kunstakademie spricht gern von der Freiheit der Kunst. Aber sie fragt sich nicht, um wessen Freiheit es geht. So kann es geschehen, dass ausgerechnet an diesem Musentempel Studierende mit Fehlleistungen und persönlichem Fehlverhalten konfrontiert werden, wie es in keinem Schulzimmer möglich wäre.

Erst unlängst, 2025, protestierte der Nachwuchs unter dem Studierendensprecher im Senat der Kunstakademie, Markus Henschler, „für mehr Verbindlichkeit am Haus, für intensivere künstlerische Lehre, gegen Machtmissbrauch und für ein rücksichtsvolleres Miteinander“. Von ihm stammt auch die Aktion „Für unsere Professor:innen nur das Beste“. Der Student hatte den Aufruf vor den Eingangsstufen zur Akademie ins Bodenpflaster eingelassen. Die Schrift wurde inzwischen entfernt.

Freiheit darf nicht mit Gleichgültigkeit einher gehen. Zwar erinnern sich viele Lehrende daran, wie infam eine Professorin mit dem Studenten Harm Gerdes umgegangen ist, aber niemand schritt ein. Der 1994 geborene Künstler studierte von 2016 bis 2018 bei Katharina Grosse, bekam gesundheitliche Probleme durch die Benutzung schädlicher Malmittel und machte ein soziales Jahr in Kolumbien, um seine Lunge auszukurieren. So erzählt er im Gespräch. Nach seiner Rückkehr hatte eine neue Professorin seine Klasse übernommen. Er war nun bei NN, die konnte jedoch mit dem jungen Maler und seinen künstlerischen Experimenten allzu wenig anfangen.

Der junge Eleve war auch Tutor bei Professor Robert Fleck, der uns den Fall bestätigt. Danach machte Christiane Schmidt im Doppelraum ihrer Klasse Einzelgespräche im Beisein ihrer Tutorin. Sie sagte nichts zu ihm, der ihr seine Werke zeigen wollte, sondern sprach nur zur Tutorin. Sie solle ihn aus der Klassenliste streichen, er solle aus dem Klassenraum verschwinden. Er machte trotzdem sein Diplom, aber Meisterschüler wurde er nicht. Beim Abschluss sahen ihn zwei Galerien, die ihn sofort ausstellten. Fleck resümiert auf seine Weise: „Die Lehrenden an der Kunstakademie können jederzeit sagen, er habe in ihrer Klasse nichts zu suchen. Vielleicht hat diese Art des Umgangs auch etwas Gutes. Man muss als Student stark genug sein.“

Harm Gerdes hat familiäre Wurzeln nach Zypern und wohnt jetzt in Athen. Wir trafen ihn in Darmstadt, wo er in den großen, hellen Räumen der Kunsthalle ausstellte. Seine aktuellen Farben sind strahlend, hell, fast von der griechischen Sonne inspiriert, aber immer auch distanziert. Denn er benutzt eine selbst erfundene Gießtechnik in den Acrylfarben, die nicht verlaufen, sondern satt und glatt auf der Leinwand liegen. Dazu baut er sich aus Drähten die Umrisse, in die er den flüssigen Kunststoff gießt. Und sobald der angetrocknet ist, entfernt er die Drähte. Er sagt, die Farbe verschmelze mit der Oberfläche, aber die Formen bleiben erhalten.

Harm Gerdes, Chromatic

Sie liegen klar geschnitten wie Puzzle-Teile auf der Leinwand und sie haben mit Airbrush abgerundete Farbflächen. Es gibt keinerlei Handschrift, jedoch feine Verläufe in der Monochromie der einzelnen Elemente, die unabhängig voneinander bestehen. Bilder ohne Perspektive sind es. Additionen, Collage-Effekte, die wie in digitalen Räumen zu floaten scheinen. Man meint, Objekte zu sehen, denn jedes Element hat seinen eigenen künstlichen Schatten. Es scheint mit seinem Nachbarn ineinander gekettet und doch von ihm getrennt zu sein. Kalkül und Zufall, Dekor und Befremdendes, Poppiges und Dekoratives, Digitales und Analoges, Jugendstil und Strenge finden zueinander. Eine perfekt ausgetüftelte Szenerie ergibt sich auf diese Weise auf der Leinwand, die irritierend schön wirkt. Wie kann es sein, dass eine Lehrerin so etwas nicht sieht?

