Die Kunst prunkt, Paris brennt

Die Art Basel Paris 2026 zwischen den Fronten

Ein Bericht von Robert Fleck

Revolution in Paris? Auf alle Fälle ein Revolutionsversuch. Just während der Art Basel Paris, als der weltweite Kunstmarkt in der Stadt an der Seine aufblühen sollte, und auch sicher viele späte Blüte trieb. Die Verkäufe an den drei Voreröffnungstagen – hier sind ja jetzt die Super-Super-VIP ab Dienstagmittag zugelassen wie die Mega-Käufer, darunter Pinault, Arnault und Bolloré, die drei milliardenschweren Unterstützer einer Präsidentschaft von Marine La Pen aus dem rechtsfaschistischen Lager (der erste Wahlgang findet am 6. Mai 2027 statt). Mittwoch sind die Vip-Vip zugelassen, ab Donnerstag die „Proletarier-VIP“, wie wir unter Kunstleuten witzeln. Tout va bien. Oder auch nicht.

Kleiner Teil des Diner der Freunde des Musée d‘Art Moderne de Paris. Teilnahme 1.200 Euro. Draußen brennt die Stadt im antikapitalistischen Aufstand.

Der unglaubliche Coup, der Chris Dercon – jetzt ein brillanter Direktor der neuen Fondation Cartier pourl’Art Contemporain, gelang, indem er, von Emannuel Macron direkt beauftragt, als Präsident des Grand Palais und der Réunion des Musées Nationaux (Umsatz 100 Millionen Euro) die Art Basel aus Basel nach Paris zog, setzt sich fort. Art Basel Paris ist jetzt die wichtigste Kunstmesse auf dem Kontinent.

Mittlere Galerien, die noch bei der Art Cologne (ab 5. November) aufgenommen werden, haben vorerst keine Chance, hier unterzukommen. Die Galerien, die jetzt im Grand Palais versammelt sind, berichten durchwegs, die Verkäufe in den beiden Vorverkaufstagen, als jegliches Publikum, auch die Kunstkritiker und die Journalisten ausgeschlossen bliebe, liefen sehr, bis überraschend gut. Eine neue, super exklusive Kunstwelt feiert Erfolge.

Während draußen vor den Toren, die Lage kippt. Am 17. Oktober 2026 war das Grand Palais (noch) kein Angriffsziel für den linksradikalen Aufstand. Für den 24. Oktober, als diese Paarung von Massendemonstration der Jugend gegen die gesamte Politik, für eine radikale Klimawende eine Woche nach den extremen gewalttätigen Ereignissen rund um eine friedliche Mega-Demo mit 600.000 TeilnehmerInnen (das gibt es auch nur in Paris, das ist ein einziges Fest) wieder ein Angelpunkt der Behörden. Die linksradikale Truppe, die die jungen Leute aus den Vorstädten nach Paris, mit dem Slogan, „Nieder mit dem Kapitalismus“ gelockt hat, ist, soviel man hört, intakt.

Sie werden ihren Kampf keineswegs aufgeben und wollen am kommenden Samstag erneut die Straßen erobern. Es wird wieder große Demonstrationen geben gegen das teure Leben, gegen die – idiotische – Organisation der höheren Bildung und des Zugangs zu den Universitäten im Lande und gegen die zunehmende Kapitalisierung der Wirtschaft. Da bildet sich derzeit eine neue Volksbewegung. Es ist nicht nur eine Protestbewegung wie vor einer Woche.

An ihrem Rande sind die sehr gut organisierten Linksextremen dabei, wieder – möglichst mitten in den Demonstrationszügen – die Konfrontation mit den Polizeikräften anzugehen. Konkret: sie beschießen sie gezielt, wie Lotta Continua in Italien in den 1970er Jahren. Das Ziel ist, mit dem Zurückschießen der Ordnungskräfte (Granaten, wahnsinnig gefährliche Dinge, Sturmläufe der Polizeikräfte, um diese Typen zu greifen, die aus der Menge der DemonstrantInnen heraus handeln, ich schrieb meine Doktorarbeit über die Revolution von 1848 in Paris – da wusste man, wie man eine Revolution anlegt) gibt es ein bis zwei Tote. Dann wird das in Paris ein allgemeiner Aufstand, in dem der Staatsapparat nichts mehr kontrollieren kann. Das war 1789 so, 1830 – wozu es das grandiose Bild von Eugène Delacroix gibt, „Die Freiheit auf den Barrikaden“ – 1848 und dann 1944 gegen die deutsche Besatzung und erneut 1968. Das ist jetzt plötzlich wieder eine solche Situation.

