Unser Mann im Weltall

Vor 66 Jahren versetzte Yves Klein mit seinem „Sprung in die Leere“ die Welt in eine neue Dimension

Yves Kleins Sprung war kein „Sprung in die Leere“, wie er später irreführend bezeichnet wird. Es war auch kein freier Fall, kein Sturz aus dem Fenster in selbstmörderischer Absicht. Klein springt nicht wie der Schneider von Ulm vom Münster und nicht wie Batman vom Empire State Building. Den entscheidenden Hinweis darauf wie die Aktion zu verstehen, liefert uns Yves Klein selbst.

Unter das Titelfoto in Dimanche erstmals veröffentlicht, setzt Klein folgende Erklärung, eigentlich ein Appell an ihn selbst, „den Maler des Weltraums“:

„Der Maler des Weltraums stürzt sich in die Leere! Der Monochromist, der zugleich Judo-Meister mit schwarzem Gürtel (4. Dan) ist, trainiert regelmäßig dynamisches Schweben! (mit oder ohne Sicherheitsnetz, unter Einsatz seines Lebens). Er behauptet, bald in der Lage zu sein, sein Lieblingswerk im Weltraum zu erreichen: eine aerostatische Skulptur aus tausend blauen Ballons, die 1957 aus ihrer Ausstellung in den Himmel über Saint-Germain-des-Prés entfloh, um nie wieder zurückzukehren. Die Skulptur von ihrem Sockel zu befreien, war lange Zeit sein Anliegen. Heute muss der Maler des Weltraums tatsächlich in den Weltraum gehen, um zu malen, aber er muss ohne Tricks dorthin gelangen, ohne Superhelden, weder mit dem Flugzeug noch mit dem Fallschirm – er muss aus eigener Kraft dorthin gelangen, mit einer autonomen, individuellen Kraft; kurz gesagt, er muss in der Lage sein, zu schweben.“

Dynamisches Schweben will Yves Klein an diesem 19. Oktober 1960 demonstrieren.

Allem Anschein nach war es ein freundlicher, wolkenloser Herbsttag in Paris. Das Datum war präzise gewählt, seine Quersumme ergibt eine 9. So auch der Ort: Gleich gegenüber der Absprungstelle lag seine Judoschule.

Yves Klein und Rotraut Uecker, Paris 1961. Foto: Shunk-Kender

Klein wollte eigentlich zweimal springen, einmal mit Plane und einmal ohne. Aber seine Freundin Rotraut, Schwester des Zero-Künstlers Günther Uecker, flehte ihn an, es nicht ohne Sprungtuch zu tun. Das rettete Klein vermutlich das Leben. Das Paar konnte knapp zwei Jahre später heiraten. Am 6. Juni, nur wenige Monate nach der Hochzeit, starb Yves Klein an einer Folge von Herzanfällen. Genau zwei Monate später brachte Rotraut Klein den Sohn Yves Armand zur Welt.

Der „Sprung in die Leere“ war ein unerhörtes Experiment, kühn, gewagt und halsbrecherisch. Es ging, wie oft bei Klein, um Leben und Tod. Es ging dem Künstler aber auch darum, die „kosmischen Kräfte der Kunst“ zum Vorschein zu bringen, weil nur so die Rettung der Welt durch ein übernatürliches Ereignis gelingen könne. Sein Flug ins All war also nicht nur die Demonstration seiner persönlichen energetischen Fähigkeiten, sondern ein Akt der spirituellen Transformation der modernen Welt.

Klein war sich seiner Sache sicher. Er kannte sich aus mit der Konzentration aller Kräfte auf einen Punkt und mit besonderen, aufgeladenen „Atmosphären“, die er „Klimazonen der Sensibilität“ nannte, „außerordentliche Seinszustände und eine besondere Natur, die wahrnehmbar, aber nicht fassbar, gleichzeitig beweglich und statisch ist und jenseits der Phänomenologie der Zeit schwebt.“

In diesen „Atmosphären“ wollte Klein die Kunsterfahrung über die rein visuelle Wahrnehmung hinaus zu einem umfassenden Konzept sinnlicher Welterfahrung erweitern. Es war ein Experiment am eigenen Leib, ein existentieller Selbstversuch, der aber alle ermutigen sollte, ähnliche dynamische Schwebezustände zu erleben. So gesehen verstand sich der Künstler als Vorspringer in ein anderes „Zeitalter des Raumes und des reinen Geistes“.