Ein anderer Student der Klasse verteidigt seine Professorin: „Sie ist streng. Sie kommt an und es geht los. Es gibt acht Stunden Gespräche. Sehr harte, klare Gespräche. Sie kritisiert sehr gut und sehr präzise und sehr hart. Sie will uns auch auf die Kunstwelt vorbereiten. Die Akademie ist ein Trainingsraum. Man muss die Kritik annehmen, sonst geht man unter. Sie stellt gerade im Palais de Tokyo, in der Tate Modern und im Stedelijk Museum aus. Sie arbeitet in Rotterdam und bereitet ihre Ausstellung bei Gagosian vor. Sie ist sehr busy.“

Wir besuchen Tatjana Doll in Berlin, die einst in der Krieg-Klasse in Düsseldorf studierte und heute Professorin an der Kunstakademie Karlsruhe ist und fragen sie nach ihrer Methode in der Lehre: „Ich kann nicht sagen, he, du machst zu wenig, du gehörst nicht in meine Klasse. Ich lasse sie machen. Man muss sehr vorsichtig sein, denn das sind junge Leute. Sie hoffen natürlich, entdeckt zu werden. Sie müssen lernen, glücklich mit ihrer Arbeit zu sein, denn nicht alle können eines Tages von ihrer Arbeit leben. In Karlsruhe machen wir sehr viele Klassenausstellungen, damit sie merken, was professionell und was nicht professionell ist. Wir haben ein großes Orchester an verschiedenen Leuten. Wir haben auch Dienstateliers. Sophie von Hellermann kommt aus England zu uns und malt neben den Studierenden. Seitdem meine Kinder groß sind, male ich auch dort. Wir haben ganz tolle Bildhauerateliers. Stephan Balkenhol hat bis zu seiner Pensionierung seine Arbeiten dort gemacht.“ Leider gibt es in Düsseldorf keine Dienstateliers mehr.

Wir bringen ein zweites Beispiel für diese leider institutionell geduldete Vernachlässigung in Düsseldorf: Sojeon Lee wurde 1993 in Südkorea geboren, lebte in einem kleinen Dorf, wo es keine Kunst, aber Bücher gab. Sie erzählt: „Ich habe immer Bücher gelesen, bin mit alten Meisterwerken aufgewachsen, mit Caravaggio und Caspar David Friedrich. Rembrandt hat viel mit dem Licht gearbeitet. Ich besuchte die Kunsthochschule und von 2012 bis 2014 die Pusan National University in Fine Art and Painting, brach mein Studium ab und ging nach Deutschland, lernte die Sprache und bewarb sich an der Kunstakademie.“

Sie bestand jedoch die Aufnahmeprüfung erst drei Monate später im zweiten Anlauf und fand nun keine Klasse mehr. Eineinhalb Jahre war die junge Frau aus der Ferne Flurstudentin, hatte keine Gesprächspartner und konnte nicht in der Akademie arbeiten. Sie erzählt: „Ich habe im Studentenwohnheim und in einem privaten Atelier gemalt. Ich habe also die beste Zeit verpasst, eine Klasse zu bekommen. Drei Semester lang. Dann hat mich endlich eine Professorin genommen. Darüber bin ich sehr dankbar. Aber in den folgenden drei Jahren habe ich eine so harte Kritik von ihr bekommen. Helene mochte meine Bilder nicht. Für sie war ganz klar, was ich malen muss. Sie hatte ihre eigenen Ideen, sie wollte immer, dass der Rundgang an ein Museum erinnert. Ich hatte einige Probleme mit ihr. Ich wusste, ich würde in ihrer Klasse keinen Abschluss machen, weil sie meine Bilder so hasste.