Wenn ich alles richtig sehe, sind es wenige Leute, die das machen. Sagen wir 400 sehr gut organisierte Linksradikale. Aber es sind zigtausend Jugendliche aus den Vorstädten, den Banlieues mit ihnen. Die wollen nur plündern. Auch wurden nur fast sie – in der Pariser Innenstadt Samstag und Sonntag 650 Personen– wegen Raubdelikten festgenommen, ohne politisches Motiv, wie die Generalstaatsanwältin zuletzt bekanntgab.

Man sieht an den Tags von Samstag aber deutlich, dass es sich um einen gezielten, überlegten, linksradikalen Aufstandsversuch handelt. Und dass die Sache bei weitem nicht beendet ist. Es geht am 25.Oktober wieder los. Die Geschäfte mit teuren Waren sind verbarrikadiert, wie ich das noch nie in 45 Jahren in Paris sah. Es geht darum, zunächst ein Chaos zu schaffen – ist gelungen -, und in den Wochen danach, in der die friedliche Protestbewegung gegen die Teuerung und gegen das idiotische Zugangssystem zu den Unis anschwellt, als Provokationen in den Demos es zu erzeugen, dass es durch Polizeieinsätze zwei oder drei tote Demonstranten gibt. Ab da ist in Paris immer die Hölle los. Die Revolutionen von 1789, 1830 und 1944 funktionierten so. Die Organisatoren dieses linksradikalen Aufstands kennen natürlich diese Abläufe in- und auswendig. Sie handeln danach. Die Staatsmacht weiß das auch. Hatten das wohl weithin unterschätzt. Ich ging in den letzten Tagen viel spazieren dazu. Alle sind sie wirklich angespannt. Ich lebe seit 1980 in Paris, wurde ein Spezialist der Revolution als Historiker, sah aber die Situation noch nie so.

Was immer da rauskommt, meiner Befürchtung nach eine Präsidentschaft und Quasi-Diktatur von Marine Le Pen (also Mussolini 2.0). Was sehr interessant ist: Es geht bislang nicht gegen die Kunst, nicht gegen die Museen: Der Louvre ist durch einen Streik der Studierenden in der École du Louvre, einer der besten kunsthistorischen Universitäten weltweit, gesperrt – auch ein irres Ding, weil da sind nur Studierende aus reichen französischen Häusern, deren Eltern aber wohl Le Pen wählen werden, wie ihre Großeltern 1940 Pétain und den französischen Faschismus, um den es jetzt wieder geht – vorsorglich, weil die Aufständischen am kommenden Samstag ja plötzlich den „Louvre“ angreifen würden. Oder gar das „Grand Palais“ mit der „Art Basel Paris.“ Eine völlig neue Situation.

Dienstag war ich vor einem Termin mit meiner Pariser Verlegerin Manuella Vaney, einem der letzten Verlage, der nicht vom ultrarechtsextremen Vincent Bolloré aufgekauft wurde, der – nachdem er Milliarden mit der Ausbeutung der Ressourcen in Afrika verdiente- alle Buch-, Zeitungs-, Zeitschriften- und Fernsehmedien in Frankreich aufkaufte und da nur noch neofaschistische Medienberichte schalten lässt – in Belleville, dem populärsten und multinationalsten Viertel in Paris. Dort saß ich auf einer Parkbank neben einem alten Herrn, vielleicht 85. Er sagte plötzlich: „Monsieur, Sie sind nicht von hier. Das rundherum sieht wie Sozialwohnungen aus. Sie wurden aber in den letzten Jahren privatisiert. Wenn ich jetzt zu Ihnen spreche, sagt mein Concierge das meinem Besitzer. Unsere Miete wird ständig erhöht. Die wollen uns hier weghaben. Ich kam aus Algerien, machte ein Abitur, so dass General de Gaulle persönlich mir dazu gratulierte. Hier geht es nur noch ums Geld. Ich verstand gar nichts mit diesem linken Aufstand. Aber langsam finde ich das gut. Das ist absolut notwendig zu tun und ein Beispiel für andere Länder.“

Die Tradition der Französischen Revolution lebt. Aber jede Revolution als Befreiung kann sich leicht in ihr Gegenteil, die Diktatur, umkehren.

Auch die Art Basel Paris wird vor den „Protestmärschen“ am Samstag die Pforten schließen. Auf Internetseiten wurde schon zum Sturm auf das Grand Palais“  aufgerufen. Auch Grisebach wird seinen erst kürzlich eröffneten „pied a terre“ bereits Freitag um 17.00 Uhr „dicht machen“.


Literatur

Robert Fleck
Gleichheit auf den Barrikaden
Die Revolutionen von 1848 in Europa. Versuch über die Demokratie
Passagen Verlag ISBN 978-3-900767-79-2


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