„Heilige Scheiße“

Hundertwassers Pionierklo in Neuseeland. Ein Besuch des stillen Örtchens von Michael Marek

Als Maler weltberühmt, als Architekt verschrien, als Umweltaktivist unterschätzt, Hundertwasser, Verfechter der „Humustoilette“ und des Prinzips der Pflanzenkläranlage wurde vielfach belächelt. Für ihn jedoch waren Fäkalien nicht ekelerregend, sondern Teil des Kreislaufs der Natur. Sein Manifest „Die Heilige Scheiße“, sowie seine Anleitung zum Selbstbau einer Komposttoilette zeugen von seiner unerschrockenen Weitsicht.

Die stereotype Gestaltung öffentlicher Räume und Gebäude war ihm ein Graus: “Verbrecherisch ist die Benützung des Lineals in der Architektur!”, formulierte er in seinem “Verschimmelungsmanifest” und berief sich auf einen allerhöchsten Zeugen: “Auch Gott kennt keine geraden Wege!”

Der Wiener Künstler fand im neuseeländischen Nirgendwo den idealen Rückzugsort für sein Schaffen. Auf dem Weg zum autarken Hundertwasserleben baute er dort, wenige Jahre vor seinem Tod ein öffentliches Toilettenhäuschen Down Under. Die “Hundertwasser Toilette” wurde schnell zu einer Pilgerstätte für Kunstinteressierte und Hundertwasser-Fans.

Kawakawa auf Neuseelands Nordinsel. 1.500 Einwohner hat das Örtchen, einen Metzger, einen Baumarkt, ein Hotel, eine Tankstelle, mehrere Cafés und Andenkenlädchen. Berühmt ist Kawakawa, 200 Kilometer nördlich von Auckland gelegen, aber nur für sein Hundertwasser-Klo. Wo sonst jeder/jede verlegen drüber schweigt – die Notdurft, den Abort, das S.-Haus – da redet man/frau über die unverwechselbare, exzentrisch gestaltete Bedürfnisanstalt, exponiert zwischen Gemeindeverwaltung und öffentlicher Bibliothek gelegen. Links der Eingang für Männer, rechts für Frauen.

“Man findet immer wieder Männer auf der Damentoilette und Frauen, die sich die Pissoirs anschauen”, sagt Blaine Te Rito. Der Maori ist ebenfalls Künstler und hat sich mit seinen filigranen Holz-Skulpturen auch außerhalb Neuseelands einen Namen gemacht. Auch er ist hergekommen, um sich das “Kultobjekt” anzuschauen. In der Maori-Kunst wäre das undenkbar: “Für uns ist der Toilettenbereich NOA, das heißt, es darf in keiner Weise mit den kulturellen Schnitzereien in Verbindung gebracht werden. Das ist ein Tabu.” Trotzdem liebe er die Toilette, “sie ist wunderbar!”

Schon von weitem ist das Gebäude erkennbar: Zwischen bunten ungeraden Säulen und Mosaiken erstreckt sich ein riesiger Baumstamm nach oben mitten durch das Dach. Die Platane hat ahornähnliche Blätter, ihre Krone sieht aus wie ein grüner Wattebausch auf dem kleinen Gebäude. Der Rest des Daches ist wellenförmig und mit Gras bepflanzt.

Hundertwasser hatte spät im neuseeländischen Nirgendwo den idealen Rückzugspunkt gefunden. 1974 erwarb der Architekt und Künstler, dessen jüdische Familie 1943 von den Nationalsozialisten fast vollständig ermordet wurde, eine Farm in Kaurinui in der Nähe von Kawakawa und wurde neuseeländischer Staatsbürger. Hier fühlte er sich zu Hause, abseits des Kunstbetriebs, jenseits von Christiesothephillips, Kunstpreisfestessen und Kunstmessenwettläufen. Aus Dankbarkeit habe “Hundertwasser für seine Gemeinde eine öffentliche Toilette konstruiert”, weiß Thomas Lauterbach. Der Maler lebt seit vielen Jahren in Kawakawa und war mit Hundertwasser bis zu dessen Tod befreundet.

In Kawakawa finden sich typische Hundertwasser-Insignien. Durch Bottle-Wände dringt natürliches Licht in die Nasszelle. Der Bereich ist klar abgehoben von den sonst wild durcheinander gekachelten Fliesen. Man fühlt sich an Buntglasfenster erinnert, die seit dem Hochmittelalter zum sakralen Schmuck europäische Kirchenkunst wurden. Eine religiöse Anmutung? Hundertwasser bezeichnete all das, was Religionen und Dogmen versprechen, als Nonsens. Eine Ansammlung farbiger Flaschen in unterschiedlicher Größe, wild kombiniert und in die Wände einzementiert war wohl nur recycelter Baustoff.