In einem langen Gespräch mit ihr fragte sie mich, warum ich überhaupt nach Deutschland gekommen sei. Dabei sagte sie auch, sie könne mich nicht mehr sehen. Die acht Jahre an der Akademie waren nicht so easy. Und in der Coronazeit durfte man in der Akademie nicht arbeiten. In der Erkrather Straße habe ich mit Leuten aus der Scheibitz-Klasse gearbeitet.“ Über „Raum für Kunst“, RfK UG, vermietet Marco Fuligni für private Investoren unter anderem in der Erkrather Straße auch Künstlerateliers. 

Doch sie hatte Glück. Der Malerei-Professor Thomas Scheibitz besuchte seine Studentin Minju Kang in der Erkrather Straße, die 2023 seine Meisterschülerin wurde. Er sah bei dieser Gelegenheit eher zufällig eine Bilderwand von Sojeon Lee. Sie erzählt: „Scheibitz sah meine Arbeiten und meinte, das gefällt mir. Daraufhin riet mir Minju Kang, mich bei ihm zu bewerben. Er sagte zu und ich bin in seine Klasse gewechselt. Ich habe ihm erzählt, wie schwer ich es bei ihr fand, meine Bilder weiterzuentwickeln. Ich war damals ja schon sechs Jahre an der Akademie. Er hat mir einfach Zeit gelassen. Er hat praktische Kritik geübt, wie man mit dem Material umgehen kann.“ In ihrer Vita erwähnt sie Helene Meyer nicht. Sie schreibt lediglich: 2024 Akademiebrief und Meisterschülerin von Thomas Scheibitz an der Kunstakademie Düsseldorf.

Heute sind ihre Werke begehrt. Die Ausstellung bei Droste, die aktuell noch läuft, war schon vor der Eröffnung zur Hälfte ausverkauft. Sie nahm an der Internationalen Bergischen Kunstausstellung in Solingen teil und war Finalistin in der Kunsthalle Recklinghausen beim Kunstpreis Junger Westen. Sie hat inzwischen Ausstellungen in Seoul, Köln, Metz, Berlin, Neapel, München und Düsseldorf. Ihre wie im Traum wandelnden Figuren sind anonym und real, entspringen ihrem eigenen Unterbewusstsein, ihren Erfahrungen von Angst, Flucht und Entfremdung, aber auch der Welt der Anime und Cartoons. Bilder voller Rätsel und Schönheit. Eine Traumlogik im Wechsel von Realität und Phantasie. In verzaubernden Farben. „Parallelmontage“ nennt sie ihren neuen Zyklus zwischen Comic, Anime und der Gegenwart, in perfekter Ölmalerei.

Aus der Schlinge, Tyr Curto

Das Problem der „Flurstudis“, wie man sie nennt, zieht sich als endloses Trauerspiel durch die Hallen der Kunstakademie. Wir bringen ein drittes Beispiel: Tyr Curto, 1995 in Düsseldorf geboren, hat 2019 an der Kunstakademie angefangen und war von Mitte 2020 bis 2023 ohne Klasse. Anfangs durfte er sich mit weiteren Leidtragenden den Raum 223 zum Arbeiten teilen, später war er allein dort. Als Corona immer schlimmer wurde, ging auch er nicht mehr in diesen Raum. Als er sich seine Sachen abholen wollte, war der Raum plötzlich belegt. Er versuchte noch, selbst in diese Klasse zu kommen, vergebens. Auch andernorts ließ man ihn „hängen“, wie er es nennt. „Ich habe mich an das Studierendensekretariat und an andere Leute von der Verwaltung gewendet, ob sie mir helfen können und wohin ich meine Bewerbung schicken soll. Es war wirklich der letzte Moment, die letzte Rettung, als mich Martin Gostner nahm.“ So kam er in eine Bildhauer-Klasse, obwohl er ein talentierter Zeichner ist. Aber eine Professur für Zeichnen, eigentlich das Fundament für jede Kunst, gibt es in Düsseldorf nicht. Inzwischen ist Tyro 31 Jahre alt und macht witzige Aquarelle von einem Reineke Fuchs, der sich wie er aus der Schlinge zieht.

