Mischa Kuball setzt mit space_relations ein Zeichen für mehr Offenheit 

Spielfläche und Kampfplatz. space_relations sucht die Stadtöffentlichkeit. Foto: Rainer Rudolf Benoit

Die schöne alte Offenheit sieht ganz schön alt aus. Hinter dem munteren Mitmachzirkus von social media verbirgt sich ein knallharter Algorithmus, der wohl gehütet sehr wenigen dient, aber als starkes Instrument zur Meinungslenkung der vielen Mitspieler eingesetzt wird. Was wir Öffentlichkeit nennen ist eine Errungenschaft der Aufklärung. Wie wir sie seither kennen und schätzen, steht sie plötzlich auf dem Spiel. Die digitale Revolution, The Coming Wave (Mustafa Suleyman), könnte die alte Offenheit leicht wegspülen und wenig bliebe davon übrig. Auch was sich heute noch daran erfreut und darauf stützt: zum Beispiel Demokratie.  

Karl Popper, dessen Untersuchung Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (The Open Society and Its Enemies) 1945 in London erschien, hatte von derartigen Feinden der offenen Gesellschaf keinen blassen Schimmer. Wohl aber erkannte Popper den Wert der prinzipiellen Offenheit und verteidigte sie vehement gegen jede Form von offenem oder verkapptem Totalitarismus.  

Wenn nun Mischa Kuball mit space_relations ein Pilotprojekt auflegt, daß unbeirrt auf Öffnung, Durchdringung und neue Beteiligungsformen setzt, ist das als Zeichen des Widerstands gegen sich verfinsternde Zeiten und aufziehende totalitäre Tendenzen zu sehen.  

Backfabrik zu WELTKUNSTZIMMER zu space_realations Foto: Sabrina Weniger

Kuballs Versuchsort ist das WELTKUNSTZIMMER. Ein Kunstcampus am Rand von Düsseldorf, auf der Kante von Flingern und Lierenfeld, der in isolierter Lage seit über zehn Jahren Raum für Ausstellungen, Konzerte, Performances aus Tanz und Theater, Workshops, Talks und Festivals bietet. Diesen Konversions-Campus auf dem Gelände einer ehemaligen Backstein-Backfabrik aus dem Industriezeitalter will er ab sofort zu einem “Ort der Beziehungen” werden lassen. Von diesem Rückzugsort aus wird er in einem Langzeitprojekt „Kunst im öffentlichen Raum“ mit einer neuen „Verantwortung von Institutionen“ verknüpfen und die aktuelle oder auch künftige „Rolle von Kunst als gesellschaftliche Kraft“ untersuchen.  

Wenn Kuball die Frage nach dem öffentlichen Raum erneut aufwirft und nach der unsicher gewordenen Rolle der Kunst fragt, ist das vor dem sich jäh verändernden Diskurs von hoher Aktualität, wenn nicht Brisanz. Der Kunst selbst könnte diese Befragung neuen Schub und neue Bedeutung zumuten.  

Denn welcher Künstler sonst hätte sich in den vergangenen Jahren eine höhere Kompetenz in Sachen Öffentlichkeit und ihre immer spannungsvolle Beziehung zur Kunst erworben als Mischa Kuball, dessen künstlerisches Untersuchungsfeld eben diese schwankende Größe “Öffentlichkeit” ist.  

Mit public_relations rückt er abermals ein zentrales Thema an in den Fokus eines vielgleidirigen Projekts: Welche neuen Beziehungen können wir aufbauen zwischen beiden tief verunsicherten, gegenseitig abhängigen Sphären – Gesellschaft und Kunst? Und welche Institution, welche Kunsthalle, Kunstverein etc. könnte auf die Erfahrungen von Kuballs space_realtions demnächst verzichten?   

goes public. Mischa Kuball
Foto: Nicolas Wefers

Mit space_relations strebt der Konzeptkünstler Kuball weit über den Zaun des Weltkunstzimmers hinaus in den Stadtraum Düsseldorfs. Es soll zu einer gemeinsamen Gestalt aller Beteiligten, auch sich der beteiligenden Institutionen kommen.  

Schon in der Konzeption arbeitete Kuball deshalb mit dem Team des Weltkunstzimmers, Janine Blöß, Martha Martens, Nora Faust und Wolfgang Schäfer zusammen und hat zudem ein internationales Beratungsteam, bestehend aus der Kuratorin und Kunsthistorikerin Lea Schleiffenbaum (Berlin), der Kuratorin und Kritikerin Marguerite Pilven (Paris), der Kuratorin Vanessa Joan Müller (Wien) sowie der Kuratorin und Kritikerin Yukiko Shikata (Tokio) einberufen, um neue Wege der Begegnung und der Beziehungen auszukundschaften.   

In diesem Jahr wird es u.a. den urban_space_theory_walk geben. Hierbei werden parallel zur im Herbst geplanten Ausstellung abendliche Ausflüge durch die Stadt unternommen. Bei diesen Promenaden werden „urbane Interventionen“ gesetzt. Die „Interventionen“ leisten einen theorie-orientierten Beitrag zum Projekt und setzen zugleich auch hier das WELTKUNSTZIMMER mit den Institutionen in der Stadt in Verbindung und knüpfen neue Beziehungen. Eingeladen werden zwischen vier und sechs (inter-)nationale Speaker*innen, die aus verschiedenen Perspektiven zum Themenfeld des Wandels des städtischen Raumes forschen und arbeiten. Neben den in den Labs erarbeiteten Inhalten und Ansätzen, werden auch die Inhalte und Beiträge des urban_space_theory_walks in die geplante Publikation zum Jahresprojekt 2025 space_relations einfließen.  

Wenn die schöne alte Offenheit noch zu retten ist, braucht sie mehr space_relations.   


Mischa Kuballs aktuelle Projekte

eight planets, one star, one world
09. bis 30. April
Bilker Bunker, Aachener Str. 39, Düsseldorf

im Kontext des Seminars „urban stage“
Gruppenausstellung von Studierenden der KHM
Proberaum Pina, Kunstmuseum Solingen, Wuppertaler Str. 160, Solingen


Podcast
Kunstgeschichten mit Mischa Kuball
L.I.S.A. Wissenschaftsportal, Gerda Henkel Stiftung


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