Versuch über das Tuch

Thomas Schütte zeigt „Frauen“ in der Skulpturenhalle

Die Schönheit sucht das Versteck. Verhüllte von Thomas Schütte in der Skulpturenhalle

Bei Thomas Schütte ist immer alles einfach, naheliegend und folgerichtig. Weil seine „Frauen“ der Grundstock seiner Stiftung sind und er ihnen vor zehn Jahren ein Depot mit aufgesetztem Pavillon baute, will er sie nun, alle 18, zum Jubiläum wieder aus dem unterirdischen Lager nur eine Etage höher ans Tageslicht befördern. Heimspiel. So schön, so gut.

Doch dann kam alles anders. Alle 18 überlebensgroßen ›Frauen‹ in ihren unterschiedlich ausgreifenden Posen und kolossalen Gussformen passten knapp in die weit geschwungene Skulpturenhalle hinein. Doch brachten sie sich dort in ihrer geballten Präsenz und weiblichen Vehemenz gegenseitig um die Wirkung.

Erst als er sie da alle dicht bei dicht aufgetischt sah, musste der Kurator-Künstler „umdenken“ und kam auf einen Kniff. Die weißen Bauwolltücher, die ein Spediteur einst zum Schutz für die kostbare Fracht angefertigt und ihm überlassen hatte, kommen erneut zum Einsatz. Der „Kunstgriff“ verändert alles.

Jeden Freitagmorgen werden sechs andere Frauen aufgedeckt, während andere zwölf verhüllt werden. Nicht nur, dass im wöchentlichen Wechsel jeweils andere Werke sichtbar werden, sich immer neue Ausstellungen ergeben. Es ergibt sich ein ungewöhnlich spannendes Wechselspiel aus Verhüllung und Enthüllung, aus Zeigen und Verbergen.

Etwas Theatralisches, auch Gespenstisches stellt sich ein. Die Laken werden zu Grabtüchern, die Halle zum Krematorium, zur Leichenhalle, in der die abgedeckten, drallen Frauenakte nur umso stärker wirken. Das Schöne ist ein Versteck. Also sucht sie die Hülle und die Verhüllung. Durch sie wird sie erotisch. Die erotische Faszination der Enthüllten wird durch die unter den weißen Laken Verborgenen nur gesteigert.

Es ist ein ambivalentes Spiel mit der Skulptur als solcher und ihrer verhüllten Schwester, der Betrachter wird zum Zuschauer vor und hinter dem Vorhang.

Das weiße Tuch hat seinen Auftritt

Das Spiel beginnt, die Halle wird zur Bühne. Wir genießen die Inszenierung oder schrecken zurück. Das Tuch lässt vage vermuten, was demächst in Erscheinung treten könnte. Unsere Neugierde, vielleicht auch unsere erotische Fantasie, fühlt sich aufgerufen. Sie bleibt in gesteigerter Schwebe.

Der Akt des wöchentlichen Enthüllens und Verhüllen bleibt uns (leider) versagt, was unsere Erwartungen, Wünsche und unser Begehren noch steigert. Schauplatz solcher Szenen des Verhüllens und Enthüllens ist das Bett. Es ist die klassische Bühne, auf der sich von jeher die menschlichen Dramen von Begehren und Tod ereignen. So lassen sich die „Tische“, auf denen Thomas Schütte seine „Frauen“ aufgesockelt zeigt, als Betten sehen. Das Bett aber ist ein schwankender Ort. Denn wer sich hier befindet, steht nicht oder geht, sondern liegt. Jeder Blick, der darauf fällt, ist ein Blick, der jäh enthüllt und bisweilen tötet.

So ist es mit Schüttes Skulpturen sebst. Sie sind in der Schwebe, sie geraten ins Schwanken. Die pralle Sinnlichkeit der Leiber und die kantige Kälte der Tische; die verlockenden Rundungen und die Schärfe der Schnitte; die Schönheit und der Schmerz; die Lust und die Gewalt. Es ist ein verdammt labiles Gleichgewicht, das sich hier einstellt. Alles läuft auf einen Kipppunkt zu, eine transformative Schwelle, an der Form und konzeptuelle Dichte kognitive als auch affektive Beteiligung hervorruft.