Yves Klein, 32 Jahre alt, formell gekleidet, schwarzen Anzug, korrekt gebundene Krawatte, gut geputzten Halbschuhe, sprang also vom Dach eines Vorstadthauses, hob ab, um in eine höhere Sphäre zu gelangen.

Klein kam mit seinem Sprung dem vom ihm überaus geliebten Himmel näher. Leider können wir auf der Schwarzweißaufnahme von Shunk/Kender das Blau des Himmels an diesem Sonntag nicht sehen. Schon früh hatte Yves Klein den Himmels übe der Cote d´Azur als „erstes und größtes Monochrom“, gepriesen, als „immaterielles Gemälde, das Reisen ins Jenseits ermöglicht“. Er hatte ihn als sein erstes Kunstwerk entdeckt und signiert. Später strebte er eine fundamentalte Überwindung der Kunst an. Künstler sollten „über die Kunst hinausgehen und individuell an der Rückkehr zum wirklichen Leben arbeiten, in dem der denkende Mensch nicht länger der Mittelpunkt des Universums ist, sondern das Universum der Mittelpunkt des Menschen.“

Ein Schlüsselwerk der Moderne – geboren aus der Kritik an der Moderne

Es ereignete sich in einer stillen Seitenstraße, der Rue Gentil-Bernard in Fontenay-aux-Roses (ein Vorort südwestlich von Paris), und wurde zur Wendemarke der modernen Kunst. Sein Sprung reicht weit zurück in die spirituellen Welten der Schamanen und Yogis, der Rosenkreuzer und anderer Geheimlehren und greift zugleich voraus hin zur Concept Art und der „künstlerischen Fotografie“ der Düsseldorfer Fotoschule.

Die Aktion dauerte kaum länger als eine Sekunde. Das Werk tauchte nie auf dem Kunstmarkt auf. Es ist nicht einmal geklärt, ob es sich bei Kleins Sprung überhaupt um ein Werk der Kunst handelt, oder wie das, was davon übriggeblieben ist, die Fotografie, die Zeitung einzuschätzen sind. Und doch wurde Sein kurzer, halsbrecherischer, kurioser Flug unter allen Werken Kleins das bedeutendste und unglaublichste. Genau das macht die Aktion zu einem unerhört verstörenden, bedeutenden Akt.

Was wir unter dem „Sprung in die Lehre“ kennen, stellt überdies die Frage nach dem Künstler radikal neu. Wie auch immer wir den Sprung betrachten, er ist profund und spirituell, existentiell und exzeptionell, wegweisend und unfasslich. Er ist vielleicht das bedeutendste Kunstwerk de 20. Jahrhunderts, weil es den Versuch darstellt, die Realität (oder was wir verengt darunter verstehen) um eine spirituelle Sphäre, die für Yves Klein alltägliche Realität war, zu bereichern. Die moderne, zunehmend entsinnlichte Welt, so Kleins kritische Sicht seiner eigenen Epoche, sei verloren, wenn es nicht gelänge, unsere Welt mit der sinnlich-spirituellen Ebene zu vereinen. Deshalb brach der „Maler des Weltraums“ tatsächlich in den Weltraum auf, um als l´homme dans l´espace die ganze Wahrheit zu finden.

Wir gehen heute vielleicht allzu selbstverständlich davon aus, Dass Kleins Versuch der „Überwindung der Kunst“ doch wieder nur da landet, wovon es sich absetzen wollte: Kunst. Aber das hieße Klein zu unterschätzen, ihn in seinem Anspruch auf wirkliche Transformation nicht ernst zu nehmen.

Es ist auch der Moment, in dem die Fotografie zum unlösbaren, integralen Bestandteil der Kunst wird.