Zur Aufnahme eines Anfängers oder einer Anfängerin in eine Klasse eine Anmerkung von Tatjana Doll: „In Karlsruhe kommen sie direkt in die Klasse. Sie müssen nicht betteln. Wenn sie sich bewerben, werden sie gefragt, wohin sie gern möchten. Und dann dürfen sie das auch, wenn sie genommen werden. Sie sind von Anfang an in der Klasse. Manche wechseln auch.“

Wir blicken in die Grundordnung der Kunstakademie Düsseldorf von 2008, die 2015 und 2020 geändert wurde, auf der Suche nach möglichen Hinweisen auf Ansprüche der pädagogischen Fähigkeit der Lehrenden. Da geht es in Paragraf 7 um eine „Qualitätsverbesserungskommission“ und um ein „Studiumsqualitätsgesetz“. Aber in Absatz 2 kontrollieren sich die Kunsthochschulen selbst im Bereich der Lehre.

Paragraph 29 behandelt die Einstellungsvoraussetzungen für Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer. Erwähnt werden „herausragende künstlerische Leistungen, deren Nachweis in der Regel durch künstlerische Arbeiten und Werke während einer fünfjährigen künstlerischen Tätigkeit erbracht wird, von der mindestens drei Jahre außerhalb des Hochschulbereichs ausgeübt worden sein muss. Diese Frist kann verkürzt werden, wenn im Berufungsverfahren festgestellt wird, dass die Bewerberin oder der Bewerber den anderen sich bewerbenden Personen in ihren oder seinen künstlerischen Leistungen überlegen ist.“ Konkretes zu pädagogischen Fähigkeiten gibt es also nicht.

Von hierarchiefreien Räumen, in denen man versuchsweise mehrere Rollen ausprobieren kann, ist da nichts zu lesen. Vielleicht sollte sich die Akademie einmal in das Denken des Kurators Harald Szeemann vertiefen. Dessen Erfolg für die „individuellen Mythologien“ war auch ein Votum für freies, assoziatives und möglicherweise auch optimistisches Denken. Szeemann gab selbst „Spinnern und Denkern“ einen Raum. Aber um sie zu bewerten, brauchen selbst Profs einen langen Atem und nicht nur einen kurzen Trip an die Eiskellerstraße.

Markus Henschler: „Es käme bei der Neubesetzung von Professoren und Professorinnen sicher darauf an zu prüfen, ob da wirkliche künstlerische Größen berufen werden. Es sollte aber auch geprüft werden, inwiefern es da eine pädagogische Grundeignung gibt. Wir wollen nicht, dass mit uns scharf umgegangen wird. Wir kennen hier auch Machtmissbrauch, was romantische und sexuelle Beziehungen angeht, das ist zwar weniger geworden. Aber es heißt noch nicht, dass es in Ordnung ist.“

Das Problem der „Flurstudis“ gibt es seit Jahrzehnten, und zwar bis heute. Es ist ein seit langem bekanntes strukturelles Problem. Wer nur 17 Leute in seiner Klasse hat, denkt nicht an die nachrückende Generation. Die Zeiten, da Siegfried Anzinger bis zu 50 Studierende aufnahm, um die Schwierigkeiten am Haus zu mildern, sind vorüber. Der Malereiprofessor ist längst emeritiert. Die einstigen Kommilitonen treffen sich noch heute, denn auch Freundschaften, die sich in den Klassen bilden, gehören zum Studium.

Natürlich gibt es auch wunderbare Lehrer und Lehrerinnen am Haus. Sabrina Fritsch nahm Harm Gerdes auf, nachdem er vor die Tür gesetzt worden war. Thomas Scheibitz entdeckte die gemobbte Sojeon Lee und Martin Gostner befreite Tyr Curto aus seinem traurigen Dasein als Flurstudent. Als jüngster Zugang wurde Kati Heck ausdrücklich von ihrer Klasse als rheinische Frohnatur gelobt. Sie ist in Düsseldorf geboren und lebt in Antwerpen.


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