
Das „eindrucksvollste Gartenprojekt hierzulande“, schätzt der weitgereiste Horst Bredekamp „ist das deutsche Bomarzo. Es nennt sich im TAL“. Bredekamp kennt sich aus. Über Vicino Orsini und den Heiligen Wald von Bomarzo hat er eine zweibändige Monografie verfasst. Nun ist im TAL alles andere als ein „Heiliger Wald“. Der Gründer, Erwin Wortelkamp, jedoch lässt sich als ein Seelenverwandter und Nachfahre jenes Vicino Orsini denken: „Ein Fürst als Künstler und Anarchist“.
Mitten in diesem offenen, hochgelegenen TAL des Wester Walds findet sich das „Haus für August Sander“. Eine Memorialstätte der besonderen Art, Erinnerungsort und Museum, Kunstkammer und Keimzelle eines der ambitioniertesten Naturkunstprojekte, die es hierzulande gibt.
Das Haus für August Sander steht Tag und Nacht offen, Eintritt wird nicht erhoben. Aber, wer es für gut befand, sogar für erhellend, mag einen Austritt entrichten.
Wie es dazu kam und warum es hier steht ist einem Zufall zu verdanken, der bei näherer Betrachtung, sich wiederum einer Logik und Folgerichtigkeit verdankt, die den Zufall als Schritt auf einem Weg in eine Richtung erscheinen lässt.
In diesem Jahr wird das TAL 40 Jahre alt. Oder wie Erwin und Ulla Wortelkamp sagen: „40 Jahre Kunst im Dialog mit der Landschaft. 40 Jahre pflanzen, pflegen, wachsen. 40 Jahre Ausstellungen, Konzerte, Symposien. 40 Jahre, die Lust auf mehr machen!“ Auch August Sanders 150. Geburtstag gilt es in diesem Jahr zu feiern.
Auf ins August Sander Haus
Kurz nachdem Erwin Wortelkamp 1974 mit Familie ins Alte Schulhaus von Hasselbach gezogen war, kam der Zufall in Person von Joachim Palm, einem Münchner Grafiker, zu Besuch. Man redete bis tief in die Nacht. Bevor man sich schlafen legte, verabredete sich beide für den nächsten Morgen auf einen Besuch im nahegelegenen Wald. Der Gast wollte noch wissen, wohin die Reise gehen sollte. Nach Kuchhausen, gleich um die Ecke hier. Das Stichwort war gefallen.

„Kuchhausen? Da hat doch der Sander gelebt!“ – Wortelkamp, ein Westerwälder wie er im Buche steht, 1938 in Hamm an der Sieg geboren, fiel es wie Schuppen von den Augen. „Ich war platt, dass ich das nicht registriert hatte.“ Kuchhausen liegt keine acht Kilometer von Hamm entfernt. In den 60er Jahren hatte Wortelkamp die Gegend nach alten Bauernmöbel durchstöbert. Er kaufte, handelte und sammelte und die besten Stücke nahm er mit ins Schulhaus. Aber Kuchhausen und Sander hatte der Bildhauer nicht auf dem Schirm.
Anderntags hat er losgemacht. Von Haus zu Haus ist Wortelkamp gefahren und brachte bald die größte Sammlung von August Sander Fotografien zusammen. Während etwa zeitgleich Volker Kamen in der Eifel nach Sanderfotos suchte, begab er sich Wortelkamp im Umkreis von gut 40 Kilometern im Westerwald auf die Sandersuche. Von den Bauern erfuhr er, dass Sander sich bei den Bauern eingemietet hat und mit seinen Aufnahmen die Unterkunft bezahlte. Die Familien waren groß und alle wollten sie aufs Bild. So kam es zu sehr vielen Sanderfotos. Die Bauernfamilie mit meistens acht bis zu vierzehn Kindern bekam entsprechend viele Abzüge. Wenn die sich das überhaupt leisten konnten. Fotos waren hier noch neu, aber die Abzüge auch wieder nicht so billig.
„Ich bin also von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus, hatte kein Geld und die Fotos waren nichts wert. Die lagen auf den Speichern, vergammelt in Kartons oder Alben. Nur hin und wieder hingen welche in den Wohnungen“, erinnert sich Erwin Wortelkamp.
Im Fotolabor der Kunsthalle Mannheim hat er die Fotos reproduziert, um auf Tauschbasis den Bauern mehrere Fotos für alle Familienangehörigen geben zu können. Außerdem gab es Wein. „Ich habe da hunderte von Flaschen Wein gebraucht in der Zeit.“ Die Originalabzüge kamen in seine Sammlung.
„Der Sander kütt und nimmt uns ab.“

