
Das war ihr Jahr. Zu guter Letzt noch rückte sie als Neueinsteigerin bei Power 100 auf. Die jährliche Nennung der “most influential people in the contemporary artworld“ der ArtReview führt sie nun auf Platz 63. Das lässt Luft nach oben. Wer Andrée Sfeir-Semler (geb. 1953 in Beirut) kennt, ahnt wie sehr das ihren Ehrgeiz anstachelt.
Für das kommende Jahr hat sie bereits 26 institutionelle Ausstellungen „ihrer Künstler“ angekündigt, darunter vier auf der Biennale in Venedig, allen voran Yto Barrada im Französischen, Dana Awartani im Saudischen, Sung Tieu im Deutschen Pavillon, sowie Walid Raad in der zentralen Ausstellung. Schon Ende Januar startet die Diriyah Contemporary Art Biennale in Saudi Arabien, mit dabei Etel Adnan, Samia Halaby, Taysir Batniji und Dineo Seshee Bopape.

Der Reigen von bereits festgezurrten Ausstellungen in renommierten Kunst-Institutionen reicht von Antwerpen bis Hong Kong, von Detroit bis Sydney, von Espoo bis San Francisco. Sung Tieu (geb. 1987 in Hai Duong, Vietnam), einzige nicht-arabische Künstlerin der Galerie, zuletzt in den Kunstwerken Berlin KW mit 1992, 2025 zu sehen, wird später im März auf der Whitney Biennial in New York ihre neue Arbeit vorstellen. Der Reigen setzt sich bis in den Dezember fort, keineswegs mühelos. Denn dahinter steckt Andrée Sfeir-Semler. Immer on mission, immer unterwegs, Löwenherz und Kontrollfreak, Spürnase und Bulldozer, ungemein großzügig und leidenschaftlich gebildet.
Als Andrée Sfeir-Semler zuletzt ihren siebzigsten Geburtstag feiern konnte, nahm sie Anlauf auf eine neue Dekade, auf neue Herausforderungen. Holte einmal tief Luft und lief zur Höchstform auf. 2025 sollte ihr Jahr werden: 40 Jahre Galerie in Hamburg (zuvor Kiel), 20 Jahre Galerie in Beirut, dazu vier Messeteilnahmen, Der Munch-Preis ging an ihre Künstlerin und Weggefährtin Etel Adnan und Marwan der andere große Brückenbauer von orientalischer zur westlicher Kunst erhielt eine Hommage in der Giacometti-Foundation in Paris (den in Damaskus geborenen Exil-Berliner zeigt sie in einer Solo-Schau auf der Art Basel Qatar Anfang Februar). Als erste nicht Europäerin, erhielt sie 2025 den Art Cologne-Preis des Galeristenverbands. Worauf die promovierte Soziologin und Kunsthistorikerin („Die Maler am Pariser Salon 1791-1880“) besonders stolz ist, sind zwei Neuerscheinungen, „Die Galeristin – und die Kunst aus der arabischen Welt“, geschrieben von ihrem Ehemann, dem Journalisten Ulrich Semler, dann von ihr selbst initiiert und herausgegeben: „The Rise of Arab Art“, schon jetzt ein Kompendium mit 46 Beiträgen von 49 Autoren, unverzichtbar für alle, die sich mit dem Aufstieg der zeitgenössischen Kunst in den arabischsprachigen Ländern vertraut machen wollen.
Welche wegweisende Rolle die Herausgeberin selbst bei diesem Aufstieg spielte, lässt sich kaum überschätzen. Vor 20 Jahren eröffnete Andrée Sfeir-Semler den ersten White Cube in der arabischen Welt, eine Pioniertat. Die großen Museen in Abu Dhabi, Doha oder Ras El Metn, die Kunstmessen in Dubai und Katar folgten später. Sie hat den Stein ins Rollen gebracht. War es Heimatliebe, einer im deutschen Exil lebenden Libanesin oder ihr Löwenherz? Jedenfalls ließ sie die Buchvorstellung selbstverständlich in Beirut stattfinden, einst Brückenkopf zur westlichen Welt, heute eher eine Randgröße neben Dubai oder Riad.
„Wir wissen nicht, was sie vorhaben.“
Wie es weitergeht? „Ich bin hoffnungsfroh“, sagt sie und lächelt dazu ein wenig über ihren Optimismus. „Die Lage im Libanon ist besser als sie lange war.“ Eine gewisse Skepsis bleibt: „Wir wissen nicht, was sie vorhaben.“ Die Lage ist angespannt. Die Messe in Riad wurde kurzfristig abgesagt, Saudi Arabien hat alle Kunstankäufe eingefroren, den weiteren Ausbau der Kulturbauten angehalten und mit „The Line“ ein Megaprojekt gestoppt. Wann die Israeli den Libanon erneut bombardieren?