Das Foto erhielt nachträglich den Titel „Sprung in die Leere“. Zudem wird übersehen, dass Kleins Demonstration des „dynamischen Schwebens“ keineswegs eine eigenständige künstlerische Aktion war. Sie war stattdessen Mittel zum Zweck. Das Foto sollte später einer anderen Aktion dienen, Kleins Beitrag zum ersten gemeinsamen Auftreten der neu gegründeten Nouveau Réalistes, gegründet am 27. Oktober 1960 in Kleins Pariser Wohnung.

Kleins Plan war es, die von ihm erstellte Sonntagszeitung Dimanche an Kioske in ganz Paris zu verteilen. Dazu benötige er Texte und ein Titelfoto. In Vorbereitung auf diese künstlerische Aktion mit ihrem Anleihen an die aufkommende Popkultur und ihre Hinwendung zu Massenmedien kam es zum Sprung und zum Foto am 19. Oktober. So gesehen, verbanden sich von Anfang Kleins Absicht, ein dokumentarisches Foto seiner Levitation entstehen zu lassen mit der Notwendigkeit, ein Foto als Aufmacher für den Dimanche herzustellen. Die Zeitung und ihre Verteilaktion sah Klein als seinen künstlerischen Beitrag zum Festival d’Art d’Avant-Garde an, das vom 18. November bis 15. Dezember 1960 im Palais des Expositions, Porte de Versailles, Paris stattfand.

Es ging hier um ein erstes gemeinsames Auftreten der Nouveau Réalistes, neben Klein, Tinguely, Arman, Raysse, Spoerri, Hains, Villeglé, Dufrêne auf diesem bedeutenden Festival der Nachkriegsmoderne. Aber warum ließ Klein seine Zeitung am 27. November 1960 erscheinen? Die Quersumme des Datums ergibt wiederum die 9.

Yves Klein und die Fotografie

Yves Klein wird etwa zeitgleich mit Joseph Beuys zum Erzeuger seines eigenen Mythos. Vom Gedanken an den eigenen Tod verfolgt, von dessen unmittelbarem Bevorstehen und zugleich der eigenen historischen Berufung überzeugt, stellte er einen für seine Zeit außergewöhnlich umfangreichen dokumentarfotografischen Apparat zusammen (insgesamt mehr als 2000 Negative), über den er verfügte und dessen Inhalt er kontrollierte.

Wie der Kunsthistoriker Nicolas Charlet betont, hat Klein niemals selbst fotografiert. Doch sicherte er, oder viel mehr lenkte er die ersehnte Unsterblichkeit seiner Existenz bis hin zur Inszenierung seines eigenen Grabmals (in „Ci-git L´Espace, „Hier ruht der Raum“) 1961. Klein sorgte dafür, dass eine Spur der prägenden Momente seines Lebens – darunter viele seiner für den Augenblick geschaffenen Aktionen – auf Fotomaterial aufbewahrt wird. Je nach Bedeutung des Geschehens lud er einen oder mehrere Fotografen ein.

Rotraut Klein-Moquay erinnert sich, dass er die Fotografen seiner halböffentlichen Aktionen, wie auch die Anthropometrie-Vorführung in der Galerie Internationale d’art selbst auswählte.

Unter den etwa dreißig Berufsfotografen, die zum Yves-Klein-Fotobestand beitrugen, waren Jean Michalon, Milton Toscas, Georges Veron undauch Charles Wilp.

Dem Fotografenduo Harry Shunk (1924–2006), einem deutschen Fotografen aus der Nähe von Leipzig und János Kender (1937–2009) aus Ungarn, kommt besondere Bedeutung zu.