Flip Flop-Aluminiumfrau auf dem Sprung

Z.B. Aluminiumfrau Nr. 3 aus dem Jahr 2000. Auch hier alles einfach, sparsam und naheliegend. Aber auch verblüffend und rätselhaft. Weil ein Mitarbeiter seiner Gießerei zuvor Maler war, lässt sich Thomas Schütte auf das Experiment ein, eine der „Frauen“ mit Flip Flop Lack zu überziehen. In sieben hauchdünnen Schichten wird der bunt schillernde Chamäleonlack – sonst gerne für hochgetunte Rennautos und Motorräder verwendet – auf die Aluminiumform gesprüht. Die Kauernde ist durch ihren irisierenden Lacküberzug so nah am Kitsch, dass es kracht. Doch handelt es sich auch hier um eine Kippfigur. Wie schön und verführerisch sie da vor uns liegt, den Kopf zwischen den gespreizten Beinen tief gesenkt, sieht es aus als sei diese Sphinx zum Sprung bereit in jedermanns Gesicht, das ihr zu nahekommt.

Weilicher Torso, Bronze, Blick in die Skulpturenhalle

Es ist schon erstaunlich mit welcher Unbefangenheit Thomas Schütte die klassische Bildhauerei, hier das Sujet des weiblichen Aktes, aufgreift und belebt. Der Effektlack läßt die tonnenschwere Skulptur ungeheuer leicht, fast elastisch erscheinen. Der Lack wirikt wie ein Schleier, als eine andere Art chemischer Verhüllung.         

Während etwa Yves Klein seine Modelle die Leinwände nackt und mit blauer Farbe getränkt bemalen liess, die Anthropometrien also in einer Performance zustande kamen, bleibt Thomas Schütte den klassischen Grußtechniken – Bronze, Stahl und Aluminum – verhaftet, um dennoch zu verblüffend neuem Ausdruck zu finden. Der Klassizismus wird aber in ein labiles Gleichgewicht gebracht. Mehr noch als er es selbst in einem Gespräch mit Matthias Winzen einschätzte: „Dagegen ist so etwas wie Leichtigkeit ein Grundbedürfnis von mir, also Dinge in der Schwebe halten,“ bringt er die tonnenschweren Frauenfiguren in eine Kippe, die alles nur Schöne, Hehre, Erotische oder Kitschige gewöhnlicher Frauenakte sonst anhaftet.

Aus der Hand, aus roher Tonmasse hat Thomas Schütte gegen Ende der 1990er Jahre an die 100 Figuren geformt, um daraus 18 Frauenakte auszuwählen. Daraus sind zwischen 1999 und 2006 die Vorlagen für überlebensgroße Frauen-Torsi/Akte in Bronze, Stahl und Aluminium enstanden.

Die Jubiläumsausstellung in der Skulpturenhalle ist sensationell genug. Sie läßt sich zudem als ein Vorspiel zu einer viel größeren Ausstellung in diesem Herbst in der Kunstsammlung-Nordrhein-Westfalen sehen. Thomas Schüttes Ausstellung wird die größte Einzelausstellung sein, die das K21 je zeigte. Als Präludium ist den „Frauen“ als Leihgabe der Kunstsammlung NRW oben in Neuss-Holzheim ein Regal mit den „Ceramicsketches“ beigesellt.

Carl Friedich Schröer


Hinweis

Thomas Schütte. Frauen – 10 Jahre Skulpturenhalle
Skulpturenhalle
29.08.2026 — 11.04.2027

Thomas Schütte
KiS Kunst in Seefeld
in Seefeld, Österreich

Thomas Schütte – Haus T
26.06. — 27.09.2026

Thomas Schütte. Untitled (coffins), 1992
Tucci Russo Gallery
in Torre Pellice, Italien
06.06. — 20.09.2026

Klassenverhältnisse — die zweite Staffel. Kunstlehre von 1946 bis 2026
Kunsthaus NRW, Aachen
10.05. — 20.09.2026

Thomas Schütte
Böhm Chapel – Jablonka Foundation
in Hürth
03.05.2025 — 01.12.2026

Demnächst

Thomas Schütte im K21
https://www.kunstsammlung.de/de/exhibitions/thomas-schuette-2026


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