
„Menschen, wie Blumen … Früchte, wie Menschen … Farben, die blühen“, als Hal Busse diese Sätze voller Enthusiasmus über ihre neu entstandenen Arbeiten in ihr Tagebuch schrieb, lebte sie „im Farbrauch“. Rot, vor allem Rot wird zu ihrer Schlüssel- und Lieblingsfarbe. „Rot geht mit allen Farben“ freut sie sich 1964. Da hat eine neue Haltung, Offenheit und Vielstimmigkeit in ihrem Œuvres die Oberhand gewonnen. Eindrucksvoll vor allem jene Arbeiten, die zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion pendeln – etwa die großformatige „Obsternte“ (1952/53), eine lyrische Bildfindung, die die Künstlerin auf internationalem Niveau zeigt.

„KOSMOS BUSSE“ nennt sich eine umfangreiche Retrospektive mit klarem Anspruch: Sie stellt ein Werk von internationaler Relevanz vor, das gerade erst neu entdeckt wird. 2023 erschein das umfangreiche Buch „Hal Busse. Eine Wiederentdeckung“ im Verlag der Galerie Beck&Eggelin, weitere Ausstellungen folgten.
Früh war Hal Busse in Frankreich, den USA und Kanada ausgestellt. Einflüsse der École de Paris sind ebenso präsent wie eine eigene konsequente individuelle künstlerische Handschrift. 1958 hatte sie ihre erste Einzelausstellung in der Galerie von Klaus Gallwitz in Karlsruhe. Eine ergänzende Präsentation im Museum im Deutschhof, unweit der Kunsthalle Vogelmann, widmet sich der engen Verbindung der Künstlerin zu Heilbronn und verankert ihr Werk lokalhistorisch.
Avantgardistin eigener Prägung

Hal Busse war eine Avantgardistin eigener Prägung. Nicht nur die frühe Entwicklung der Nagelreliefs – manche vermuten noch vor Günter Uecker – macht ihr Werk bedeutend. Skulpturale Objekte aus geometrischen Formen, die roten Bilder, Darstellungen von Paaren, Stillleben und Alltagsgegenstände wie „Ein Glas Wasser“ zeugen von stilistischer Bandbreite.
„Kosmos Busse“ zeichnet diese Entwicklung von den frühen Jahren bis zu den späten Arbeiten nach. Historische Fotografien, Porträts und Aufnahmen mit Studienfreunden zeigen eine Künstlerin, die von Zeitgenossen als zurückhaltend beschrieben wurde. „Durchsetzen ist nicht mein Ding“, schätzt Hal Busse selbst – ein Satz, der vielleicht nahelegt, warum ihr Werk aus dem Fokus geriet. Heute ist wieder Bewegung spürbar: Kürzlich wurde ein Werk von der Kunsthalle Recklinghausen (mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder) erworben.
Bezug zu ZERO
Vor allem die Nähe zu ZERO treibt das neue Interesse an Hal Busse an. Und tatsächlich ist ZERO, 1958 von Heinz Mack und Otto Piene gegründet, ein wichtiger Bezugspunkt für Busse. „HAL BUSSE. ZERO [+1]. Das Frühwerk von Hal Busse“ nannte sich eine Ausstellung, die 2019 im Kunsthaus Dahlem zu sehen war.
„Die Arbeit, die ein Künstler tut, ist wichtiger als man denkt und selten wird sie zu seinen Lebenszeiten honoriert“, notierte Hal Busse. „Das ist ein Elend, das man nicht in die Zukunft tragen sollte.“ Hal Busse ist nicht nur die vergessene ZERO Frau. Sondern eine ehrgeizige Künstlerin, die weitsichtig und beharrlich ihren Weg durch alle Strömungen und Tendenzen der Zweiten Moderne nahm.
Die Ausstellung in Berlin zeigte: Busses in den späten 1950er und 1960er Jahren entstandene Arbeiten, Gemälde, Papierarbeiten und plastische Werke, sind eng mit Konkreter Kunst, Konstruktivismus und kinetischer Kunst verbunden. Ihre Nagelbilder, Flächenreliefs und Würfelprogressionen stehen in ihrem Wesen den Werken der ZERO-Künstler nah. Busse findet in diesen Jahren einen Weg in die Abstraktion, in die Gegenstandslosigkeit, der einem Neuanfang gleicht.
Der Weg in die Abstraktion
Der Weg vom Nachimpressionismus in die Abstraktion ist für Busse kein leichter. Sie bleibt eine Wanderin zwischen den Welten. Im Herbst 1951 notiert sie in ihrem Tagebuch: „Will ich jetzt ungegenständlich oder will ich nicht. Habe ich den Sprung gemacht od. nicht. … Ich will das Ding, ich mag die Gegenstände. Ungegenständlich male ich jetzt nur um später besser Gegenstände malen zu können.“