Ein stilisierter Fisch aus Bruchstücken von Kacheln schmückt das Waschbecken. Statt Sterilität mit glatten Kunststoffoberflächen gibt es hier unebene Wände und Böden, verspielte Säulen. “War ein Vergnügen für die Handwerker, die so etwas noch nie gemacht hatten. Die waren gewohnt, immer nur gerade Linien zu gestalten. Die ganze Gemeinde hat mitgeholfen”, erinnert sich Lauterbach, “und Friedensreich hat selbst mit Hand angelegt.”

Grenzgänger, Reisender, Ausbrecher, Naturaktivist

Hundertwasser galt als Grenzgänger, als Reisender zwischen der Malerei, Architektur und der Botanik, zwischen Kunst und Kommerz wie zwischen Europa und Neuseeland. Inspiration und Ideengeber sei ihm stets die Natur gewesen, erklärt Lauterbach. „Die Kunst des grünen Weges“. Mit Hundertwasser verbinde ihn eine lange Künstlerfreundschaft. Lauterbach wurde in Deutschland geboren, mittlerweile ist auch er neuseeländischer Staatsbürger. “Ich weiß noch, als Friedensreich mir in Venedig davon erzählt hat: `Thomas, stell’ dir vor, ich entwerfe eine Toilette! Eine Kirche habe ich schon gemacht, jetzt darf ich eine Toilette machen!”`

Hundertwasser ist es gelungen, einen unverwechselbaren Stil zu finden. Unverkennbar sind seine Architekturen, die Kitsch so wenig scheuen wie naive Kinderzeichnungen, Bauernmalerei oder primitive Volkskunst. Sein künstlerisches wie soziales Engagement, sein ausgeprägtes Bewusstsein für die natürliche Umwelt gehen weit über seinen bunten Heimatstil hinaus. Er war auf der Suche nach einer freundlichen Weltformel, wie der Mensch sich mit seiner Umgebung doch noch befrieden könnte.

Nicht nur beim Red Snapper Finger Food auf der Vernissage in New York oder Wien kann man sich dem Künstler nah fühlen, sondern auch in Kawakawa: beim Bediene der Klospülung zum Beispiel. Auch beim Seifenspender wie beim Blick in den Spiegel.

Plötzlich stehen Leute in der Herrentoilette. Junge Leute aus Malaysia, die nur wegen der bunt gestalteten Latrine kommen sind. Von dem Hundertwasser-Klo haben sie in einem Reiseführer gelesen. Alle lächeln, manche kichern. “Die Toilette ist wie eine Kunstgalerie!”, sagt eine junge Frau voller Begeisterung. Schnell ein paar Selfies mit dem Smartphone, schnell den elektrischen Händetrockner einmal angestellt, dann verschwinden sie wieder im Auto.

 

Früher, im 19. und 20. Jahrhundert, war Kawakawa Schnittpunkt der Eisenbahnlinien und der Kohlentransporte. Doch der Abbau ist längst eingestellt worden. Zu unrentabel, dafür kommen heute die Touristen – wegen der Landschaft und der berühmten Pinkelbude mit Wickeltisch für Mütter, die ihr Baby dabei haben. Auch daran hatte Hundertwasser gedacht. Alles schön abgerundet, bloß keine geraden Linien oder Kanten. 1999 wurde die Hundertwasser-Toilette eröffnet. 250.000 Besucher kamen bis zur Pandemie jährlich hierher, um dieses heitere, unstille Örtchen wenigstens einmal zu benutzen.

Marcel Duchamps “Fountain”, ein liegendes, um 90 Grad gekipptes Pissoir gilt als Schlüsselwerk der Konzept-Kunst. Anders als Duchamps wollte Hundertwasser seine Toilette nicht als autonomes Kunstwerk verstanden wissen, sondern als Dienstleistung an der Gesellschaft. Schließlich soll der Mensch laut Statistik acht Minuten pro Tag auf dem Klo verbringen, bei den Japanern liegen die Schätzungen übrigens doppelt so hoch.