Die beiden Fotografen entwickelten eine berufliche und persönliche Partnerschaft, die bis in die 1970er Jahre hinein blühte. Shunks Freundschaft mit der Künstlerin Dora Tuynman ermöglichte ihnen den Zugang zu einem Kreis von Künstlern und Galeristen, für die sie Aufträge erledigten. Zu diesem Kreis gehörten Yves Klein, Arman, Jean Tinguely, Jean Fautrier, Georges Mathieu, Mimmo Rotella, Niki de Saint-Phalle, Daniel Spoerri, Jacques Villeglé sowie die Galeristin Iris Clert, die Galerie J und die Galerie Ileana Sonnabend. Shunk und Kender wohnten oft bei den Künstlern oder reisten mit ihnen, wenn diese Ausstellungen aufbauten und Veranstaltungen organisierten. Sie hielten intime und unverfälschte Porträts der Künstler in deren Wohnungen und Ateliers fest und dokumentierten darüber hinaus Ausstellungen, Ausstellungseröffnungen und Installationen, Performances sowie andere Veranstaltungen. 1967 zogen Shunk und Kender nach Kanada und anschließend nach New York. Dort konnten sie fruchtbare Beziehungen zu einer Gruppe amerikanischer Künstler aufbauen, darunter Claes Oldenburg, Jasper Johns, Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg, James Rosenquist, George Segal, Andy Warhol sowie Christo und Jeanne-Claude. Ihre Zusammenarbeit währte bis 1973.

Yves Klein, Harry Shunk, János Kender, La Terre en Lévitation (or La Terre bleue),1961, Gelatine Silberdruck, auf Aluminium montiert

Im Laufe ihrer langen Karriere gelangen ihnen viele bekannte Aufnahmen von weltbekannten Künstlern. Doch nur dieses eine von Yves Kleins Sprung wurde ikonisch. Es machte die beiden Fotografen weltberühmt. Folglich begann die große Ausstellung Art on Camera im New Yorker MoMA 2015 mit Yves Klein’s Saut dans le vide.

Unter den zahllosen Reportagen und Portraits befinden sich auch andere manipulierte Fotos wie Reve du feu (Feuertraum) und La Terre en levitation (Die Erde in Levitation), die unmittelbar zum Entstehen des Yves Klein-Mythos beitrugen. Ihre Aufnahmen zeugen vom außerordentlichen Verständnis für Kleins Werk.

Ein weiterer Freund Yves Kleins war Charles Wilp. Klein teilte mit diesem Düsseldorfer Fotografen, Werbefachmann und exzentrischen Künstler, mit dem er ab 1957 verkehrte, seine Faszination für den Weltraum, für theatralische Inszenierungen und seine zur Schau getragene Vorliebe für Pop. Charles Wilp sind die berühmten Portraits von Yves Klein im Krefelder „Raum der Leere“ oder auch jene als Dirigent im leeren Gelsenkirchener Musiktheater gelungen.

Das Foto vom Sprung

Das Foto selbst – es gibt drei Versionen, Fotomontagen mit dem fliegenden Klein im Raum – ist auf Einladung und Anregung von Yves Kleins entstanden. Es ist kein dokumentarisches Foto, da es nachträglich von den Fotografen manipuliert wurde, was wiederum von Klein autorisiert wurde, indem er es als Titelbild für die von ihm herausgegebene Sonntagszeitung einsetzt. Das Foto ist kein Auftragswerk in engerem Sinn. Aber es steht in Zusammenhang mit seiner künstlerischen Konzeption. Es wurde zum Bestandteil seiner Schwebedemonstration. Aber Klein ließ den beiden Fotografen später freie Hand in der weiteren Verwendung ihrer Aufnahme. Ganz anders im Fall seiner Zeitungsaktion. Hans Haacke, damals Kleins Assistenz, machte von dieser Sonntagsaktion eine Reihe Fotos. Es kam später zu Streit über diese Aktionsfotos. Klein wollte sie keineswegs Haacke als eigene künstlerische Schöpfungen überlassen.  

