
von Robert Fleck
„Wir gehen noch einen Schritt weiter mit der Farbe.“ Den nahm er in der selbstgewählten Isolation, aber mit Anlauf. Am Ende war er sich sicher: In der Malerei gibt es einen Fortschritt. Man kann die Kunst immer noch um einen Schritt weitertreiben. Wie der Überschreiter heißt? Wolfgang Hollegha. Schon mal gehört? Jetzt gibt es eine gute Gelegenheit, diesen großen, großartigen Maler kennen zu lernen.
Das Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden richtet Wolfgang Hollegha (1929 bis 2023) eine umfassende wie ambitionierte Retrospektive aus. Endlich, möchte man sagen. Eine Wiederbelebung, eine Neuentdeckung. Damit wird sein Werk im vordersten Rang der Malereigeschichte platziert, wie es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und dem ersten Viertel des 21. Jahrhunderts kaum ein zweites gibt.
Wer war Wolfgang Hollegha?
1929 in Kärnten geboren, in den Nachkriegsjahren an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Josef Dombrowsky studierend, zählte er zu der Generation der „Draufgänger“, die nach 1945 und dem Ende der Diktatur einfach loslegten. Sie waren bald vier, eigentlich fünf, neben Hollegha, Josef Mikl, Markus Prachensky, Arnulf Rainer und da war da auch noch Maria Lassnig. Gemeinsam übernahmen sie das Ausstellungsprogramm der einzigen Galerie in Wien mit internationalem Anspruch, der Galerie St. Stephan. Maria Lassnig trieben sie 1961 ins „Exil“ nach Paris und New York, bevor sie 1979 durch Oswald Oberhuber, den Künstler, der ihre Vorherrschaft in der Galerie aufhob, zur ersten Professorin für Malerei in Österreich berufen wurde, an der Hochschule für angewandte Kunst. Hollegha, Mikl, Prachensky und Rainer teilten sich derweil untereinander eine Professur an der Akademie der bildenden Künste in Wien.
Wo steht sein Werk?
Für die Künstlerinnen und Künstler meiner Generation war er ein Repräsentant der „Reaktionäre“, die gegen den Abstrakten Expressionismus, die Minimal Art standen und die Konzeptkunst ein systematisches Naturstudium als Grundlage künstlerischen Tuns an der Akademie der bildenden Künste wiedereingeführt hatten. Davon hat sich die Malerei in Österreich bis heute, bis auf Ausnahmetalente wie Siegfried Anzinger, Herbert Brandl und Hubert Schmalix, nicht wieder erholt.

In Wiesbaden entdeckt man Wolfgang Hollegha jetzt in völlig anderer Sicht. Was wiederum an die Anfänge führt. Die Aktivität der Galerie St. Stephan um 1960 hatte internationale Auswirkungen. Clement Greenberg, neben Arnold Rosenberg der wichtigste Kunstkritiker der New York School, die an der documenta 2 in Kassel 1959 triumphiert hatte, kam nach Wien und überredete Wolfgang Hollegha, tatsächlich nach New York zu übersiedeln. Dort entstanden die besten Bilder des Künstlers überhaupt. In Wiesbaden sind auch seine letzten, ungesehenen Bilder versammelt. Eine Offenbarung. Wolfgang Hollegha konnte sie offensichtlich nicht verkaufen. Oder wollte er sie nicht verkaufen? Ahnte der Künstler, welche posthume Rolle ihm einst zukommen wird?
Das Werk von Wolfgang Hollegha ist in einer intensiven Diskussion mit Helen Frankenthaler, Morris Louis (beide kannte er persönlich) und Jackson Pollock entstanden. Die künstlerische Auseinandersetzung der Jahre um 1960 wird in der Ausstellung in Wiesbadener Privatmuseum überzeugend vorgetragen. Sie entstand in enger Zusammenarbeit mit der Neuen Galerie Graz, in Wiesbaden erweitert um jene Amerikaner und Amerikanerinnen, mit den er sich auseinandersetzte. Das Wiesbadener Privatmuseum kann dabei souverän aus eigenen Beständen schöpfen und Holleghas Werke einige großartige Beispiele beigesellen.
Eine glückliche Fügung zudem, dass die kompromisslose Architektur des Wiesbadener Museums Hollaghas architektonische und künstlerische Kompromisslosigkeit fast zentimetergenau nachvollziehbar werden lässt. Seine Steirische „Malscheune“ war insgesamt 14 Meter hoch (so hoch wie „die Kathedrale“, der höchste Raum des Museums). Die Plattform lag auf zehn Meter Höhe (genau die Höhe, die der erste Ausstellungsraum hat).

Holleghas Technik der Schüttungen, der Farb- und Nichtfarbverläufe in diesen entscheidenden Jahren ergibt Bilder, vor denen man steht und sich fragt, weshalb zum Beispiel Werner Schmalenbach sie nicht für die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ankaufte, von der Ambition her die beste Kunstsammlung der Welt.

Schon 1962 beschließt Wolfgang Hollegha, sich aus dem Kunstbetrieb in New York auszuklinken. Er erwarb mit dem in Amerika verdienten Geld einen Bergbauernhof in der Nähe von Graz, Oststeiermark. Günter Holler-Schuster, dem das Verdienst gebührt, Hollegha erstmals in seiner Heimat (Neue Galerie Graz) gewürdigt zu haben, erhebt den Einwand, das sei kein „Rückzugsort“ gewesen, wie man immer sagt. In den USA sei es ja selbstverständlich, dass Agnes Martin oder Bruce Nauman in New Mexico in einer Wüstenlandschaft leben und arbeiten.
Wenn man selbst teils in der Oststeiermark aufwuchs, ist es nachvollziehbar, hier die Weite des Raumes und die Nähe der Vegetation zu suchen, die Hollegha in den USA erlebte, aber nunmehr ohne den Druck des Kunstbetriebs. Selbst während seiner Professur an der Akademie der bildenden Künste in Wien lebte er zurückgezogen, ging niemals in Wien aus, die Geometrie der Gebäude war ihm ein Horror. Er schlief auf einer Matratze in seinem Professorenatelier, um die Stadt nicht sehen zu müssen.
Aus dieser bewussten Abkehr und gesuchten Abgeschiedenheit kommt seine abstrakte Malerei, die uns heute wie von einem anderen Stern erscheint. Sie hat einen umwerfenden Kolorismus. Wie man aus Farben eine neue, radikale Malerie gewinnt, das wusste Wolfgang Hollegha.
So spannend an der Ausstellung ist, dass er die amerikanischen Kollegen seiner frühen Jahre, auch Helen Frankenthaler, im Grunde übertrifft. Als Fazit bleibt: Es gibt doch einen großen österreichischen Maler im Abstrakten Expressionismus, einen verwegenen Überschreiter der Malerei.
Wolfgang Hollegha. Denk nicht, schau!
bis 25. Oktober
Museum Reinhard Ernst, Wilhelmstraße 1, Wiesbaden
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