Gegenmaßnahmen

Lohnt den Ausflug. Eine sehenswerte Ausstellung von Jane und Louise Wilson in der Skulpturenhalle Neuss

The Toxic Camera

Schade. Die Ausstellung von Jane und Louise Wilson ist gut. Zu gut, um nicht darüber zu schreiben. Viel zu gut, um sie unerwähnt zu lassen. Ungewöhnlich gut im Vielerlei und Einerlei der Harmlosigkeiten und Belanglosigkeiten ach so vieler Kunstausstellungen in diesen Tagen. Schade, weil ich dann nicht über andere Fälle schreiben kann, über das Desaster rund um die Kunsthalle oder den antisemitischen Abgrund, der sich in der Kunstakademie auftut, oder über die wundervolle Uecker Ausstellung im Bahnhof Rolandseck. Aber alles der Reihe nach.

Imperial Measure in der Rotunde

„Countermeasures“, mit Gegenmaßnahmen schon gut übersetzt, ist doch mehr: Auch Gegenwehr, Protest, Widerstand… könnte hier gemeint sein. Druck erzeugt Gegendruck. Strukturelle Gewalt, Kontrollsysteme, mutwillige Manipulation und körperlicher Zwang erzeugen eine Sehnsucht nach Freiheit. Aber was tun, wo die „measures“, also die Maßstäbe, obsolet geworden sind? Wo sie so tief verschoben sind, dass niemand mehr hofft, sie je wieder aus dem Sumpf hervorholen zu können? In die Mitte ihrer Ausstellung in der Skulpturenhalle haben Jane und Louise Wilson darum einen Maßstab gestellt. Um den herum scheint ihre Ausstellung hier zu kreisen. Aber dieser „Imperial Measure“ ist ein 2 Yard Maß, heute bedeutungslos, wie das gesamte Imperial system of units. Er stellt Maß und Gesetz, Ordnung und Kontrolle her. Doch selbst eine imperiale Setzung wie diese entgleiten. Wenn nicht mal das mehr Bestand hat, was dann? Was, von alledem, was wir hier hören und sehen hat denn dann Bestand und Glaubwürdigkeit? Woran können wir uns halten und orientieren? Was, bei allen eindrücklichen, erschütternden, ja krassen Bildern und Filmen, ist wahr, was fake, was Dokument, was Kunst? Ist MAGA eine Maßnahme oder eine Gegenmaßnahme? Auch solche kritischen Fragen öffnen sich beim Rundgang durch die beiden Schüttehallen.

Es ist eine der wundervollen Ausstellungen, die Thomas Schütte hier der Reihe nach zeigt. Sicher die bisher aufwendigste und herausforderndste, was die Technik betrifft, auf einem Feld also, das selbst dem Vielseitigkeitskünstler Schütte fremd ist. Wie sich großen Videoinstallationen mit ihrem sich überlagerndem Sound, die Fotoarbeiten und Doku-Objekte in diesem weiten Oval einfügen, zeugt schon von großem Raumbewusstsein und smartem Können. Zumal, wenn man die sehr heftigen Inhalte ins Auge fasst. Denn harmlos oder harmonisch ist hier rein gar nichts. Von der frühen Videoarbeit Routes 1& 9 North aus dem Jahr 1994 zu GAMMA (1999/2023), zu Proton, Unity Energy, Blizzard, (2000), zu Unfolding the Aryan Papers (2009) wird der Ton immer unheimlicher, subversiver, auch politischer.

Zum Beispiel GAMMA. Eine Multiscreen-Videoinstallation, die auf dem ehemaligen US-Militärstützpunkt Greenham Common in Berkshire gedreht wurde. Dieser Stützpunkt diente während des Kalten Krieges zur Lagerung von nuklearen Marschflugkörpern und wurde 1992 stillgelegt. Das Video der Wilsons bewegt sich durch die verlassene Anlage, in der nun nichts mehr geschieht, und ruft beunruhigende Erinnerungen und Möglichkeiten wach. Wem käme da nicht die „Raketenstation“ in den Sinn? – Jene zu einem Museums- und Künstlerpark konversierte US- und NATO Raketenbasis.

Zum Beispiel „The Toxic Camera“ von 2012. Der Film spielt in einem Lager für radioaktive Abfälle außerhalb von Kiew und einer ehemaligen H-Bomben-Testanlage in Suffolk. Er erzählt vom letzten Projekt des ukrainischen Filmemachers Vladimir Shevchenko: der Dokumentation der unmittelbaren Aufräumarbeiten nach der Katastrophe von Tschernobyl. Als Shevchenko den Film entwickelte, stellte er fest, dass er versehentlich Strahlung aufgezeichnet hatte: das Zischen, das pockennarbige Bild. Weniger als ein Jahr später starb er an den Folgen der Strahlenbelastung. Seine Kamera musste begraben werden, sie war radioaktiv verseucht. Die Wilsons zeigen eine Art Traumlandschaft mit einem aus Recherchen und Interviews entstandenen Voice-over-Skript. In einer Szene geht ein Mann durch einen Wald, während Äpfel von einem überladenen Baum auf den Boden fallen. Die dumpfen Geräusche sind von einem Summen unterlegt. Die Kamera knistert, und die Geräusche der Natur – das Rascheln im hohen Gras, das Rauschen des Windes – werden unheimlich. Alles strahlt eine radioaktive Bedrohung aus. In der Ausstellung blicke ich in die drei Objektive dieser Kamera. Eine Bronzereplik steht auf einem radioaktivgelben Plexisockel. Die Objektive sind verspiegelt. Ich sehe mich darin dreifach ein Foto mit dem Handy machen.