Klein hatte die beiden Fotografen, Harry Shunk und János Kender ausgewählt, seinen Flug festzuhalten. Sicher keine ganz leichte Aufgabe, den Mann genau in dem Augenblick zu erwischen, in dem er sich im Himmel über dem Straßenraum befindet, den Kopf weit nach vorne gereckt, die Augen in den Himmel gerichtet, die Arme wie zum Flug ausgebreitet. Das ephemere Werk kennen wir heute nur über diese ikonische Schwarz-Weiß-Fotografie. Es handelt sich um eine Montage zweier Negative – eines, das Klein in der Luft festhält, das andere die leere Straße mit einem Fahrradfahrer. Rotraut Kein, vermutlich die letzte lebende Zeitzeugin des epochalen Ereignisses erinnert sich im Gespräch, wie sie zusammen mit den Judoka der benachbarten Judoschule das Springtuch unten auf der Straße aufspannt und strammzieht – und Yves Klein darin glücklich in Empfang nimmt. Diese Szene aber fehlt auf dem Foto, um dem Flug im Raum höhere Glaubwürdigkeit zu verleihen. Oder um überhaupt zum Ausdruck zu bringen, was Sinn und Zweck der waghalsigen Übung ist: Eine Demonstration vom dynamischen Schweben.

So ist der spätere Titel „Saut dans le vide“ unter dem vielleicht bekanntesten Foto der neueren Kunstgeschichte doppelt irreführend, wie wir aus der Werkmonografie von Klaus Ottmann bei Schirmer/Mosel, in der Reihe „Ein Bild und seine Geschichte“ erfahren.

Klein hat das Foto auf den Titel des Dimanche (Numero unique, 27. Nov. 1960) gesetzt und die von ihm selbst gedruckte Zeitung an Kioske in ganz Paris verteilt. Hier hatte das Foto die Überschrift: „UN HOMME DANS L´ESPACE!“ (Ein Mann im Raum/Weltall) erhalten.

Klein sei weniger an einem Sprung gelegen als vielmehr am Beweis „seiner Fähigkeit zur Levitation“, um sich als „Mann im Weltraum“ zu erweisen, sagt Rotraut Kein. Tatsächlich zeigt das Foto von Shunk-Kender Yves Klein im Vollbesitz seiner Fähigkeit, ohne Hilfsmittel zu fliegen. Waltraut Klein erinnert sich an die ausgeprägt spirituelle Seite ihres Manns. Als seine Lebensgefährtin, Mitarbeiterin und eines der Models bei den Anthropometrien, habe sie seine vielen „Übungen in Levitation“ verfolgen können. Bei seinem Tod, erinnert sie sich lebhaft, habe sie an seinem Bett gestanden: „Da sei tatsächlich der Boden aufgegangen, eine wahrhaftige Levitation“.

In der Schwebe

Klein wird als Yves Le Monochrome und „Maler des Raums“ berühmt. In allen seinen Bildern und Aktionen spielt der Raum eine bedeutende Rolle. Aber es ist der Weltraum als außerirdische Dimension gemeint, in den er aufsteigen will. Sich über das Gesetz der Schwerkraft hinauszusetzen, sich schwebend über die Dinge zu erheben, war für diesen Realisten von hoher Bedeutung. Er wollte an diesem Sonntag seine Tranzendenzerfahrung in Form einer trophotropen Ekstase wiederholen und den magischen Flug in eine andere, raum- und zeitlose Welt antreten. Mensch und Kosmos sah er als eine Einheit, die in der Moderne verloren gegangen sei. Im „magischen Flug“ sah er eine Möglichkeit, diese Einheit wiederzufinden, was auf normalem Wege unerreichbar blieb. Also entschloss sich Klein, zum Flug anzutreten, auch um uns seine Erfahrungen mitzuteilen. Er wollte seine Flug-Aktion fotografisch festgehalten wissen, sicher als ein Beweisstück, aber auch als Möglichkeit der massenhalten Vervielfältigung und Veröffentlichung. Das konnte er nur mithilfe der Fotografie und ihres Abdrucks in einer Tageszeitung leisten.

Selbstverständlich wusste Klein, dass eine so gewagte spirituelle Aktion wie die Demonstration einer Levitation bestimmte Umstände und Maßnahmen erfordert und zur richtigen Zeit am richtigen Ort stattfinden muss. Deshalb der 19. Oktober, Neumond, als Zahlenmystiker wusste er die Quersumme zu ziehen: 1+9+1+0+1+9+6+0 = 27, daraus 2+7=9.