Nach Beirut wurde The Rise of Arab Art während der Art Basel in Paris vorgestellt. Anlässlich der kürzlich erfolgten Buchvorstellung in Hamburg eröffnete Andrée Sfeir-Semler zuletzt ihre aktuelle Ausstellung in der Hamburger Galerie. Wer erfahren will, wie sie arbeitet, wie entschieden sie ihren Ansatz trotz aller politischen Erschütterungen und Verwerfungen verfolgt, dem wird die Ausstellung von Rayyane Tabet (geb. 1983, in Ashqout, Libanon) gefallen.
The Day After nimmt drei Momente in der modernen Geschichte als Ausgangspunkt, die im Jahr 2025 als Brüche besonders präsent sind: Den 80. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima (1945), den 50. Jahrestag des Beginns des libanesischen Bürgerkriegs (1975) und den 5. Jahrestag der Explosion im Hafen von Beirut (2020). Indem sie die Nachwirkungen dieser gewaltsamen Ereignisse in materielle Form kristallisiert, will die Ausstellung doch eine poetische Hommage und eine nachdenkliche Meditation sein. Sie ist ein eindrucksvoller, künstlerischer Reflex darüber, wie die menschliche, die materielle und natürliche Welt im Gefolge von Zerstörung aussieht und doch fortbesteht. Vielschichtige Überschneidungen von persönlicher Erinnerung, kollektivem Trauma, politischem Schweigen und der Konstruktion offizieller Geschichtsschreibung, das ist das Gemisch, an dem sich viele Werke entzünden, die die Galerie in die Welt vermittelt. „We engage, we do not decorate!“, lautet ihr Leitspruch.
Nicht bequem, besser Heimat

Andreé Sfeir-Semler, die mühelos zwischen mindestens vier Sprachen hin und herswitchen kann, liebt die Herausforderung, zwischen den Fronten zu agieren. Bequem ist ihr ein Fremdwort geblieben. Ein anderes deutsches Wort gefällt ihr besser: Heimat. In ihrer Dankesrede bei der Verleihung des Art Cologne-Preises im Kölner Rathaus kam es vor: „Ich danke Deutschland, das es mich aufgenommen hat und meine neue Heimat geworden ist.“ Heimat, das schöne deutsche Wort habe sie hier gelernt und benutze es gern, auch um ihr Verhältnis zum Libanon und besonders zu Beirut zu klären.
Join us – ein Lockruf der Hoffnung
„Join us!“ Wie oft erreicht uns die freundliche Einladung der Galerie nach Hamburg oder Beirut, oder wohin auch immer auf der bedrohten Weltkunstkarte. Kaum können wir Andrée Sfeir-Semler, der Unentwegten, folgen, ihr gar auf den Fersen bleiben, schon erreicht uns die nächste Volte, die nächste verlockende Überraschung, das nächste must see.
“Please join us for a cocktail to welcome the new year together …in our Karantina space”, lautet es da unbeeindruckt. Wael Shawkys (geb. 1971 in Alexandria, Ägypten) wird in Beirut t erstmals seine Filminstallation Drama 1882 in der arabischen Welt zeigen. Dieses fesselnde, bewegende Werk, im ägyptischen Pavillon der letzten Biennale von Venedig vorgestellt erlebte und wenig später im MOCA in Los Angeles seine US-Premiere, wurde in einem antiken Theater in Shawkys Heimatstadt gefilmt. Höhepunkt des achtteiligen Oratoriums ist eine Schlägerei in einem Café zwischen einem Eselbesitzer und einem Malteser. Was einen Volksaufstand auslöste, der wiederum die über siebzigjährige britische Kolonialherrschaft in Ägypten (1879–1882) nach sich zog. Solche tief mit Schicksal, Geschichte und politischem Sprengstoff geladene Kunst ist ganz nach dem Geschmack der Galeristin, die unverdrossen keinem Konflikt, keinem kritischen Thema aus dem Weg geht. Hier wittert sie die ureigene Kraft einer Kunst, die aus Widerstand und Widerspruch ihre besondere Stärke erst gewinnt.
Schatten und Licht und kein Ende

Wer es noch immer nicht nach Beirut geschafft hat, ist zudem eingeladen „Der Schatten“ (The Shade) zu sehen, jene großartige Ausstellung, die Andrée Sfeir-Semler uns zum Galeriejubiläum dort mit immerhin 19 ihrer famosen Künstler ausrichtet.
Auf Marmorpodesten sehen wir Glaskaraffen, zusammengesetzt aus zersplitterten Trümmern der Explosion im Hafen von Beirut, Helme, die während des libanesischen Bürgerkriegs von gegnerischen Milizen getragen wurden, Schuhleisten, die Tabets Großvater im Libanon zur Herstellung von Schuhen für Amputierte des Zweiten Weltkriegs anfertigte. Eine Kerze steht in der Hamburger Galerie neben diesen Relikten der Versehrung, sie brennt dort ununterbrochen. Das Licht wirft einen Schatten zurück; es leuchtet voraus in die Dunkelheit.
Carl Friedrich Schröer
Redaktionelle Mitarbeit: Anke Indefrey
The Day After- Rayyane Tabet
bis zum 06. Februar
Gallerie Sfeir-Semmler, Admiralitätstrasse 71, Hamburg
The Shade – Gruppenausstellung
bis 28. Februar
Gallerie Sfeir-Semmler, Tannous Building, St. 56, Jisr Sector 77 Karantina, Beirut
Lesen Sie auch das Interview mit André Sfeir-Semmler
„Weil es mir um Kunst geht“