Im Kuratorenzimmer. False Positive, False Negative

Das Werk des Künstlerinnenduos – Jane und Louise sind eineiige Zwillinge (geb. 1967 in Newcastle, sie arbeiten seit 1989 zusammen) – ist von Dualität durchdrungen: Horror und Schönheit, Stille und Katastrophe, Ansehen versus Angesehenwerden. „Parallaxe“ wurde zu einem Begriff, der ihr Werk begleitet. Juliane Duft beschreibt ihn im Begleitheft zur Ausstellung als „die Verschiebung zwischen unterschiedlichen Sichtweisen auf dieselbe Realität: Je nach Standort erscheint ein Objekt anders, ohne sich zu einer stabilen Gesamtsicht zu fügen.“ Indem die Wilsons den Parallax View zu ihrem produktiven Prinzip erklären, öffnen sie ein weites, herausforderndes künstlerisches Spielfeld. Sie erschüttern parallax genau die Wirklichkeit, die sie ihren dokumentarischen Filmen technisch präzise vorzeigen und machen sie eher zu künstlerischen, medialen Erlebniswelten, als dass sie die inhaltliche Seite verstärken. Doch arbeitet das Duo immer entlang der politischen Situation und aktuellen Lage. Und die ist alles andere als rosig.

Die Video- und Fotoinstallationen der Schwestern werden auf der ganzen Welt gezeigt und gefeiert, so auf der Venedig Biennale, im Stedelijk Museum, Amsterdam, in der Serpentine Gallery, der Royal Academy of Arts, London und im Museum of Modern Art, New York. Doch erst das Angebot der Skulpturenhalle am Stadtrand von Neuss, lockte sie nach über zwanzig Jahren wieder nach Deutschland. Die unmittelbare Nähe der Halle zur „Raketenstation“, bewegte sie, zentrale Videoinstallationen, Architektur-Fotografien und zuletzt in Korea und Japan entwickelte, stärker organisch orientierte „Dendrophiles“ zu einer eindrucksvollen Übersichtsschau zu verdichten. 

An „Stasi City“, ihre schon legendäre Doppelwandprojektion, erinnert hier eine große Farbfotografie. Als sie 1995 ein Jahresstipendium für Hannover und Berlin erhielten, entwickele sie eine Arbeit über die physische und psychologische Bedeutung von Räumen, die wirkmächtig den menschenverachtenden Machtapparat der DDR evozierte. Die Wilson-Schwestern filmten in drei Räumen des einstigen Machtzentrums der Stasi in Ost-Berlin – auch „Stasi-Stadt“ genannt –, die fast unverändert geblieben waren: im Ministerium für Staatssicherheit, im Paternoster eines Bürogebäudes in der Jägerstraße und in der ehemaligen Stasihaftanstalt Hohenschönhausen. Was sagt Architektur über die Leute aus, die in ihr gelebt und gearbeitet haben? Wie wurden die Menschen von ihrer Umgebung beeinflusst und was haben sie hinterlassen? Machtstrukturen in der Architektur von Behörden und wie diese unterschwellige Angst hervorrufen kann, wurde in den folgenden Jahren zu ihrem Untersuchungsfeld.

„Countermeasures“ erzählt subtil vom unheimlichen Verludern der Öffentlichkeit. Das sieht man nicht nur am Verfall der Räume und Infrastruktur, am jämmerlichen Zustand der Schulen und Schwimmbäder, an der Verstrickung der Behörden in sich selbst, am Leerlaufen der Parlamente, an der Überflutung des Internets mit Geifer. Selbst der Teil der Öffentlichkeit, der eigentlich hohes Interesse an einem Erhalt seiner öffentlichen Einrichtungen und Foren haben müsste, lässt es zu, dass diese verfallen oder abgewickelt werden. Selbst die Kunstszene, erfolgreich wie verwöhnt, hoch subventioniert und tief gespalten ist nicht mehr imstande, eine städtische Kunsthalle in zentraler Lage, wie es sie Düsseldorf noch gibt, aber derzeit zur Disposition steht, neu auszurichten und zu einem Forum der künstlerischen Auseinandersetzung zu machen. Ist der Verfall der Öffentlichkeit hier so weit fortgeschritten, dass die einstige Avantgarde selbst in diesem Fall zu keiner Gegenmaßnahme, keinem Protest und keinem Widerstand in der Lage ist?   

Die famose Ausstellung der Wilsons hätte, klar doch, in die Düsseldorfer Kunsthalle gehört. Dort macht sich derweil Stadteilgedöns und gähnende Langeweile breit. Meilenweil entfernt ist man am Grabbeplatz von aktuellen Ausstellungen internationaler Künstler wie Jane und Louise Wilson. Lohnt den Umweg.


Jane und Louise Wilson – COUNTERMEASURES
bis 16. August
Skulpturenhalle Neuss, Lindenweg, Ecke Berger Weg, (Nähe Raketenstation), 41472 Neuss/Holzheim

Gino Bühler – Photosynthese. Urformen des Lebens
bis 29. März 2026
GARAGE, Hüttenstraße 90, Düsseldorf


Lesen Sie weiter

Vom Licht lebt alles Lebendige

Ratlos ins Abseits?

Mach mal Pause

Das knappe Gut

© 2022 All rights reserved