Grund genug auch für Hundertwasser, sich des Themas anzunehmen: “Die Toilette ist eine öffentliche Toilette”, erklärt der Maler Thomas Lauterbach, “und Hundertwasser hat immer großen Wert darauf gelegt, dass es auch so bleibt. Es ist natürlich schwierig, so ein Kunstwerk als öffentliche Toilette zu erhalten. Sie wird benutzt, sie muss gereinigt werden, und es entstehen enorme Kosten für die Kommune. Aber, toi toi, toi, es ist eine Toilette, die auch von den Locals geliebt wird.”

Hans Peter Feldmanns «WC-Anlage am Domplatz», 2007 für die skulptur projekte münster in Auftrag gegeben, sind vielleicht ein fernes Echo auf Hundertwassers öffentliche Toilette am andern Ende der Welt.

Hier wie dort ist die Reinigung der Anlage aufwendig. “Man muss sagen, Frederick, wie Hundertwasser hier genannt wurde, war ein sehr geliebter Ehrenbürger. Man hat sein Kaliber, seine Größe kaum gekannt, es gab hier nur wenige, die wussten, wer dieser Künstler wirklich war, aber als die Toilette gebaut wurde, hat man ihn total ins Herz geschlossen. Und Kawakawa und die umliegende Gemeinde ist sehr stolz auf ihre Toilette und ihren Hundertwasser.”

1596 hatte der Engländer Sir John Harrington das erste Water-Closet entworfen. Königin Elisabeth I. soll die Erfindung geschätzt haben, sie ließ ein WC in ihren Palast einbauen. 425 Jahre später gibt es in Neuseeland die einzige geschwungene öffentliche Toilette mit Grasdach in der Welt. Die Banalität des Alltags, der Ort unserer Ausscheidungen ist im Reich der Kunst angekommen. “Durch die Toilette hat sich für Kawakawa enorm viel verändert”, so Johnston Davis, der kürzlich verstorbene Vorsitzender des Hundertwasser-Trusts in Kawakawa. Er kümmerte sich um das Erbe des österreichisch-neuseeländischen Künstlers: “Mittlerweile sind wir auch außerhalb Neuseelands bekannt. Die Leute kommen aus der ganzen Welt, aus Europa, den USA, Asien. Das war und ist ein richtiger Aufschwung für Kawakawa.”

Gut 100.000 Euro hatte die Gemeinde für den Bau der Toiletten ausgegeben, Hundertwasser spendete aus eigener Tasche mehr als das Doppelte. Auch deshalb sind die Bewohner von Kawakawa stolz auf ihren “Handertwoser”.

Die meisten Bewohner hätten Hundertwasser für einen exzentrischen Europäer gehalten, erinnert sich Thomas Lauterbach: “Ich erinnere mich: Er hatte damals einen grünen Lada und plante gerade die Toilette. Wir trafen uns für eine Besprechung. Frederick ließ seine Sachen im Wagen, Bilder, Entwürfe und den ganzen Kram. Die Türen waren offen. Ich sagte ihm, er sollte den Wagen vielleicht besser abschließen. Darauf er: Alles Ok! Wir sind in Kawakawa! Hundertwasser hatte wohl mehr Vertrauen in das Gute als andere!”

Frederick nannte er sich hier schlicht, der Künstler aus dem fernen Europa. Die Gemeinde wirbt mit dem einzigen HundertwasserGebäude auf der südlichen Hemisphäre. Auch deshalb sei Kawakawa in einem Atemzug mit Wien und Nappa Valley zu nennen, mit Tokio und Tel Aviv, wo andere Hundertwasser Bauwerke zu bestaunen sind.

Die Toilette in Kawakawa entstand kurz vor Hundertwassers Tod im Jahre 2000. Sein Grab liegt unter einem Tulpenbaum auf seinem Grundstück und ist für Besucher unzugänglich. Leute aus Wien hätten das Sagen, die, die Hundertwassers Nachlass verwalten, sagt Thomas Lauterbach noch und verdreht dabei die Augen.

„Es ist nur ja eine Toilette, aber das zeigt, dass auch kleine Dinge Schönheit ins Leben bringen können“, sprach Hundertwasser als Grußwort zur Einweihung. Nichts wie hin! Wenn Sie den 19. November verpasst haben, keine Panik. Jedes Jahr ist Welttoilettentag. Auf nach Kawakawa! Seit Ende 2020 gibt es dort auch einen Hundertwasser-Park mit einem kleinen Museum, einer Bibliothek, öffentlichen Duschen und einer wunderschönen Parkanlage nach Hundertwassers Entwürfen.

 


 

© 2022 All rights reserved