Die 9 steht für die höchste Entwicklungsstufe des menschlichen Bewusstseins. Sie gilt als die Zahl der Weltverbesserer, Heiler und Philanthropen. Wer von der 9 geprägt ist, handelt oft uneigennützig und stellt das Gemeinwohl über das Ego. Sie symbolisiert die Liebe zur gesamten Menschheit – über Grenzen und Vorurteile hinweg. Sie vereint die Erfahrungen aller vorherigen Zahlen (1 bis 8) in sich. Dadurch verfügt sie über tiefe Intuition, Lebenserfahrung und spirituelle Reife.

Deshalb die Rue Gentil-Bernard in Fontenay-aux-Roses, wo seine alte Yudoschule lag und die verammelten Uke seine Energie aufnehmen und verstärken konnten. Alles war an diesem Tag an Ort und Stelle, nur so konnte Kleins Versuch des dynamischen Schwebens, sein Flug ins Weltall gelingen.

In der Rückbindung an übersinnliche Kräfte und archaische Schamanenpraxis erweist sich Yves Klein als ein Künstler, der die Spaltung in der modernen Welt fundamental erlebt und überwinden will. Er setzt zum spirituellen Flug an, um eine neue Einheit von Mensch und Kosmos zu erreichen und ruft dazu die moderne Technik (Fotografie, das revolutionäre Medium der Moderne, Walter Benjamin) zur Hilfe.

Kleins „Seelenflug in die Geisterwelt“, wie in schamanistischen Praktiken oft beschrieben, brauchte die Fotografie. Allein ihr war es technisch zuzutrauen und allein sie war wegen ihrer dokumentarischen Kraft glaubhaft genug, sein Schweben festzuhalten und unter Beweis zu stellen. Aber anders als Walter Benjamin glaubte Klein nicht an eine Entwertung des Einmaligen durch die technische Reproduzierbarkeit. Aber mit Benjamin schätzte er das Unbewusste der Fotografie: „Die Kamera macht Phänomene sichtbar, die dem bloßen menschlichen Auge entgehen“. Ein optisch Unbewusstes entsteht. Nicht von ungefähr zeigt die Fotografie von Shunk-Kender eine leere Straße, eine Hommage auf Eugène Atget, dessen Pariser Straßen wie Tatorte erscheinen.

Harry Shunk und János Kender 1961 in Paris

So gelangte die Fotografie von Shunk-Kender in eine doppelte Rolle. Es ist Teil der Hierophanie – eine Methode die Wirklichkeit mythischer, religiöser Phänomene nachzuweisen. Und es ist eine Methode Kleins Sprung-Aktion als real festzuhalten, zu vervielfältigen und unsterblich werden zu lassen.

Ohne die Fotografie hätte sich von seinem Fliegen keine Spur erhalten. Die Fotografie geht hier mit dem Kunstwerk eine untrennbare Symbiose ein. Allein sie visualisiert die künstlerische Intention (das Konzept), sie bringt sie überhaupt erst zum Vorschein. Die intensive Verbindung von Concept Art und Fotografie nimmt hier ihren Ausgang.

Die Frage erweitert sich: Was ist das Kunstwerk? Ist es Kleins Aktion, sein Sprung, sein Schweben? Oder ist es das Aktions-Foto? Also das, was von der sekundenkurzen Performance übriggeblieben ist, wie sie sie zeigt und für uns sichtbar aufhebt? Die Fotografie von Shunk-Kender ist bleibender Ausdruck der flüchtigen Aktion.  Auch später erhoben die Fotografen nie den Anpruch, ihre Fotomontage sei ein Kunstwerk. Auch beanspruchte Klein die Aufnahme nicht weiter für sich.

Bis heute wird darum gestritten, wie Jahrzehnte später bei Joseph Beuys und Ute Klophaus, was gültiges Kunstwerk ist. Sind allein die Beuys-Aktionen Kunst oder auch die der Fotografin Ute Klophaus, die Beuys dazu bestellte? Der Streit ist bis heute nicht entscheiden. Aber man hat sich friedlich darauf verständigt: Beide sind Urheber, beides Künstler.

TEIL II FOLGT