Im Frühjahr 1958 (24. April), nimmt sie mit einer Malerei und zwei Nagelreliefs an der Gründungs-Ausstellung von ZERO teil, im Düsseldorfer Atelier von Otto Piene.
Weitere Künstler der Ausstellung waren neben Mack und Piene etwa Peter Brüning, Karl Fred Dahmen, Johannes Geccelli, Rupprecht Geiger, Hermann Goepfert, Gotthard Graubner, Gerhard Hoehme, Herbert Kaufmann, Konrad Klapheck, Leo Erb, Georges Mathieu, Frei Otto, Bernard Schultze, Fred Thieler und Günther Uecker, der sich der Gruppe 1961 anschloss. Busses Werk wurde fortan mit ZERO in Verbindung gebracht.
Ihre Einzelausstellung in der Karlsruher Galerie von Klaus Gallwitz im gleichen Jahr wird Klaus Jürgen-Fischer in einer „Zone Null“ verortet – noch 14 Tage vor der eigentlichen ZERO-Gründung. Die Strahlkraft der Farbe, die immer freier wird vom Gegenstand, die Reduktion der Formen, an deren Stelle Struktur und Farbe tritt – das verbindet Busse mit Künstlern sicher wie Heinz Mack, Otto Piene, Günther Uecker, Mark Rothko oder Yves Klein. Doch erscheinen noch ihren monochromen Bilder materialgesättigt, materialgebunden wie Farbreliefe

Natürlich muss an dieser Stelle auch von ihren Nagelreliefs die Rede sein, die etwa zeitgleich auch im Werk von Uecker auftauchen. Bisher noch nicht abschließend geklärt ist, wer solche Reliefs zuerst erstellt hat. Wichtiger sind die Unterschiede, nämlich die „Ableitung dieser Reliefs aus dem Motiv der Menschenmenge“, von Busse in abstrahierter Form bereits ab 1957 mehrfach verarbeitet, wie Barbara Weyandt im „Journal für Kunstgeschichte“ schreibt.
Es sind ganz eigenständige Bildfindungen, welche verschiedene Sphären verbinden, wie Dieter Brunner bereits 2006 in dem Band „Farben, die blühen. Die Malerin Hal Busse“ dargestellt hat: „Sie versucht, die Errungenschaften des Informellen und Expressiven mit denen des Konkreten und des Konstruktiven in Einklang zu bringen.“ Und so sind auch ihre nun in der Ausstellung in Heilbronn zu sehenden, kreisrund getupften, sogenannten „Arenabilder“ als Äquivalent der plastischen Nagelköpfe zu interpretieren.
Licht und Bewegung
Diese Arbeiten, aber auch die noch später entstehenden Raumobjekte und Mobiles, kinetische Raumskulpturen, sind der ZERO-Kunst sehr nah und verfolgen ebenso das Ziel, die Kunst von traditionellen Formen und Konventionen zu befreien und einen wirklichen Neuanfang zu wagen. Licht und Bewegung, lineare Strukturen und geometrische Formen rücken für eine gewisse Zeit ins Zentrum der künstlerischen Idee Busses. Sie strebte nach einer Kunst, die auf emotionale Ausdruckskraft und subjektive Interpretation verzichtete, um objektive und universelle Werte zu schaffen. Es ist ein Glücksfall, dieses bedeutende Werk der Nachkriegsavantgarde nun wieder neu entdecken zu können.
Marc Peschke
Redaktionelle Mitarbeit: Anke Indefrey

Hal (Hannelore) Busse (1926–2018), geboren in Bad Friedrichshall-Jagstfeld bei Heilbronn, studierte zunächst nach dem Zweiten Weltkrieg in Stuttgart – direkt nach der Wiedereröffnung der Akademie im Sommer 1946 – und später an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Sie reiste viel, stellte international aus, doch blieb sie Heilbronn verbunden und lebte seit 1989 bis zu ihrem Tod wieder am Neckar.
Busse, die sich „Hal“ nannte, entstammte einer Künstlerfamilie. Werke ihres Vaters, des impressionistischen Landschaftsmalers Hermann Busse, sowie ihres Mannes Klaus Bendixen sind in der Ausstellung zu sehen.
KOSMOS BUSSE. HAL BUSSE 100
bis 29. März
Kunsthalle Vogelmann, Allee 28, Heilbronn

Hal Busse. Eine Wiederentdeckung
Herausgeber: Beck & Eggeling Kunstverlag, Ute Eggeling, Michael Beck
Hardcover, 22 × 28 cm
Beck & Eggeling Kunstverlag, 2023
Hal Busse wird von der Galerie Beck & Eggeling, Düsseldorf vertreten. Ihr Nachlass wird von der Galerie Volker Diehl, Berlin betreut.