August Sander (*17. 11.1876 in Herdorf; † 20. April 1964 in Köln) zog es in den letzten Jahren des Ersten Weltkriegs und auch danach von Köln aus oft in den Westerwald, um dort die Bauern seiner alten Heimat zu porträtieren. Er brauchte zusätzliches Einkommen für seine Familie und auch ein genuines Interesse an den Menschen seiner Heimat führte ihn zurück in den Westerwald. Auch Sander fuhr von Haus zu Haus. Er war ein Wanderfotograf, allerdings auch ein passionierter Motorradfahrer. Seine schwere Plattenkamera hatte er stets mit im Gepäck. 60 Jahre später machte sich Wortelkamp auf die Suche und tatsächlich konnte er die bis dahin größte Sammlung an originalen Sander-Photographien zusammentragen.
War Wortelkamps Neugier einmal entfacht, kniete er sich rein ins Sander-Wesen, vertiefte sich in den fotografierenden Kollegen, las, recherchierte und fasste als Dozent der Hochschule in Freiberg sein gesammeltes Wissen zu einer Vorlesung über die Geschichte der Fotografie zusammen. Da konnte er auf seine Aufzeichnungen zurückgreifen, die er sich bei seinen Besuchen bei den Bauern gemacht hatte. Er sprach schließlich ihre Sprache: „Der Sander kütt und nimmt uns ab.“
So ging sein Sander-Studium weiter als bloßes Sammeln. Wortelkamp sah sich mit seinen Bildhaueraugen die Photographien Sanders genau an. Seine Sicht: Um die Aufnahmen zu machen, bat Sander die Bauern aus ihren Häusern ins Freie herauszutreten. Sander wollte den Wald als Hintergrund und er hatte ein besonderes Ordnungsprinzip. Der Wald war für ihn neutraler, immer fotografierte es bei bedecktem Himmel, kein Sonnenschein. „Meine Interpretation ist ja, die sind alle wie aus der Tiefkühltruhe, wie eingefroren.“
Bald hatte Wortelkamp 650 Sander Fotos zusammen. Vor allem besaß er Unikate, Fotos, von denen es keine Negative gab. Ins Dorf Kuchhausen bei Windeck war das Ehepaar Sander mitsamt dem Fotolabor nach 1942 evakuiert und überdauerte dort den Zweiten Weltkrieg. Wieviel Negative, Fotomaterial nach Sanders Tod 1964 dort auf den Müll gekommen ist, lässt sich heute kaum mehr sagen.
Für seine Sammelleidenschaft musste Wortelkamp heftige Kritik einstecken. „Auch von der SK Stiftung in Köln. Ich wurde als Betrüger beschimpft. Heute bietet hier der Landkreis Termine an und bittet die Leute Sanderfotos zu bringen.“
Auch Bernd und Hilla Becher kamen öfters nach Hasselbach. Bei einem ihrer Besuche, erzählte Bernd Becher, er werde seine Fotos ans Getty-Museum verkaufen.
Denn in Deutschland hatte er die Erfahrung gemacht, interessiere sich für Fotografie ja kein Mensch. Das war Ende 1975. Becher brachte Wortelkamp auf die Idee seine 650 Aufnahmen umfassende Sander-Sammlung zu verkaufen. Das Getty griff zu.
Sander wurde zum Sprungbrett
Mit dem Erlös konnte Erwin Wortelkamp einen langgehegten Plan umsetzen: das TAL – und tut es bis heute. Zu Ehren von Sander kam das Haus für August Sander dazu.
In Hanspeter Demetz, einem Südtiroler Zeichner und Autor, fand Wortelkamp bald den Architekten für sein Vorhaben, seinen über 100 verbliebenen Sander-Fotos ein öffentlich zugängliches Haus zu widmen. Das erste Sander Museum überhaupt.
„Setze einen Würfel in die Landschaft, diese hier verträgt auch Vertikales. Mach ihn dicht, hermetisch, nur von oben, da lass Licht durch. Dann hebe den inneren Raum um die Hälfte der Höhe und mache ihn zugänglich mit einer Treppe, (sie hebt dich aus der Ebene der gewachsenen Umwelt auf eine neue, künstlich geschaffene). Es soll keine Freitreppe sein, zwäng sie ein seitlich, nimm ihr das Licht. Jetzt der Eingang: keine Tür, sie erschließt dir den inneren Raum zu allmählich, zu diskret. Es muss plötzlich gehen, du musst hineingestoßen werden in den Raum, in das Licht, das draußen überall war, aber erst hier empfunden wird, seine Wertigkeit erhält,“ hält Demetz seine Entwurfsidee fest.
Die schickt er „an Eriwin“. 1986 geht es tatsächlich los. „Es hat mich nicht im Geringsten gewundert, dass Erwin das Haus für Sander dann auch wirklich gebaut hat, – es geht eben nur so.“
Zur Eröffnung drei Jahre später kamen viele Nachkommen Sanders aus Amerika. „Die fingen an zu heulen, als sie das sahen. Das Sammlerehepaar Wilde kam und auch Gunther Sander und so weiter. Eine Schwester Sanders hat mir aus Dankbarkeit einen Originalabzug geschenkt.“, erinnert sich Erwin Wortelkamp.
Was nicht ans Getty ging, hat Tochter Isa geerbt. Als es vor zwei Jahren im Pariser Centre Pompidou zur Ausstellung über die Neue Sachlichkeit kam, waren viele Leihgaben aus Hasselbach dabei. Die Sammlung Isa Wortelkamp wurde groß gezeigt. Der Katalog zur Photographie der Neuen Sachlichkeit ist bisher nicht erschienen. Florian Ebner, Chefkurator der Pariser Fotografiesammlung, arbeitet noch an der Herausgabe. Wortelkamp kennt die Konkurrenz mit Köln. Die Photographische Sammlung der SK-Stiftung dort, „hat das alles verhindert.“
solitaire oder solidaire
Wie August Sander arbeitet auch Erwin Wortelkamp in Serien, die thematisch bedingt sind. Das Erforschen nach dem Wesen und Wesentlichen, das nachdrückliche Hinterfragen unter dem Vielen und Vielgestaltigen den Typus, unter den Gestalten die Gestalt zu finden, ist unverkennbar beiden Künstlern eigen. Darin liegt bei allem fotografischem Realismus ein idealistisches Bestreben. Der Bildhauer Wortelkamp hat sich längst von allem Realismus verabschiedet, doch will auch er der Sache auf den Grund gehen, Strukturen freilegen, etwas Wesentliches sichtbar machen.
Es bleibt bei Sander ein Spannungsverhältnis zwischen der individuellen Person und der Person als Typus. Jedes seiner „Menschenbilder“ lebt von dieser Spannung. So wie Wortelkamps Skulpturen einzelne, individuelle Größen sind und als Gruppe auf Zusammenhänge und Strukturen verweisen. Es ist dieses Spannungsverhältnis, das Albert Camus als Dilemma der Künstler – „solitaire ou solidaire“ beschreiben hat. Dass sie sich nach Kommunikation mit dem anderen und der Welt sehnen, sich jedoch einer Isolation gegenübersehen, die sich als das Wesen ihres Exils erweist.

Eine Architecture parlante
Das Sander Haus hat eine Freitreppe vorne am Kubus. Dann steht man vor einem Tor. Zieht man es nach oben auf, bleibt es offen stehen. Wie bei einer Plattenkamera. Die ganze Einrichtung innen ist italienisch bis hin zum Lichtschalter und Schloss, als Referenz an den Architekten. „Das ganze Ding ist in Eigenleistung gemacht. Kim hat damals als 16, 17jähriger die Treppe gemauert, später den Boden gelegt.“
Der „Sanderweg“

Die Erweiterung des Wortelkamps liegt seit 2006 in Kim Wortelkamps Händen. Von Kuchhausen nach Hasselbach führt ein Wanderweg entlang durch das Irsetal. Von der „Sanderhalte“, gleich gegenüber dem letzten Wohnhaus August Sanders geht es über zehn Haltestelen mit Landschaftsaufnahmen Sanders und einem Kurztext bis zum August Sander Haus im TAL. Kim Wortelkamp hat die Standpunkte ausfindig machen können, von denen aus Sander seine Aufnahmen machte. Ein digitaler Wanderweg mit 35 Sander Fotografien bietet weitere Anhaltspunkte. Die Fotos aus den späten Schaffensjahren, stammen aus den Archiven des Getty-Museums, sowie der Photographischen Sammlung aus Köln.
Auf seinen Möbeltouren hat Erwin Wortelkamp auch den Küchentisch von Sander aufgetan, kurz bevor das Haus fast gänzlich abgerissen wurde. Beim Küchentisch hing ein Sanderfoto. Vater und Sohn. Der Vater ein Greis von vielleicht 80, der Sohn 60 Jahre alt. So sitzen sie da wenig einträchtig beisammen. Einmal kam Sanders Urenkel ins TAL und las aus einem Brief aus der Hand August Sanders vor: „Mein sehnlichster Wunsch ist, mal in meiner Heimat, mit einem Museum geehrt zu werden.“
Carl Friedrich Schröer
Redaktion Anke Indefrey

Hinweis
August Sander – Zum 150. Geburtstag
11. September bis 24. Januar 2027
DIE PHOTOGRAFISCHE SAMMLUNG, Im Mediapark 7, Köln
›im Tal‹ wird 40! – Kunst als Gegendteil
Auftakt – Freitag, 21. August 2026
im Tal/Haus für die Kunst, Schulstr. 18, Hasselbach
August Sander: Ein Festabend zum 150. Geburtstag!
17. November 2026 um 18:00 Uhr
Kölnischer Kunstverein, Hahnenstraße 6, Köln
Sander im Kontext – „The Family of Man“
Dauerausstellung
Montée du Château, 9710 Clervaux, Luxemburg
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